Montag, 9. Februar 2026

„So gewaltig die Herausforderung auch erscheinen mag, irgendwann kommt der Moment, in dem man das Schlimmste hinter sich hat“

Interview im Südkurier  hier Von Philipp Hedemann | 03.02.26

Syrischer Bürgermeister: „Wer in Deutschland ein Kalifat will, sollte aus dem Verkehr gezogen werden“

Ryyan Alshebl kam als Flüchtling aus Syrien und ist heute Bürgermeister im Nordschwarzwald. Was ihn an der deutschen Asylpolitik stört und warum er Friedrich Merz in der Stadtbild-Debatte zur Seite gesprungen ist.

Herr Alshebl, als das Schlauchboot, in dem Sie vor elf Jahren vor dem Bürgerkrieg in Ihrer syrischen Heimat flohen, in einer kalten Novembernacht zu sinken drohte, fragten Sie sich, wie es sich wohl anfühlen würde, zu ertrinken. Keine acht Jahre später wurden Sie mit nur 29 Jahren zum Bürgermeister im schwäbischen Ostelsheim gewählt. Hilft Ihre Nahtoderfahrung, ein guter Bürgermeister zu sein?

RYYAN ALSHEBL: Ja, denn ich drohe jeden Tag in der deutschen Bürokratie zu ertrinken – und ich weiß, dass ich überleben kann. Aber Spaß beiseite. Das wohl prägendste Erlebnis meines Lebens hat mir geholfen, Resilienz zu entwickeln – und die braucht man als Bürgermeister, auch wenn es in der Regel nicht um Leben oder Tod geht. Seit der Überfahrt mit dem Schleuserboot weiß ich: So gewaltig die Herausforderung auch erscheinen mag, irgendwann kommt der Moment, in dem man das Schlimmste hinter sich hat.

Ihr Gegenkandidat war Schwabe, kam aus dem Ort und hatte Verwaltungserfahrung. Haben Sie trotz oder wegen Ihrer Herkunft gewonnen?

ALSHEBL: Trotz meiner Herkunft. Es gab zwar auch Leute, die mich wegen meines Hintergrundes gewählt haben, aber ich habe im Wahlkampf immer wieder gesagt: Ihr sollt mich nicht wählen, weil ihr einen Flüchtling unterstützen wollt, sondern weil ihr mich für den besseren Bürgermeister haltet.

Außenminister Johann Wadephul sagte nach seinem Besuch in einem vom Krieg verwüsteten Vorort von Damaskus, dass die Zerstörungen in Syrien so enorm seien, dass Menschen dort derzeit kaum „richtig würdig leben“ können. Können und sollten geflohene Syrer jetzt in ihre Heimat zurückkehren?

ALSHEBL: Herr Wadephul hat recht. Es wird in nächster Zeit zwar durchaus Syrer geben, die freiwillig zurückkehren werden, aber die Zahlen werden uns nicht umhauen. Das liegt an der Situation, die Herr Wadephul mit eigenen Augen gesehen hat.

Was ist mit Ihnen? Menschen mit Ihrer Qualifikation werden dringend beim Wiederaufbau Syriens benötigt.

ALSHEBL: Unmittelbar nach dem Sturz Assads habe ich ernsthaft in Erwägung gezogen, zurückzukehren. Doch Mitte letzten Jahres begannen in meiner Heimat Suweida im Südwesten Syriens die brutalen Angriffe auf die Drusen, der Minderheit, der ich selbst angehöre. Freunde und Verwandte wurden verletzt und getötet. Als Mitglied einer Minderheit – seien es Drusen, Christen, Alawiten oder Kurden – ist es momentan schlicht und ergreifend sehr gefährlich, nach Syrien zu gehen.

Haben Sie die sprichwörtliche Willkommenskultur kennengelernt, als Sie im November 2015 nach Deutschland kamen?

ALSHEBL: Auf jeden Fall. Die Willkommenskultur war für mich ein entscheidender Motivationsschub, hier Fuß zu fassen. Ich bin auf viele sehr wohlwollende Menschen gestoßen, die mir viele Türen geöffnet haben. Durch die meisten Türen bin ich gegangen.

Kanzler Merz sprach vom „Problem im Stadtbild“. Finden Sie auch, dass Deutschland ein Problem mit dem Stadtbild hat?

