Matthias Laurisch • NABU
Knapp ein Jahr sind die 551 Fragen der CDU-Bundestagsfraktion nun her, die sich zu einem geflügelten Wort für Anschuldigungen an die Zivilgesellschaft und die Übernahme rechtspopulistischer Narrative entwickelt haben.
Was hier seither passiert, ist nicht nur ärgerlich, sondern gefährlich. Es bedroht nicht nur Strukturen, sondern Menschen. Nämlich dort, wo Stimmen für ein buntes, gerechtes, gesundes und lebenswertes Land zum Schwiegen gebracht werden sollen.
Begründet werden die Angriffe auf die Zivilgesellschaft damit, dass hier Partikularinteressen über die Interessen der Mehrheit gestellt werden, dass einseitig und unrechtmäßig politisch gesteuert wird. Und das ist halt Quatsch. Denn Zivilgesellschaft ist nicht das Problem, sondern Teil der Lösung. Als NABU setzen wir uns für gesunde Böden ein (hilft auch der Landwirtschaft), für einen funktionierenden Landschaftswasserhaushalt (hilft auch der Industrie) und für Städte, in denen man im Klimawandel noch vernünftig leben kann (hilft auch Senior*innen oder mir als Freizeitsportler).
Danke an den vielgescholtenen Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, der hier mal das Bild von Zivilgesellschaft zurechtrückt. Und Danke auch an all jene, die hierzu mit guten Argumenten und Studien ihren Beitrag geleistet haben. Gönnt euch mal wichtige 12 Minuten (ab Minute 14, auch wir als NABU kommen vor).
Peter Jelinek • LinkedIN
In unter 3 Minuten werden hier alle Mythen der CDU & CSU zu angeblichen Krankheitshöchstständen und dem "Problem" der telefonischen Krankschreibung perfekt von der Anstalt zusammengefasst.
Ein mittlerweile leider typisches Ablenkungsmanöver von konservativer Seite, dass Millionen von Menschen vor den Kopf stößt, aber viel tiefgreifender aufzeigt, was das Problem in der derzeitigen politischen Debatte ist: Fakten spielen einfach keine Rolle mehr und davon profitieren extremistische Kräfte, allen voran die AfD.
Das Statistische Bundesamt veröffentlichte für das Jahr 2024 einen Höchststand an Krankmeldungen, demnach Arbeitnehmerinnen sich hierzulande rund 15 Arbeitstage krankmeldeten. Dies bedeutet einen Anstieg um 3,6 Tage im Vergleich zu 2021. Wie der zustande kommt? Weil es nun erstmals in diesem Zeitraum richtig festgehalten wurde. Analytisch wenig gefestigt sagte Kanzler Merz daraufhin in Baden-Württemberg: "Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten." und fragte empathielos: "Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?"
Auch hier auf LinkedIn diskutierte leidenschaftlich eine "CEO"-Bubble, allen voran Männer, über die angeblich fehlende Leidensbereitschaft der Menschen in diesem Land und bewiesen damit nicht nur Unkenntnis, sondern sehr schön, wie sich politische Narrative im Eiltempo in Medien, sozialen Netzwerken und damit tief in demokratische Spektren ausbreiten. Ende der Geschichte: Über eigentliche Reformen wie das Zusammenlegen zweier Krankenkassensysteme oder bessere Kita- oder Pflegeversorgung fallen hinten runter (was politisch gewollt ist).
Wie beim Bürgergeld, wird auf diejenigen eingedroschen, die am Boden liegen. Das Ende des Liedes ist Wut auf beiden Seiten: Bei den gesetzlich versicherten, die keinen Termin bei ihrer Ärztin bekommen - und von der Fachärztin reden wir noch gar nicht - und bei denen, die vor leeren Zoomcalls sitzen, weil Menschen überlastet sind.
Diese Wut kanalisiert sich in politische Bewegungen und verändert die politische Kultur der Konsensfindung, die ein entscheidender Faktor für unsere Demokratie ist. Wenn die Debatte derart schäbig geführt wird und sich der Kanzler dafür bereit erklärt, müssen wir uns nicht über etwaige Folgen politischer Radikalität wundern. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigte 2025 auf: Das Vordringen der AfD außerhalb ihrer rechtsradikalen Kernwählerschaft hat einen wichtigen Grund: "Benachteiligungsgefühle und Abstiegsängste, die mit Verunsicherungen verbunden sind."
Nicht viel anders sieht es beim Arten- oder Klimaschutz aus: Die Faktenlage ist mit jeder Studie mehr erdrückender, doch politisch derart aufgeheizt wird nicht mehr über die eigentliche Ursache, sondern nur noch aus politisch tiefen Gräben geschossen. Das Ende vom Lied: Die Krisen verschärfen sich, Wut, Ängste und damit Spaltung nehmen zu, die Radikalisierung nimmt ihren Weg, weil das Vertrauen in die demokratische Konsensfindung schwindet.
Hier die Studie
Hier die ganze Sendung mit den gesamten Daten auf der Seite (sehenswert)
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