Montag, 23. Februar 2026

In Deutschland wird mehr Zucker über Getränke konsumiert als über Süßigkeiten

 

KLUG - Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit

Mehr als 40 Verbände fordern: Herstellerabgabe auf Süßgetränke jetzt!

In Deutschland wird mehr Zucker über Getränke konsumiert als über Süßigkeiten, besonders auch von Kindern. Zuckergesüßte Getränke tragen maßgeblich zur Entstehung von Adipositas, Typ-2-Diabetes und Karies bei. Erkrankungen, die immer häufiger auftreten und enorme gesellschaftliche Kosten verursachen.

Wir, 46 Organisationen aus Gesundheit, Wissenschaft sowie Kinder- und Verbraucherschutz, wenden uns in einem offenen Brief gemeinsam an die Bundesregierung. Wir unterstützen ausdrücklich die Initiative des CDU-Landesverbands Schleswig-Holstein, eine Bundesratsinitiative zu starten und die Abgabe auf Süßgetränke auf dem CDU-Parteitag voranzubringen.

Eine nach Zuckergehalt gestaffelte Herstellerabgabe kann wirken:
👉 Sie senkt den Konsum in allen Altersgruppen,
👉 verhindert hunderttausende Erkrankungen,
👉 spart laut wissenschaftlichen Berechnungen bis zu 16 Milliarden Euro.

Etliche andere europäische Länder gehen diesen Weg bereits.
Unser Appell an Politik und Parteitagsdelegierte: Kindergesundheit braucht entschlossenes Handeln – jetzt.
Deutschland darf hier nicht länger zögern.

Zum Offenen Brief: https://lnkd.in/dpZa3HUG


Chris Methmann  • foodwatch e.V. 

Zugegeben: Das Nein war erwartbar. 

Die CDU tagt in Stuttgart, kurz vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Der Hauptgegner sind die Grünen. Klar, dass sie nichts tun, was nach grüner Politik aussieht.

Aber dass sie jede inhaltliche Debatte über eine Zuckersteuer verweigern, macht mich sprachlos.
Die stellvertretende Generalsekretärin sprach von „grüner Bevormundungspolitik" (was ein Social-Media-Verbot für Jugendliche GAR NICHT wäre). Andere sprachen von einem „tiefen Eingriff in den Alltag der Menschen". (Ja, ganze Lebensentwürfe drohen zu scheitern, wenn die Limo weniger Zucker enthält.)

Mein Highlight vom Ernährungsminister himself, vor dem Parteitag: „Das steht nicht im Koalitionsvertrag." Was, ehrlich? Dann beschäftigen wir uns lieber nicht mit Inhalten. (Hinweis: Die Social-Media-Altersgrenze steht auch nicht drin - how dare you???)

Und: Keine Steuererhöhungen! (Sie lassen die beabsichtigte Lenkungswirkung der Steuer unter den Tisch fallen. Niemand will, dass Menschen mehr für die Limo bezahlen, sondern dass weniger Zucker drin ist.) Das geht immer.
Ich frage mich: Sie wollen nicht über Steuern regieren, „Verbote" sind tabu. Was bleibt? Der Appell, die Jugend müsse mehr Sport machen?

Wenn sie nicht gestalten wollen, keine Probleme lösen - was machen sie in der Politik? Und wenn nicht auf einem Parteitag in der Sache diskutieren - wo dann?

Man kann über die Zuckersteuer trefflich streiten. Aber so? Robert Roßmann schreibt in der SZ ganz treffend: "Mit dem Argument, angeblich grüne Bevormundungspolitik zu betreiben, kann man in der CDU bequem alle Debatten beenden."

Das ist die traurige Bilanz dieses Parteitags.

Deutschland auf vorletztem Platz im Präventionsranking der AOK: hier 04.12.2025
Neuer Public Health Index: Deutschland auf vorletztem Platz bei wissenschaftlich empfohlenen Präventionsmaßnahmen



Jasper Balke • 

Wenn die eigene Ideologie mehr wert ist als evidenzbasierte Politik

Ich habe im Oktober den Plenarantrag zur Zuckersteuer und der damit verbundenen Bundesratsinitiative geschrieben und gemeinsam mit der CDU Schleswig-Holstein in den Landtag eingebracht und beschlossen.

