Samstag, 14. Februar 2026

Trump kippt zentrale Klimaschutzregel – und "in Peking knallen die Korken"

Christian Stoecker  • LinkedIn


Deshalb musste Donald Trump von seinen fossilen Brennstoffhändlern zum Präsidenten gemacht werden: Verzweiflung. Warum er für sie gegen Klimawissenschaft kämpft: Verzweiflung. 

US-Medien sind kläglich darin gescheitert, auf die Lügen und den Schaden hinzuweisen, den die Klimakrise bereits anrichtet. Solar gewinnt trotzdem. 


Süddeutsche Zeitung  hier  Kommentar von Michael Bauchmüller  13. Februar 2026

Donald Trump ist ein König des Eigentors

Der US-Präsident entzieht dem nationalen Klimaschutz die Grundlage.
Er glaubt, damit der Industrie zu nützen. Doch erreichen wird er das Gegenteil. Mal wieder.

Donald Trump ist besessen von der Vergangenheit. Von Zeiten, in denen das Morgen nicht zählte, weil sich um Klima und Umwelt niemand groß scherte. In denen in Detroit die Schlote rauchten, meterlange Schlitten über die Highways rollten, ganze Berge für die Kohle abgetragen wurden und keiner der unangenehmen Frage nachging, ob so ein Lebensstil womöglich ein dickes Ende haben könnte. 

Und wenn schon nicht für diejenigen, die ihn führten, dann vielleicht für deren Kinder und Kindeskinder. Trump sehnt sich nach dieser Vergangenheit, sie steckt auch im „again“ seines Maga-Slogans „Make America great again“. Erreichen wird er das Gegenteil.

Die Umweltbehörde EPA darf nicht länger Treibhausgase als gesundheitsgefährdend einstufen

Das gilt auch für seine jüngste Attacke auf das Herzstück nationaler Klimapolitik in den USA: Die Umweltbehörde EPA darf nicht länger Treibhausgase als gesundheitsgefährdend einstufen. Klingt nach einer Spitzfindigkeit, ist aber Grundlage aller Regulierungen rund um den Klimaschutz. Denn erst aus dieser Feststellung konnte die EPA die Kompetenz ziehen, Vorgaben etwa für die CO₂-Emissionen von Autos zu machen oder für den Schadstoffausstoß von Kraftwerken – mit Erfolg. Die Vorgaben wirkten, und sie hielten vor den Gerichten stand. Weshalb Trump nun die Basis des Kunstgriffs im Handstreich beiseiteschafft.


In seinem Feldzug gegen die Klimapolitik und
für die fossile Lobby im Land ist das
die bisher schwerwiegendste Entscheidung. 

Schon der Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen
war ein Schlag,
ebenso wie der Rückzug aus der Mutter aller Klimaverträge,
 der Klimarahmenkonvention. 

Indem er aber der EPA die Werkzeuge
für verbindliche Vorgaben raubt,
setzt er auch die amerikanische Industrie
auf Kurs Vergangenheit: make America small.


Dabei hätte schon der Umstand, dass den USA bisher niemand gefolgt ist beim Ausstieg aus internationalen Klimaabkommen, Trump und den Seinen zu denken geben müssen. Gerade das Pariser Klimaabkommen kam auch deshalb zustande, weil Klimaschutz und wirtschaftliches Wachstum eben kein Gegensatz mehr waren – sondern weil auch die ökonomische Supermacht China in emissionsarmen Technologien die Märkte der Zukunft erkannt hatte, die Europäer sowieso.
Von diesen Märkten nabelt Trump sein Land nun ab.

Der amerikanische Präsident lenkt seine Industrie geradewegs ins Museum

Denn auf vielen Märkten werden die USA nur mithalten können, wenn sie dortigen Emissionsstandards genügen. Die Folge wird sein, dass die sparsamen Autos dorthin exportiert werden, während die weniger sparsamen in die USA verkauft werden. Dorthin also, wo die gekappten Klimavorgaben in Trumps Augen Industrie und Verbrauchern Milliarden Dollar einsparen.
Die fossile Industrie dagegen dankt herzlich: Wer mehr tanken muss, zahlt auch mehr.