ALSHEBL: Ich bin bei der Stadtbild-Diskussion ausnahmsweise dem Kanzler zur Seite gesprungen, weil es das von ihm angesprochene Problem schon lange gibt und ich es für unklug halte, nicht darüber zu sprechen. Außerdem fand ich es falsch, dass Teile des linken Spektrums wieder mal versucht haben, aus einer notwendigen Debatte eine Rhetorik-Debatte zu machen.

Was hat Sie an der Debatte gestört?

ALSHEBL: Man hat Merz teilweise absichtlich falsch verstanden. Und wenn man aus jeder Sachdebatte eine Wording-Debatte macht, kann bei der Bevölkerung der Eindruck entstehen, dass „die da oben“, also die Politiker, nicht Probleme lösen, sondern lieber über Rhetorik reden wollen. Dabei muss das Problem, das Merz meint, dringend adressiert werden.

Was ist das Problem?

ALSHEBL: Dass sich in deutschen Großstädten an Bahnhöfen, in Einkaufsstraßen und Parks in der Regel junge migrantische Männer versammeln. Sie haben in ihren Herkunftsländern oft Gewalt und Traumatisches erlebt und leben in Deutschland oft in von vielen Krisen und Unsicherheiten geprägten Haushalten. Wenn sie sich versammeln, entsteht oft eine hemmungslose, jugendliche, kriminelle Energie, die dazu führen kann, dass sie Passanten verbal oder sogar physisch angreifen.

In Ihrem Buch „Flucht nach vorn“ verwenden Sie für die Störer den Begriff „Talahons“. Sie schreiben, dass Sie damit junge Männer mit Migrationshintergrund meinen, die durch einen bestimmten Kleidungsstil und betont maskulines Verhalten auffallen. Für Sie sei der Begriff nicht pauschalisierend, wertend oder diskriminierend. Sie merken allerdings auch an, dass ein AfD-Stratege den Begriff als „Glücksfall“ bezeichnet, weil er hilft, Stimmung gegen junge ausländische Männer zu machen. Warum verwenden Sie ihn trotzdem?

ALSHEBL: Dass die AfD den Begriff verwendet, ist für mich kein Grund, es nicht auch zu tun. „Talahons“ ist ein Ausdruck, der sich etabliert hat. Ich beschreibe damit sehr kritisch und vielleicht auch ein bisschen herabwürdigend eine Gruppe mit einem sehr problematischen und die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht gefährdenden Verhalten. Er beschreibt keine Hautfarbe, keine genetischen oder religiösen Merkmale. Der Begriff „Talahon“ beleidigt keine einzelnen Menschen, auch wenn mittlerweile fast alles das Potenzial hat, als rassistisch ausgelegt zu werden.

Das klingt so, als wollten Sie dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der auch für seine polemischen Ausfälle gegenüber Geflüchteten bekannt ist und Sie im Wahlkampf unterstützt hat, in Sachen Provokation nacheifern.

ALSHEBL: Es ist nicht so, dass ich per se Lust auf Provokation habe, aber wenn mir ein Thema wichtig ist, habe ich auch kein Problem damit, mit Provokation für die nötige Aufmerksamkeit zu sorgen.

Aber Migration bekommt doch nicht zu wenig Aufmerksamkeit…

ALSHEBL: Zu Beginn der Krise haben viele Politiker das Thema Migration durch die rosa-rote Brille gesehen. Das war naiv. Davon hat nur die AfD profitiert. Mittlerweile sind viele Politiker der CDU/CSU in Sachen Migration sehr weit nach rechts gerückt oder plappern sogar Positionen der AfD nach. Auch das bringt uns nicht weiter. Boris Palmer hingegen ist sich mit seiner kritischen, aber vernünftigen Position treu geblieben. Wenn ihm unterstellt wird, er sei rechtsradikal, ist das natürlich Quatsch. Ich sehe ihn als Mann der Mitte. Zudem ist es alles andere als erstaunlich, dass ein in Deutschland lebendes Mitglied einer syrischen Minderheit teilweise sehr ähnliche Ansichten wie Boris Palmer hat.

Warum?

ALSHEBL: Wir teilen die Sorge, dass unsere Gesellschaft von Gruppen, die unsere Art des Zusammenlebens und die Freiheit des Individuums nicht respektieren, unterwandert werden könnte. Es gibt unter ihnen Menschen, die sich moralisch überlegen fühlen und die Islamisierung Deutschlands anstreben. Wenn Menschen hier nach dem Kalifat schreien, darf man nicht so naiv sein, das als harmlos abzutun. Solche Forderungen sind nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt und müssen mit Gefängnisstrafen oder Abschiebungen bekämpft werden. Leute, die in Deutschland das Kalifat einführen wollen, sollten aus dem Verkehr gezogen werden.

