Biologe, Wirtschaftswissenschaftler und Umweltethiker: so eine selten vielseitige Perspektive ist bestens geeignet, um die wachsenden und widerstreitenden Nutzungsansprüche an begrenzte Flächen – und damit Böden – konstruktiv zusammenzuführen.
"Worüber denken Sie gerade nach?" haben wir deshalb Stefan Einsiedel von der Hochschule für Philosophie München gefragt – wenige Tage vor der Agrarministerkonferenz.
In unserer allmontaglichen ZEIT-Gesprächsserie kritisiert er eine kurzsichtige EU-Agrar- und Naturschutzpolitik und den drohenden Demokratieabbau in Deutschland – beides auf Kosten unserer ohnehin bedrängten Lebensgrundlagen.
Zeit hier Interview: Christiane Grefe 16. März 2026,
Stefan Einsiedel: "Auch in unserem Grundgesetz steht: Eigentum verpflichtet"
Immer weniger Großgrundbesitzer prägen das Antlitz der Bundesrepublik, sagt der Umweltethiker Stefan Einsiedel. Wir sollten deshalb unseren Eigentumsbegriff überdenken.
Wir leben in Zeiten, die uns einiges Kopfzerbrechen bereiten. Deshalb fragen wir in dieser Serie, was interessante Köpfe gegenwärtig bedenkenswert finden. Heute antwortet der Umweltethiker Stefan Einsiedel, der an der Hochschule für Philosophie in München lehrt.
Stefan Einsiedel, geboren 1979, ist Diplombiologe und Wirtschaftswissenschaftler. Er arbeitete bei einem großen Finanzinvestor und ist seit 2017 Geschäftsführer für Umweltethik und Umweltbildung am Zentrum für Globale Fragen der Hochschule für Philosophie München.
DIE ZEIT: Stefan Einsiedel, worüber denken Sie gerade nach?
Stefan Einsiedel:
Mich bekümmert, dass der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen aktuell an vielen Stellen politisch aufgehalten werden soll. Dabei ist er so dringlich.
ZEIT: Worauf spielen Sie an?
Einsiedel: In Berlin berät der Bundesrat gerade auf Initiative des Freistaates Bayern, wie die europäische Wiederherstellungsverordnung verwässert werden kann.
Sie soll dazu beitragen, dass sich Wälder und Landschaften erholen, denn Renaturierung trägt zum Klima- und Artenschutz bei.
Ein anderes Beispiel sind die Gesetze zur Wachstums- und Planungsbeschleunigung, die zuletzt auf den Weg gebracht wurden. Aus meiner Sicht will die Bundesregierung hier demokratische Einspruchsrechte der Bürger zu sehr beschneiden, damit möglichst ungehindert gebaut werden kann. Auch dadurch droht der Schutz der Natur ins Hintertreffen zu geraten.
ZEIT: Sie haben 2024 bei einem viel diskutierten Positionspapier der Deutschen Bischofskonferenz zur Ethik der Landnutzung mitgewirkt. Was nehmen Sie aus dieser Perspektive wahr?
Einsiedel: Bevor wir uns mit Ethik als Moralphilosophie beschäftigen, sollten wir zunächst einen Schritt aus dieser Wissenschaft heraustreten und aktuelle gesellschaftliche Narrative erkunden. Denn solche Narrative beeinflussen politische Entscheidungen immer stärker.
ZEIT: Narrativ, ist das nicht eher ein Modewort?
Einsiedel: Nein. Darunter verstehen wir Erzählungen, die wissenschaftliche Informationen und private Erfahrungen in einem scheinbar logischen Zusammenhang verbinden und von vielen Menschen geteilt werden. Solche Narrative sind nicht unbedingt wahr, aber eingängig. Sie sind nicht unbedingt sinnvoll, aber sinnstiftend. Wir Wissenschaftler verstehen viel zu wenig, dass wir mit unseren Erkenntnissen nicht umfassend durchdringen, sondern oft nur Mosaiksteine für solche Erzählungen liefern.
ZEIT: Welche Erzählungen meinen Sie mit Blick auf Landnutzung und Ressourcenschutz?
Einsiedel: Im Bereich der Nachhaltigkeit definiert man mehrere große Narrativgruppen.
