Freitag, 6. Februar 2026

Europas Energiewende droht am Rohstoffmangel zu scheitern

hier  03.02.2026 Deutschlandfunk

EU droht Engpass bei Rohstoffen für Energiewende

Europäischer Rechnungshof
Der Europäische Rechnungshof warnt vor Engpässen bei der Versorgung mit kritischen Rohstoffen.

In einem Bericht der Behörde in Luxemburg heißt es, die EU sei bei 10 von 26 wichtigen Ressourcen weiterhin abhängig von wenigen Ländern. So werde Magnesium zu 97 Prozent aus China eingeführt. Ähnliche Abhängigkeiten gebe es bei Lithium, Nickel, Kobalt oder Kupfer. Auch bei der Erschließung von heimischen Rohstoffen sowie beim Recycling gibt es laut Bericht nur wenig Fortschritte.
Die EU hat sich verpflichtet, bis 2050 klimaneutral zu sein und bis 2030 mindestens 42,5 Prozent ihrer Energie aus erneuerbaren Quellen zu erzeugen. Kritische Rohstoffe werden etwa für Windturbinen, Batterien und Solarpaneele benötigt.


Frankfurter Rundschau  hier   03.02.2026, Joachim Wille

Trotz Recycling-Vorgaben: Europas Energiewende droht am Rohstoffmangel zu scheitern

Die Energiewende erfordert große Mengen an Rohstoffen, darunter Lithium, Nickel, Kupfer, Kobalt oder seltene Erden. 
Doch genau diese Materialien sind in der Europäischen Union zunehmend knapp, und bei Rohstoff-Importen herrscht hier eine starke Abhängigkeit von Ländern wie China sowie afrikanischen und südamerikanischen Staaten. 

Das ist das zentrale Ergebnis eines neuen Berichts des Europäischen Rechnungshofs, der die EU-Politik zu sogenannten kritischen Rohstoffen untersucht hat. Die Prüfer kommen zu dem Schluss, dass die bisherigen Schritte der EU nicht ausreichen, um die Versorgung zu sichern. Die heimische Förderung komme kaum voran, und auch beim Recycling klaffe eine große Lücke zwischen politischen Zielen und der Realität.

Der Boom bei Elektroautos lässt den Bedarf an Batterien und damit die Nachfrage nach Lithium rasant ansteigen. Deutschland und Europa sind abhängig von China. Chinesische Unternehmen investieren Milliarden, um sich weltweit Vorkommen zu sichern. 

Die Energiewende hängt in hohem Maße von technischen Komponenten wie Windturbinen, Solarmodulen, Batterien und Elektromotoren ab. Für deren Herstellung werden Rohstoffe benötigt, die bislang größtenteils aus Nicht-EU-Ländern stammen, vor allem aus China, aber etwa auch aus Chile, der Demokratischen Republik Kongo oder der Türkei. 

Um diese Abhängigkeit zu verringern, hat die EU 2024 die Verordnung über kritische Rohstoffe verabschiedet, den „Critical Raw Materials Act“. Sie listet 34 Materialien auf, von denen 26 als zentral für erneuerbare Energien und andere Öko-Schlüsseltechnologien gelten. Ziel ist es, die Versorgung langfristig durch diversifizierte Importe, mehr heimische Förderung und einen Ausbau des Recyclings abzusichern. Nach Einschätzung des Rechnungshofs sind die darin enthaltenen Zielmarken jedoch unverbindlich, teilweise schlecht begründet und zeitlich zu weit in der Zukunft angesiedelt, um schnell Wirkung zu entfalten.

„Ohne kritische Rohstoffe wird es keine Energiewende, keine Wettbewerbsfähigkeit und keine strategische Autonomie geben. Leider sind wir bei der Versorgung heute in gefährlicher Weise von einer Handvoll Ländern außerhalb der EU abhängig“, erklärte Keit Pentus-Rosimannus, die für die Prüfung zuständige Rechnungshof-Vertreterin. Zwar habe die EU in den vergangenen fünf Jahren 14 strategische Rohstoffpartnerschaften geschlossen, doch die Einfuhren aus diesen Ländern seien zwischen 2020 und 2024 bei rund der Hälfte der untersuchten Rohstoffe sogar zurückgegangen. 

Andere Initiativen der EU lägen derzeit auf Eis, etwa die 2024 ausgesetzten Verhandlungen mit den USA, oder seien noch nicht vollständig unter Dach und Fach, wie das Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur mit den an kritischen Rohstoffen reichen Ländern Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, das noch von allen EU-Ländern ratifiziert werden muss.