Sie und Boris Palmer sprechen oft das Thema Kriminalität von Migranten an. Wie soll damit umgegangen werden?

ALSHEBL: Mir stellt sich immer drängender die Frage, ob das deutsche Strafrecht entsprechend ausgestattet ist, um mit Wiederholungstätern mit migrantischem Hintergrund umzugehen. Ein Beispiel: In Stuttgart gab es bis vor kurzem eine kriminelle Großfamilie. Obwohl insgesamt 160 Strafanzeigen gegen diese Familie vorlagen, ist es nicht gelungen, sie abzuschieben. Erst als die Familie viel Geld in die Hand gedrückt bekommen hat, hat sie Deutschland freiwillig verlassen. Die zuständige Ministerin lässt sich jetzt dafür feiern. Das ist verlogen. Die Leute merken natürlich trotzdem, dass der Staat nicht in der Lage war, die Familie abzuschieben.

Sie sagten gerade, dass die Lage in Syrien instabil und gefährlich sei. Sollten Kriminelle trotzdem in unsichere Herkunftsstaaten abgeschoben werden?

ALSHEBL: Ja, Wiederholungstäter sollten auch in unsichere Herkunftsstaaten abgeschoben werden. Wer hier Schutz sucht, muss sich auch wie ein anständiger Gast, eigentlich sogar vorbildlicher als Einheimische, benehmen. Das haben meine Eltern mir schon als Kind beigebracht. Aber wenn die Gäste zur Gefahr für die Gesellschaft und das friedliche Zusammenleben werden und so auch Ressentiments gegenüber all den anständigen Gästen zu schüren, muss ihnen mit entsprechender Härte begegnet werden. Wer hier jemanden mit einem Messer bedroht, sollte sein Aufenthaltsrecht mit sofortiger Wirkung und für immer verlieren und konsequent und umgehend abgeschoben werden. Das ist bislang leider nicht geschehen.

Sie fordern, Sozialleistungen für arbeitsfähige Migranten und Flüchtlinge zeitlich zu begrenzen. Warum?

ALSHEBL: Wenn wir uns darauf einigen könnten, die Grundsicherung drei Jahre voll auszuzahlen und das Existenzminimum anschließend anderweitig zu sichern, würden wir mehr Menschen schneller in Arbeit bringen und sie so zu produktiveren und zufriedeneren Bürgern machen, die sich stärker mit Deutschland identifizieren. Das könnte viele Probleme lösen.

Am 8. März wird in Baden-Württemberg gewählt und Cem Özdemir hofft Ministerpräsident zu werden. Würde Sie das freuen?

ALSHEBL: Ja, denn Baden-Württemberg ist - auch wenn das außerhalb von Baden-Württemberg oft unterschätzt wird - ein sehr weltoffenes Land. Es ist nicht zufällig das Bundesland, in dem erstmals ein aus Syrien Geflohener zum Bürgermeister gewählt worden ist.


Zur Person: Ryyan Alshebl (31) wurde in Suweida, Syrien, geboren. 2015 floh der Angehörige der drusischen Minderheit vor dem Bürgerkrieg und politischer Verfolgung über das Mittelmeer nach Deutschland. 2017 wurde er Parteimitglied der Grünen, 2022 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft. Nach einer Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten er seit 2023 parteiunabhängiger Bürgermeister von Ostelsheim im Nordschwarzwald. 



Südkurier hier  Von Angelika Wohlfrom | 09.02.26, 

Geflüchteter, Bürgermeister, Pragmatiker: Was Ryyan Alshebl den „satten“ Deutschen zu sagen hat

2023 wurde ein junger Mann aus Syrien Bürgermeister von Ostelsheim. Jetzt hat Alshebl ein Buch geschrieben - über ängstliche Bürokraten und nötige Veränderung.