- Der Apocalyptic Environmentalism etwa besagt: Wenn wir nicht alles grundlegend ändern, gehen wir vor die Hunde.
- Daneben steht der Green Capitalism, der beim Klima- und Artenschutz auf Marktlösungen vertraut.
- Eine dritte Narrativgruppe verspricht die Rückkehr in eine vermeintlich heile Welt von früher – inklusive der damaligen Technologien.
Eine Welt wohlgemerkt, die weder bei Kernkraft und Gas zukunftssicher gewesen ist noch bei der Intensivlandwirtschaft. Gerade die konservativen Parteien laufen in die Falle, zu glauben, man könne damit vermeintlich verloren gegangene Werte und Wähler wiedergewinnen. In den Jahrzehnten zuvor pendelten Politiker eher pragmatisch sachbezogen zwischen den Narrativen. Heute führen sie einen Kulturkampf.
ZEIT: Warum geht es bei der Landnutzung eher rückwärts?
Einsiedel: Ein Grund dafür ist, dass sich ein zukunftsgewandtes Narrativ, der grüne Kapitalismus, nicht als die erhoffte Win-win-Lösung erwiesen hat. An dem Gedanken, dass finanzielle Anreize die Wirtschaft grüner machen werden, ist zwar viel Wahres, er ist aber gerade mit Blick auf den Natur- und Flächenverbrauch viel zu einfach. Auch der soziale Ausgleich wurde dabei oft vergessen.
Deshalb fallen nun viele Politiker in das alte Narrativ zurück und sagen wieder: Wirtschaft und Umweltschutz sind eben gegensätzliche Pole. Naturschutz muss man sich erst leisten können. Genau so hat der Freistaat Bayern seinen Widerstand gegen das Wiederherstellungsgesetz begründet. Außerdem wurde vorgebracht, Renaturierung beschränke die Möglichkeit, neue Wohnungen zu errichten. Aber auch das Bauen auf der grünen Wiese ist eine typische Strategie der 70er- und 80er-Jahre und heute eigentlich absurd.
ZEIT: Nutzungskonflikte auf der Fläche gibt es nicht nur zwischen Naturschutz und Wohnungsbau, hinzu kommen Landwirtschaft, Logistikzentren, Straßen, Freiflächen-Solaranlagen. Alle wollen auf den gleichen Hektar. Wie können Ethiker helfen, die Konflikte zu lösen?
Einsiedel: Unser System ist bisher so ausgerichtet, dass eine einzige Nutzung priorisiert wird, wenn immer mehr Interessen auf ein und denselben Boden drängen. Dabei bräuchten wir eine ideenreiche Politik der Mehrfachnutzung.
In dem Papier der Bischofskonferenz haben wir deshalb ein falsches Verständnis von Effizienz kritisiert. In der engen Effizienzlogik der Agrarförderung zum Beispiel wird oft nur eine Zielgröße, meist der jährliche Ertrag pro Fläche, optimiert. Als Gesellschaft brauchen wir aber eine breitere Gemeinwohl-Effizienz. In ihrer Logik würden Landwirte für den Erhalt des Grundwassers, der Biodiversität oder der Speicherfähigkeit des Bodens zusätzliche Mittel erhalten. Ethische Leitbilder können helfen, ein solches Denken politisch zu begründen und voranzubringen.
ZEIT: Auf welche philosophischen Quellen berufen Sie sich?
Einsiedel: Schon Aristoteles fragte nach dem Recht jedes Einzelnen auf ein gutes Leben. Und Gemeinwohl bedeutet, dieses Recht aller hochzuhalten. Dafür kann ich auch die christliche Sozialethik heranziehen oder die allgemeine Erklärung der Menschenrechte.
Konkret wurde zum Beispiel das Recht auf angemessene Ernährung schon 1966 mit der Sozialcharta der Vereinten Nationen beschlossen. Wenn ich davon ausgehe, dass alle Generationen dieses Recht haben, komme ich schnell zu der Erkenntnis, dass der Boden zwar Privateigentum sein kann, aber doch Gemeingut-Charakter hat, da Boden nicht zerstört, sondern im bestmöglichen Zustand an die Kinder und Kindeskinder weitergegeben werden sollte.
