Montag, 2. März 2026

Grüne Kometen feiern in Ostrach ein Volksfest

Der Termin wurde erst 3 Tage vorher festgelegt, Zeit zum Plakatieren war da rar. Trotzdem dieser überwältigende Andrang!

Südkurier Ostrach hier  02.03.2026,Michael Hescheler

Diese Kombination hat es in sich: Drei Grüne Schwergewichte versammeln sich in Ostrach auf einem Fleck – das Publikum ist aus dem Häuschen.

Die Grünen können auch Blasmusik: Begleitet von einer Abordnung der Musikkapelle Ostrach marschieren Cem Özdemir, Winfried Kretschmann und Boris Palmer in die Ostracher Buchbühlhalle ein. Der Alb-Donau-Linzgau-Marsch soll zur Kreishymne des Landkreises Sigmaringen werden und wird deshalb zu solchen Anlässen aufgelegt.

Hanna Stauß, die Landtagskandidatin der Grünen, begrüßt auf ihre erfrischend unkonventionelle Art. „Willkommen allen Wunderfitzigen“, sagt sie zu all denen, die die Grünen beschnuppern wollen, doch wie sich im Laufe des Abends herausstellt, stehen die meisten der rund 550 Zuhörer der Regierungspartei ziemlich nahe.

Die Grünen feiern in Ostrach ein Volksfest: 550 Gäste verfolgen den Auftritt von Cem Özdemir, Winfried Kretschmann und Boris Palmer. 

„Wir mussten etwa 300 Leute abweisen“, beschreibt die frühere Kreisvorsitzende Andrea Bogner-Unden den riesigen Andrang. Ein Livestream im Internet kam wegen des schlechten Empfangs nicht infrage. „Willkommen im ländlichen Raum“, formuliert die Kandidatin Stauß eine Aufgabe für die künftige Regierung, um dann zum eigentlichen Thema überzuleiten.

Einladung an Palmer

Die drei Grünen Elefanten nennt Stauß eine „krasse Kometen-Konstellation“, wobei Boris Palmer seit 2023 ein Ex-Grüner Elefant ist, aber das ist an diesem Abend nicht zu spüren. Die Kandidatin Stauß geht sogar so weit, dass sie dem wegen seiner ausufernden Facebook-Kommentare umstrittenen Oberbürgermeister von Tübingen eine Einladung ausspricht: „Im Kreisverband Sigmaringen müsstest Du nicht mit vielen Hürden rechnen.“

Als ob jemand im Wahlkampf Regie geführt hätte: Fast zeitgleich zum Schaulaufen der Grünen in Ostrach lässt sich der CDU-Konkurrent Manuel Hagel im benachbarten Pfullendorf blicken. Während Hagel nach etwa einer Stunde wieder weg ist, nehmen sich die Grünen Spitzenpolitiker zwei Stunden Zeit.

Die Runde ist höchst unterhaltsam und gewinnt nach einem anekdotischen Aufgalopp an politischer Tiefe. Doch erst zu den Anekdoten: Palmer bemerkt, dass es die Partei mit dem Trio nicht immer gut gemeint hat, und führt neben Özdemirs Nicht-Nominierung als Bundestagskandidat ein misslungenes Ausschlussverfahren an, das die Partei 1989 gegen Winfried Kretschmann führte, als dieser die Müllverbrennung befürwortet hatte.

Über seine persönlichen Verfehlungen spricht Palmer dagegen kaum, dafür umso offener über die mitten in der Nacht abgehaltene Hochzeit von Cem Özdemir im Tübinger Rathaus. Der als Standesbeamter fungierende Oberbürgermeister sollte für den Bräutigam 40 Rosen kaufen, was Palmer eigenen Angaben zufolge auch erledigte. Doch, obwohl Özdemir angekündigt haben soll, die Rosenrechnung zu begleichen, muss Palmer bis heute auf sein Geld warten.

Nicht nur beim Thema Rosen hält sich der Spitzenkandidat Özdemir vornehm zurück, auch als es um die in weite Ferne gerückte Fertigstellung von Stuttgart 21 geht, punkten eher Winfried Kretschmann und Boris Palmer. Der Ministerpräsident spannt den Bogen zum umstrittenen Milliardengrab, als er über einen Besuch von Papst Benedikt erzählt. Kretschmann holte Ratzinger vom Flughafen ab, als der Heilige Vater den Landesvater bei einer 15-minütigen Privataudienz auf Stuttgart 21 ansprach.

Stuttgart 21 und der Papst

Der Papst wollte wissen, warum das Bahnprojekt die Bevölkerung spaltete und einen veritablen Konflikt auslöste. Kretschmanns Erklärung: „Weil das Großprojekt durchgedrückt wurde, ohne ernsthafte Argumente in die Waagschale zu werfen.“ Eine Lehre von Stuttgart 21 sei, so Kretschmann, dass die Bevölkerung heute einbezogen werde.

Während Kretschmann den großen Bogen spannt, wechselt Palmer zur Tagespolitik, indem er auf die CDU zu sprechen kommt. Dem grünen Verkehrsminister die Schuld für Mehrkosten und Verzögerungen zu geben, sei dreist und unchristlich. „Wir haben damals gesagt, warum Stuttgart 21 nicht funktioniert, und wir versuchen das jetzt zu reparieren. Deshalb kann man uns nicht die Schuld geben.“

Über die schwächelnde Wirtschaft und den Klimaschutz leitet Moderatorin Xenia Rebsam zur Reform des Heizungsgesetzes über, bei der Palmer der Koalition in Berlin Dummheit unterstellt. Der zweite Frühling für Gas- und Ölheizungen würde Milliardeninvestitionen in Fernwärme oder Wärmepumpen entwerten.

Statt der politischen Attacke ist Spitzenkandidat Özdemir um Ausgleich bemüht. Als Ministerpräsident will er in die Hochburgen der AfD gehen und sich der Debatte mit den Wählern stellen. Özdemir zitiert den Philosophen Hans-Georg Gadamer, nach dem die Voraussetzung für ein Gespräch die Tatsache sei, dass der andere recht haben könnte.

Wie Besucher den Auftritt erleben

Diese ausgleichende Art Özdemirs kommt bei den Gästen an. Maria Baader aus Frickingen lobt den „fairen Umgang in der Partei“. „Ich fand Cem Özdemir super stabil und ich fand gut, dass wir über den Klimaschutz gesprochen haben“, sagt Roman Muth aus Weingarten.

Ob die Grünen im Schlussspurt die CDU noch einholen können? „Ich habe mein Leben lang Grün gewählt, aber ich habe Zweifel, dass Özdemir in der momentanen Situation die Wahl gewinnen kann“, sagt Gerhard Weber aus Krauchenwies.

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