Eingebettet ins Tal liegt die Gemeinde Ostelsheim im Osten des Landkreises Calw. Die Homepage des 2600-Einwohner-Orts preist die „herbe Schönheit“ des Hecken- und Schlehengäus und hebt Arbeitsplätze und Infrastruktur hervor. Ein durchschnittliches baden-württembergisches Dorf, möchte man meinen – über das man trotzdem schon in Medien weltweit lesen konnte. Vor bald drei Jahren schaffte es Ostelsheim in die internationale Presse, als Ryyan Alshebl, syrischer Flüchtling, noch keine 30 Jahre alt, grünes Parteibuch, zum Bürgermeister gewählt wurde.

Ein kleines Wunder oder eigentlich zwei waren dafür nötig: „Syrer und Geflüchteter - selbst wenn du der beste Mann ever bist, hast du eine krasse Barriere“, analysiert Alshebl rückblickend die Ausgangslage. „Aber letzten Endes sind die Leute hier im konservativen Baden-Württemberg wirklich bereit, einen Syrer zum Bürgermeister zu wählen.“ 

Das ist das eine. Das andere ist, wie ein junger Syrer überhaupt dazu kommt, einer Ortschaft im schwäbischen Niemandsland vorstehen zu wollen. Die Kurzform dieses erstaunlichen Lebenslaufs: Wie so viele andere junge Syrer verlässt Alshebl, Student der Finanzwissenschaften, Vater Agraringenieur, Mutter Lehrerin, sein Heimatland 2015, um der drohenden Einberufung in den Kriegsdienst zu entkommen. Gefahrvolle Flucht mit drei Freunden, Ankunft in Karlsruhe, 2016 erhält er den Flüchtlingsstatus, ein Jahr später beginnt er eine Ausbildung zum Verwaltungsangestellten bei der Gemeinde Althengstett. 

Bei einem Praktikum im Rathaus – als erster Flüchtling, der auf so eine Idee kam – begegnet er dem damaligen Bürgermeister Clemens Götz. „Ein kleiner Mann mit einer sehr direkten Art.“ Der habe gelächelt, als Alshebl ihn wegen einer Ausbildung fragte. Zwei Wochen später hatte er den Vertrag in der Tasche. Abschluss der Ausbildung 2020 als einer der Besten seines Jahrgangs. 2022 erhält er die deutsche Staatsbürgerschaft. Am 2. April 2023 wird Ryyan Alshebl im ersten Wahlgang mit 55,41 Prozent der Stimmen gewählt.

Man versteht gleich, dass diese Geschichte für Aufsehen sorgte. Alshebl war danach bei Markus Lanz im Fernsehen, der SWR drehte ein Porträt über ihn, und ein Literaturagent fragte an, ob er nicht ein Buch schreiben wolle. Das hat er nun zusammen mit Lektorin und Ghostwriterin Sabine Wünsch getan. Seit Anfang Februar ist es im Buchhandel – möglicherweise wird ein weiterer Interviewmarathon folgen. Denn dieser junge Syrer hat nicht nur über sich geschrieben, sondern über das, was Kommunalpolitik ausmacht, was sie behindert – und wie wir uns aus dem bürokratischen Schlammassel befreien könnten. Ein erfrischender Blick von außen, mit einer speziellen syrischen Perspektive, gepaart mit der Sachkunde eines Mannes, der täglich mit den Dingen zu tun hat.

85 Millionen Euro für Fledermäuse

Wir treffen uns Ende Januar im modernen Rathaus von Ostelsheim. Alshebl, Kapuzenpulli, Drei-Tage-Bart, gewinnendes Lächeln, trinkt Kaffee und erzählt und erzählt - eloquent, der Akzent kaum hörbar, witzig. Der Mann, der den Begriff Integration nicht mag, weil er ihn einseitig findet, ist angekommen. Auch wenn er mit der närrischen Jahreszeit, für die der Ort gerade geschmückt wird, nicht so viel anfangen kann. Er schwärmt dafür vom Amt des Bürgermeisters mit all seinen Gestaltungsmöglichkeiten: „Den Vergleich zum französischen Präsidenten finde ich sehr cool“, sagt er und grinst. Dabei meint er es ernst: „Ich halte es für ein absolut wahnsinniges Privileg, das machen zu dürfen, weil man den Output seiner Arbeit so krass wahrnehmen kann und die Menschen auch.“ 

Auf seine Initiative hin hat Ostelsheim inzwischen ein Dorfcafé, in dem die Generationen zusammenkommen können. Nicht alles, was man als Bürgermeister so macht, finden alle gut, das hat er auch erfahren. Aber damit müsse man leben.

