Dienstag, 3. Februar 2026

"Ganz ehrlich: Europa macht Energiewende so, als würde man wollen, dass sie scheitert"

 NTV  hier  01.02.2026, Podcast aus dem Klima-Labor (im Originaltext ganz unten)



Autokraten begreifen den Wandel

"Teuer wird der Strom komischerweise erst, sobald er im Netz landet", sagt Greg Jackson im "Klima-Labor" von ntv.
Der Brite geht im Podcast hart mit der europäischen Politik ins Gericht. Ihm zufolge lässt sie sich von Lobbyisten zu falschen und teuren Lösungen verleiten: "Etablierte Akteure wissen nicht, wie sie mit Disruption und Veränderung umgehen oder sogar Geld verdienen sollen." Wie man es besser macht, sieht man ihm zufolge in Ländern wie Saudi-Arabien: "Der gesamte Nahe Osten folgt dem norwegischen Modell."

ntv.de: Im vergangenen Jahr haben erneuerbare Energien einen Anteil von 55,9 Prozent am deutschen Strommix gehabt. 2030 sollen es 80 Prozent sein. Ist das machbar?

Greg Jackson: Wenn man Emissionen senken will, sollte man alles elektrifizieren, was geht. Entscheidend ist letztlich aber nicht, wie viel Prozent des Stroms erneuerbar sind: Nur 25 oder 30 Prozent unseres Energieverbrauchs sind Strom. Alles andere ist Gas in Fabriken oder Benzin in den Autos. Selbst ein E-Auto, bei dem der gesamte Strom mit Gas hergestellt wird, hat weniger Emissionen als ein fossiles Auto. Wer sich also unermüdlich darauf konzentriert, Strom erneuerbar zu machen, riskiert, die Strompreise in die Höhe zu treiben und die öffentliche Zustimmung für die Energiewende zu verlieren.

Ein zu starker Fokus auf erneuerbare Energien treibt den Strompreis in die Höhe?

Wenn man erneuerbare Energien richtig nutzt, senken sie die Strompreise. Das machen wir in Europa aber nicht. Ganz ehrlich: Wenn man wollte, dass die erneuerbaren Energien scheitern, würde man wahrscheinlich das tun, was wir tun.

Was machen wir denn?

Etablierte Unternehmen der fossilen Brennstoffwirtschaft, aber auch der Stromindustrie bauen immer neue Anlagen, bevorzugt an den falschen Orten. Deshalb müssen wir zusätzlich ein enorm großes Stromnetz bauen. Das ist teuer. Das muss aufhören.

Wir nutzen auch nicht Batterien, Elektrofahrzeuge und Flexibilität, um die Preise zu senken. Das wäre möglich. In Großbritannien sorgen flexible Verbraucher für viermal günstigere Strompreise als Kohlekraftwerke auf Stand-by. Trotzdem sind wir in Europa das einzige Land, in dem Verbraucherflexibilität in großem Maßstab umgesetzt wird.

Bei der deutschen Regierung scheint Flexibilität nicht auf der Agenda zu stehen. Davon hört man jedenfalls nichts.

Regierungen hören immer auf die Industrie. Gerade die fossile Industrie hat viele Lobbyisten. Die Zukunft? Nicht. Niemand wirbt für Dinge, die es nicht gibt. Aber etablierte Akteure wissen nicht, wie sie mit Disruption und Veränderung umgehen oder sogar Geld verdienen sollen. Deshalb zwingen sie der Politik teure bestehende Lösungen auf. 

Das war in anderen Branchen ähnlich. Etablierte Medien haben anfangs versucht, das Internet zu stoppen, weil sie nicht wussten, wie sie damit arbeiten sollen. In der Musikindustrie mussten illegale Streamingplattformen zeigen, wie man mit digitaler Musik Geld verdienen kann.

Sie sagen, dass börsennotierte Unternehmen von Quartalsergebnissen getrieben sind und deshalb langfristige Investitionen meiden, die zu viel besseren Ergebnissen führen könnten. Ist es in der Politik mit Wahlen ähnlich?

