Tagesspiegel hier Von Felix Hackenbruch 16.11.2025
Vorschlag vor Parteitag: Grüne wollen 600 Stunden Gratis-Strom für alleIm Sommer müssen häufig Solarfelder und Windräder abgestellt und die Betreiber entschädigt werden. Die Grünen wollen mit einem „Solarbonus“, dass in dieser Zeit der Strom künftig kostenlos ist.
Der Satz gehört zur Folklore auf jedem Parteitag der Grünen: „Die Sonne schickt keine Rechnung“, heißt es von Grüner-Seite immer wieder als Argument für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Wind- und Sonnenkraft sollen das Land nicht nur von fossilen Autokratien abhängig und klimafreundlicher machen, sondern auch die Geldbeutel der Kunden entlasten.
Doch bislang hat sich die Energiewende für viele Deutsche noch nicht bezahlt gemacht. Wer sich keine eigene PV-Anlage aufs Dach schrauben kann, profitiert oft nicht von den vielen Windrädern und Solaranlagen, die im ganzen Land gebaut werden. Denn die meisten Stromtarife für Verbraucher sind starr und der Preis auf dem gesamten Strommarkt bemisst sich nach der teuersten Quelle – meist Kohle oder Gas.
Doch bei den Grünen gibt es nun eine Idee, die die Akzeptanz für die Energiewende steigern und die Stromrechnung senken soll. Konkret geht es um einen sogenannten „Solarbonus“, der im Sommer 600 Stunden Gratis-Strom für alle Haushalte verspricht. Das Konzept, das der frühere Direktor des Thinktanks Agora Energiewende, Simon Müller, erarbeitet hat, soll auf dem Grünen-Parteitag in Hannover in zwei Wochen beschlossen werden.
„Im Sommer haben wir wegen des erfolgreichen Ausbaus der Erneuerbaren inzwischen tagsüber zu viel Strom und zu wenig Verbrauch“, sagt Müller im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Die Folge: der Strom muss abgeregelt werden. Die Besitzer von Windanlagen und Solaranlagen, die ihren Strom nicht ins Netz leiten können, werden auf Grundlage der EEG-Vergütung entschädigt.
Müller will das ändern, indem die Netzentgelte in den Sommermonaten in der Tagesmitte auf Null gesenkt werden. Stromkunden sollen so dazu animiert werden, in den Mittagsstunden viel Strom zu nutzen und auch mögliche Batteriespeicher zu füllen. Damit sollen nicht nur die Netze entlastet, sondern auch der Strombedarf in den Morgen- und Abendstunden reduziert werden. Denn da ist die Produktion bislang besonders teuer und klimaschädlich.
Nur wenige Kunden haben dynamische Stromtarife
Diesen Effekt will der Energieexperte Müller noch vergrößern, indem er für Menschen mit privaten Solaranlagen einen neuen „Booster-Tarif“ einführt. Dieser soll private Stromerzeuger dazu motivieren, dass sie vor allem in den Abendstunden ihren gespeicherten Strom in den Markt bringen. Durch das steigende Stromangebot würden dann insgesamt die Strompreise sinken.
„Die Systematik der Netzentgelte kommt aus dem letzten Jahrhundert, da ist viel Spielraum, um Kosten zu sparen“, sagt Müller. Mit seinem Konzept will er den Trend zu dynamischen Netzentgelten und Strompreisen unterstützen. Zwar sind die Stromlieferanten schon jetzt verpflichtet, flexible Stromtarife auch für Privatkunden anzubieten, doch bislang ist die Nachfrage für solche Tarife, für die es einen intelligenten Stromzähler (Smart Meter) benötigt, noch überschaubar.
Für Lieferanten und Netzbetreiber würde das Konzept, die ihren Strom an Sommertagen bislang trotz Überproduktion zum Standardpreis verkaufen, jedoch finanzielle Einbuße bedeuten. Laut Müller eine Summe von rund zwei Milliarden Euro für 400 Stunden Gratis-Strom. Eine Summe, die man mit Steuergeld erstatten könne, findet er.
Das nutzt dem System und schafft Akzeptanz.
Grünen-Vize Sven Giegold lobt den Solarbonus.
Er fordert von der Branche aber auch Erneuerungen. „Stromlieferanten müssen innovativer werden“, sagt Müller und verweist auf neue Geschäftsmodelle. So würden mit seinem Konzept etwa Speicher auch für Menschen attraktiv, die keine PV-Anlagen besitzen. Für die Hersteller eine Chance.
