Donnerstag, 5. Februar 2026

Zwar wirken Parkplätze einzeln betrachtet recht klein, doch bei der Gestaltung des Stadtbilds spielen sie eine dominante Rolle

DW  hier Dave Braneck 03.02.2026

Warum Wien seine Parkplätze gegen Grünflächen tauscht

Wien: Parkplätze werden zu Parks – Die City wird autofrei
Wien wagt die Radikal-Kur: Statt Parkplätzen entstehen grüne Oasen und schattige Bäume. Immer mehr Städte wollen autofrei werden. Wien gilt als ein Vorreiter - und sogar US-Städte ziehen nach.

Wer schon einmal in einer Großstadt einen Parkplatz suchen musste, der weiß: Es kann sehr lange dauern, bis man fündig wird. Die Einwohner von Los Angeles opfern beispielsweise mehr als 80 Stunden pro Jahr für die Suche nach Parkplätzen. Auch in London, Paris, Frankfurt und anderen Ballungszentren ist die Situation nicht viel besser.

Zwar wirken Parkplätze einzeln betrachtet recht klein, doch bei der Gestaltung des Stadtbilds spielen sie eine dominante Rolle. Die meisten US-Städte widmen ihnen mindestens 25 Prozent ihrer bebaubaren Fläche, einige sogar noch mehr.

Diese Raumnutzung prägt nicht nur das Aussehen einer Stadt. Sie führt auch dazu, dass große Teile des Stadtgebiets mit Asphalt bedeckt sind, der viel Wärme absorbiert. Dadurch werden die Städte im Sommer heißer als ihre Umgebung und das Risiko von Überschwemmungen steigt. Denn versiegelte Flächen verhindern, dass Wasser versickern kann - und das kann bei starken Regenfällen zum Problem werden.

Viele Kommunen fragen sich darum, wie viel Raum sie parkenden Autos künftig noch einräumen wollen.

Wien wagt einen neuen Umgang mit Parkplätzen

Auch Wien ist bekannt für seinen stockenden Autoverkehr und die nervtötende Suche nach Parkplätzen. In Österreichs Hauptstadt geht man das Problem recht ungewöhnlich an: Statt neuen Parkraum zu schaffen, entfernt man immer mehr Parkplätze. 





Zum einen soll der Beton aufgebrochen und in kühlende Grünflächen verwandet werden. Zum anderen hofft man, dass dadurch mehr Menschen auf alternative Verkehrsmittel umsteigen.

Mehr als 350 Projekte konzentrieren sich auf die Umwandlung von Asphalt zu öffentlichen Flächen und Parks. Sogar an einem bekannten, sehr zentral gelegen Platz, dem "Neuen Markt" wurden viele Parkplätze umgebaut. Dabei gibt es hier in der Nähe viele bekannte Touristenattraktionen. Früher parkten hier viele Autos. Jetzt ist der Platz eine Fußgängerzone, ausgestattet mit Bäumen und Sitzbänken.

Auch eine der zentralen Verkehrsadern Wiens wurde in eine Fahrradstraße umgewandelt: 140 Parkplätze machten Platz für Pflanzen und 1,3 Kilometer lange Fahrradwege.

Die Umgestaltungsmaßnahmen haben auch den Weg für die sogenannten "Nachbarschaftsoasen" geebnet. Bei diesen Projekten können Anwohner bei den Bezirksregierungen beantragen, einzelne Parkplätze umzuwandeln. Dort entstehen dann Gemeinschaftsgärten, Picknickplätze oder Kinderspielplätze.

Eine weitere Veränderung: In Wien gibt es keine kostenlosen Parkplätze mehr. Im Jahr 2022 wurde ein stadtweites Parkraummanagement eingeführt: Seitdem sind alle Parkplätze auf den Straßen kostenpflichtig. Nicht-Anwohner dürfen insgesamt nur zwei Stunden lang parken.

Viel Zuspruch für mehr Grün und weniger Parkplätze

Weil das Parken in der Wiener Innenstadt nun also schwieriger ist, hat die Stadt gleichzeitig für Alternativen zum Autoverkehr gesorgt, etwa "Park-and-Ride"-Plätze für Pendler. Diese großen Parkhäuser haben günstige Tagestarife und sind direkt an den ebenfalls erschwinglichen, gut vernetzten und schnellen öffentlichen Nahverkehr angebunden.