Am 31. Januar hat Alshebl einen Termin im Kalender stehen, der seine Schatten vorauswirft. „Die Hermann-Hesse-Bahn kommt!“ Dutzende Plakate im Kreis Calw kündigen das Ereignis an, auf das die Region seit Jahren, eigentlich Jahrzehnten wartet. Schon 1994 kaufte der Landkreis die stillgelegte Bahnstrecke Weil der Stadt–Calw, ab 2001 wurden verschiedene Varianten der Reaktivierung erörtert. Während der Bau der gesamten Württembergischen Schwarzwaldbahn mit all seinen topografischen Herausforderungen im 19. Jahrhundert sieben Jahre benötigte, brauchte man für die Wiedereröffnung des 26 Kilometer langen Teilstücks Jahrzehnte. 

Nicht unerheblich dafür verantwortlich war eine Klage des Nabu, der um die Fledermäuse fürchtete, die sich im stillgelegten Bahntunnel angesiedelt hatten. Das Ergebnis langwieriger Verhandlungen ist nun ein völlig neuartiger Tunnel im Tunnel – eine eingezogene Betonröhre, hinter der die Fledermäuse weiterhin ein geschütztes Plätzchen finden. Der Zweckverband der Anliegerkommunen war unter anderem gezwungen, Wochenstuben für die Aufzucht der Fledermaus-Jungtiere einzurichten. Alles in allem eine Posse, die nicht nur Alshebl ärgert: „Wenn die Leute bemerken, dass für Fledermäuse 85 Millionen Euro ausgegeben werden, und gleichzeitig sind unsere Schulen beinahe kaputt - dann stimmt irgendwas nicht.“ Über das zuständige Karlsruher Regierungspräsidium hat der Ostelsheimer Bürgermeister wenig Nettes zu sagen: Das seien „Leute, die 70 Kilometer von uns entfernt sitzen und sich überhaupt nicht mit uns identifizieren“. Anstatt Dinge möglich zu machen, sei das wichtigste Anliegen der Behörde die Rechtssicherheit gewesen. Dabei sei das gar kein Verwaltungsgrundsatz. „Also ich habe gelernt, dass die Verwaltung vor allem auf die Rechtmäßigkeit zu achten hat.“ Das heiße eben nicht, dass das letzte Detail zu einhundert Prozent juristisch unangreifbar sein müsse, sondern dass gemäß den Rechtsnormen, Verordnungen und Gesetzen gehandelt werde.

Wirtschaftliche Stabilität geht bei ihm vor Bürgerbeteiligung

Man merkt: Der Mann ist vom Fach. Und: Die vielgescholtene Verwaltungsbürokratie ist nicht per se an allem Schuld. Es ist mehr die Art der Auslegung und Umsetzung. Aus Angst vor der Verantwortung und einem eventuellen Rechtsstreit geht man lieber auf Nummer sicher – und sei die noch so teuer. Für Alshebl reicht das Phänomen aber weit über das Regierungspräsidium Karlsruhe hinaus. 

Die Deutschen sind aus Sicht des gebürtigen Syrers ein Volk auf dem Gipfel seiner Entwicklung, „und wir haben ständig Angst abzustürzen“. Dabei ist für Alshebl klar, dass Deutschlands Weg tendenziell abwärts führt. 

Die Demografie, die Lage der Automobilindustrie, die wachsende Konkurrenz aus China – aus seiner Sicht spricht das dafür, dass in Deutschland die Lage enger wird. Vor allem, wenn man so weitermacht wie bisher. So schwerfällig, so wenig an der wirtschaftlichen Stabilität orientiert. Den Naturschützern vom Nabu macht er keinen Vorwurf, deren Möglichkeit zu klagen aber, das Verbandsklagerecht, würde er einschränken. Ein Ziel, das er nicht mit seiner Partei, sondern mit der CDU teilt. „Projekte, die der kritischen Infrastruktur, dem Klimaschutz und dem Naturschutz dienen, stehen im überragenden Interesse des Landes und sollten nicht von einzelnen Menschen und einzelnen Verbänden blockiert werden können. Dafür haben wir auch Vertretungen gewählt, den Landtag, die Landesregierung.“