Ich bin ein großer Fan der Demokratie, aber man muss feststellen: Die größten und mutigsten Entscheidungen im Energiebereich werden von Ländern getroffen, die keine regelmäßigen oder demokratischen Wahlen haben. 

  • China hat in den 2000er Jahren entschieden, auf Elektrofahrzeuge zu setzen. Heute stellt China drei Viertel aller weltweit genutzten Erneuerbaren her, von E-Autos über Batterien bis hin zu Windkraftanlagen und Solaranlagen. 
  • Der Nahe Osten hat sein ganzes Geld mit Öl und Gas verdient. Jetzt setzt in den Vereinigten Arabischen Emiraten eine Firma namens Masdar ein Projekt um, das 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche sauberen Strom bereitstellen wird - mit einer Kombination aus Solaranlagen und Batteriespeichern.
Weil dieser Strom auch für die Emirate günstiger ist?

Ja. Der gesamte Nahe Osten folgt dem norwegischen Modell: Sie bauen riesige saubere Energiekapazitäten für sich selbst - ihr Öl und Gas verkaufen sie ans Ausland. Saudi-Arabien möchte bis 2030 70 Gigawatt an erneuerbaren Energien errichten. Um das ins Verhältnis zu setzen: Das Vereinigte Königreich ist ein 50-Gigawatt-Strom-System. Saudi-Arabien wird also in vier Jahren mehr Erneuerbare zubauen, als das gesamte Vereinigte Königreich heute an Strom verbraucht.

Wo finde ich das "Klima-Labor"?

Dieses Interview ist eigentlich ein Podcast, den Sie sich anhören können: "Das Klima-Labor von ntv" finden Sie auf ntv.de und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts, Spotify, RSS-Feed.


China baut gleichzeitig zwei Stromsysteme: ein sauberes und ein fossiles. Sollten sich Länder wie Deutschland daran orientieren?

Entscheidend ist, dass erneuerbare Energien eine viel feinere und dynamischere Preisgestaltung als das fossile System benötigen. So kann man das meiste aus den Zeiten herausholen, in denen überschüssiger grüner Strom vorhanden ist. Definitiv können wir die Erneuerbaren nicht wie bisher ohne Reform des Energiemarktes aufbauen. Das macht es teuer. 

Mobiltelefonen haben wir auch nicht vorgeschrieben, dass sie wie Festnetzleitungen immer erreichbar sein müssen. So hätten sie sich nie durchgesetzt. Neue Technologien können viele Dinge, die alte Technologien nicht können, aber manches eben nicht. In der Energiewelt wird aber wie wild für alte Standards lobbyiert. Damit blockieren wir Fortschritt.

Wie zuversichtlich sind sie, dass Deutschland das neue System und den nötigen Wandel versteht?

Deutschland ist ein großartiges Beispiel für den Einfluss von Lobbyisten. Die deutsche Industrie hat das Land abhängig von russischem Gas gemacht. Eine andere Lobby hat die Regierung überzeugt, alle Atomkraftwerke stillzulegen. Wenn man nur auf Lobbyisten hört und seine Meinung immer wieder ändert, bleiben viele wertlose Investitionen und Abschreibungen zurück. Das ist den Lobbyisten egal. Die werben nur, wofür sie bezahlt werden.

Sowohl Bundeskanzler Merz als auch Wirtschaftsministerin Reiche haben in der Wirtschaft gearbeitet. Die beiden wissen genau, was "Stranded Assets" und Abschreibungen sind. Sehr wahrscheinlich wissen sie auch, dass der deutsche Strommarkt ineffizient ist und Geld verbrennt. Warum wird das nicht sofort geändert?

Die überwiegende Mehrheit der etablierten Unternehmen profitiert von der heutigen Funktionsweise. Wenn die Politik versucht, das System zu ändern, stehen die Lobbyisten sofort in den Büros und drohen mit Stromausfällen oder wegfallenden Arbeitsplätzen. Dann weichen Regierungen zurück oder schließen Kompromisse.

