Donnerstag, 19. Februar 2026

„Heute kann Strom aus Geothermie günstiger sein als Gas“

Euronews  hier Von Liam Gilliver   am 19/02/2026 

Geothermie könnte 42 % von Europas Fossilstrom ersetzen – welches Land hat das größte Potenzial?

Neue Technologien erschließen die Nutzung von Geothermie in deutlich größeren Teilen Europas. Das könnte helfen, die Abhängigkeit der EU von klimaschädlichen fossilen Brennstoffen zu verringern.

Ein neuer Bericht des Thinktanks Ember kommt zu dem Ergebnis, dass sich in der EU dreiundvierzig GW an erweiterten Geothermie-Leistung für weniger als 100 Euro pro Megawattstunde erschließen ließen. Das wäre preislich mit Strom aus Kohle- und Gaskraftwerken vergleichbar.

Das ist zwar nur ein Bruchteil des gesamten Potenzials in Europa. Nach Berechnungen der Forschenden könnten EU-weit installierte Anlagen jedoch rund 301 Terawattstunden Strom pro Jahr liefern. Das entspräche fast der Hälfte – zweiundvierzig Prozent – der für 2025 erwarteten Stromerzeugung aus Kohle- und Gaskraftwerken in der EU.

Dem Bericht zufolge könnte Geothermie weltweit bis 2050 bis zu fünfzehn Prozent des zusätzlichen Strombedarfs decken. Zugleich warnen die Autorinnen und Autoren: Bleibt der Ausbau in Europa langsam und uneinheitlich, droht die EU ihre Vorreiterrolle bei dieser erneuerbaren Energie zu verlieren.

In welchen EU-Staaten steckt das größte Geothermie-Potenzial?
Forschende sehen in Fortschritten bei Bohrtechnik und Reservoir-Engineering den Wegbereiter für sogenannte Enhanced Geothermal Systems (EGS). Sie sollen in großen Teilen Europas skalierbare, saubere Energie liefern.

Im Unterschied zu klassischen Geothermie-Kraftwerken, die auf vulkanische Regionen und Plattengrenzen wie in Island beschränkt sind, bohrt EGS-Technologie bis zu acht Kilometer tief in heißes Festgestein. In die Risse wird Flüssigkeit gepresst, die sich erhitzt und anschließend wieder nach oben gepumpt wird, um Strom zu erzeugen.

Diese moderne Technik ermöglicht wettbewerbsfähigen Geothermie-Strom auch außerhalb traditioneller Hochtemperaturgebiete.

Nach Berechnungen von Ember könnte das „techno-ökonomische Potenzial“ der Geothermie in Kontinentaleuropa bei rund fünfzig GW liegen. Theoretisch wäre das genug, um etwa dreißig Haushalte (?) mit Strom zu versorgen.

Innerhalb dieses Rahmens entfällt der größte Anteil auf Ungarn mit rund achtundzwanzig GW ungenutzter geothermischer Energie. Es folgt die Türkei mit sechs GW. Polen, Deutschland und Frankreich kommen jeweils auf etwa vier GW.

„Geothermie-Kapazitäten lassen sich nicht nur zu niedrigen Kosten ausbauen. Als Technologie ohne Brennstoffkosten ist sie außerdem weitgehend unabhängig von schwankenden Öl-, Gas- und Kohlepreisen und von steigenden CO₂-Preisen. Das stärkt ihre Rolle als verlässliche, CO₂-arme Stromquelle auf lange Sicht“, heißt es in dem Bericht.

„Neue Tiefen“ für Europas Energiewende
Die Energieexpertin Tatiana Mindekova vom Thinktank Ember (Quelle auf Englisch) sagt, moderne Geothermie treibe die Energiewende „in neue Tiefen“. Sie erschließe saubere Energiequellen, die lange als unerreichbar und zu teuer galten.


„Heute kann Strom aus Geothermie günstiger sein als Gas“,
sagt sie.
„Er ist zudem sauberer und
verringert Europas Abhängigkeit von fossilen Energieimporten.“


Mindekova betont, die eigentliche Herausforderung für Europa sei nicht mehr die Frage, ob es ausreichend geothermische Ressourcen gibt. Entscheidend sei, ob die technischen Fortschritte durch politische Rahmenbedingungen begleitet werden, die Großprojekte ermöglichen und das Risiko in der frühen Entwicklungsphase senken.

Verliert die EU bei der Geothermie den Anschluss?
Bereits in den 2000er-Jahren starteten EGS-Projekte in Ländern wie Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Fachleute warnen jedoch, dass langwierige Genehmigungsverfahren und uneinheitliche staatliche Förderung den kommerziellen Ausbau ausgebremst haben.

Nordamerika geht inzwischen in die Offensive. In den USA und Kanada werden viele der Methoden, die zunächst in Europa erprobt wurden, nun in größerem Maßstab umgesetzt. Die dort geplante Geothermie-Pipeline dürfte die europäischen Vorhaben überholen.

„Ein verzögerter Ausbau birgt das Risiko, Lernkurven, den Aufbau von Lieferketten und Kostensenkungen in andere Weltregionen zu verlagern“, heißt es in dem Bericht weiter. „Dadurch könnten künftige Projekte in Europa teurer werden, selbst dort, wo die Ressourcen vorhanden sind.“

„Ohne einen stärkeren Fokus auf Finanzierungsmodelle im industriellen Maßstab könnte Europa die wirtschaftlichen und industriellen Vorteile jener Technologien verpassen, deren Entwicklung maßgeblich hier begonnen hat.“

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