Die #Zuckersteuer ist das am besten evaluierte Mittel, das ein Staat schaffen kann, um Gesundheit zu fördern und Folgekosten für das Gesundheitswesen zu verhindern.
In der EU sehen das fast alle anderen Staaten genauso, auf der Welt gibt laut WHO Global Database 108 Staaten, die eine nationale Zuckersteuer haben. Die Datenlage ist deshalb sehr breit und eindeutig.

In Deutschland - dem Land mit den pro Kopf dritthöchsten Gesundheitsausgaben und dem schlechtesten Public Health Index in der Europäischen Union, sieht das die produzierende Zuckerindustrie anders.

Deren Lobbyarbeit hat es erfolgreich bis zur stellvertretenden Generalsekretärin der CDU und vielen anderen geschafft, perfekt kommuniziert gebündelt in einem einzigen Ausspruch „Grüne Bevormundungspolitik“.


Ich möchte deutlich werden: 
Wenn wir unsere Gesundheitspolitik im Bereich Public Health weiterhin von Lobbyinteressen und
ideologiegetriebenen Anti-Grünen-Worthülsen diktieren lassen, dann fährt dieses System komplett an die Wand. 

Es ist unverantwortlich den Menschen in diesem Land gegenüber, so eine Politik zu machen.


Wer individuelles Leid verhindern will, die Gesundheitsausgaben senken möchte und unser Gesundheitssystem wirklich spürbar verbessern möchte, muss konsequente Präventionspolitik machen.

Auf die CDU Deutschlands ist hierbei aufs Neue kein Verlass. Ideologie schlägt erneut Verantwortung.
Gut, dass ich in Schleswig-Holstein weiterhin mit einer CDU koaliere, die zumindest teilweise auf pragmatische Sachargumente eingeht und weiß, wie wissenschaftliche Evidenz und die Verantwortung von Politik gegenüber der Bevölkerung funktioniert. 

Danke an alle, die in den vergangenen Wochen zusammen mit mir und anderen versucht haben, die Debatte zu versachlichen und auch in Zukunft weiterhin für Public Health zu kämpfen.

Es braucht jetzt eine noch deutlichere Kommunikation und Öffentlichkeit hin zu einer vernunftbasierten Gesundheitspolitik - etwas anderes bleibt uns gar nicht übrig.



Daniel Mautz  LinkedIn

Daniel Günther macht gerade etwas, was in der Union selten geworden ist

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident will eine Steuer auf gezuckerte Getränke über den Bundesrat durchsetzen, nachdem der CDU Deutschlands-Parteitag den Antrag seines Landesverbands abgeschmettert hat. 

Die stellvertretende CDU-Generalsekretärin Christina Stumpp nannte die Zuckersteuer „grüne Bevormundungspolitik". 

Ein Framing, das direkt aus dem Handbuch der Getränkeindustrie stammt. Und ein Framing, das eine Mehrheit der CDU-Delegierten offenbar bereitwillig übernommen hat. Günther selbst hat den Mechanismus klar benannt. Die Argumente auf dem Parteitag hatten nichts mit Jugendschutz zu tun, sondern es war eine Abwehrdebatte, weil man glaubte, die Zuckersteuer belaste die Wirtschaft.

Dabei sagen die Fakten das Gegenteil. Der Zuckerkonsum verursacht jährlich Gesundheitskosten von knapp zwölf Milliarden Euro in Deutschland. Etwa ein Viertel der Kinder und Jugendlichen ist übergewichtig. 


46 Verbraucher- und Medizinerverbände hatten vor dem Parteitag für eine Zuckersteuer geworben,
darunter die Bundesärztekammer. 

Länder, die eine solche Steuer eingeführt haben,
verzeichnen nachweislich einen Konsumrückgang. 

Laut Forsa befürworten 60 Prozent der Bevölkerung eine gestaffelte Zuckersteuer.


Aber auf einem CDU-Parteitag wiegt das Wort „Bevormundung" offenbar schwerer als die Bundesärztekammer, die Datenlage und die internationale Erfahrung zusammen. Die Antragskommission hatte die Ablehnung vorab empfohlen. So funktioniert vorgelagerte Einflussnahme ohne offenes Lobbying.

Herr Günther, bleiben Sie dran. Der Bundesrat ist der richtige Weg. Es gibt in diesem Land zu wenige Unionspolitiker:innen, die bereit sind, sich mit der eigenen Partei anzulegen, wenn die Evidenz eindeutig ist. 

Wer Gesundheitsprävention als Bevormundung abtut, betreibt keine bürgerliche Politik, sondern Umsatzschutz für die Süßgetränkeindustrie.




