Montag, 23. Februar 2026

Hacktivist infiltriert Desinformationskampagne

Spiegel hier Christo Buschek, Marcel Rosenbach und Hakan Tanriverdi   12.02.2026,

Im Inneren der russischen Propagandamaschine

Informationskrieger des Kreml machen im Netz Stimmung gegen Kanzler Merz, die »Zukunft« gelte der AfD. Ein Hacktivist liefert tiefe Einblicke in Moskaus Maschinenraum.

Der Mann, der von sich sagt, er habe den russischen Informationskrieg unterwandert, ist leicht zu erkennen. Als er in einer Hotel-Lobby in Barcelona auftaucht, trägt er einen schwarzen Kapuzenpullover, Dreitagebart und einen dunklen Rucksack. Er will nicht, dass sein Name öffentlich wird. Angesichts seiner Freizeitbeschäftigung ist das verständlich. Daher soll er hier Hugo heißen.

Was Hugo berichtet, klingt nach einem Husarenstück. Er habe sich tief in eine der größten russischen Desinformationskampagnen hineingehackt, die international als »Doppelgänger«-Kampagne  bekannt und berüchtigt ist. Sie wird von Firmen im Auftrag des Kreml gesteuert. 

Den verantwortlichen Managern und Mitarbeitern könne er live bei der Produktion ihrer Propaganda zuschauen, er kenne ihre Namen, ihre Arbeitsabläufe, bei vielen gar ihr Gehalt. Er verfolge, wie sie Handlanger in Deutschland oder Frankreich beauftragten und bezahlten. Und nicht nur das: Hunderte Gigabyte an internen Daten habe er von ihren Servern bereits unbemerkt heruntergeladen. Es ist ein riesiges Konvolut, das er SPIEGEL und ZDF als Nachweis und zur weiteren Analyse überlässt.

In der Kaffeebar des Hotels klappt Hugo sein Notebook auf, seine Finger flitzen über die Tastatur. Im Dashboard für die deutschsprachige Website »Östlicher Wind«, die mit Rubriken wie »Politik« und »Finanzen« auf den ersten Blick wie ein Nachrichtenblog daherkommt, loggt er sich mit derselben Berechtigung ein wie die Betreiber. Es ist nur eine von mehreren deutschsprachigen Pseudo-Nachrichtenseiten mit Fantasienamen, die regelmäßig mit neuer Propaganda bestückt werden.

Durchsichtige Meinungsmache

»Hier sind vorbereitete Beiträge, die bald online gehen sollen«, sagt er und zeigt auf eine Liste. »Offene Kritik am Bundeskanzler« heißt ein Artikel, den Hugo nun vorab lesen und theoretisch sogar bearbeiten könnte. Friedrich Merz sei »ungebildet« und quer durch die Bevölkerung äußerst unbeliebt, heißt es darin. Es sei fraglich, ob er sich 2026 als Kanzler halten könne. Und tatsächlich: Noch während des Treffens mit Hugo schalten die Seitenverantwortlichen den Beitrag auf »Östlicher Wind« live. Ein weiterer Artikel trägt dieselbe Botschaft gleich in der Überschrift: »Alle hassen Merz«.

Die Meinungsmache auf der Seite ist durchsichtig – und es ist glasklar, auf wessen Seiten die Infokrieger aus Moskau stehen. So verlinkt der Anti-Merz-Beitrag auf einen weiteren Artikel mit der Dachzeile »Zukunft«. Darin geht es um den aktuellen Landtagswahlkampf von Markus Frohnmaier, dem AfD-Spitzenkandidaten für die Wahl im März in Baden-Württemberg. »Nur diese Partei« gebe den Menschen »Hoffnung auf eine bessere Zukunft«, heißt es darin.

Frankreich warnt vor russischer Desinformation

Die AfD-Beiträge lesen sich wie Wahlkampfmaterial der Rechtsextremen. Viele dieser Artikel ranken sich um Zitate von AfD-Leuten, deren Statements als Kurzvideos eingefügt werden. Häufig sind es Politiker der Partei, die schon lange wegen ihrer Russlandnähe und Reisen ins Land  in der Kritik stehen: neben Frohnmaier etwa der AfD-Bundestagsabgeordnete Rainer Rothfuß und Gunnar Lindemann, ein Vertreter der Partei im Berliner Abgeordnetenhaus.

