Harald M. Depta
Frankreich erlebt ein Lehrstück der Energiewende: Die Kernkraft-Nation muss Milliardenkosten tragen – weil die Sonne zu oft scheint.
Im Sommer 2025 produzierten Solaranlagen zeitweise so viel Strom, dass die Netzbetreiber mehrere Atomreaktoren herunterfahren mussten. Das Problem: Diese Reaktoren lassen sich technisch und wirtschaftlich kaum flexibel regeln. Der Strompreis fiel ins Minus, während Fixkosten und Abschreibungen weiterliefen.
Ergebnis: enorme Verluste bei EDF, teilweise kompensiert durch den Staat.
Was paradox klingt, zeigt ein strukturelles Problem zentralistischer Energiesysteme. Kernkraft ist nur scheinbar „grundlastfähig“ – sie ist schlicht unflexibel. Moderne Energiesysteme brauchen jedoch Flexibilität: Speicher, Lastmanagement, steuerbare Verbraucher und erneuerbare Energieerzeugung, die sich ins Netz integrieren lässt.
Frankreichs Situation ist ein warnendes Beispiel. Wer heute auf starre Großkraftwerke setzt, geht ein wirtschaftliches Risiko ein. Eine wettbewerbsfähige Energiezukunft entsteht nicht durch Monotonie im Mix, sondern durch Vielfalt – PV, Wind, Speicher, intelligente Netze und sektorübergreifendes Denken.
Was wir daraus lernen sollten: Auch ein hoher Anteil Solarstrom ist kein Problem – wenn das System dafür ausgelegt ist. Statt Sonne oder Atom gegeneinander auszuspielen, müssen wir Versorgung als Gesamtsystem verstehen. Nur dann sinken langfristig Kosten und Emissionen.
Ich sehe in solchen Meldungen kein Scheitern der Energiewende, sondern den Beweis, dass wir bei Integration, Netzausbau und Marktdesign noch viel Nachholbedarf haben.
Klimareporter hier von Joachim Wille
Mehrjahresplan für Energie
Atomkraft mit "Klumpenrisiko historischen Ausmaßes"
Frankreich hat seine Energieplanung bis 2035 vorgelegt. Das Land setzt weiter auf Kernkraft und will die Laufzeiten seiner Reaktoren auf bis zu 60 Jahre verlängern. Erneuerbare Energien sollen weniger ausgebaut werden als zuvor geplant.
Frankreich gilt den verbliebenen Kernkraft-Fans hierzulande als Vorbild. Unser Nachbarland betreibt 57 Reaktoren und hat einen satten Atomstromanteil im Netz von rund zwei Dritteln, während hierzulande die letzten AKW-Blöcke 2023 abgeschaltet wurden.
Fürs Klima ist das aktuell vorteilhaft. Der Pro-Kopf-CO2-Ausstoß liegt in Frankreich bei nur 4,1 Tonnen im Jahr, diesseits der Grenze sind es sieben Tonnen, also 70 Prozent mehr.
Und gerade hat die Regierung in Paris einen energiepolitischen Fahrplan vorgelegt, der die Unterschiede zementiert, zumindest auf den ersten Blick: "La Grande Nation" will bis zu 14 neue AKW-Blöcke bauen und gleichzeitig den Ökostrom-Ausbau drosseln.
Doch Frankreichs Strategie ist mit einer Reihe von ökonomischen Risiken behaftet, einmal abgesehen von der nicht ausgeschlossenen Super-GAU-Gefahr bei insgesamt alternder Reaktorflotte.
Premierminister Sébastien Lecornu stellte kürzlich die neue Energiestrategie vor, die Ziele für die Erzeugung und den Verbrauch bis 2035 festlegt. Es ist die dritte dieser Art auf dem Weg zur Klimaneutralität 2050, heruntergebrochen auf alle Sektoren von der Atomkraft über die Solarenergie bis zur Windkraft.
Frankreich ist weltweit das Land mit dem höchsten Atomstrom-Anteil im Netz, produziert weit mehr als die Hälfte aller nuklearen Kilowattstunden in der EU und exportiert auch nach Deutschland. Derzeit stammen allerdings noch rund 60 Prozent des Gesamt-Energieverbrauchs in Frankreich aus fossilen Quellen.
