Donnerstag, 2. Juli 2026

Dänemark soll deutsche Energiewende retten

Focus hier Jacqueline Arend, 30.06.2026

10-Gigawatt-Plan: 
Deutschlands Windbauer wollen jetzt mehr in Dänemark bauen

Bild: Der deutsche Offshore-Windpark Dolwin Alpha in der Nordsee. Um Deutschlands Ausbauziele zu erreichen, schlägt die Branche einen Kurswechsel vor. Sina Schuldt/dpa

Niemand will mehr die Flächen haben: Der Ausbau der „Offshore”-Windkraft auf Hoher See ist ins Stocken geraten. Jetzt bringt die Branche einen neuen Vorschlag ins Spiel: Ein Teil des in Deutschland geplanten Ausbaus soll nach Dänemark ausgelagert werden.

Vor Deutschlands Küsten weht der Wind unermüdlich. Doch während der Wind die Wellen hochpeitscht, stockt ausgerechnet der Ausbau der Offshore-Windkraft. Projekte werden unsicher, Unternehmen zweifeln an Milliardeninvestitionen und wichtige Ausschreibungen bleiben sogar ohne Interessenten.

Die Windkraft in der deutschen Nordsee hat derzeit Ebbe. Jetzt bringt die Windenergie-Branche einen ungewöhnlichen Vorschlag ins Spiel: Ein Teil der deutschen Ausbauziele soll künftig in Dänemark erreicht werden.

Deutschlands Offshore-Ausbau steckt fest

  • Eigentlich sind die Ziele klar: Bis 2030 sollen Offshore-Windparks mit 30 Gigawatt Leistung installiert sein, bis 2045 sogar 70 Gigawatt. Tatsächlich sind derzeit aber erst rund 9,7 Gigawatt am Netz.

  • Die Probleme häufen sich: Hohe Bau- und Finanzierungskosten, unsichere Strompreise, Verzögerungen bei Netzanbindungen und immer unattraktivere Flächen bremsen neue Projekte aus. Bereits 2025 fand sich für zwei ausgeschriebene Nordsee-Flächen kein einziger Bieter – ein Novum.

  • Hinzu kommt ein hausgemachtes Problem: Viele neue Windparks liegen inzwischen so dicht beieinander, dass sie sich gegenseitig Wind wegnehmen. Diese sogenannten Abschattungseffekte senken den Stromertrag und verschlechtern die Wirtschaftlichkeit erheblich.

Jetzt kommt der Dänemark-Plan

Um die Ausbauziele trotzdem zu erreichen, schlägt die Offshore-Branche nun einen Kurswechsel vor. Der Plan: Statt 70 Gigawatt in deutschen Gewässern zu errichten, könnten etwa 60 Gigawatt in Deutschland und weitere zehn Gigawatt in Dänemark entstehen.

„Dänemark verfügt über ein deutlich größeres Potenzial an Flächen für Offshore-Windparks als Deutschland”, sagte Martin Neubert vom Projektentwickler Copenhagen Infrastructure Partners dem Handelsblatt. So ließen sich die Windpotenziale deutlich besser nutzen.

Hinter dem Vorschlag steckt vor allem ein Standortvorteil Dänemarks: Das Land verfügt über größere geeignete Meeresflächen für Offshore-Windparks und stößt bei deren Nutzung auf weniger Flächenkonkurrenz. Zudem sorgen vielerorts günstige Windverhältnisse für höhere Stromerträge als an bereits stark genutzten Standorten in der deutschen Nord- und Ostsee.

Auch Ørsted-Deutschlandchef Josche Muth spricht im Handelsblatt davon, Deutschland könne so bildlich gesprochen „aus dem Windschatten herausfahren”. Ganz neu wäre die Zusammenarbeit nicht: Deutschland und Dänemark arbeiten bereits beim Projekt Bornholm Energy Island zusammen, bei dem Offshore-Strom über Unterseekabel in beide Länder transportiert werden soll.

Warum Offshore-Wind so wichtig ist

Für die Energiewende spielt Offshore-Windkraft eine Schlüsselrolle. Auf hoher See weht der Wind deutlich gleichmäßiger als an Land. Die Anlagen erreichen dadurch wesentlich mehr Volllaststunden und liefern vergleichsweise konstant Strom – ein wichtiger Baustein für ein Energiesystem mit immer mehr erneuerbaren Energien.

Ohne einen schnellen Ausbau dürfte es deutlich schwieriger werden, Industrie, Wärmepumpen und Elektroautos künftig zuverlässig mit grünem Strom zu versorgen.

Was sich jetzt ändern soll

Neben dem Dänemark-Modell fordert die Branche weitere Reformen:

  • Mehr Abstand zwischen Windparks, damit Abschattungseffekte sinken.

  • Neue Flächenzuschnitte in Nord- und Ostsee, damit Standorte wirtschaftlicher werden
    .
  • Reform des Ausschreibungssystems, weil derzeit vor allem besonders risikofreudige Bieter gewinnen.

  • Differenzverträge nach britischem Vorbild, die Investoren gegen extreme Strompreisschwankungen absichern.

  • Nach Wunsch der Branche sollen diese Verträge zudem an die Inflation gekoppelt werden, um langfristig mehr Planungssicherheit zu schaffen.

Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet derzeit an einer Reform des Windenergie-auf-See-Gesetzes. Ob die Vorschläge der Branche übernommen werden, ist allerdings noch offen. Vielleicht entscheidet sich an der Nordsee künftig weniger die Frage, wie viel Wind Deutschland nutzt – sondern wo es ihn sich überhaupt noch leisten kann zu ernten.

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