CHIP hier Gabriel Wessel 05.02.2026
ADAC-Boss muss gehen, weil er die Wahrheit sagt: Welches Versprechen damit verpufft
Nach Kritik an seinen Aussagen zu steigenden Spritpreisen zieht ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand Konsequenzen und tritt zurück. Für CHIP-Redakteur Gabriel Wessel ist der Abgang ein Offenbarungseid und wirft Fragen zur Ausrichtung des Automobilclubs auf.
Gerhard Hillebrand, Verkehrspräsident des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs (ADAC), ist von seinem Posten zurückgetreten. Übereinstimmende Medienberichte bestätigte der ADAC inzwischen. Er ziehe damit die „Konsequenz aus Interviewäußerungen, die zum Jahreswechsel zu erheblichen Irritationen bei Mitgliedern sowie zahlreichen Beschwerden und Kündigungen geführt hatten.“ Sein Amt übernehme kommissarisch Technikpräsident Karsten Schulze.
Hillebrand selbst bedauere, dass sein Verhalten „Mitglieder verunsichert und verärgert“ habe. Er übernehme mit diesem Schritt Verantwortung für den Reputationsverlust des Autoclubs. „Im Interesse des ADAC und seiner Glaubwürdigkeit“ sei es die richtige Entscheidung, persönliche Konsequenzen zu ziehen.
Hintergrund sind Äußerungen Hillebrands, die er vor Weihnachten in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) getätigt hatte. Im Kontext der von der EU beschlossenen Abkehr vom Verbrenner-Aus ab 2035 und der Verschiebung eines steigenden CO2-Preises für Treibstoffe um ein Jahr auf den Jahresanfang 2028 hatte Hillebrand gesagt:
„Davor kann ich nur warnen. Europa muss an ehrgeizigen CO2-Minderungszielen festhalten, denn wir müssen die Erderwärmung begrenzen. Dazu bekennt sich der ADAC ganz klar. So zu tun, als gäbe es den Klimawandel nicht, wäre ein fataler Irrweg. (...) Der ADAC hält die CO2-Bepreisung für ein richtiges Instrument, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Die Leute brauchen den Anreiz, um auf klimaschonende Alternativen zum Diesel und Benziner umzusteigen.“
Daraufhin habe der ADAC im Januar eine Austrittswelle verzeichnet. Die Bild-Zeitung berichtet von 60.000 Austritten. Auch intern erntete Hillebrand viel Kritik. Eine Sprecherin sagte der Bild: “Ob Benziner, Diesel oder E-Auto: Wir machen uns gegen jede weitere Belastung ohne sozialen Ausgleich stark. Unser Auftrag lautet: ‘Bezahlbare Mobilität für alle‘.“
Hillebrand spricht die Wahrheit aus – und verliert deshalb seinen Job
Ob Autofahrer in Deutschland die Aussagen derart negativ aufgefasst haben, wie es der ADAC suggeriert, darf durchaus angezweifelt werden. Schließlich verzeichnete der Automobilclub im Januar auch 100.000 Neuanmeldungen und wuchs damit netto um 40.000 Mitglieder.
Ferner sprach der 60-Jährige lediglich die Wahrheit aus. Die Europäische Union und ihre Mitgliedsländer reißen regelmäßig ihre Klimaziele im Verkehrssektor. Meinen wir es ernst mit der Dekarbonisierung bis 2050, muss ein umfassender Umstieg auf elektrifizierte Antriebe erfolgen, sowohl im privaten wie im öffentlichen Verkehr.
Das Zulassungsverbot von neuen Verbrennern ab 2035 war ein zentraler Schritt auf diesem Weg. Es abzuschaffen, ist klimapolitisch ein fataler Fehler. Zumal ohnehin noch Millionen Diesel und Benziner aus dem Bestand auf europäischen Straßen unterwegs sein und weiter klimaschädliche Emissionen verursachen werden.
Die Bepreisung von CO2-Emissionen ist ein zweiter zentraler Faktor der europäischen Klimapolitik. Sie wird sektorübergreifend in der Industrie schon lange angewandt. Dass auch Treibstoffe im Verkehr aufgenommen werden, ist erstens nur konsequent und zweitens dringend notwendig. Denn Hillebrand hat Recht, wenn er sagt, dass klimaschonende Mobilität auch finanziell attraktiv sein muss. Sprich: Verbrenner fahren muss teurer werden. Gleichzeitig muss Elektromobilität günstiger werden. Und das schnell und dauerhaft.
Über den Autor Gabriel Wessel
Gabriel Wessel ist studierter Politikwissenschaftler und Soziologe. Sein Volontariat absolvierte er bei der früheren CHIP-Schwestermarke EFAHRER.com. Als Redakteur schreibt er seit 2025 im Bereich CHIP ePower über nachhaltige Mobilitäts- und Energiethemen. Dabei befasst er sich hauptsächlich mit Elektroautos, E-Bikes, Solarenergie, Wärmepumpen und der Technik, die dazu gehört. Mit Testberichten, aktuellen News und Ratgebern möchte Gabriel den Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz helfen zu verstehen, welche Mobilitäts- und Energielösungen die richtigen für sie sind. Der Verbrenner, der noch vor Gabriels Haustür steht, soll in nicht allzu ferner Zukunft dann auch einem Elektroauto weichen.