Aus Alshebls Worten spricht eine weitere persönliche Erfahrung: Auf Ostelsheimer Gemarkung könnten heute zwei Windräder stehen oder demnächst gebaut werden, wenn es nach dem Grünen gegangen wäre. Fossile Energie wird immer knapper und teurer und der Klimawandel macht die Energiewende hin zu den Erneuerbaren ohnehin erforderlich. Mit dem Beginn des Ukrainekriegs, der daraus resultierenden Energiekrise und neuer Gesetzgebung zur Windkraft sah Alshebl die Zeit für Windräder in seiner Gemeinde gekommen. Den Gemeinderat konnte er davon überzeugen, doch dann bildete sich eine Bürgerinitiative, die mit einer Unterschriftenaktion einen Bürgerentscheid herbeiführte – und Alshebls Niederlage. Jetzt baut möglicherweise die Nachbargemeinde Windräder an die Gemarkungsgrenze. Vor allem aber hat sich das Nimby-Prinzip (Not in my backyard, etwa: nicht vor meiner Haustür) mal wieder durchgesetzt. Auf Kosten der Energiewende, die eigentlich im Interesse aller sein sollte.

Als der 32-Jährige die Geschichte von den Windrädern einem alten Freund in Syrien erzählt, kann der das nicht fassen. In einem Land, in dem nur selten Strom fließt, sei es unvorstellbar, dass sich Bürger gegen den Aufbau einer Energieversorgung wehren, für die sie sogar noch bezahlt werden, schließt Alshebl. Und: „Die einzige Erklärung, die ich für ihn hatte, war: Die Leute sind satt, richtig satt. Sie kennen keine wirklichen Krisen.“ Eine harte Schlussfolgerung, aber auch eine interessante Perspektive. Manchmal, sagt Alshebl, müsse man die Leute zu ihrem Glück zwingen, sprich: Bürgerentscheide in solch entscheidenden Fragen unmöglich machen. Boris Palmer, Ex-Grüner und bundesweit bekannter OB von Tübingen, hat er sein Buch deshalb erst nach Fertigstellung zukommen lassen. „Ich weiß, dass er in bestimmten Punkten andere Ansichten hat. Er ist für Bürgerbeteiligung und fürs Sich-zu-Tode-Diskutieren“, sagt er und lacht. 

Palmer hat das Buch inzwischen gelesen und lässt den SÜDKURIER wissen, dass ihn die Außenansichten auf unsere Gesellschaft am meisten beeindruckt haben. „Mit seinen syrischen Erfahrungen wundert sich Ryyan Alshebl zurecht über Sattheit, Ambitionslosigkeit und Meckerkultur in einem reichen Land. Für ihn ist auch klar, dass es nichts mit Rassismus zu tun hat, von Schutzsuchenden zu verlangen, dass sie die grundlegenden Werte und Regeln unseres Landes akzeptieren oder dort leben, wo man das nicht tun muss. Faszinierend, wie er in zehn Jahren unser Land oft besser, weil unverstellter versteht und beschreibt als viele, die hier aufgewachsen sind.“

Man fragt sich bei der Begegnung mit Alshebl unwillkürlich, was aus dem gut vernetzten jungen Mann mit dieser Vita noch alles werden könnte. Dass er die nächsten 30 Jahre Bürgermeister dieser kleinen Gemeinde bleiben könnte, dürfte wenig wahrscheinlich sein. Wenn Cem Özdemir die Wahl gewinnen und ihn zum Minister machen wollte? Alshebl wehrt ab, darüber habe er sich noch keine Gedanken gemacht. Die Priorität sei, dass „Cem“ gewählt würde. Und er macht seinen Job als Bürgermeister wirklich gerne. „Das ist überhaupt keine Floskel, wenn ich sage, es macht Spaß.“

Ryyan Alshebl, geboren am 9. Januar 1994 in as-Suweida (Syrien), Grüne, ist seit Juni 2023 Bürgermeister der Gemeinde Ostelsheim. Alshebl wuchs als Mitglied der drusischen Minderheit auf, diese ist nach der Machtübernahme durch Ahmed al-Scharaa in Gefahr, wie ein Massaker mit Hunderten Toten im Juli 2025 belegt. Neben Alshebls Auseinandersetzung mit der deutschen Regulierungswut widmet sich sein Buch auch seiner Lebensgeschichte, seinem syrischen Hintergrund und wartet mit Ideen auf, wie man irreguläre Migration eindämmen könnte.

Ryyan Alshebl: „Flucht nach vorn. Ein syrischer Bürgermeister in Schwaben zeigt, wie gute Politik gehen kann“, Droemer 221 Seiten, 23 Euro

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