Montag, 23. Februar 2026

Die Probleme der sozialen Medien sind gesamtgesellschaftliche Probleme, kein »Jugend von heute«-Thema

 

Christian Stoecker 

Kolumne: Das uralte Problem der häufigen Sprachlosigkeit zwischen Eltern und Teenagern wird drängender, wenn algorithmisch kuratierte Konsum- und Kommunikationsmedien den Alltag permanent verändern.

 Wissen Sie zum Beispiel, was „Teller-Tiktok“ ist? Fragen Sie mal ihre Kinder!

Erfreulich ist: Die Social-Media-Debatte wird zumindest teilweise differenzierter. Die Mottenkisten-Idee „Klarnamenpflicht“ bleibt unsinnig, aber über Altersgrenzen für algorithmische Sortierung kann man durchaus nachdenken. 

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Eine Kolumne von Christian Stöcker  22.02.2026,

Wissen Sie, was »Teller-TikTok« ist?

Endlich wird intensiv darüber debattiert, wie soziale Medien Jugendliche gefährden. Dabei lohnt es sich, die eigenen Kinder zu fragen, was sie von einem Verbot halten. Unser Autor hat es getan.

Wissen Sie spontan, was mit »Teller-TikTok« gemeint ist?
Es geht dabei nicht um Geschirr: Der Begriff bezeichnet Videos, in denen meist jugendliche Nutzerinnen und Nutzer zu passendem Soundtrack ihre von Ecstasy oder anderen synthetischen Amphetaminen geweiteten Pupillen vorführen. Es gibt diverse deutschsprachige Tracks, in denen »Teller« in dieser Konnotation vorkommen (»alle haben Teller«), mit denen solche Videos dann unterlegt sind. Mittlerweile gibt es sogar einen »Teller«-Filter für TikTok, mit dem man seine Augen auch im nüchternen Zustand so aussehen lassen kann, als habe man vor einer Stunde eine Pille geschluckt.

Unter solchen Videos laufen oft ähnliche Dialoge ab: Manche Kommentare warnen vor exzessivem Drogenkonsum, andere fragen, wo man »Teile« für fünf Euro bekommen könnte. Manchmal antwortet jemand und macht das Angebot, den Rest über Direktnachrichten abzuwickeln.

Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitions­psychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE.

Lauter Blasen, für jeden Geschmack etwas dabei

»Teller-TikTok« ist eine von wer-weiß-wie-vielen subkulturellen Mikroblasen, die sich in algorithmisch sortierten Medienplattformen automatisch entwickeln.

Es gibt solche Blasen für Jugendliche mit Suizidgedanken, mit unterschiedlichen Essstörungen (oder einem Interesse daran), natürlich für rechtsextremes Gedankengut, für Verschwörungstheorien, für religiöse Fundamentalisten und so weiter. Wissen Sie, in welchen Blasen Ihr Kind so unterwegs ist, wenn es sein Handy in der Hand hat?

Ich selbst habe von einem meiner Kinder gelernt, was »Teller-TikTok« ist. Wie vermutlich die meisten Menschen in meinem Alter hatte ich davon noch nie gehört. Es ging in unserem Gespräch um einen tragischen Todesfall, der sich an einer örtlichen Schule ereignet hat. Bei manchen Jugendlichen bleibt es nicht bei Amphetaminen, und synthetische Opiate sind lebensgefährlich  und auch bei uns verfügbar.

Selbstverständlich wissen Teenagerinnen und Teenager wesentlich mehr über die Plattformen, auf denen sie viel Zeit verbringen, als die Erwachsenen um sie herum. Ich selbst kannte »Teller-TikTok« nicht, dabei bin ich vermutlich besser informiert als die meisten anderen in meinem Alter: Ich beschäftige mich beruflich permanent mit dem Internet und seiner Entwicklung, auch in Lehre und Forschung, im Austausch mit Studierenden. Und ich habe sehr vertrauensvolle Beziehungen zu meinen Kindern.

Das ist die nützlichste Maßnahme – wenn’s geht

Letzteres ist eine der nützlichsten Maßnahmen für den Umgang mit sozialen Medien: Wer mit seinen Kindern wirklich reden kann, der muss sich weniger Sorgen machen – und kann auch Regeln leichter durchsetzen. Das ist aber natürlich nicht bei allen Kindern und Jugendlichen so. Gerade Teenager kommen mit ihren Eltern bisweilen schlecht klar. Umgekehrt sind viele Eltern nicht sonderlich gut darin, mit Teenagern klarzukommen. Wer ständig über Hausaufgaben und Noten streiten muss und manchmal heimlich Dinge tut, die eigentlich verboten sind, erzählt zu Hause lieber nichts davon. Das war auch vor dem Internet schon so. Es ist ein Thema, das Regulierung kaum lösen wird.

Aber das Problem der Sprachlosigkeit zwischen Eltern und Teenagern wird drängender, wenn algorithmisch kuratierte Konsum- und Kommunikationsmedien den Alltag permanent verändern. 

Viel Insta oder viel TikTok ist nicht das Gleiche wie früher viel Fernsehen.
Radikalisierung ist nicht das Gleiche wie Mobbing.
Depressionen sind etwas anders als Konzentrationsschwäche und Zeitverschwendung. 

Die Probleme, die soziale Medien verursachen, oder – häufiger – verstärken, sind so vielfältig wie Teenager.

