Mittwoch, 11. Februar 2026

Deshalb: Wer den ÖPNV nicht mit ausreichend Geld ausstattet, der sabotiert die Funktionsfähigkeit der Städte.

Süddeutsche Zeitung hier 10. Februar 2026, Kommentar von Thomas Hummel

Den Städten bleibt keine andere Wahl: weniger Autos, mehr Busse und Bahnen

Ein Streiktag zeigt, wie Verkehr heute funktioniert. Wer den ÖPNV nicht mit ausreichend Geld ausstattet, sabotiert die Funktionsfähigkeit der Ballungszentren. New York macht vor, wo das nötige Geld herkommen könnte.

Wieder fährt keine U-Bahn, kaum Tram noch Bus. An diesem Mittwoch streiken die Angestellten im öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) in München und Nürnberg, nachdem sie zuletzt ganz Deutschland ausbremsten. Und egal, ob ihre Forderungen im Detail angemessen sind, sie haben einen großen Vorteil. Für alle ist sofort sichtbar: Ohne sie läuft in den Städten wenig.

Ohne Busse und Bahnen bekommen sehr viele Menschen Probleme. Schüler verspäten sich, Kranke müssen Arztbesuche absagen. Zehntausende Berufstätige stehen vor der Frage: Wie komm’ ich an den Arbeitsplatz? Viele steigen dann ins Auto. Am vergangenen Streiktag meldete der Verkehrsdatendienst „TomTom“ für München morgens eine Verdreifachung der Stauzeit. Es hätte noch schlimmer kommen können.

Mehr als 500 000 Menschen pendeln inzwischen pro Werktag nach München. Tendenz steigend

So ein Streiktag zeigt dabei wie unter dem Brennglas, wie heute Verkehr in Städten funktioniert. Jeder, der in Ballungszentren Auto fährt, muss letztlich den Menschen im Home-Office, auf dem Rad, zu Fuß oder anschließend wieder in Bussen und Bahnen dankbar sein. Denn würden alle in ihre Autos steigen, würde niemand mehr fahren, sondern alle würden stehen.

Städte und ihr Umland haben in den vergangenen Jahrzehnten enorm an Einwohnern hinzugewonnen. Weltweit ging der Trend zur Urbanisierung. Seit der Corona-Pandemie strömen nun vor allem Familien gerne aus den Zentren hinaus ins direkte Umland. Für den Verkehr ist das eher eine schlechte Nachricht. Denn wer draußen wohnt und drinnen arbeitet, der muss morgens rein und abends raus.
Mehr als 500 000 Menschen pendeln inzwischen nach München. Berlin, Frankfurt und Hamburg folgen mit mehr als 450 000 Pendlern. Pro Werktag wohlgemerkt. Tendenz steigend.

Ohne Bahnen und Busse ist das nicht zu bewältigen, nur sie können viele Menschen bei geringem Platzbedarf transportieren. Deshalb: Wer den ÖPNV nicht mit ausreichend Geld ausstattet, der sabotiert die Funktionsfähigkeit der Städte. Von Klima- und Umweltschutz ganz abgesehen. Autos benötigen zu viel Platz, den es zwischen den Häusern schlicht nicht gibt. Straßen und Parkplätze müssen zunehmend denjenigen vorbehalten werden, die ihr Fahrzeug zwingend bei sich führen müssen: etwa Handwerkern, ambulanten Pflegediensten, Lieferanten, Notdiensten.

In New York müssen Autofahrer neun US-Dollar bezahlen, wenn sie nach Downtown Manhattan einfahren

Der Streik der ÖPNV-Angestellten sollte für die Politik ein Warnsignal sein. Da Kommunen finanziell erheblich unter Druck stehen, sind für den Erhalt und Ausbau des Nahverkehrs auch Bund und Länder gefordert. Vieles muss neu gedacht werden. So sollten sich Regionen beim Einkauf von Bussen und Bahnen zusammenschließen, um erhebliche Mengenrabatte zu erzielen. Oder man sucht sich alternative Einnahmequellen. Wie in New York.

Seit Anfang 2025 müssen Autofahrer neun US-Dollar bezahlen, wenn sie nach Downtown Manhattan einfahren. Im ersten Jahr nahm die Stadt damit 500 Millionen Dollar ein, die in den ÖPNV fließen sollen. Daneben sank der Pkw-Verkehr um elf Prozent, während die Besucherzahl in Manhattan und die Umsätze in den Läden dennoch stiegen.

Eine solche City-Maut ist wie jede Maßnahme „gegen das Auto“ in Teilen der Bevölkerung äußerst unbeliebt. Gerade, oh Wunder, in Außenbezirken und im Umland der Städte. Keine Partei traut sich da ran. Auch die New Yorker Maut findet nicht jeder gut, Präsident Donald Trump bekämpft sie mit allen Mitteln. Doch wollen die Städte, dass ihr Verkehr weiterhin halbwegs fließt, bleibt ihnen keine andere Wahl: weniger Autos, mehr ÖPNV.

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