Mittwoch, 1. Juli 2026

Die größere Hürde für Klimaschutzmaßnahmen könnte die falsche Annahme sein, dass die Zustimmung fehlt.

hier 30. Juni 2026



Deutsche Politiker unterschätzen die Unterstützung der Bevölkerung für Klimaschutz

Eine Studie mit rund 1.600 Politiker:innen zeigt: Die Bevölkerung steht Klimamaßnahmen deutlich positiver gegenüber als viele politische Entscheidungsträger:innen glauben. 


„Politiker unterschätzen die Zustimmung der Bevölkerung
zu Klimaschutzmaßnahmen systematisch –
und zwar besonders stark bei den Maßnahmen,
die nach wissenschaftlichem Kenntnisstand
am wirksamsten sind“


 folgert Prof. Dr. Wilhelm Hofmann von der Ruhr-Universität Bochum, der die Studie gemeinsam mit Privatdozent Dr. Timur Sevincer von der Leuphana Universität Lüneburg durchführte.
Die Teams stellten die Einschätzung der Politiker:innen den tatsächlichen Einstellungen von über 2.000 Bürger:innen gegenüber.

Wahrnehmungslücken über Parteigrenzen hinweg

Im Herbst 2024 wurden 6.074 Politiker:innen kontaktiert, von denen rund 1.600 Personen beziehungsweise politische Büros an der Studie Studie teilnahmen. Ergänzend wurden zwei repräsentative Bevölkerungsstichproben mit insgesamt über 2.000 Personen befragt. Die Ergebnisse zeigen eine sehr starke Unterschätzung der Zustimmung zu Klimagesetzen in der Bevölkerung, besonders ausgeprägt bei der Bereitschaft, finanziell zum Klimaschutz beizutragen. 

Dabei irren sich Politiker:innen stärker als die Bevölkerung selbst. Die Wahrnehmungslücken zeigen sich über Parteigrenzen hinweg, wobei die größten Fehleinschätzungen ausgerechnet bei den wirksamsten Klimaschutzinstrumenten auftreten.

„Viele politische Entscheidungsträger scheinen zu glauben, dass die Bevölkerung deutlich skeptischer gegenüber Klimaschutz ist, als sie tatsächlich ist“, sagt Timur Sevincer. „Unsere Daten legen nahe, dass politische Entscheidungsträger die gesellschaftliche Unterstützung für wirksame Klimapolitik teilweise erheblich unterschätzen.“

Besonders große Fehleinschätzungen

Die größten Wahrnehmungslücken fanden die Forschenden bei zwei Fragen: Wie stark unterstützt die Bevölkerung wirksame Klimagesetze? Und wie viele Menschen wären bereit, selbst einen finanziellen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten? Die Akzeptanz von Gesetzen wurde von Politiker:innen um mehr als ein Viertel der gesamten Antwortskala unterschätzt.

Noch deutlicher fiel die Fehleinschätzung bei der Bereitschaft aus, selbst einen finanziellen Beitrag zu leisten. Politiker:innen schätzten, dass lediglich rund 18 % der Bevölkerung bereit wären, monatlich 1 % ihres Einkommens für wirksameren Klimaschutz beizutragen. Tatsächlich lag dieser Anteil bei rund 48 %. Demnach ist fast jeder zweite Deutsche bereit, einen kleinen Teil des eigenen Einkommens beizutragen. Viele politische Entscheidungsträger:innen gehen jedoch davon aus, dass nicht einmal jeder Fünfte dazu bereit wäre.

Die stärksten Fehleinschätzungen traten bei Maßnahmen auf, die Fachleute als besonders wirksam zur Bekämpfung des Klimawandels ansehen. Während Informationskampagnen teilweise sogar leicht überschätzt wurden, unterschätzten die Befragten insbesondere die Zustimmung zu Gesetzen, Regulierungen und finanziellen Beiträgen. 

„Die größte Wahrnehmungslücke fanden wir nicht bei der Frage, ob Klimawandel ein Problem ist“, sagt Wilhelm Hofmann. „Sie zeigte sich dort, wo Menschen tatsächlich einen eigenen Beitrag leisten würden oder ambitioniertere Gesetze mittragen müssten – gerade dort – bei der Kooperationsbereitschaft – unterschätzten Politiker die Unterstützung erheblich.“

Bevölkerung unterschätzt die Unterstützung für Klimaschutz ebenfalls

Besonders bemerkenswert: Die Bevölkerung unterschätzt die Unterstützung für Klimaschutz ebenfalls, ein bekanntes psychologisches Phänomen. Die Fehleinschätzungen der Politiker fielen jedoch noch größer aus als die Fehleinschätzungen der Bürgerinnen und Bürger selbst. „Dadurch kann leicht der Eindruck entstehen, ambitionierte Klimapolitik sei politisch riskanter, als sie tatsächlich ist“, so Sevincer.

Parteiübergreifendes Muster

Die Wahrnehmungslücke zeigte sich über nahezu das gesamte politische Spektrum hinweg. Zwar unterschätzten linke Parteien die Unterstützung für ambitioniertere Politik etwas weniger stark als konservative oder rechte Parteien. Dennoch fanden die Wissenschaftler:innen die zentrale Tendenz in praktisch allen politischen Lagern. „Der Befund beschränkt sich nicht auf einzelne Parteien“, sagt Hofmann. „Die Unterschätzung der öffentlichen Unterstützung für wirksame Klimapolitik ist ein bemerkenswert breites Phänomen.“

Mögliche Folgen für die Klimapolitik

Frühere Forschung zeigt, dass Politiker:innen ihr Verhalten nicht nur an ihren eigenen Überzeugungen ausrichten, sondern auch an dem, was sie für die Meinung ihrer Wählerschaft halten. Wenn diese Wahrnehmung verzerrt ist, kann dies politische Entscheidungen beeinflussen. Die Autor:innen betonen deshalb, dass bessere Informationen über die tatsächlichen Einstellungen der Bevölkerung helfen könnten, politische Blockaden beim Klimaschutz zu überwinden. „Die größte Hürde für manche Klimaschutzmaßnahmen könnte nicht mangelnde Zustimmung sein“, sagt Sevincer. „Die größere Hürde könnte die falsche Annahme sein, dass diese Zustimmung fehlt.“

Die Studie gehört zu den bislang größten Untersuchungen weltweit über die Wahrnehmung öffentlicher Meinung durch politische Entscheidungsträger.
Die Forschenden kontaktierten Politiker:innen aller Ebenen: Bundestag, Landtage, Kreistage, Stadträte und Gemeinderäte. Vertreten waren sämtliche Regionen Deutschlands sowie alle großen Parteien. Die Studie erscheint in der Zeitschrift Communications Earth & Environment im Juni 2026.

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