Hillebrands Ausscheiden ist ein Offenbarungseid für den ADAC
Denn Elektroautos sind die Zukunft der Automobilität, darin sind sich auch Wissenschaftler allerorten einig. E-Fuels sind schon allein aus Kosten- und Effizienzgründen für die breite Masse lediglich von Lobbyisten und Indsutrie gezündete Nebelkerzen, wenngleich sie in einzelnen Anwendungsfällen eine Daseinsberechtigung haben. Grüner Wasserstoff hingegen ist in Autos verschwendet. Er wird in der Industrie dringender gebraucht. Der Verbrennungsmotor ist mithin ein Auslaufmodell.
Und die Zeit drängt: Zerstören wir unsere Umwelt weiter im bisherigen Maße, ist irgendwann keine Umwelt mehr vorhanden, in der die 22 Millionen Autofahrer leben können, als deren Anwalt sich der ADAC versteht. Dass ein hochrangiges Mitglied der Führung des ADAC nun seinen Job verliert, weil er die von Al Gore bereits vor 20 Jahren beschworene „ungemütliche Wahrheit“ des Klimawandels nicht aus wirtschaftspolitischen Interessen ignoriert, wie es Politik und Industrie in weiten Teilen tun, ist bezeichnend.
Gleichzeitig ist es ein trauriger Offenbarungseid für den Verband. Denn er entlarvt sich damit selbst, die Interessen von Verbrennerfahrern zu vertreten, statt sich wirklich für das Wohl aller Automobilisten einzusetzen. „Bezahlbare Mobilität für alle“ bleibt so nicht mehr als eine leere PR-Worthülse.
RND hier 03.02.2026, Ein Kommentar von Markus Decker
Kommentar zu Rücktritt aus ADAC-Präsidium: Ein Weckruf für den Klimaschutz
Abgang aus ADAC-Präsidium: Dieser Mann sollte ganz an die Spitze rücken
Die Zahl der Deutschen, die etwas Falsches oder als falsch Empfundenes gesagt haben und anschließend unter Druck geraten sind, ist seit dem Durchbruch digitaler Netzwerke unüberschaubar geworden. Dort lassen sich Postings im Affekt machen, die Empörung folgt rasch. Es gibt aber auch gegenteilige Fälle. Der des jetzt zu Unrecht zurückgetretenen ADAC-Präsidiumsmitglieds Gerhard Hillebrand gehört dazu.
Die Leute brauchen den Anreiz, um auf klimaschonende Alternativen zum Diesel und Benziner umzusteigen.
Gerhard Hillebrand, bisheriges ADAC-Präsidiumsmitglied, über die CO₂-Bepreisung
Dass die CO₂-Bepreisung „ein richtiges Instrument“ sei, „um die Klimaschutzziele zu erreichen“, gilt längst als Allgemeingut. Überdies hat Hillebrand betont, dass „eine Preiserhöhung nur dann positiv wirkt, wenn auch ausreichend Möglichkeiten bestehen, diese mit alternativen Angeboten zu vermeiden“. Sprich: mit bezahlbaren E-Autos und einer intakten Ladeinfrastruktur.
Stimmt alles. Der Mann sollte daher nicht weichen. Er sollte an die Spitze des als Klub getarnten Unternehmens aufrücken.
Verdrängung kann keine Lösung sein
Tatsache ist nämlich, dass beim Klimaschutz nicht zuletzt der Verkehrssektor hinterherhinkt. Die CO₂-Bepreisung ist ein marktwirtschaftliches Instrument, um dem zu begegnen. Unbestreitbar ist ferner, dass der Klimawandel beängstigend voranschreitet. „Die Leute brauchen den Anreiz, um auf klimaschonende Alternativen zum Diesel und Benziner umzusteigen“, sagte Hillebrand.
Diese Erkenntnis dringt aber zu wenig ins Bewusstsein, weil wir sie mit zunehmender Verdrängung abwehren. Die jüngsten Sturm- und Starkregenereignisse in Portugal und auf Sizilien zeigen das.
Auch eine ADAC-Mitgliedschaft schützt nicht vor dem Klimawandel.
Falsch ist, wenn jemand aus der ADAC-Führungsetage den Hut nimmt, weil seine Äußerungen den Klub „Glaubwürdigkeit“ gekostet hätten. Nein, Glaubwürdigkeit entsteht durch Wahrhaftigkeit. Würden das über 22 Millionen ADAC-Mitglieder an dieser Stelle genauso sehen, wäre es klimaschutzpolitisch ein echter Durchbruch.
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