Dienstag, 31. März 2026

»Spanien ist ein Vorbild dafür, wie man mit iranischen Ölschocks umgeht«, titelte die Financial Times


Spiegel hier Eine Kolumne von Christian Stöcker  29.03.2026

So vergeigt Katherina Reiche ein Zukunftsprojekt

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche verhindert, dass Deutschland zügig ein modernes Stromnetz bekommt – und schadet so dem Standort. Ein Upgrade könnte Deutschland jetzt besonders helfen.

Es hält sich in Deutschland in gewissen Kreisen der hartnäckige Mythos, erneuerbare Energien seien »teuer«. 

In Wahrheit sind sie die billigste Form der Stromerzeugung , die die Menschheit kennt. Deshalb wächst im Strombereich auch fast nichts mehr außer erneuerbaren Energien und Batteriespeichern, weltweit.

Öl und Gas sind derzeit bekanntlich teuer, Donald Trump sei Dank. Auf die Strompreise wirkt sich das allerdings sehr unterschiedlich aus, das liegt am Prinzip »Merit-Order«: Das Kraftwerk, das in einem Moment den teuersten Strom bereitstellt, der im Netz noch gebraucht wird, bestimmt den Preis. Das ist in Europa oft ein Gaskraftwerk.

Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitions­psychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE.

In Spanien passiert dies derzeit in 15 Prozent der Zeit. Gas ergänzt dort billigen, erneuerbar erzeugten Strom und hebt den Strompreis. Ganz anders in Italien: Dort gibt Gas in 89 Prozent der Zeit den Preis vor. Italienischer Strom ist deshalb sehr viel teurer als spanischer . »Spanien ist ein Vorbild dafür, wie man mit iranischen Ölschocks umgeht«, titelte die »Financial Times« .

Die Wirtschaftsblätter raten zu mehr Netzausbau

Der britische »Economist« ergänzt : »Analysten zufolge ist es möglich, ein kostengünstiges Stromnetz zu betreiben, in dem der meiste Strom von Erneuerbaren im Zusammenspiel mit Batterien kommt.« Wenn Wind, Sonne und gespeicherter Strom nicht reichen, müsse vorerst weiterhin Erdgas die Lücke füllen, so das wirtschaftsliberale Blatt, denn: »Neue Kernkraftwerke bleiben untragbar teuer.« Letzteres wollen Leute wie Markus Söder aus einem unbekannten Grund nicht akzeptieren.

Die Notwendigkeit, weiter Gas zu verstromen, sei aber ein handhabbares Problem, so der »Economist«: Auch wenn es ganz ohne Gas nicht gehe, könnten Regierungen ihre Länder davon weniger abhängig machen. Zum Beispiel: »[Strom-]Netze können größer und smarter werden.« So könne man die Nachfrage dem – günstigen, erneuerbaren – Angebot besser anpassen. Große und smarte Netze sind die Zukunft.

Wer einen flexiblen Stromtarif hat, weiß längst: Zu manchen Tageszeiten ist Waschen oder Autoladen besonders billig. Und was machen wir?

Entweder sie weiß es nicht – oder sie lügt

Deutschlands vermeintlich wirtschaftsfreundliche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche strebt demonstrativ das Gegenteil dessen an, was der »Economist« und andere, die sich damit auskennen, vorschlagen: Sie möchte nicht den Netzausbau beschleunigen, sondern den Ausbau der Erneuerbaren, die billigen Strom liefern, bremsen . Weil das Netz nicht schnell genug mitwachsen könne.

Ihre Pläne begründet Reiche unter anderem mit Desinformation. Pro Jahr werde hierzulande »Strom für drei Milliarden Euro einfach weggeworfen«, so Reiche kürzlich in einem Video des Ministeriums . Das sei ein Hinweis auf »eine Energiewende ohne ökonomische Vernunft«. Was die Ministerin da behauptete, ist grob falsch: Von den Geldern, mit denen unter anderem Anlagenbetreiber entschädigt werden, wenn sie ihre Wind- oder Solarparks wegen eines Überangebots abregeln müssen, entfielen 2025 auf erneuerbare Energien nicht drei Milliarden, sondern nur 435 Millionen Euro. Das sind noch einmal 120 Millionen Euro weniger als 2024. Und schon damals, 2024, kamen 96,5 Prozent des erneuerbaren Stroms bei den Verbrauchern an.

Den größten Anteil der Redispatch-Kosten machten für 2024 »mit etwa 1,1 Milliarden Euro Einsatzkosten für fossile Kraftwerke aus«, wie die Redaktion »Correctiv« auf Nachfrage vom Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik  erfuhr. Dazu kämen »etwa 1 Milliarde Euro Kosten für Reservekraftwerke«. Es wird also keineswegs erneuerbarer Strom für drei Milliarden Euro »weggeworfen«: Der Großteil der von Reiche genannten Summe fließt in fossile Kapazität.

Entweder die Energieministerin weiß das nicht. Oder sie lügt in die Kamera, um ihre Politik zu verkaufen. Dabei hilft selbst gegen das, was Reiche kritisiert, vorwiegend eines: schnellerer Netzausbau. So, dass der Strom aus erneuerbaren Quellen dahin gelangt, wo er gerade gebraucht wird.