Die aber nichts bringen?

Als ich jung war, hat die britische Premierministerin Margaret Thatcher gesagt: Der gefährlichste Ort ist mitten auf der Straße, weil man von beiden Seiten angefahren wird. Dort stehen wir heute mit der Energiewende: Die halbe Strecke ist geschafft. Jetzt möchten einige Leute stehenbleiben oder sogar rückwärtsgehen und sich umsonst überfahren lassen. Die beste Entscheidung ist, die Straße zu überqueren. 

Wenn der Energiemarkt reformiert wird, bekommen wir günstigen Strom. Die meisten haben es wahrscheinlich schon vergessen, aber vor drei Jahren musste Europa 500 Milliarden Euro ausgeben, um hohe Gasrechnungen zu senken. An diesen Gefahren hat sich nichts geändert, schauen Sie sich Grönland, Venezuela oder den Nahen Osten an. 

Wer erneuerbare Erzeugung und Batterien kauft,
hat mindestens 20 Jahre Energiesicherheit. 

Wer Gas, Öl oder Benzin verbrennt,
muss direkt im Anschluss Nachschub kaufen.


Haushalte mit einer Solaranlage erhalten schon jetzt unglaublich günstigen Strom. Teuer wird der Solarstrom komischerweise erst, sobald er im Netz landet: 60 Prozent der deutschen Stromkosten sind Steuern, Abgaben und Netzentgelte.

Die Menschen müssen der Politik das neue System wie bei einer Revolution aufzwingen?

Das passiert bereits. In Pakistan ist der nationale Netzbetreiber im Grunde bankrott, weil so viele Menschen beschlossen haben, sich mit Solarenergie und Batterien selbst zu versorgen. Das wird auch in anderen Ländern passieren, Solaranlagen und Batterien werden jedes Jahr günstiger. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass sich die meisten Menschen weitgehend vom öffentlichen Netz abkoppeln. Das ist gut für die Stromrechnung und auch fürs Klima.

Mit Greg Jackson sprach Christian Herrmann. Das Gespräch wurde auf Englisch geführt und zur besseren Verständlichkeit übersetzt, gekürzt und geglättet. Ausschnitte des Gesprächs können Sie sich im Podcast "Klima-Labor" anhören.



FRankfurter Rundschau hier  01.02.2026  Richard Strobl

Strompreis künstlich zu hoch? Energie-CEO rechnet mit EU-Politik ab – und macht heikle Prognose

Strompreis künstlich zu hoch? Energie-CEO rechnet mit EU-Politik ab – und macht heikle Prognose
Strom aus Erneuerbaren sei eigentlich günstig. Das komme wegen falscher Politik aber nicht an. Ein Energie-Unternehmer rechnet mit Europas Politik ab.

 „Erneuerbare Energien sind inzwischen die Basis der Stromerzeugung in Deutschland.“ Zu diesem Schluss kommt die KfW nach neuesten Berechnungen. 56 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms komme aus Wind (29%), Sonne (16%), Biomasse und Wasserkraft (11%). Das Problem ist jedoch, dass dieser Strom für Haushalte und Industrie scheinbar viel zu teuer ist. Das liegt aber nicht am Strom, sondern an politischen Fehlentscheidungen, meint nun ein bekannter Energie-Unternehmer. Dadurch drohe die gesamte Energiewende zu scheitern.

Der CEO des größten britischen Energieversorgers Octopus Energy, Greg Jackson, kritisiert gegenüber ntv die europäische und insbesondere die deutsche Energiepolitik scharf. Er argumentiert, dass die Energiewende in Europa ineffizient umgesetzt wird, was zu unnötig hohen Kosten führt. Jackson betont, dass erneuerbare Energien eigentlich den günstigsten Strom erzeugen, aber die Vorteile bei den Verbrauchern nicht ankommen .