Auf dem Grünen-Parteitag Ende November in Hannover hat Müller für seinen „Solarbonus“ einen Antrag eingebracht. Unterstützung erfährt er schon jetzt von Vize-Parteichef Sven Giegold. „Im Moment zahlen wir im Sommer dafür, dass die Erneuerbaren nicht laufen“, sagt er und lobt den „Solarbonus“. „Das nutzt dem System und schafft Akzeptanz.“
Der Vorschlag passt zum Leitantrag, den die Grünen-Spitze zum Thema Energie und Klima für den Parteitag eingebracht hat. Dort will man weitere Maßnahmen vorschlagen, um die Energiewende noch mehr aus Verbrauchersicht zu gestalten. Der Klimaschutz „wird aber nur dann breite gesellschaftliche Akzeptanz erfahren, wenn er gerecht gestaltet wird, wenn es sich alle leisten können und etwas davon haben“, heißt es darin.
Simon Gabriel Müller LinkedIn
⚡ 𝟲𝟬𝟬 𝗦𝘁𝘂𝗻𝗱𝗲𝗻 𝗦𝘁𝗿𝗼𝗺 𝗴𝗲𝘀𝗰𝗵𝗲𝗻𝗸𝘁. 𝗙ü𝗿 𝗮𝗹𝗹𝗲. – 𝗪𝗶𝗲 𝘀𝗼𝗹𝗹 𝗱𝗮𝘀 𝗱𝗲𝗻𝗻 𝗴𝗲𝗵𝗲𝗻?
Vor ein paar Tagen hatte ich eine Idee, die erstmal überraschend klingt.
Das Erstaunliche: 𝗘𝘀 𝗴𝗲𝗵𝘁. Mit Mechanismen, die unser Stromsystem bereits heute hergibt.
🔍 𝗪𝗮𝘀 𝗶𝘀𝘁 𝗱𝗲𝗿 𝗦𝗼𝗹𝗮𝗿𝗯𝗼𝗻𝘂𝘀?
Der Solarbonus garantiert allen Stromkund:innen 𝟲𝟬𝟬 𝗸𝗼𝘀𝘁𝗲𝗻𝗹𝗼𝘀𝗲 𝗦𝗼𝗺𝗺𝗲𝗿𝘀𝘁𝘂𝗻𝗱𝗲𝗻, und zwar genau dann, wenn Sonne & Wind Strom ohnehin extrem günstig machen.
➡️ 𝗞𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗘𝗶𝗻𝗴𝗿𝗶𝗳𝗳𝗲 𝗶𝗻 𝗱𝗲𝗻 𝗦𝘁𝗿𝗼𝗺𝗺𝗮𝗿𝗸𝘁
➡️ 𝗡𝘂𝘁𝘇𝘂𝗻𝗴 𝗿𝗲𝗮𝗹𝗲𝗿 𝗨̈𝗯𝗲𝗿𝘀𝗰𝗵𝘂𝘀𝘀- 𝘂𝗻𝗱 𝗡𝗶𝗲𝗱𝗿𝗶𝗴𝗽𝗿𝗲𝗶𝘀𝘀𝘁𝘂𝗻𝗱𝗲𝗻
1️⃣ 𝗪𝗮𝗿𝘂𝗺 𝗱𝗮𝘀 𝗳𝘂𝗻𝗸𝘁𝗶𝗼𝗻𝗶𝗲𝗿𝘁
Im Sommer ist Strom tagsüber zuverlässig 𝗴𝘂̈𝗻𝘀𝘁𝗶𝗴.
Regelmäßig treten sogar 𝗻𝗲𝗴𝗮𝘁𝗶𝘃𝗲 𝗣𝗿𝗲𝗶𝘀𝗲 auf – sauberer Strom wird zum Abfallprodukt, weil wir Erneuerbare nicht flexibel genug nutzen können.
Mit dem massiven PV-Ausbau bis 2045 wird günstiger Sommerstrom so selbstverständlich werden wie Spargel im Frühsommer oder graue Wintertage in Berlin.
2️⃣ 𝗪𝗶𝗲 𝗱𝗮𝘀 𝗳𝘂𝗻𝗸𝘁𝗶𝗼𝗻𝗶𝗲𝗿𝘁:
🟦 𝗠𝗮𝗿𝗸𝘁𝗸𝗼𝗺𝗽𝗼𝗻𝗲𝗻𝘁𝗲
Der Solarbonus berücksichtigt die 𝟲𝟬𝟬 𝗴ü𝗻𝘀𝘁𝗶𝗴𝘀𝘁𝗲𝗻 𝗦𝘁𝘂𝗻𝗱𝗲𝗻 im Sommer:
- 𝟬-𝗖𝗲𝗻𝘁-𝗦𝘁𝘂𝗻𝗱𝗲𝗻 = 𝘀𝗼𝘄𝗶𝗲𝘀𝗼 𝗴𝗿𝗮𝘁𝗶𝘀.
