Focus hier Jacqueline Arend 31.01.2026,
Jetzt zieht China der Welt auch noch beim Stromnetz davonChina hat das entscheidende Puzzleteil der Energiewende gelöst: das Stromnetz.
Mit Ultra-Hochspannungsleitungen transportiert das Land grünen Strom verlustarm über Tausende Kilometer – schneller, günstiger und koordinierter als Europa. Ein technologischer Vorsprung mit globalen Folgen.
Die Energiewende ist in eine neue Phase eingetreten. Dass Sonne und Wind ausreichend Strom liefern können – und das inzwischen günstiger als fossile Energieträger –, ist statistisch längst belegt. An der Erzeugung scheitert es nicht mehr.
Doch damit ist die Energiewende noch lange nicht bewältigt. Jedes Land kämpft mit seinen eigenen Engpässen: Grüner Strom muss gespeichert, intelligent in bestehende Netze integriert – und über große Entfernungen transportiert werden. Die Stromnetze sind also ein entscheidendes Puzzleteil der Energiewende.
Und genau das hat China gelöst: Mit Ultra-Hochspannungsleitungen verbindet das Land riesige Wind-, Solar- und Wasserkraftwerke im Westen direkt mit den Industriezentren an der Ostküste. Über diese Stromautobahnen fließen bis zu 40 Prozent des Elektrizitätsbedarfs von Shanghai aus tausende Kilometer entfernten Regionen wie Sichuan oder Qinghai – ein Netz, von dem Europa bislang nur träumen kann.
Karte Chinas mit den Ultra-Hochspannungsleitungen.
IFAC
Die stille Netz-Revolution
Möglich wird dieses Netz durch eine Technologie, die lange als Nischenlösung galt und heute zum Rückgrat der Energiewende wird: die Hochspannungs-Gleichstromübertragung, kurz HVDC.
Der physikalische Vorteil ist entscheidend. Während klassische Wechselstromleitungen über große Entfernungen erhebliche Energieverluste verursachen, verlieren moderne HVDC-Leitungen im Schnitt nur rund drei Prozent pro 1000 Kilometer – etwa halb so viel wie Wechselstrom. Je länger die Strecke, desto größer der Effizienzgewinn. Perfekt für ein riesiges Land wie China, wo Strom über tausende Kilometer transportiert werden muss.
„Chinas größtes Potenzial für erneuerbare Energien überschneidet sich leider kaum mit den Regionen, wo sich die Bevölkerung und Industrie befindet. Sie liegen sogar gegensätzlich voneinander, wie ein Blick in die Karten offenbart“, erklärt Dr. Antoine Koen, Analyst beim unabhängigen Energie-Thinktank Future Cleantech Architects, gegenüber FOCUS online Earth.
Um die großen Strommengen quer durch China zu bringen, setzt das Land auf sogenannte Ultra-Hochspannungs-Leitungen (UHVDC), besonders leistungsfähige Exemplare mit Spannungen von bis zu 1100 Kilovolt. Diese Trassen wurden in kurzer Zeit gebaut und sind für extreme Distanzen ausgelegt.
Das bekannteste Beispiel ist die Changji–Guquan-Leitung: Sie führt über rund 3300 Kilometer von der autonomen Region Xinjiang bis in die Nähe von Shanghai und kann bis zu zwölf Gigawatt Strom übertragen – genug, um rechnerisch den gesamten Strombedarf Schwedens zu decken.
An den Endpunkten der Leitungen wird der Gleichstrom in großen Konverterstationen wieder in Wechselstrom umgewandelt und in die regionalen Netze eingespeist. Der technische Aufwand ist hoch – doch er lohnt sich, sagt Koen.
China ist mit dem Ultra-Stromnetz nicht nur Anwender, sondern Technologieführer. Der staatliche Netzbetreiber State Grid hat die UHVDC-Technologie über Jahre zur Serienreife entwickelt. Wichtige Bausteine wie Konverter, Leistungshalbleiter, Isolatoren und Schaltanlagen stammen heute größtenteils aus heimischer Produktion.
Ein wesentlicher Grund für Chinas Vorsprung liegt in der zentralisierten Planung. "China verfügt über eine sehr zentralisierte Machtstruktur, die beim Bau großangelegter Infrastruktur entscheidend sein kann", sagt Koen. "Dadurch hat China sein Stromsystem zu einer politischen strategischen Priorität gemacht.".
Die Stromnetze sind in Chinas Fünfjahresplänen des Staates fest verankert. Neue Leitungen entstehen so in Rekordzeit – die Changji–Guquan-Trasse etwa wurde in nur 1,5 Jahren realisiert. Zum Vergleich: In Europa dauern vergleichbare HVDC-Projekte oft acht Jahre oder länger, verzögert durch einen bürokratischen Flickenteppich aus Genehmigungen auf lokaler und nationaler Ebene.
Auch finanziell genießt der Netzausbau hohe Priorität: Allein 2023 wurden 40 Milliarden US-Dollar in den chinesischen Netzausbau gesteckt. Bis Ende 2025 sollen die Gesamtausgaben rund 200 Milliarden US-Dollar erreichen.
Der Ausbau im Rekordtempo
Das Ergebnis: China hat bereits rund 500.000 Kilometer Hochspannungsleitungen installiert – mehr als ein Drittel des weltweiten Ausbaus. Neue Wind- und Solarkraftwerke können sofort ans Netz gehen, was die Versorgungssicherheit erheblich steigert.
Europa hingegen kämpft mit strukturellen Hindernissen: Das veraltete Bestandsnetz auszubauen und zu modernisieren, ist bürokratisch aufwändig und stößt lokal immer wieder auf Widerstand von Anwohnern. Trotz vergleichbarer Technologien fällt Europa beim Transport großer Strommengen über weite Distanzen hinter China zurück. Allerdings: Die Distanzen in Europa sind kürzer, wofür sich der HVDC-Ausbau nicht immer wirtschaftlich eignet.
Mit dem HVDC-Boom verfolgt China derweil auch eine globale Strategie, die Chinas Rolle als Technologie-Exportweltmeister stärkt. Die Volksrepublik verkauft UHVDC-Systeme nach Südostasien, in den Nahen Osten und nach Brasilien, wo Strom vom Amazonas in die Ballungszentren transportiert wird.
Der Exportschlager Netze
Auch diese aufstrebenden Länder profitieren von derselben Logik wie China: Brasilien, Indien oder Indonesien stehen vor der Herausforderung, weite Distanzen zwischen Ressourcen und Verbrauchszentren zu überbrücken. Dort sind Wechselstromnetze oft unzureichend ausgebaut, die Nachfrage steigt, und politische Ambitionen treiben die Projekte voran.
Auch andere große internationale Vorhaben wie „SunCable“ (4200 Kilometer von Australien nach Singapur) oder „Xlinks“ (3800 Kilometer von Marokko nach Großbritannien) offenbaren, dass HVDC – insbesondere unter dem Meer – zu einer Schlüsseltechnologie der globalen Energiewende wird. Während die Kabel häufig zwar noch aus Europa stammen, kommen Konverter, Systemintegration und zunehmend die Planung aus: China.
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