Oliver Huizinga • Abteilungsleiter Prävention @ AOK-Bundesverband 

Mein Faktencheck zur Zuckersteuer-Debatte auf dem CDU Parteitag. 

Spoiler: Die Gegner der Maßnahme stützen ihre Ablehnung auf Fehlinformationen 

  • Christina Stumpp, stv. Generalsekretärin: „Zuckersteuern liefern nicht die versprochenen Ergebnisse. (…) Übergewicht in Großbritannien ist nicht zurück gegangen.“ 

Das ist irreführend. Die Effekte haben selbst Befürworter überrascht:
    • Der Zuckergehalt der betroffenen Produkte ist 2015-2024 um 47% gesunken
    • Der durchschnittliche Zuckerkonsum ist ein Jahr nach der Einführung signifikant zurück gegangen (Erwachsene um 11g / Tag und Kinder 5g / Tag) 
    • Bei 10–11-jährigen Mädchen sank die Adipositasprävalenz 8% relativ im Vergleich zum Szenario Nicht-Einführung, am stärksten in benachteiligten Regionen
    • Zudem sind die Krankenhaus-Einweisungen wegen Karies bei Kindern und Jugendlichen um 12%, bei Kleinkindern (≤4 Jahre) sogar um 28 Prozent zurück gegangen 

Dass Übergewicht in der  Gesamtbevölkerung weiter gestiegen ist, ist kein Beleg für Unwirksamkeit. Das heißt nur, dass die Maßnahme allein die Übergewichts-Epidemie nicht stoppt. Das kann keine (!) Einzelmaßnahme leisten. Die britische Regierung ergänzt die Abgabe daher seit 2026 durch umfassende Werbeschranken für Ungesundes. 

  • Minister Peter Hauk (BW): „Die Zuckersteuer steuert kein Ernährungsverhalten.“ 
Das ist nachweislich falsch. In Großbritannien ist der Zuckerkonsum durch die Zuckersteuer signifikant zurück gegangen (s.o.). Minister Hauk verbreitet Fake News, wenn er Effekte auf das Ernährungsverhalten pauschal abstreitet. Und das war kein Versprecher, er hat die Aussage  wiederholt getroffen. 

  • Dr. Marco Moormann, LV Niedersachsen: „Die freiwillige Zuckerreduktion hat zu mehr als 15 Prozent Reduktion in den Getränken seit 2018 geführt.“ 
Das ist irreführend. Dem offiziellen Monitoring des Max Rubner-Instituts zufolge lag die Zuckerreduktion bei Softdrinks seit 2018 bei 9 Prozent. Die 15 % beziehen sich auf das Segment "marktrelevant". Der Haken: Die Stichprobe 2018 war unvollständig, was die Vergleichbarkeit einschränkt. Robuste Vergleiche seien erst ab 2019 möglich, sagt das MRI selbst. Und das macht einen großen Unterschied: zwischen 2019 und 2024 lag die Zuckerreduktion bei Softdrinks gerade mal bei relativ 3,5 Prozent (von 5,9g auf 5,7g / 100ml). 

Hier liegt der größte Widerspruch. Die Zuckersteuer-Gegner feiern eine minimale freiwillige Zuckerreduktion in Deutschland als großen Erfolg. Die um ein Vielfaches (!) größeren Effekte in UK hingegen reden sie klein. Das passt  nicht zusammen. 

Fazit: Der Drops ist (erstmal) gelutscht. Die CDU hat sich konträr zu den Empfehlungen der WHO und von 46 Verbänden und wissenschaftlichen Fachgesellschaften positioniert. 

Dennoch finde ich es wichtig, sachlich darzustellen, mit welchen Fehlinformationen auf dem Parteitag Stimmung gemacht wurde. Die falschen Argumente werden wir ja noch öfter zu hören bekommen. Spätestens, wenn die angekündigte Bundesratsinitiative ins Rollen kommt. 🤞


Kommentar dazu Dr. med. Christina Hecker 

Die CDU-Funktionäre kennen offenbar nicht den Begriff "Vorsorgeprinzip", der in Deutschland rechtlich geregelt ist.  Dann wüssten sie, dass auch ohne handfeste Beweise und bei Verdacht auf Gesundheitsschäden vorsorglich  gehandelt werden muss.


Zeit  hier

Zuckersteuer auf Getränke: Schleswig-Holstein will Zuckersteuer über Bundesrat voranbringen


Morgenpost hier

„Hart aber fair“: Lauterbach zerlegt FDP-Argument gegen Zuckersteuer

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