Ich selbst habe mich mit dem indischen Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen Amartya Sen befasst. Ähnlich wie der Philosoph John Rawls fordert Sen hier keine absolute Gerechtigkeit oder völlige Gleichheit, aber doch eine Art Mindestgerechtigkeit für alle als Voraussetzung für Gemeinwohl und gutes Leben.
ZEIT: Wie kann angesichts der unterschiedlichen Narrative eine Verständigung auf das Gemeinwohl gelingen?
Einsiedel: Rawls oder Sen fordern uns dazu auf, auch die Perspektive der anderen einzunehmen und wertzuschätzen. Auch für Papst Franziskus galt es, Spannungen und Widersprüche auszuhalten, anstatt dass wir uns in die eine, die perfekte Lösung verlieben. Franziskus betonte zudem wie Sen, dass wir nicht nur von den Gewinnern lernen sollen, sondern besonders von den Ärmsten. Sie erleben unmittelbar, dass die Böden kaputtgehen, oft so sehr, dass kein Anbau mehr möglich ist.
ZEIT: Entscheidungen über Nutzungskonflikte werden nicht nur vom Staat gefällt, sondern auch von privaten Landbesitzern. Welche ethische Verantwortung haben Eigentümer für den Erhalt der Lebensgrundlagen?
Einsiedel: Zur christlichen Lehre gehört, dass alle Güter der Welt für alle geschaffen sind. Schon Thomas von Aquin hat anerkannt, dass Menschen auf Privateigentum womöglich mehr Rücksicht nehmen und es insofern – in Grenzen – allen nutzen kann. Private Verfügungsmacht ist also aus dem Gemeinwohl nur abgeleitet. Auch in unserem Grundgesetz steht: Eigentum verpflichtet. In den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch ein Eigentumsbegriff durchgesetzt, der jeden Anspruch der Gesellschaft als Eingriff in Freiheitsrechte abwehrt. Das ist eine Art Einsamer-Cowboy-Ethik, die vielleicht im Wilden Westen funktioniert hat – aber nicht auf begrenzten Flächen oder in der Großstadt. Da brauchen wir Regeln, und wir sollten lernen, dass sinnvolle Einschränkungen auch neue Freiheits- und Gestaltungsräume eröffnen können.
ZEIT: Wie kann das konkret aussehen?
Einsiedel: Bei den Landwirten beispielsweise ist die Frage: Vergrößert sich meine Gestaltungsfreiheit nicht sogar, wenn ich im Interesse des Gemeinwohls nicht mehr nur für wenige Marktfrüchte bezahlt werde, sondern auch für Klimazertifikate, Grundwasserschutz oder Praktiken, die mehr Arten Lebensräume verschaffen? Diese Inwertsetzung, ja Steigerung des Naturkapitals muss allerdings tatsächlich finanziert werden, ob aus der gemeinsamen Agrarförderung der EU, aus Töpfen für die Wiederherstellung der Natur oder aus Unternehmenskassen. Wenn wir in unserem Marktsystem bleiben, dann müssen Politiker dafür sorgen, dass sich der gemeinwohlrelevante Wert der Natur auch in den Finanzierungssystemen spiegelt. Dann können Eigentümer kreativ werden.
ZEIT: Bei solchen Fragen geht es aber nicht nur um Eigentum, sondern häufig auch um Macht und Einfluss, oder?
Einsiedel: Wir haben tatsächlich das Problem, dass immer mehr Land in weniger Händen ist. Immer weniger Menschen bestimmen darüber, wie das Antlitz der Bundesrepublik aussieht. Tausenden Landwirten stehen letztlich vier oder fünf große Handelsketten gegenüber, einzelne werden über ihre Eigentümerfamilien sogar selbst mehr und mehr zu Landeigentümern. Aus diesem Grund gibt es zunehmend Diskussionen um Obergrenzen für Landbesitz. In jedem Fall gilt es, den Einfluss mächtiger Interessengruppen offenzulegen. Er gründet oft darauf, dass sie im Verborgenen oder Halbverborgenen handeln. Auch deshalb bin ich so besorgt über das Gesetz zur Beschleunigung von Wachstum und Planungen.
ZEIT: Worin liegt sein Problem?