Franzosen fremdeln mit der Windkraft
Wichtigste Säule bei der "Dekarbonisierung" soll die Atomkraft bleiben. Damit wird Präsident Emmanuel Macrons Energie-Kehrtwende formell nachvollzogen. Macron hatte zu Beginn seiner ersten Amtszeit noch Sympathien für eine Energiewende nach deutschem Muster gehegt, dann aber eine Nuklearrenaissance ausgerufen.
So sah die letzte Energiestrategie von 2020 noch die Abschaltung von 14 Reaktoren vor, die ihre auf 40 Jahre veranschlagte Betriebszeit erreichen würden. Nun aber sollen nicht nur die Laufzeiten der derzeit betriebenen 57 Reaktoren, die zumeist in den 1980er und 1990er Jahren ans Netz gingen, auf bis zu 60 Jahre verlängert werden.
Geplant ist auch der staatlich subventionierte Neubau von sechs neuen Meilern, von denen der erste allerdings laut Plan erst 2038 fertig sein wird, mit einer Option auf acht weitere Anlagen.
Parallel soll der Ausbau der erneuerbaren Energien weiterlaufen, allerdings gedrosselt.
Die installierte Leistung von Solarkraftwerken, derzeit etwa 30 Gigawatt, will Paris bis 2030 auf 48 Gigawatt erhöhen, vorher waren 54 geplant gewesen. Für 2035 peilt man 55 bis 80 Gigawatt an, vorher bis zu 100.
Bei der Windkraft an Land soll es bis 2030 von heute rund 26 auf 31 Gigawatt gehen, 2035 sollen es 35 bis 40 Gigawatt sein. Dabei setzt die Regierung angesichts von Protesten in der Bevölkerung vor allem auf Repowering, also die Umrüstung bestehender Windparks mit größeren Anlagen.
Beim Offshore-Wind korrigierte Paris die Ausbauziele bis 2035 von 18 auf 15 Gigawatt herunter. Bislang ist diese Energieform in Frankreich trotz des großen Potenzials aufgrund der langen Küstenlinie mit 1,9 Gigawatt nur gering ausgebaut. 2030 sollen 3,6 Gigawatt erreicht sein.
2027 droht Wahlsieg der Rechten
Regierungschef Lecornu hat versucht, einen Plan vorzulegen, der verschiedenen Interessen gerecht wird. Einerseits kam er den Forderungen der etablierten Strombranche und der Industrie entgegen, die einen Ausbau der Atomkraft verlangt hatten. Andererseits sorgte er für ein gewisses Aufatmen bei einem Teil der Umweltszene, die eine noch stärkere Drosselung des Erneuerbaren-Ausbaus befürchtet hatten.
Nicht zuletzt wollte Lecornu die neue Energiestrategie noch durchbringen, ehe im nächsten Jahr der rechtsextreme Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen die Präsidentschaftswahlen gewinnen könnte. Der RN fährt einen noch strikteren Atomkurs als die Regierung und bekämpft vor allem die Windkraft.
Ökonomisch bleibt der stark atomlastige offizielle Kurs umstritten. Befürworter argumentieren, AKW-Laufzeitverlängerungen und neue Reaktoren seien notwendig, um langfristig preisgünstigen, verlässlichen und CO2-armen Strom bereitzustellen.
Skeptiker verweisen auf die bei Altreaktoren stark steigenden Reparaturkosten sowie die Negativerfahrungen beim Bau des ersten neuen Reaktors vom Typ EPR in Flamanville in der Normandie, der 2024 ans Netz ging.
Dort stiegen die Baukosten laut Angaben des Betreibers EDF von ursprünglich geplanten 3,3 auf 13,2 Milliarden Euro, während der nationale Rechnungshof sogar 23,7 Milliarden ermittelte, inklusive Finanzierungs- und anderer Kosten. Die Bauzeit verlängerte sich von geplanten fünf auf 17 Jahre.
Ähnliche Kostenentwicklungen gab und gibt es auch bei den EPR-Projekten Olkiluoto in Finnland und Hinkley Point in Großbritannien.
Die sechs neuen Reaktoren, EPR 2 genannt, sollen nach einem innovativen, preisgünstigeren Konzept gebaut werden, das allerdings noch nicht fertig ist. Die 2025 von EDF vorgelegte Schätzung, die sechs Blöcke würden 72,8 Milliarden Euro kosten, gilt unter Fachleuten als deutlich zu optimistisch. Das Wirtschaftsmagazin Alternatives Economiques kam sogar zu dem Ergebnis, es könnten am Ende über 249 Milliarden sein.