Noch schwerer wiegt der Schaden, den dieser Feldzug der amerikanischen Industrie zufügt.
Schon Trumps Zölle wiegen die US-Industrie in der falschen Sicherheit, internationaler Wettbewerb sei ein Konzept von gestern. Mit der wegfallenden Regulierung entfällt für sie der Druck, ressourcensparende Technologien fortzuentwickeln. 

Der amerikanische Präsident lenkt seine Industrie ins Museum, ganz gemäß seiner Obsession für die Vergangenheit. Sein Volk dagegen darf sich fragen, ob das vielleicht nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht Verrat am eigenen Land war: wenn Waldbrände in Kalifornien wüten, Hurricanes halbe Städte wegfegen oder Dürren die Ernten im Mittleren Westen zerstören. Donald Trump arbeitet wirklich hart daran, dass die Zukunft schlechter wird als die Vergangenheit.



TAZ  hier  Kommentar von  Nick Reimer  13.2.2026

Trumps Verständnis von Klimapolitik: Statt Millionen für die Wirtschaft dürfte es Klagen hageln

US-Präsident leugnet die Klimakrise und kippt Schutzgesetze. Das ist Populismus und verachtet die Wissenschaft.

Das ist zweifelsfrei das Vorteilhafteste, was sich über sie sagen lässt: Populisten sind sehr leicht erkennbar. Einer ihrer Grundwesenszüge ist nämlich Wissenschaftsfeindlichkeit. Natürlich haben sie ein Recht auf eigene Meinung, ein Recht auf eigene Fakten gibt es aber nicht. Beispielsweise in der Physik.

Der Franzose Joseph Fourier beschrieb 1824 als Erster den atmosphärischen Treibhauseffekt, der Schwede Svante Arrhenius quantifizierte ihn 1896: Wenn sich die Konzentration in der Atmosphäre verdoppelt, steigt die globale Durchschnittstemperatur um mehrere Grad, Messdaten gibt es seit 1958. Der Amerikaner Charles Keeling baute auf dem damals erloschenen Vulkan Mauna Loa auf Hawaii eine Station auf, weil es hier im Umkreis von tausend Kilometer keine menschlichen Einflüsse auf das Messergebnis gibt. Maß er anfangs 315 Teile Treibhausgas pro Million Teile Luft – abgkürzt ppm: parts per million – so überstieg diese Konzentration in den 1970er Jahren die Marke 330 ppm.

Damals schlug die Wissenschaft Alarm, 1979 fand die erste World Climate Conference statt, der Deutsche Bundestag setzte eine Enquete-Kommission „Schutz der Erdatmosphäre“ ein, die Bundesrepublik gab sich 1990 ein erstes Reduktionsziel. Die UNO-Staaten gründeten den Weltklimarat IPCC, als dieser 1990 seinen ersten „Sachstandsbericht“ vorlegte, war endgültig klar: Nur ein konzertiertes Handeln kann die Gefahr stoppen. 1992 verabschiedeten alle Staaten der Welt die Klimarahmenkonvention, damit weltweiten Klimaschutz. Die Treibhausgaskonzentration lag da schon bei 354 ppm.

Trotzdem kippten jetzt US-Präsident Donald Trump und seine Clique per Executive Order die sogenannte Gefährdungsfeststellung der US-Umweltbehörde EPA aus dem Jahr 2009.
Diese war das rechtliche Fundament fast aller Bundesvorschriften zur Reduzierung von Treibhausgasen. Großmaul Trump spricht von „Billionen für die amerikanische Wirtschaft“. Tatsächlich wird die Auswirkung überschaubar bleiben. 

Erstens werden all jene Firmen, die weiter auf dem globalisierten Mark Handel treiben wollen, an strengeren Klimaschutzvorschriften festhalten, wie etwa in der EU und Japan.

