Samstag, 29. November 2025

Im blauen Paralleluniversum

Frank Hennemann LinkedIn

Es passiert gerade etwas Wunderschönes im blauen Paralleluniversum. Ein politisches Drama, geschrieben von Leuten, die nicht merken, dass sie sich selbst aus dem öffentlichen Leben boykottieren. 

Ein Fest für jeden Beobachter, der Humor aushält.

Fangen wir an mit meinem Lieblingsstück aus dem AfD-Weihnachtszirkus. Der große Drogerie-Boycott. Rossmann hat sich erdreistet, klarzustellen, dass man mit Rechtsextremen nichts zu tun haben möchte, und zack verwandelt sich die AfD-Bubble in eine operettehafte Gegenbewegung. Man ruft sich gegenseitig auf X zu: Boycott Rossmann. Die Freiheit wird jetzt also an der Duschgelkasse verteidigt.

Was für ein Epos.

Ich sehe diese Heldinnen und Helden richtig vor mir. Sie stehen im Drogeriemarkt ihrer Wahl, starren geschockt auf das Regal und flüstern ihren Wattestäbchen zu, dass sie ab heute politisch gereinigt werden. Es ist fast rührend. Widerstand durch Shampooverlagerung. Eine Revolution im Badschrank. Und wehe, man lacht darüber, dann spielt man gleich wieder den Linksverlustigen.

Und als wäre das nicht schon Comedy Gold, haben wir auch wieder dieses wunderschöne Weihnachtsmarkt-Narrativ. Mit der AfD müsste kein Weihnachtsmarkt schließen. Klar. Weil Kriminelle sich ja zuerst erkundigen, wer gerade politisch verantwortlich ist, bevor sie loslegen. Vielleicht stellen sie sogar demnächst an jeder Glühweinbude ein Schild auf: Heute garantiert sicher, geprüft von der AfD. Ab morgen wieder Realität.

Wenn man diese Bildchen sammelt, kommt man aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus. Die AfD ruft pausenlos den wirtschaftlichen Untergang aus, als wäre Deutschland ein schiefes Jenga-Turmspiel. Insolvenzen seien angeblich auf Rekordhoch, Merz sei links, und nur die AfD könne das Land retten. Von welcher Krise die reden, weiß niemand so genau, aber Hauptsache, die Schlagzeile knallt.

Und dann die Sache mit dem Sozialstaat, der laut AfD nicht wegen Menschen in Not überlastet ist, sondern wegen Menschen, die angeblich zu viel bekommen. Das sagt ausgerechnet eine Partei, die ohne dauernden Opferkult gar keine Existenzgrundlage hätte. Zu viel Hilfe ist schlecht. Außer es geht um die eigene Telegramgruppe, dann ist jede Unterstützung willkommen.

Mein persönlicher Höhepunkt ist aber das große Missverständnis dahinter. Die AfDler boykottieren Rossmann, wollen nicht mehr ins Mittelstandsforum, schimpfen auf Bauern, Bäcker, Unternehmen, Medien, Supermärkte, Kommunen, Kirchen und am Ende des Tages auf jeden, der nicht sofort in blauem Takt mitklatscht. Ich glaube wirklich, sie kapieren gar nicht, was sie da tun. Wenn das so weitergeht, können sie bald nirgendwo mehr einkaufen, nirgendwo mehr essen, nirgendwo mehr trinken und am Ende nur noch im eigenen Keller demonstrieren. Ohne Strom, weil da haben sie sich sicherheitshalber auch schon verkracht.

Eine Bewegung, die sich Stück für Stück von allem abkoppelt und dabei so tut, als würde sie gerade Deutschland retten. Wenn das die Zukunft sein soll, dann gute Nacht.

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