Um die Unterstützung der Öffentlichkeit für diese Veränderungen zu gewinnen, sei es entscheidend, dass die Bewohner weiterhin mobil bleiben, sagt Ina Homeier vom Wiener Stadtplanungsamt der DW. "Wir müssen die Menschen mit ins Boot holen. Wir müssen fragen: Wie soll Ihr Stadtviertel aussehen? Möchten Sie es ohne Bäume, aber voller Autos - oder möchten Sie etwas anderes?", so Homeier.

Die Ausweitung der gebührenpflichtigen Parkzonen bringt der Wiener Stadtkasse jährlich 180 Millionen Euro ein. Das Geld investiert die Stadt direkt in seine Fahrradinfrastruktur. Und der Plan geht offenbar auf: Heute nutzen die Wienerinnen und Wiener - im Vergleich zu den 1990er Jahren - um 37 Prozent seltener Autos

Umfragen zeigen, dass mehr als zwei Drittel der Bevölkerung die Verknappung der Parkplätze und die Schaffung zusätzlicher Grünflächen befürworten. Dennoch müssten noch mehr Menschen davon überzeugt werden, meint Homeier.

Weniger Raum für Autos, mehr Raum für Menschen

"Die Rückeroberung eines Teils des Raums, den wir dem Auto eingeräumt haben, ist politisch sehr heikel", sagt Henry Grabar, Autor des Buches "Das gepflasterte Paradies: Wie Parkplätze die Welt beschreiben". Denn viele Menschen, die Auto fahren - "und viele haben keine andere Wahl", so Grabar - sähen das als Angriff auf ihre Lebensgrundlage und ihre Mobilität.

Dies gilt insbesondere für die autoverrückten USA, wo 92 Prozent aller Haushalte mindestens ein Auto besitzen. Dort sind Autofahrende eine wichtige politische Gruppe, die Einfluss auf die lokale Politik und die Stadtplanung nimmt, was Reformen wie in Wien zu echten Herausforderungen werden lässt.

Dennoch versuchen inzwischen auch viele US-Städte, ihren Parkraum zu reduzieren - und damit dem Autoverkehr den Vorrang zu nehmen. Die Stadt Dallas in Texas hat kürzlich einen weitläufigen Parkplatz in der Innenstadt in einen 3,7 Hektar großen öffentlichen Park umgewandelt. Städte wie New York und San Francisco haben in Zeiten der Corona-Pandemie mit Umgestaltungen experimentiert: Parkplätze wurden zunächst in temporäre und schließlich in dauerhafte Sitzgelegenheiten für Restaurants umgewandelt.

Eine Erhöhung der Parkgebühren senkt nicht nur die Nachfrage nach Parkplätzen, sie kann gleichzeitig auch die Einnahmen der Städte steigern. "Viele Städte mit begrenzten Budgets erkennen mittlerweile die Chancen, die sich dadurch bieten", sagt Dana Yanocha der DW. Sie forscht am Institut für Verkehrs- und Entwicklungspolitik in Washington, DC. "Straßen sind im Grunde genommen eines der wertvollsten Güter, über die Städte verfügen."

Es braucht echte Alternativen zum Auto

Laut Yanocha haben auch andere große US-Städte wie San Jose (Kalifornien) und Austin (Texas) damit begonnen, kommunale Bebauungsvorschriften aufzuheben, die für alle Neubauten eine Mindestanzahl an Parkplätzen vorschreiben. Dadurch könnten Bauträger mehr Platz für Wohnraum oder andere Einrichtungen schaffen. Das trage dazu bei, die Erwartungen an die Nutzung von Autos in der Stadt zu verändern.

Eine Denkweise lasse sich aber nur dann ändern, wenn es echte Alternativen dazu gebe, betont die Wiener Stadtplanerin Ina Homeier. Das gelte insbesondere beim Thema Auto, denn viele Menschen meinten, ein Recht auf ein Auto zu haben. "Man muss eine günstige und bessere Alternative anbieten."

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