Zweitens wird der Vorgang eine Klagewelle in den USA auslösen.
Grundlage der „Gefährdungsfeststellung“ war 2007 ein Urteil des Obersten Gerichtshofs, das Rechtsgeschichte in den USA schrieb: Treibhausgase werden als Luftschadstoffe betrachtet und fallen in die Zuständigkeit der Clean-Air-Act-Gesetze der Bundesstaaten.
 
Die Klagewelle wird drittens der US-Wirtschaft Unsicherheit bringen und damit höhere Kosten verursachen. Klimafreundliche Innovation, Produkte für die Märkte der Zukunft, dürften es jetzt schwerer haben.

Viertens schließlich – und das ist entscheidend – liegen die Messergebnisse mittlerweile bei 423 ppm. Das entspricht 1,5 Grad mehr. Weil wärmere Luft mehr Wasserdampf speichert, werden extreme Unwetter häufiger. Aber Trump und seine Populisten werden in der nächsten Katastrophe einen neuen Dreh wissenschaftlicher Verkennung finden.


Focus hier  Jacqueline Arend   14.02.2026

Trump kippt zentrale Klimaschutzregel – und "in Peking knallen die Korken"

Keine E-Auto-Konkurrenz?

Trump kippt eine zentrale US-Klima-Regel: Das Endangerment Finding, das CO2 als Gesundheitsrisiko einstufte, entfällt. Fahrzeugemissionen werden gelockert, globale Klimafolgen drohen – während Chinas Elektroautoindustrie profitiert.

Die Trump-Administration hat einen zentralen Pfeiler des US-Klimaschutzes aufgehoben: Das sogenannte Endangerment Finding, mit dem die US-Umweltbehörde EPA seit 2009 Treibhausgase wie CO2 offiziell als Gefahr für die öffentliche Gesundheit einstufte, ist gestrichen. Damit entfällt nicht nur die Einstufung selbst, sondern auch die rechtliche Grundlage für viele Klimaschutzmaßnahmen – insbesondere die Regulierung von Fahrzeugemissionen.

US-Präsident Donald Trump setzt damit seinen konsequenten Anti-Klima-Kurs fort. Seit Amtsantritt hat er die USA aus internationalen Klimaschutzabkommen zurückgezogen, Mittel für Klimaforschung drastisch gekürzt und international gegen ambitionierten Klimaschutz gewettert.

Trump kippt wichtige US-Klima-Grundlage

Mit der Aufhebung argumentiert das Team Trump, dass US-Steuerzahler durch die Abschaffung der CO2-Regeln und anderer „teurer und nutzloser“ Vorschriften für Fahrzeuge bis zu 1,3 Billionen US-Dollar sparen könnten und gleichzeitig die Autoindustrie entlastet werde. Klimaforscher warnen jedoch, dass der ungebremste Klimawandel langfristig deutlich höhere Kosten für Wirtschaft und Gesellschaft verursacht. Laut Reuters warnen auch zahlreiche Unternehmen, Investoren, Rechtsexperten und Umweltschützer, dass die Maßnahme Verwirrung stiften und zusätzliche Kosten für Firmen verursachen könnte.

Vor allem China profitiert

Die Aufhebung hat globale Dimension: Denn für das Klima zählt nur, wie viele Treibhausgase in die Atmosphäre gepustet werden – und nicht, aus welchem Land sie kommen. 2024 stießen die USA rund 5,9 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente aus – nur China lag mit etwa 15,5 Milliarden Tonnen höher.