Auf jeden Fall dürften die Strom-Produktionskosten nach der Inbetriebnahme deutlich über den rund sieben Cent pro Kilowattstunde liegen, die aktuell bei den laufenden AKW in Frankreich anfallen. Der Rechnungshof hat die Kosten beim Flamanville-EPR auf bis zu 14 Cent berechnet.
Strom aus neuen AKW nicht vor 2038
Der Energieexperte Norbert Allnoch vom Forschungsinstitut IWR in Münster, der die französische Energielandschaft intensiv beobachtet, hält die neue Energiestrategie für problematisch. Frankreich stecke in einem "nuklearen Erneuerungsparadox", sagte er gegenüber Klimareporter°.
Die im Schnitt bereits 40 Jahre alte AKW-Flotte von 57 Reaktoren altere weiter und werde in den kommenden Jahren stetig steigende Wartungs-, Reparatur- und Ausfallkosten verursachen. Schnelle Abhilfe ist laut Allnoch nicht in Sicht.
"In den nächsten zwölf Jahren passiert faktisch nichts, erst 2038 soll der erste neue Block ans Netz gehen, die weiteren fünf folgen im Abstand von ein bis anderthalb Jahren", so der Experte. Und das auch nur, wenn die geplanten AKW-Bauzeiten nicht wie in Flamanville überschritten werden.
Allnoch moniert, dass selbst bei reibungslosem Bau keine Verjüngung der AKW-Flotte stattfinde. "Nach Abschluss ist die AKW-Flotte im Schnitt 60 Jahre alt." Es sei keine weitsichtige Zukunftsstrategie, wenn die französische Regierung mit ihrer Atompolitik sehenden Auges "ein wachsendes Klumpenrisiko historischen Ausmaßes schafft, das Grundproblem in die Zukunft verschiebt und der nächsten Generation überlässt".
Lecornus Energiestrategie droht freilich auch schon kurzfristig Ungemach. RN-Chefin Le Pen hat dem Regierungsplan inzwischen eine Abfuhr erteilt und ein Misstrauensvotum in der Nationalversammlung angekündigt. Der Plan werde "das französische Volk verarmen lassen und unsere Wirtschaft, insbesondere unsere Industrie und Landwirtschaft, ruinieren", sagte sie.
Der Ministerpräsident, der im Parlament in Paris über keine feste Mehrheit verfügt, hatte die Strategie durch ein Dekret in Kraft gesetzt. Ohnehin ist denkbar, dass das Konzept nach der Präsidentschaftswahl noch einmal überarbeitet wird, es gibt darin für 2027 eine Überprüfungsklausel.
Sollte die Le-Pen-Partei an die Macht kommen, könnte der Ausbau der Erneuerbaren völlig rasiert werden. Dann allerdings würde das "nukleare Erneuerungsparadox" im Nachbarland noch größer, denn dann müssten die Altreaktoren wohl noch viel länger laufen, um einen Strommangel zu verhindern.
Bruno Kuckartz LinkedIn
Überraschung! KKW kosten bei Teillast zuviel. Wer hätte das gedacht?
Neben niedrigerer Auslastung durch günstigere Produktion aus Wind und Sonne kommen noch höhere Wartungskosten dazu.
Der französische Staat will nun EE behindern, um die Assets und tradierten Strukturen zu retten, koste es was es wolle (kennen wir doch aus D). Too big to fail. Die 57 französichen KKW sind aufgrund der hohen Staatsverschuldung in F auch ein Klumpenrisiko für die EU. Die meisten KKW sind überaltert und werden dadurch immer teurer, störanfälliger und risikanter. Sie können nicht ewig laufen und der Rückbau und die Entsorgung kosten Mrd. über Jahrzehnte. Neue KKW im Gegenzug ebenso. Dazu die Ewigkeitslasten der hochradioaktiven Abfälle. Ich lese hier häufig, dass D wieder in KKW einsteigen soll. Was wollen wir den Folgegenerationen denn noch aufbürden?
Focus hier Vera Stary, 17.02.2026
Kernkraftwerke der vierten Generation machen Endlager nicht überflüssig
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