Anfang Februar war die russische Einflusskampagne weiterhin online. Das sei der Grund, warum er mit dem SPIEGEL und dem ZDF spreche, erklärt Hugo. Für Menschen wie ihn, die aus politischen Gründen hacken, hat sich der Begriff »Hacktivist« eingebürgert. Er habe schon mehr als zwei Dutzend Mails an die Dienstleister geschrieben, bei denen Seiten wie »Östlicher Wind« gehostet werden, sagt er und zeigt seine Nachricht an einen deutschen Anbieter. In einigen Fällen habe er erreicht, dass Seiten offline genommen wurden. »Eigentlich müssten das europaweit Behörden im Blick haben und koordiniert dagegen vorgehen«, sagt der Hacktivist. Das passiere bis auf einzelne »Show-Aktivitäten mit viel PR-Begleitung« bislang zu selten – und nicht nachhaltig. »Dann muss wohl ich das übernehmen«, sagt Hugo.

Methoden aus dem KGB-Arsenal

Die »Doppelgänger«-Kampagne läuft seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022. Sie erhielt ihren Namen, weil die Verantwortlichen anfangs vor allem Nachrichtenseiten größerer Medien kopierten, um ihre Inhalte zu verbreiten – darunter die Seite des SPIEGEL. Eine Armada von Fakeprofilen auf sozialen Netzwerken, etwa auf Elon Musks Kurznachrichtendienst X, verlinkte dann auf diese Seitenklone mit prorussischer Propaganda.

Für viele Anwender waren die Beiträge auf den ersten Blick nicht als Fälschungen zu erkennen. Zeitweise verlinkten mehr als 50.000 X-Accounts auf die Kreml-Botschaften in deutscher Sprache. Neben den Medienklonen bestückten die Infokrieger zunehmend eigens kreierte Fake-Nachrichtenseiten mit Titeln wie »Östlicher Wind«, »Arbeitspause«, »Der Leitstern« oder »Der bayerische Löwe«.

Gefälschte Nachrichtenseiten: Klone mit prorussischer Propaganda

Die Kampagne war von Beginn an international angelegt und hatte außer der Ukraine hauptsächlich deren westliche Unterstützer im Visier: Neben deutschsprachigen und englischen Fakeseiten gab es unter anderem Versionen für Frankreich, Italien und englischsprachige Angebote wie »Recent Reliable News« (»Aktuelle verlässliche Nachrichten«).

Die Methode entstammt der langen Geheimdiensttradition der »aktiven Maßnahmen«, wie sie schon der alte Sowjetgeheimdienst KGB mit seinem »Büro für Desinformation« betrieb. Die entsprechende Stasi-Abteilung X lancierte manipulierte Artikel, Leserbriefe und falsche Dokumente in Westmedien. »Doppelgänger« ist die Fortsetzung in der digitalen Medienwelt: KGB 2.0.

Die Kampagne verbreitet selten reine Lügen. Oft geht es darum, vorherrschende gesellschaftliche Konflikte und Krisen aufzubauschen, führende Politiker und staatliche Institutionen zu diskreditieren und zu delegitimieren. Die Beiträge appellieren an Emotionen und schüren Ressentiments.

Oft reagieren die Macher schnell auf neue Konfliktthemen: Als Teile der Union Ende Januar an einem Wochenende die deutsche Teilzeit-Gesetzgebung mit dem Kampfbegriff »Teilzeit-Lifestyle« infrage stellten, hieß die Schlagzeile auf »Östlicher Wind« Montag früh: »Merz will den Deutschen ihre Freizeit wegnehmen«. Intensiv hatten sich die Verantwortlichen zuvor bereits an der kriselnden Ampelregierung abgearbeitet, sie widmeten ihr gar eine eigene Seite namens »Kaputte Ampel«.

Spuren in die Kremlspitze

Dass die »Doppelgänger«-Kampagne weiterläuft, ist erstaunlich. Kaum ein anderes Mittel der hybriden Kriegsführung des Kreml wurde intensiver beleuchtet, darauf weist auch Hacktivist Hugo hin. Bereits 2023 setzte die EU die Moskauer Firmen Social Design Agency  (SDA) und Struktura wegen ihrer Beteiligung an »Doppelgänger« auf die EU-Sanktionsliste. Im Januar 2024 berichtete der SPIEGEL über eine umfangreiche Untersuchung des Auswärtigen Amts , die feststellte, dass damals bis zu 200.000 Kurznachrichten täglich mit Links auf deutschsprachige »Doppelgänger«-Inhalte geteilt wurden.