Dan Becker, der Direktor der „Safe Climate Transport Campaign“ beim Center for Biological Diversity, betont zudem die geopolitischen Konsequenzen: „In Peking knallen die Champagnerkorken – Chinas Hersteller von Elektrofahrzeugen müssen sich nicht mehr gegen US-Konkurrenten durchsetzen, um den weltweiten Markt für saubere Autos zu dominieren.“

Die Aufhebung der Klimaregelung schwächt die US-Konkurrenz, (wenn diese ihre Strategien anpassen), bei sauberer Technologie und verschafft so internationalen Wettbewerbern Vorteile. Bundesstaatliche Sonderregelungen, drohende Gerichtsverfahren und fehlende einheitliche Vorgaben erschweren zudem Investitionen und strategische Planung für Elektrofahrzeuge.

Zugleich dürfte die Entscheidung Chinas Führungsrolle bei Elektroautos weiter stärken. China investiert schon jetzt einen großen Teil der weltweiten Mittel in Elektromobilität. Die USA könnten dagegen durch weniger klare Regeln, also den Abbau von Vorschriften, an Einfluss auf dem E-Auto-Markt verlieren.

Die Folgen - was sich nun in den USA ändert
  1. Die Aufhebung des Endangerment Findings trifft zunächst vor allem Fahrzeuge und Lastwagen: Die EPA muss künftig keine Treibhausgasstandards für Neuwagen mehr festlegen oder kontrollieren. Kraftwerke und andere stationäre Quellen (Industrieanlagen, Kraftwerke oder Heizanlagen) bleiben vorerst reguliert.

  2. Rechtliche Risiken: Die Entscheidung ist juristisch angreifbar. 
    Im Januar hatte ein Bundesgericht entschieden, dass das Trump-Energieministerium gegen das Gesetz verstoßen hatte, als es ein wissenschaftliches Beratungsgremium zum Klimawandel einrichtete, dessen Bericht diese Aufhebung unterstützen sollte. Bundesstaaten wie Kalifornien und Umweltverbände prüfen bereits erste Klagen.

  3. Wirtschaftliche Unsicherheiten: Vermögensverwalter warnen bei "Reuters", dass Unternehmen in einen Schwebezustand geraten könnten, weil unklar ist, ob künftige Regierungen Strategien nachjustieren. Große multinationale Autobauer, die global agieren, müssen weiterhin strengere Emissionsstandards in der EU und anderen Märkten erfüllen.

  4. Gesundheitliche und klimatische Risiken: Immer wieder betonen Umwelt- und Wissenschaftsexperten, dass fossile Brennstoffe nach wie vor massive Gefahren bergen. Steigende Temperaturen erhöhen hitzebedingte Todesfälle, verstärken Krankheiten durch Mücken und verursachen wachsende wirtschaftliche Schäden durch Extremwetter. Auch klassische Luftverschmutzung bleibt ein teils tödliches Problem mit hohen Gesundheitskosten.
Becker warnt: "Die Abschwächung der Abgasvorschriften für Autos – also der größten Treibhaus-Quelle in den USA – schadet amerikanischen Familien langfristig nur. Profitieren werden davon vor allem große Auto- und Ölkonzerne, und das nur kurzfristig."


Ein schlechtes Signal

Die Entscheidung der USA sendet politische Signale weit über die eigenen Grenzen hinaus. Klimaforscher Mojib Latif warnt: "Meine Befürchtung ist, dass Trump damit auch global einen Prozess in Gang setzt, den Klimaschutz auf der Agenda weiter nach unten zu setzen. Die ersten Anfänge sehen wir schon in Europa und auch in Deutschland." 

So hat die EU auf Druck rechter Parteien im vergangenen Jahr abgeschwächte neue Klimaziele beschlossen und plant, das Verbrenner-Aus aufzuweichen. In Deutschland hinterfragten innerhalb der Union kürzlich erste Stimmen die nationalen Klimaziele insgesamt.

Indes hält der deutsche Umweltminister Carsten Schneider (SPD) dagegen: "Wir haben ja einen anderen Kurs, und der ist, auf wissenschaftlicher Basis fundierte Entscheidungen zu treffen, die verantwortbar für die Menschen in Europa oder in der Welt sind", sagte er nach Trumps Ankündigung dem Deutschlandfunk. "Wir stehen zum Klimaschutz."