„Erneuerbare senken die Strompreise“ – eigentlich: 
Energie-CEO rechnet mit Europas Politik ab
„Wenn man erneuerbare Energien richtig nutzt, senken sie die Strompreise. Das machen wir in Europa aber nicht“, so Greg Jackson gegenüber ntv. Für den deutschen Strommarkt prognostiziert der Unternehmer, dass die Preise nicht sinken werden, solange das System nicht grundlegend reformiert wird. Er kritisiert, dass 60 Prozent der deutschen Stromkosten aus Steuern, Abgaben und Netzentgelten bestehen, was den eigentlich günstigen Solarstrom teuer macht, sobald er ins Netz eingespeist wird.

Jackson sieht die Lösung in einer Marktreform, die eine feinere und dynamischere Preisgestaltung ermöglicht. Dies würde es erlauben, Überschüsse an grünem Strom besser zu nutzen. Er warnt davor, dass ohne solche Reformen die Energiewende teuer bleibt und möglicherweise scheitert .


Über Greg Jackson:
Greg Jackson ist ein britischer Unternehmer und Geschäftsmann, der Gründer und CEO von Octopus Energy ist, dem größten Energieversorger im Vereinigten Königreich, der 12,9 Millionen Kunden in 7,3 Millionen Haushalten versorgt und in 27 Ländern aktiv ist

Ein interessanter Vergleich wird mit Pakistan gezogen. Jackson berichtet, dass dort der nationale Netzbetreiber praktisch bankrott ist, weil viele Menschen beschlossen haben, sich mit Solarenergie und Batterien selbst zu versorgen. Er prognostiziert, dass sich dieser Trend auch in anderen Ländern fortsetzen wird, da Solaranlagen und Batterien jährlich günstiger werden .

Für Deutschland bedeutet dies laut Jackson, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die meisten Menschen weitgehend vom öffentlichen Stromnetz abkoppeln. Er sieht darin sowohl Vorteile für die Stromrechnung der Verbraucher als auch für das Klima .

Die Schuld für die Entwicklung sieht der CEO bei Lobbyisten, denn die Politik höre schlicht auf das, was die Wirtschaft und Industrie ihr sage. Jackson argumentiert, dass etablierte Unternehmen oft Fortschritt blockieren, weil sie nicht wissen, wie sie mit Disruption und Veränderung umgehen oder davon profitieren können. Das sei besonders auffällig in Deutschland: Während ein Lobby-Zweig das Land zunächst von russischem Gas abhängig gemacht habe, habe ein anderer Zweig die Politik davon überzeugt Atomkraftwerke abzuschalten. Nirgends in Europa sind die Strompreise übrigens so hoch, wie in Deutschland.

Europa auf Energie-Irrweg? Unternehmer zeigt deutsche Fehler auf
Da bestehende Energie-Unternehmen vom aktuellen System profitieren würden, würden sie versuchen dieses zu erhalten, so Jackson. Man sei aktuell auf halbem Weg bei der Energiewende. Nun würden einige Kräfte dazu drängen umzukehren. Wenn die Reform des Marktes jedoch gelingt, würden die Strompreise rapide fallen. Zudem habe man dann Energiesicherheit, da man unabhängiger von Gas und Öl werde.

Insgesamt zeichnet Jackson ein Bild eines ineffizienten deutschen Strommarktes, der dringend reformiert werden muss, um die Vorteile erneuerbarer Energien voll auszuschöpfen und wettbewerbsfähig zu bleiben. 

Sein Credo: Will man Emmissionen reduzieren, sollte man so viel wie möglich elektrifizieren. Dabei sei es aber letztlich nicht entscheidend, wie viel Prozent des Stroms wirklich aus Erneuerbaren stamme: „Selbst ein E-Auto, bei dem der gesamte Strom mit Gas hergestellt wird, hat weniger Emissionen als ein fossiles Auto“, so Jackson. Die Politik fokussiere sich aktuell zu starr darauf Strom sofort komplett erneuerbar zu machen. Dadurch würden die Strompreise steigen und man verliere die Zustimmung zur Energiewende in der Bevölkerung. (Verwendete Quellen: ntv, dpa, afp)

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