Den härtesten Schlag versetzte das US-Justizministerium den digitalen Desinformationsschleudern. Unter Präsident Joe Biden ließ das Ministerium 32 von der Kampagne genutzte Domains einziehen und veröffentlichte umfangreiche Unterlagen aus dem Inneren der Social Design Agency. Sie legen nahe, dass die Infokriegs-Mission aus der Kremlspitze gesteuert wird. Demnach spielt Sergej Kirijenko eine zentrale Rolle, stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung, er gilt als »Putins rechte Hand«. Der Präsident sei über das Projekt unterrichtet, wird der SDA-Chef zitiert.

Das Material enthält auch Konzeptpapiere für die Kampagne. Unter dem Titel »Good Old America« wurden etwa Pläne für die Einmischung in den letzten US-Wahlkampf verfasst.
Ziel war es demnach, Donald Trump die Wiederwahl zu sichern. Für Deutschland gaben die Kampagnenmacher als Marschroute aus, die AfD zu unterstützen – »unter Einsatz aller Instrumente« .

Wegwerfagenten für den Infokrieg

Die US-Schläge gegen die technische Infrastruktur seien spürbar gewesen, sagt Hacktivist Hugo in Spanien. Viele Links hätten nicht mehr funktioniert. Doch selbst das Einschreiten der US-Justiz im Jahr 2024 bedeutete nicht das Ende. Die ertappten Kremlstrategen machten weiter, teils mit neuen Zielen. Hugo las mit, als die Verantwortlichen über neue Kampagnen in Ländern wie Armenien berieten, und wie diese Angebote bald darauf online gingen. »Sie haben die US-Gegenmaßnahmen wie eine Auszeichnung gesehen, eine Art Ritterschlag«, sagt er. Zu befürchten hätten die Infokrieger im russischen Staatsauftrag nichts, solange sie russischen Boden nicht verließen.

Hugos Recherchen offenbaren auch, wie sich Menschen in ganz Europa für die Einflusskampagnen einspannen lassen: teils unwissentlich, teils aus ideologischen Gründen, teils »einfach fürs Geld«, wie er sagt.

Anruf bei einem der bezahlten Helfer in Deutschland, einem jungen Russlanddeutschen in Osnabrück. Die Russen warben ihn über die Arbeitsplattform »Upwork« an – als eine Art »Wegwerfagenten« für den Infokrieg. Für 200 Euro sollte er auf deutschen Straßen Interviews zum Ukrainekrieg führen. Die antirussische Stimmung in Deutschland habe ihn »aufgeheizt«, sagt er. Sieben Videointerviews schickte er seiner Kontaktperson »Sergej«. Er hatte sie ausschließlich mit Freunden geführt. Mittlerweile bereue er seinen Einsatz, sagt er. Den russischen Angriffskrieg bezeichnet er heute als »krank«.

Aufklärung statt Fake News

Hacktivist Hugo verfolgt die Kampagne und ihre Macher seit Jahren, mit seiner digitalen Detektivarbeit verbringt er viel Zeit. Sein frechster Schachzug bisher: Er sicherte sich eine der bekanntesten stillgelegten Russen-Seiten und benannte sie in »Rotten Reliable News« (Verdorbene verlässliche Nachrichten) um. Gerade hat er sie in einer neuen Fassung wieder online  gestellt.

Sie zeigt statt Fake News aus Moskau nun Hugos eigene Analysen. Passend zur Kampagne präsentiert er sie als optischen Klon der ursprünglichen Seite, »Doppelgänger wurde gedoppelgängert« nennt er das. Nutzer können sich anzeigen lassen, welche AfD-Politiker mit Zitaten wohlwollend erwähnt wurden, aktuelle Beiträge werden auf ihren Wahrheitsgehalt analysiert. Zudem veröffentlicht Hugo eine »Angestelltenliste« mit den vollen Namen von mehr als 100 angeblichen »Doppelgänger«-Verantwortlichen.

Warum macht er das, unbezahlt? »Weil ich dem Kreml beim dreisten Lügen zuschauen und entlarven kann«, sagt er. Hat er schon mal überlegt, diesen Job für Behörden zu machen, gegen Geld? »Nirgendwo dürfte ich so aggressiv und frei vorgehen, wie ich es kann«, sagt er. Und was ist mit dem Risiko? Begibt er sich nicht in erhebliche Gefahr, als Anti-Kreml-Troll, gegen übermächtige Gegner? »Das glaube ich nicht«, sagt Hugo. »Offiziell hat Moskau mit den Seiten ja rein gar nichts zu tun. Würden sie gegen mich vorgehen, würden sie sich doch selbst schuldig bekennen.« 

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