Morgenpost hier  Von Dirk Hautkapp,13.02.2026,

Trumps Klima-Sonderweg: Kein Endurteil, sondern Startschuss für eine Klagewelle


Gefährdungsfeststellung
Von Kalifornien bis zu Umweltverbänden formiert sich Widerstand. Die zentrale Frage: Hält der Rückbau dem Obersten Gerichtshof stand?

Donald Trumps Keulenschlag gegen den Klimaschutz war heftig. Aber ob er den Weg durch die Instanzen besteht – abwarten. Die von der US-Umweltbehörde Epa aufgehobene „Gefährdungsfeststellung“, wonach Treibhausgase Gesundheit und Wohlfahrt gefährden, bildete bisher die Grundlage für Abgasnormen für Autos, Vorschriften für Methan-Emissionen aus Öl- und Gasprojekten, Vorschriften für Kraftwerke und Flugverkehr. Was das Weiße Haus als „größte Deregulierung der Geschichte“ feiert, ist für Kritiker klimapolitischer Selbstmord. Und nun?

Warum kommt jetzt eine riesige Klagewelle?

Weil die Aufhebung frontal gegen etablierte Rechts- und Wissenschaftslinien läuft. Kaliforniens Generalstaatsanwalt Rob Bonta hat eine Klage angekündigt. Große Umweltverbände wie NRDC und Earthjustice ebenfalls. Damit ist ein jahrelanger Rechtsstreit praktisch gesetzt.

Treibhausgase sind eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit - diese wissenschaftliche Einschätzung ist in den USA seit Jahren Grundlage im Kampf gegen Luftverschmutzung. Trump ändert das nun.

Welche Rolle spielt dabei das Urteil des Obersten Gerichtshofs von 2007?
Eine zentrale. Damals wollten Massachusetts und andere demokratisch regierte Bundesstaaten sowie Umweltverbände die Regierung von George W. Bush zwingen, die Emissionen von Treibhausgasen zu regulieren. Ihr Argument war, dass diese Gase eine eindeutige Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellen und die Epa daher verpflichtet sei, sie gesetzlich zu regulieren. 

Die Bush-Regierung wehrte sich. Letztendlich entschied der Oberste Gerichtshof jedoch mit 5:4 Stimmen zugunsten der Kläger. Er erklärte der Epa, dass sie gesetzlich verpflichtet ist, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel zu prüfen und festzustellen, ob Treibhausgase die Gesundheit der Amerikaner gefährden. 2009, unter Obama, veröffentlichte die Epa besagte „Gefährdungsfeststellung“, in der sie dies bestätigte. Wie der mehrheitlich konservativ besetzte Supreme Court heute entscheiden würde, ist offen.

Was sind die unmittelbaren Folgen der Epa-Entscheidung?

Im Verkehrssektor fallen vorerst zentrale Bundespflichten weg (Messen, Berichten, Einhalten von Grenzwerten). Dabei stehen Autoverkehr und Stromsektor jeweils grob für ein Viertel sämtlicher CO₂-Emissionen in den USA. 

Entsteht in den USA ein regulatorischer Flickenteppich?

Wahrscheinlich. Viele Bundesstaaten und große Städte werden weiter eigene Programme zum Klimaschutz fahren; die „U.S. Alliance“ zählt 24 Gouverneure. Kalifornien etwa, der bevölkerungsreichste Bundesstaat, wird seine eigene Gesetzgebung (Cap-and-Trade-System) bis 2045 verschärfen und nicht lockern. Außerdem: Rechtswissenschaftler erwarten eine Renaissance von zivilrechtlichen Klimafällen außerhalb klassischer Epa-Regulierung. 

Das kann Trumps Freifahrtschein für fossile Energieträger verzögern. 
Fazit: Trumps Schritt ist ein harter Einschnitt. Aber föderale Gegenmacht und eine massive Klagefront machen aus dem Dekret kein Endurteil. Gerichte können die Umsetzung ausbremsen oder ganz kippen. Kommende Regierungen können Trumps international umstrittenen Sonderweg revidieren – wenn auch mühsam.