Es gibt keine Social-Media-Sucht

Es gibt untaugliche, holzschnittartige Vorschläge, wie man damit politisch umgehen sollte. Etwa den, den Bundeskanzler Friedrich Merz gerade von tief unten aus der Mottenkiste geholt hat: eine »Klarnamenpflicht«  fürs Internet. So etwas gibt es nur in Diktaturen, und wer sich regelmäßig in sozialen Netzwerken bewegt, weiß längst, dass Menschen dort nicht nur unter Klarnamen, sondern auch direkt in die Kamera hinein Hass und Desinformation verbreiten. Dazu kommt: Es ist widersprüchlich, ständig über die Datensammelei der Plattformen besorgt zu sein und andererseits gesetzlich festschreiben zu wollen, dass ausgerechnet die Plattformen vollständige Adress-, Namens- und Altersverzeichnisse Ihrer Nutzerinnen und Nutzer bekommen sollen.

Wenig hilfreich ist es auch, im Zusammenhang mit sozialen Medien von einer »Sucht« zu reden. Weiterhin gilt: Das Krankheitsbild »Social-Media-Sucht« existiert in keinem der großen Kataloge psychischer Störungen: DSM-5-TR und ICD-11 enthalten lediglich eine Störung namens »Internet Gaming Disorder«, bei der es um den exzessiven Gebrauch von (Online-)Spielen geht. Exzessiv-unkontrollierbares Computer- oder Videospielen wird dabei in eine ähnliche Kategorie eingeordnet  wie klassische Glücksspielsucht.

Strenge Regeln oder Laissez-faire?

Es hilft niemandem, die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen pauschal für krankhaft zu erklären. Dazu kommt: Eine echte Sucht hält ein Leben lang an. Glauben Sie, Ihr Kind ist mit 35 noch »TikTok-süchtig«? Unstrittig ist, dass die Plattformen alles daransetzen, möglichst viel Aufmerksamkeitszeit ihrer Nutzerinnen und Nutzer zu ernten und zu verkaufen, unabhängig von ihrem Alter. Manche sind für diese Mechanismen anfälliger als andere.

Praktisch keine Hürden

Tatsächlich sehen sogar TikTok  und Instagram  vor, dass man sie erst ab 13 Jahren nutzen darf, das gerät in der aktuellen Debatte oft in den Hintergrund. Geprüft wird die Altersbeschränkung allerdings kaum: Wer ein falsches Alter angibt, kann sich leicht einen Account anlegen. Die Plattformen bieten Feigenblätter an, wie Instagrams »Teen-Konten«. Bereits bestehende EU-Regelungen werden de facto durch die quasi nicht existente Altersprüfung unterlaufen .

Die Regulierung des Internets ist aber keine primär nationalstaatliche Aufgabe mehr, sondern in der Zuständigkeit der EU. Dort existieren bereits entsprechende Vorstöße . Außerdem gibt es auch in Deutschland gerade mal wieder eine Kommission , die Vorschläge erarbeiten soll.

Doch auch die aktuellen Vorschläge aus einem eben veröffentlichten SPD-Papier  sind teils gut und differenziert : So unterscheidet das Papier klar zwischen den unterschiedlichen Problembereichen, bietet abgestufte Vorschläge für verschiedene Altersgruppen, benennt voneinander unabhängig zu betrachtende Problemfelder. Algorithmisch sortierte Timelines erst ab einem bestimmten Alter zuzulassen, ist ein innovativer Gedanke, gemessen an all den bisherigen Totschlagdebatten zum Thema hierzulande.

Meine Kinder hatten eine kurze Antwort

Am Ende der – absolut sinnvollen und notwendigen, wenn auch viel zu späten – Debatte wird vermutlich eine EU-weite Regelung stehen. Darin wird mutmaßlich auch das ab 2027 eingeführte »EUDI-Wallet«  eine Rolle spielen – die EU wird aber dafür sorgen müssen, dass dieses digitale Portemonnaie auch eine wirklich anonyme Form der Altersverifikation ermöglicht.

Ein oft geäußertes Argument gegen altersabhängige Regeln für das Internet ist, dass sie sich umgehen lassen. Das allerdings sollte keine Rolle spielen: Nur, weil sich Jugendliche auf Umwegen manchmal Schnaps besorgen, käme niemand auf die Idee, den Verkauf von Alkohol künftig nicht mehr altersabhängig zu gestalten. Und weil sich gelegentlich ein Zehnjähriger in einen Film ab zwölf schmuggelt, würde niemand Alterskennzeichnungen fürs Kino abschaffen wollen.

In Gesetzen formulieren Gesellschaften nicht zuletzt ihre Vorstellungen davon, was angemessen ist und was nicht.

Das größte Problem im sozialen Netz sind aber ohnehin nicht Jugendliche, sondern skrupellos agierende Plattformen und deren Geschäftsmodelle, die absolut zwangsläufig Kollateralschäden erzeugen . Sowie die zahlreichen Erwachsenen, die auf diesen Plattformen Hass, Propaganda und Desinformation verbreiten, Drogen feilbieten, sich an Minderjährige heranmachen, mobben, hetzen, geifern. Die Probleme, die soziale Medien verursachen oder verstärken, sind gesamtgesellschaftliche Probleme, kein »Jugend von heute«-Thema. Kinder und Jugendliche wissen oft sehr viel besser über diese Gefahren Bescheid als ihre eigenen Eltern.

Ein Vorschlag: Fragen Sie mal Ihre Kinder, was sie von einem Social-Media-Eintrittsalter von 14 Jahren halten. Ich habe meine drei Kinder gefragt, zwei davon liegen über, eins unter dieser Altersgrenze. Alle hatten auf die Frage, wie sie eine Altersgrenze von 14 Jahren für Plattformen wie Instagram oder TikTok fänden, eine sehr kurze Antwort: »Gut«. 

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