Einsiedel: Es ist, wie gesagt, ein Einspruchs-Begrenzungsgesetz, und das befördert Intransparenz. Vor allem verringert es die demokratische Einfühlung in andere Perspektiven. Im Sinne der Sozialethik von Sen oder Franziskus bräuchte man eher ein Mitwirkungs-Optimierungsgesetz, das die vielen Interessengruppen frühzeitig einbindet und sie nicht ganz am Ende einer Planung dazu zwingt, vor Gericht zu gehen.
ZEIT: Aber dauern die Planungen nicht tatsächlich viel zu lang?
Einsiedel: Entscheidend für das Gelingen guter Landnutzungsplanung ist nicht schlichte Beschleunigung, sondern dass alle bestmöglich informiert sind. Heute sind wir von zu vielen Informationen erschlagen und erkennen kaum noch, worüber man streiten kann oder wo es sich lohnt, zu investieren. Die Demokratie weiterzuentwickeln hieße, diesen Informationsfluss besser zu ordnen – auch, indem man die Bürger frühzeitig und an der richtigen Stelle einbindet. Nur in der unmittelbaren Auseinandersetzung lernen wir, die Narrative der anderen wahrzunehmen und zusammenzuführen. Deshalb müssen auch wir Wissenschaftler viel öfter mit den Menschen reden.
ZEIT: Um die Partikel in den Narrativ-Amalgamen besser einzuordnen?
Einsiedel: Auch das. Leider werden wir für solche Auseinandersetzungen nicht honoriert, bezahlt werden wir nur für Publikationen. Dabei habe ich den besten Fall selbst erlebt: Über unsere Studie zur Gemeinwohleffizienz waren Teile des Bauernverbands seinerzeit außerordentlich sauer. Ich wurde eingeladen, wohl weil man mir gehörig den Kopf waschen wollte. Wenn man sich dann aber gegenseitig als Mensch wahrnimmt, lässt sich verdeutlichen, wo tatsächlich Unterschiede liegen, wo aber auch beide Seiten das Gemeinwohl erkennen und anerkennen. Das funktioniert nicht digital.
ZEIT: Mischen sich die Kirchen als ethische Instanzen zu wenig in die Diskurse über Nutzungskonflikte ein?
Einsiedel: Auf jeden Fall. Dabei könnten gerade Kirchen die notwendigen Dialoge ermöglichen. Sie haben schon immer mit internen Spannungen umgehen müssen, und auch heute ist ihre eigene Mitgliedschaft zerrissen zwischen progressiven Kräften und jenen, die in die alte Welt zurückwollen. Als Agenten des Gemeinwohls können die Kirchen aber nur glaubwürdig wirken, wenn sie ihren eigenen Besitz transparenter verwalten und auf lokaler Ebene offen diskutieren: Wie wollen wir mit unserem Land, wie mit unseren Immobilien umgehen?
ZEIT: Gerade wurde in Baden-Württemberg gewählt. Der voraussichtlich neue Ministerpräsident Cem Özdemir war als Bundeslandwirtschaftsminister laufend mit Nutzungskonflikten konfrontiert. Ist Schwarz-Grün eine chancenreiche Koalition, um die beschriebenen Narrative und Konflikte klug zu versöhnen?
Einsiedel: Das Wahlergebnis war jedenfalls ein gutes Zeichen dafür, dass alte ideologische Kämpfe bei der Mehrheit der Wähler nicht mehr verfangen. Ich wünsche Cem Özdemir nun den Mut, voranzugehen. Statt wie üblich vermeintlichen Wünschen der Mehrheit aus Umfragen zu folgen, sollte er fragen: Was braucht die Mehrheit der Menschen in 25 Jahren? Mutig für die unausweichlichen langfristigen Ziele zu kämpfen: Das hatte Özdemir als Bundeslandwirtschaftsminister leider noch nicht geschafft. Wenn er es jetzt als Ministerpräsident ganz befreit tun würde, hätte auch die CDU etwas davon.
ZEIT: Wieso das?
Einsiedel: In Teilen der Union dominiert eine gefährliche Rückwärtsgewandtheit. In einer pragmatischen Koalition könnte sie aus ihrer fossilen Nostalgie ausbrechen und sich wieder für eine gemeinwohlorientierte Zukunft öffnen. Das ist meine Hoffnung.

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