- Fehlen Stunden, werden nur die 𝗿𝗲𝗮𝗹𝗲𝗻 𝗕𝗲𝘀𝗰𝗵𝗮𝗳𝗳𝘂𝗻𝗴𝘀𝗸𝗼𝘀𝘁𝗲𝗻 der günstigsten fehlenden Stunden erstattet.
➡️ 𝗞𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗠𝗮𝗿𝗸𝘁𝘃𝗲𝗿𝘇𝗲𝗿𝗿𝘂𝗻𝗴.
🟩 𝗡𝗲𝘁𝘇𝗸𝗼𝗺𝗽𝗼𝗻𝗲𝗻𝘁𝗲
In PV-Spitzenstunden werden die 𝗡𝗲𝘁𝘇𝗲𝗻𝘁𝗴𝗲𝗹𝘁𝗲 𝗮𝘂𝗳 𝗡𝘂𝗹𝗹 gesetzt – wenn mehr Nachfrage 𝗻𝗲𝘁𝘇𝗱𝗶𝗲𝗻𝗹𝗶𝗰𝗵 wirkt.
🔎 Die 𝗠𝗼𝗻𝗼𝗽𝗼𝗹𝗸𝗼𝗺𝗺𝗶𝘀𝘀𝗶𝗼𝗻 befürwortet solche Absenkungen explizit in ihrem Sektorgutachten. Und seit April 2025 müssen Netzbetreiber ohnehin zeitvariable Entgelte anbieten.
3️⃣ 𝗪𝗮𝘀 𝗲𝘀 𝗯𝗿𝗶𝗻𝗴𝘁: 𝗙𝗹𝗲𝘅𝗶𝗯𝗶𝗹𝗶𝘁𝗮̈𝘁 + 𝗥𝘂̈𝗰𝗸𝗵𝗮𝗹𝘁
Deutschland ist laut IEA bereits in 𝗣𝗵𝗮𝘀𝗲 𝟱 von 6 der Stromsystemtransformation: Erneuerbare erzeugen 𝗿𝗲𝗴𝗲𝗹𝗺𝗮̈ß𝗶𝗴𝗲 Ü𝗯𝗲𝗿𝘀𝗰𝗵𝘂̈𝘀𝘀𝗲.
Der Solarbonus schafft, was bisher fehlt:
- macht flexible Nutzung 𝗮𝘁𝘁𝗿𝗮𝗸𝘁𝗶𝘃 𝘂𝗻𝗱 𝗲𝗶𝗻𝗳𝗮𝗰𝗵
- aktiviert 𝗦𝗽𝗲𝗶𝗰𝗵𝗲𝗿, 𝗪𝗮̈𝗿𝗺𝗲𝗽𝘂𝗺𝗽𝗲𝗻, 𝗘-𝗔𝘂𝘁𝗼𝘀, 𝗚𝗲𝘄𝗲𝗿𝗯𝗲𝗽𝗿𝗼𝘇𝗲𝘀𝘀𝗲
- legt die Basis, um künftig auch 𝗪𝗶𝗻𝗱𝗼̈𝗯𝗲𝗿𝘀𝗰𝗵𝘂̈𝘀𝘀𝗲 besser zu nutzen
⚡ 𝗙𝗹𝗲𝘅𝗶𝗯𝗶𝗹𝗶𝘁𝗮̈𝘁 entscheidet, ob das Netz 𝗴𝘂̈𝗻𝘀𝘁𝗶𝗴 & 𝘀𝘁𝗮𝗯𝗶𝗹 wird – oder 𝘁𝗲𝘂𝗲𝗿 & 𝘂𝗻𝘃𝗲𝗿𝗹𝗮̈𝘀𝘀𝗹𝗶𝗴.
Und: 🎉 𝗘𝗻𝗱𝗹𝗶𝗰𝗵 𝘀𝗽𝘂̈𝗿𝗲𝗻 𝗮𝗹𝗹𝗲 𝗱𝗶𝗲 𝗩𝗼𝗿𝘁𝗲𝗶𝗹𝗲 𝗱𝗲𝗿 𝗘𝗻𝗲𝗿𝗴𝗶𝗲𝘄𝗲𝗻𝗱𝗲. 🎉
📄 𝗪𝗲𝗶𝘁𝗲𝗿𝗳ü𝗵𝗿𝗲𝗻𝗱𝗲 𝗜𝗻𝗳𝗼𝘀
📰 Artikel:
https://lnkd.in/eeanpm6B
📘 Kurz-Zusammenfassung (PDF):
https://lnkd.in/ePe_TH7N
📙 Vollständiges Konzept (PDF):
https://lnkd.in/eG4gCAGj

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