Süddeutsche Zeitung hier  Von Michael Bauchmüller  27. Januar 2026 

Hier wird also der Reichtum des amerikanischen Volkes verschleudert?

Mitten in Bonn schlägt das Herz der globalen Klimapolitik. Letztlich geht es hier im Klimasekretariat der Vereinten Nationen darum, die Welt zu retten. Nur hat die Weltrettung in Zeiten von Donald Trump nicht gerade Konjunktur.

Das ist also eine dieser unnötigen, verschwenderischen, miserabel geführten Institutionen, wie US-Präsident Donald Trump und seine Regierung Orte wie diesen bezeichnen. Ach was, nicht nur überflüssig ist diese Institution, sondern sie bedroht ja noch dazu die Freiheit und den Wohlstand der Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn es nach Trump geht, ist das ein Ort voller finsterer Machenschaften, hier, direkt am Rhein, im einstigen Regierungsviertel der Bonner Republik.

Nicht auszudenken, wie es da drinnen wohl aussehen mag.

Gesichert ist die Institution durch einen Zaun aus Stahlsäulen, die so eng aneinander stehen, dass der dünnste Mensch nicht durchschlüpfen könnte. Im Pförtnerhaus wartet ein Wachmann, der erst freundlicher wird, als in der Sicherheitsschleuse nichts piepst. Dann öffnet sich die Tür. Na dann, willkommen im Klimasekretariat der Vereinten Nationen.

Hier schlägt das Herz der globalen Klimapolitik. Kyoto-Protokoll, Pariser Abkommen, fossile Ausstiegspläne, das alles hatte seinen Anfang hier im Süden von Bonn. Jedes Mal, wenn sich die Staaten zu Klimagipfeln trafen, wurde das hier vorbereitet. Oder wenn sich die Welt mal wieder neue Arbeitsgruppen ausgedacht hat, um dieses oder jenes Problem zu lösen, wurden sie von hier aus organisiert. Letztlich geht es hier darum, die Welt zu retten. Nur hat die Weltrettung gerade keine Konjunktur.

Mitte Januar hat das US-Außenministerium befunden, dass das Klimasekretariat, oder genauer die Konvention, die das Sekretariat hervorgebracht hat, „das Blut, den Schweiß und den Reichtum des amerikanischen Volkes“ nicht verdient. So wie 65 weitere globale Institutionen. Seitdem wächst hier in Bonn die Nervosität. Nicht nur, weil die USA damit die letzte Verbindung in die internationale Klimapolitik kappen. Sondern auch, weil damit ein Fünftel ihres Budgets wegzubrechen droht. Fürs Erste ist die Stiftung des einstigen New Yorker Bürgermeisters Michael Bloomberg eingesprungen. Aber eine Dauerlösung ist das nicht. Und was passieren würde, wenn andere dem amerikanischen Beispiel folgen, will sich hier lieber keiner vorstellen.

Der Weg zum „Exekutivsekretär“, wie der Chef hier heißt, führt durch einen Park voller Relikte der jüngeren deutschen Geschichte. Links steht ein weißes Bauhaus-Gebäude. Hier erarbeitete der Parlamentarische Rat 1948 und 1949 das Grundgesetz. Jetzt hängt an der Fassade ein großes Thermometer: eine Erinnerung an die ungebremste Erderwärmung. Dann rechts das alte Wasserwerk, bis 1993 der Plenarsaal des Deutschen Bundestags, hier wurde einst der Umzug der Hauptstadt nach Berlin beschlossen, und damit Platz geschaffen für die Vereinten Nationen in Bonn. Keine hundert Meter vom Wasserwerk entfernt steht seit wenigen Jahren ein schicker Glaskasten: die Schaltzentrale des globalen Klimaschutzes.