Recycling als zentrale Säule der EU-Strategie

Eine zentrale Säule der EU-Strategie ist das Recycling. In der Rohstoff-Verordnung ist festgelegt, dass bis 2030 mindestens 25 Prozent der strategischen Rohstoffe aus Recyclingquellen stammen sollen. Ergänzend existieren bereits mehrere einschlägige EU-Vorschriften. So verpflichtet die WEEE-Richtlinie über Elektro- und Elektronik-Altgeräte, die Hersteller zur Rücknahme und Verwertung ihrer Produkte. 

Photovoltaik-Module sind seit einer Erweiterung der Regeln ausdrücklich einbezogen. Die neue EU-Batterieverordnung wiederum schreibt verbindliche Sammelquoten für Altbatterien sowie Mindestanteile recycelter Metalle wie Kobalt, Nickel und Lithium in neuen Batterien vor. Auch andere Regelwerke, etwa zur Verwertung von Altfahrzeugen, tragen zur Rückgewinnung von Metallen bei, die für die Energiewende relevant sind.

Trotz dieses rechtlichen Rahmens bleiben die tatsächlichen Recyclingraten niedrig. Nach Angaben des Rechnungshofs werden zehn der 26 Materialien bislang gar nicht wiederaufbereitet, und bei sieben Rohstoffen liegen die Quoten derzeit nur zwischen ein und fünf Prozent. Ein Problem sei, dass viele EU-Ziele nicht stoffspezifisch formuliert sind. Es fehlten klare Vorgaben für einzelne Materialien, insbesondere für solche, die technisch schwer zurückzugewinnen sind, etwa seltene Erden aus Permanentmagneten oder Edelmetalle aus komplexen Elektronikbauteilen. Zudem schaffen die bestehenden Regeln laut dem Report bislang kaum Anreize, recycelte Rohstoffe tatsächlich einzusetzen.

Umweltprogramm der EU warnt

Auch internationale Fachgremien sehen in dem Bereich großen Nachholbedarf. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) warnt in seinem „Global Resources Outlook“ dass der rapide steigende Rohstoffbedarf für erneuerbare Energien und Elektromobilität ohne eine deutlich stärkere Kreislaufwirtschaft neue geopolitische Abhängigkeiten schafft. Neben Recycling seien langlebigere Produkte, reparaturfreundliches Design und eine konsequente Rückführung von Materialien entscheidend, um den Bedarf an Primärrohstoffen zu begrenzen, so das UNEP-Gremium „International Resource Panel“.

Es gibt allerdings auch erste funktionierende Ansätze.
  • In Deutschland und anderen EU-Ländern werden ausgediente Solarmodule über Rücknahmesysteme wie PV Cycle gesammelt und so aufbereitet, dass Glas, Aluminiumrahmen und Teile der enthaltenen Metalle zurückgewonnen werden können. 

  • Beim Batterierecycling haben Unternehmen wie Umicore oder Duesenfeld neue Verfahren entwickelt, mit denen Kobalt, Nickel und Lithium in hohen Anteilen recycelt werden.

  • Auch für Windkraftanlagen entstehen Lösungen: Rotorblätter, lange als kaum verwertbar geltend, werden inzwischen mechanisch oder chemisch zerkleinert und etwa als Ersatzbrennstoff oder als Zuschlagstoff in der Baustoffindustrie genutzt, wie Pilotprojekte in Deutschland und den Niederlanden zeigen.

Heimische Förderung gibt es kaum

Noch schwieriger ist die zweite Säule der EU-Strategie, die heimische Förderung. Die EU-Vorgabe lautet, bis 2030 rund zehn Prozent des Bedarfs an strategischen Rohstoffen selbst zu decken.

Doch die Erkundung neuer Lagerstätten gilt als unterentwickelt, und selbst bei positiven Funden können bis zu 20 Jahre vergehen, bis ein Bergbauprojekt tatsächlich in Betrieb geht, so der Rechnungshof. Ein nennenswerter Beitrag innerhalb dieses Jahrzehnts erscheint daher fraglich. Gleichzeitig werden laut der Analyse in Europa trotz des Ziels, bis 2030 40 Prozent der in der EU verbrauchten strategischen Rohstoffe auch innerhalb der EU zu verarbeiten, entsprechende Anlagen geschlossen oder verlagert, nicht zuletzt wegen hoher Energiepreise, was die industrielle Basis weiter schwächt. 

Der Rechnungshof warnt vor einem Teufelskreis, in dem fehlende Rohstoffe Investitionen verhindern und mangelnde Investitionen wiederum die Versorgungslage verschärfen.

Der Befund der Prüfer fällt damit deutlich aus: Die EU verfügt zwar über ein wachsendes Regelwerk zu kritischen Rohstoffen und Recycling, doch die Umsetzung ist bisher zu langsam und zu wenig verbindlich. Es braucht klarere Quoten, gezielte Förderprogramme, niedrigere Markthürden für Recyclingunternehmen und schnellere Genehmigungsverfahren, um Engpässe zu vermeiden, die den Ausbau erneuerbarer Energien bremsen.


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