Reiche will nicht aufholen. Ganz im Gegenteil

Tatsächlich sind wir nämlich sowohl mit Netzen als auch mit dem »Smart«-Werden derzeit massiv im Rückstand. Dem Bundesrechnungshof zufolge  klaffte zwischen dem – unter einer schwarz-gelben Regierung gefassten – Netzausbauplan von 2009 und dem realisierten Ausbau im Jahr 2023 eine Lücke von fast 6000 Kilometern. Nur 19 Prozent der erforderlichen Stromleitungen wurden gebaut.

Auch beim Einbau von smarten Stromzählern ist Deutschland ganz weit hinten: Europaweit haben im Schnitt 63 Prozent der Stromkunden einen smarten Stromzähler , in vielen Ländern liegt die Abdeckung bei 100 Prozent. In Deutschland sind es zwei Prozent.

Dieser katastrophale Rückstand geht fast vollständig auf das Konto von vier unionsgeführten Regierungen.

Einfach den gleichen Fehler noch mal machen?

Wenn in Deutschland von »Infrastruktur« die Rede ist, denken die Leute eher an Schuldächer oder Autobahnbrücken. Aber die wichtigste Infrastruktur im 21. Jahrhundert sind nicht Straßennetze. Sondern solche, die Energie oder Daten transportieren.

Der Ausbau des Stromnetzes ist nicht der erste Standortnachteil, den CDU und CSU sehenden Auges herbeiführen. Mit dem Breitbandnetz fürs Internet hat die Partei einen ähnlichen Fehler gemacht, über viele Jahre. Wir leiden bis heute darunter.

Das hier ist der Vorspann eines SPIEGEL-Textes aus dem Jahr 2013 : »Deutschland lebt von der Substanz, es fehlen Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe, das zeigt eine neue Studie führender Ökonomen. Verspielt die Republik ihre Zukunft?«

Aus heutiger Sicht muss man diese Frage ganz klar mit »ja« beantworten. In dem Artikel von 2013 geht es auch schon um das Strom- und das Datennetz, Bundeskanzlerin war damals Angela Merkel. »Am Ende wurden die ohnehin niedrigen Investitionsetats gekürzt und das Geld an bevorzugte Wählergruppen verteilt«, ist darin zu lesen. Das passt auch heute wieder. Haushaltslöcher stopfen statt investieren.

Internet von Musk, Strom aus Gas

In Teilen Deutschlands gibt es für Internetverbindungen bis heute nur Kupferkabel. Weil es aber einen Rechtsanspruch auf einen Breitbandanschluss gibt, behelfen sich deutsche Behörden mittlerweile mit einem Fingerzeig gen Himmel: Sie empfehlen Kunden gelegentlich, sich doch einfach eine Antenne für Elon Musks »Starlink«-Satelliteninternet zuzulegen, wie »Netzpolitik« kürzlich berichtete .

So weit sind wir jetzt: Weil – maßgeblich unionsgeführte – Regierungen viele Jahre lang nicht dafür sorgten, dass flächendeckend schnelle Internetverbindungen zur Verfügung stehen, empfehlen Behörden als Alternative das Produkt eines superreichen Oligarchen, der die Wahl der AfD empfiehlt.
Internet von Musk, Strom aus Gas?

Reiche hat ein Gutachten anfertigen lassen, demzufolge es sein könnte, dass der Strombedarf bis 2030 eventuell etwas weniger stark wachsen könnte als bislang angenommen. Dieses Gutachten mahnt zwar weiterhin einen beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien an – Reiche und Bundeskanzler Friedrich Merz aber zogen daraus den Schluss , man müsse jetzt mal langsamer machen.

In Reiches vermeintlich aus dem Gutachten abgeleiteten »Zehnpunkteplan« für die künftige Energieversorgung des Landes entdeckte der Journalist Malte Kreutzfeldt vom Fachinformationsdienst »Table Briefings«  »erstaunliche Ähnlichkeiten zu Forderungen von RWE und E.on«.

Teure Netz-Aversion

Es gibt eine gewisse Parallelität: Damals, beim Thema Breitband, setzten Leute wie der »Digitalminister« Alexander Dobrindt auf »Vectoring«, ein schicker Begriff für: Wir setzen weiter langsames Kupfer- statt schneller Glasfaserkabel ein. Dobrindt tat das im Interesse der Deutschen Telekom, des ehemaligen Staatskonzerns. Dem gehörten die alten Kupferkabel.

E.on und RWE sind keine Staatskonzerne, allerdings ist RWE insbesondere in Nordrhein-Westfalen eng mit vielen Kommunen verbandelt . Und doch scheinen es erneut zwei Großkonzerne zu sein, die mit einer willfährigen Ministerin – die bis zu ihrem Amtsantritt für eine E.on-Tochter arbeitete – ihre Interessen durchsetzen.

Für E.on und RWE ist Katherina Reiches Strategie – langsamer Netzausbau, viel Kontrolle für die Netzbetreiber, Bremsen anderer Investitions- und Bautätigkeit – sehr attraktiv. Dezentrale Stromerzeugung, etwa mit Fotovoltaik-Dachanlagen, dezentrale Batteriespeicher, schnellerer Netzausbau, Smartmeter – all das macht ein Stromnetz flexibler, resilienter und mittelfristig billiger. Aber für in zentralen Strukturen denkende und handelnde Großkonzerne ist es eine wenig attraktive Lösung. Und es schafft neue Wettbewerber.

Es sieht aus, als wolle Katherina Reiche die Fehler der Vergangenheit wiederholen.
Einmal mehr könnte uns Netz-Aversion der Union teuer zu stehen kommen. 

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