Parlamentarismus, Vereinte Nationen, Klimaschutz: Hier ist wirklich alles versammelt, was Donald Trump an der Welt nervt.

Jetzt also ohne die USA. Aber: Wenn von 198 einer fehlt, sind es immer noch 197

Ganz oben im 16. Stock des Glaskastens erwartete einen schon Simon Stiell, der Klimasekretär, ein herzlicher Mann, der nicht viel drum herumredet. „Hier entlang“, sagt er und führt in sein Büro, darin ein klinisch aufgeräumter Schreibtisch, an der Wand ein großes braunes Batiktuch, ein Geschenk aus Ägypten. Hier wird also der Reichtum des amerikanischen Volkes verschleudert?

Stiell reagiert auf derartige Provokationen erst mal: nicht. „Es gibt 195 Staaten im Paris-Abkommen, und 198 in der Konvention“, sagt er in feinstem Oxford-Englisch. „Die Mathematik sagt: Wenn von 198 einer fehlt, sind es noch 197. Und 195 minus eins macht 194.“ Einer fehlt jetzt also, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Denn die USA sind ja nicht irgendwer. Natürlich lasse sich nicht ignorieren, dass es hier um die größte Ökonomie und den zweitgrößten CO₂-Emittenten der Welt gehe. Und der größte Beitragszahler des Klimasekretariats waren die USA auch, bis Trump im vorigen Jahr die Zahlungen aussetzte.

Aus dem Paris-Abkommen ist Donald Trump ja schon zweimal ausgetreten, jeweils am ersten Tag seiner Amtszeit. Sein Nachfolger und Vorgänger Joe Biden war dann 2021 wieder eingetreten. An die Klimarahmenkonvention hatte sich Trump in seiner ersten Amtszeit nicht herangetraut. Sie ist die Mutter aller Klimaverträge, und wirklich alle sind dabei: selbst Nordkorea, Iran, Libyen und der Vatikan. Der winzige Inselstaat Nauru ist hier ebenso Mitglied wie Russland, China, Indien. Alle haben das gleiche Stimmrecht bei den „Conferences of the parties“, den Klimakonferenzen, COPs genannt. Beschlossen wird einstimmig.

Nur die USA werden es nicht mehr haben, sobald sie den angekündigten Austritt formal vollzogen haben.

Simon Stiell holt jetzt erst mal Luft...

dann sagt er: „Der Rückzug schadet den USA. Er macht es für sie schwerer, sich auf Klimafolgen einzustellen. Denn egal, ob du drinnen bist oder draußen, ob du daran glaubst oder nicht: Die Wirkungen des Klimawandels sind real.“

Man könnte es aber auch so sagen: Trump, der den Europäern und seinen Nato-Partnern gerade bei jeder Gelegenheit vorwirft, sie seien wie die Maden im Speck und ließen die USA die teure Drecksarbeit machen, überlässt den Kampf gegen die Klimakrise den anderen, während er seine Firmen anstachelt, auf Teufel komm raus fossile Rohstoffe zu fördern. Klären sollte man also erst mal die Frage, wer hier eigentlich wessen Freiheit bedroht?

Als Mitte Januar die Ankündigung aus Washington kam, ging auch Stiell kurz aus sich heraus. Ein „kolossales Eigentor“ schieße die US-Administration sich da, tönte es aus Bonn. Das waren für Stiell, der gern dezent im Hintergrund agiert, schon ungewöhnlich scharfe Worte. Sekretäre sagen ihren Chefs schließlich nicht, was sie zu tun haben.

Doch dieser Sekretär arbeitet nun mal gegen die Zeit. Seine Leute lavieren mühevoll zwischen den Interessen der Mächtigen herum, während irgendwo auf der Welt Menschen entweder den Regen nach Monaten der Dürre herbeisehnen oder von ihm davongespült werden wie zuletzt in Mosambik oder Griechenland. Oder die ihre Existenz neu aufbauen müssen, weil Tropenstürme oder Taifune über ihre Heimat hinweggezogen sind wie zuletzt gleich zweimal hintereinander auf den Philippinen. Oder die ihre Heimat verlassen müssen, weil sie ihre Familien nicht mehr ernähren können von dem Wenigen, das die ausgetrockneten Böden noch abwerfen.

Teuer? Sie haben hier für die Welt ein kleineres Budget als die deutsche Datenschutzbeauftragte
Die Katastrophen nehmen ja für jeden spürbar ihren Lauf, aber die Welt schleppt sich von Klimagipfel zu Klimagipfel und kommt doch immer nur so schnell voran, wie die trägsten Staaten es zulassen. Einer von Stiells Vorgängern, Yvo de Boer, ist deshalb bei einem dieser Gipfel mal auf offener Bühne in Tränen ausgebrochen. 2007 war das, in Bali. COP Nummer 13.

Die Morgensonne scheint jetzt direkt in Stiells Gesicht. „Mir sind alle Grenzen bewusst, die Komplexität, die Frustration angesichts der Langsamkeit“, sagt er und kneift die Augen zusammen. Aber es gebe ja auch Fortschritte, diese Fortschritte kann er auch ziemlich ausdauernd aufzählen.

Etwa, dass die Staaten 2023 in Dubai beschlossen haben, die erneuerbaren Energien zu verdreifachen und sich von fossiler Energie zu verabschieden, was ja auch überall auf der Welt zu beobachten sei. Dass sie ein Jahr später in Baku auch die Finanzmittel dafür aufstockten, damit Staaten mit den Folgen des Klimawandels zurechtkommen, oder gar nicht erst in fossile Energie investieren. Oder dass sie im vorigen November in Belém, Brasilien, den Multilateralismus hochhielten, trotz aller Störfeuer aus Washington. Globale Klimapolitik sei eben eine komplexe und schwerfällige Maschine, sagt Stiell. Eine Maschine, die hier in Bonn immer neu geölt wird, während Trump und seine Leute gigantische Mengen Sand ins Getriebe schaufeln........


Was dabei herauskommt, sieht Hackmann in langen Zahlenkolonnen. Die Emissionsdaten aus aller Welt laufen hier ein, dank der Stiftung von Michael Bloomberg auch noch aus den USA. Sie finanziert jetzt die Wissenschaftler, die einst im Auftrag des US-Außenministeriums die amerikanischen Emissionen errechneten.

Die Zahlen könnten schlechter sein. „Zum ersten Mal gehen sie runter“, sagt Hackmann, „jedenfalls auf dem Papier.“ Und so sagen die Prognosen plötzlich: Der Klimaschutz könnte wirken. Nach Jahren der Anstiege könnte der Scheitelpunkt der globalen Emissionen erreicht sein. Bis 2035 könnten sie um zehn, vielleicht sogar fünfzehn Prozent unter dem Wert von 2019 liegen.

Es ist, als müsste man eine Badewanne auslöffeln, während einige den Hahn aufdrehen
Nötig, um die 1,5 Grad zu halten, wäre allerdings ein Minus von sechzig Prozent. „Wenn du nur darüber nachdenkst“, sagt Hackmann, „kriegst du einen Burn-out.“ Er beschäftige sich lieber mit dem, was schon erreicht wurde. „Man muss sich an den Kleinigkeiten aufrichten.“

Ein fast absurd optimistisches Unterfangen, gesteuert von diesem eingezäunten Gelände aus, direkt am Rhein. Supermächte und Zwergstaaten, Reiche und Arme, Ölscheichs und untergehende Inseln, sie müssen das gemeinsam in den Griff bekommen, indem sie sich verabschieden von fossiler Energie. Etwas Besseres als dieses Instrumentarium bekomme die Welt dafür nicht mehr an die Hand, so hatte das Simon Stiell oben in seinem Büro gesagt.

Vielleicht will Donald Trump es genau deshalb zerstören.

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