Mittwoch, 25. März 2026

Das Problem mit dem zu langsamen Netzausbau: Ein Land, das bei den Preisen an der Weltspitze steht, muss jede Kilowattstunde ins Netz bringen

TAZ hier  23.3.2026  Bernward Janzing

Erneuerbare Energien: Engpässe im Stromnetz nicht mehr ganz so teuer

Ein Grund war das schwache Windjahr 2025. Zugleich müssen immer mehr Photovoltaikanlagen zeitweise abgeschaltet werden.

Die Betreiber von Windkraft- und Solaranlagen haben im vergangenen Jahr Entschädigungen in Höhe von fast 435 Millionen Euro erhalten, weil ihr Strom aufgrund von Netzengpässen nicht abgeführt werden konnte. Das geht aus einer Antwort des Bundeswirtschaftsministeriums auf eine Anfrage des Abgeordneten Dietmar Bartsch von den Linken hervor.

Im Vergleich zum Jahr 2024 sind die Entschädigungszahlungen um rund 120 Millionen Euro gesunken. Das lag neben einigen Netzausbauten vor allem daran, dass 2025 ein schwaches Windjahr war. Der bisherige Rekordwert der Entschädigungen ergab sich 2023 mit 580 Millionen Euro, dem Jahr mit der bisher höchsten Windstromerzeugung.

Die geografische Verteilung der Entschädigungen verschiebt sich gerade massiv. An der Spitze der Empfänger stand im Jahr 2025 erstmals Bayern mit 165 Millionen Euro, entsprechend 38 Prozent der Entschädigungen, gefolgt von Niedersachsen mit 28 Prozent und Schleswig-Holstein mit 12 Prozent. In Hamburg und Berlin war keine Entschädigung nötig, in Bremen nur eine sehr geringe, weil in großen Städten der Strom in der Regel direkt in der Nähe verbraucht wird, hier also kaum Netzengpässe auftreten.

Das Vorrücken Bayerns, das 2024 in der Länderstatistik noch hinter Niedersachsen (40 Prozent) und Schleswig-Holstein (27 Prozent) auf Platz drei stand (16 Prozent), macht deutlich, wie sehr die Photovoltaik inzwischen zu einem wesentlichen Verursacher von Netzengpässen geworden ist.

Linke für schnelleren Netzausbau
Nach Zahlen der Bundesnetzagentur mussten alleine im vergangenen August 474 Millionen Kilowattstunden Photovoltaik wegen fehlender Infrastruktur abgeregelt werden – ein Rekordwert und mehr als doppelt so viel, wie im Vergleichsmonat des Vorjahres. Auch alle anderen Monate von März bis September 2025 brachten Rekordwerte. Bis September gingen im Jahr 2025 bereits mehr als 2,5 Milliarden Kilowattstunden Solarstrom durch fehlende Netze verloren, nachdem es im gesamten Vorjahr knapp 1,4 Milliarden gewesen waren. Im Sommerhalbjahr entfiel damit die Hälfte der sogenannten Redispatch-Maßnahmen, die von erneuerbaren Energien ausgelöst wurden, auf die Photovoltaik.

Dass nun vor allem die Solarenergie als Auslöser von Netzengpässen in Erscheinung tritt, verändert auch den Blick auf den Netzausbau, der sich in der Vergangenheit häufig nur um die großen Trassen von Nord nach Süd drehte: „Zunehmend rücken neben dem Übertragungsnetz auch die Verteilernetze in den Fokus“, erklärt die Bundesnetzagentur. Durch den starken Zubau dezentraler Erneuerbare-Energien-Anlagen entstünden „vermehrt Engpässe auf den unteren Netzebenen“.

Der Linken-Abgeordnete Bartsch forderte nach der Veröffentlichung der 2025er-Zahlen, Deutschland müsse künftig „jede Kilowattstunde ins Netz bringen“. Das aber ist eine Kostenfrage, denn der Netzausbau ist teuer, und seit Jahren bereits steigen die Netzentgelte. Im Jahr 2026 gelang es nur durch Subventionen in Höhe von 6,5 Milliarden Euro einen weiteren Anstieg zu verhindern.



 FRankfurter Rundschau hier  25.03.2026,Von: Markus Hofstetter

„Absurdität auf dem Rücken der Verbraucher“: Darum wird sauberer Strom in Deutschland einfach „weggeschmissen“

Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung in Deutschland steigt. Da der Netzausbau jedoch nicht Schritt hält, müssen die Betreiber ihre Anlagen zeitweise abschalten.

Laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) stammten im Jahr 2025 bereits 58,6 Prozent des ins Netz eingespeisten Stroms aus Wind-, Solar- oder Biogasanlagen. Doch das Übertragungsnetz wird den neuen Anforderungen derzeit kaum gerecht. Es muss auf mehreren Ebenen umfangreich erweitert werden.

Ausbau des Höchstspannungsleistungsnetzes dauert Jahre

Einerseits entfernen sich durch den Ausbau der erneuerbaren Energien Stromerzeugung und -verbrauch geografisch zunehmend voneinander. So muss beispielsweise Windenergie aus dem Norden zu den Verbrauchern im Süden transportiert werden. Dafür muss das Höchstspannungsnetz, das große Distanzen überbrückt, ausgebaut werden. Laut der Bundesnetzagentur beläuft sich der Bedarf beim Netzausbau auf rund 16.800 Kilometer Höchstspannungsleitungen, wovon die Behörde für etwa 9600 Kilometer zuständig ist. Bis 2030 sollen 4140 Kilometer neue Leitungen in Betrieb sein.

Doch die vier Betreiber 50Hertz, Amprion, Tennet und TransnetBW kommen mit dem Ausbau kaum hinterher. So warnte 50Hertz bereits im vergangenen Jahr, dass bis 2029 keine Kapazitäten mehr für neue Anschlüsse ans Stromnetz zur Verfügung stehen werden.

Milliardeninvestitionen für das Verteilernetz notwendig

Neben dem Höchstspannungsleistungsnetz muss auch das Stromverteilnetz den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sind die Verteilnetze das Rückgrat der Energiewende: Rund 95 Prozent der Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien sind hier angeschlossen. Eine Herausforderung für das Verteilernetz ist auch, dass vermehrt Leistungsspitzen aufgrund witterungsbedingt hoher Stromeinspeisungen aus Fotovoltaik- und Windenergieanlagen entstehen.

Mit den Netzausbauplänen 2024 haben die 82 größten Verteilernetzbetreiber den kommenden Bedarf an Netzausbau abgeschätzt. Für den erwarteten Netzausbaubedarf zur Erhöhung der Übertragungskapazität werden bis 2033 Investitionen in Höhe von 110 Milliarden Euro benötigt.

Betreiber in Bayern erhalten das meiste Geld

Da der Netzausbau mit dem wachsenden Angebot von Windkraft- oder Solarstrom nicht Schritt hält, müssen deren Betreiber ihre Anlagen zeitweise abschalten. Weil sie ihren Strom wegen der Netzengpässe nicht einspeisen konnten, haben sie im Jahr 2025 rund 435 Millionen Euro Entschädigung erhalten. Im Vergleich zu 2024 waren es rund 120 Millionen Euro weniger – ein Rückgang, der sich seit Jahren fortsetzt. Dies geht aus der Antwort des Bundeswirtschaftsministeriums auf eine Anfrage des Linken-Abgeordneten Dietmar Bartsch hervor, wie die dpa berichtet. Die konkrete Höhe der Entschädigung orientiert sich im Einzelfall am jeweiligen Marktpreis.

Es sind große regionale Unterschiede feststellbar. Mit 165 Millionen Euro war Bayern 2025 Spitzenreiter bei dem finanziellen Ausgleich für Erzeuger erneuerbarer Energien. Die hohe Summe erklärt sich unter anderem dadurch, dass dort viele Solaranlagen gebaut wurden, der Leitungsausbau in dem Bundesland aber nur langsam vorankommt.

Auf den Plätzen zwei und drei folgen die großen Windkraftländer Niedersachsen mit 120 Millionen und Schleswig-Holstein mit 54 Millionen Euro. Gerade an windreichen Tagen reichen die Leitungskapazitäten nicht aus, um den Strom zu transportieren. Die Netzbetreiber regeln deshalb bei Engpässen regional Erzeuger ab. Betreiber in Hessen, Bremen, im Saarland, Berlin und Hamburg bekamen dagegen wenig oder gar nichts.

Netzausbau muss beschleunig werden

Bartsch sprach von einem „Systemversagen“ und forderte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) auf, Abhilfe zu schaffen. „Die Bundesregierung verantwortet die höchsten Strompreise in Europa – gleichzeitig wird Strom ‚weggeschmissen‘“, sagte er. „Diese Absurdität auf dem Rücken der Verbraucher muss enden.“ Denn bezahlt werde sie von den Stromkunden.

„Statt kleiner Korrekturen und unzureichender Kostendämpfer braucht es einen Neustart: Netzausbau beschleunigen – Preise runter“, forderte der Politiker der Linken.. „Ein Land, das bei den Preisen an der Weltspitze steht, muss jede Kilowattstunde ins Netz bringen.“

(Quellen: dpa, Statistisches Bundesamt, Bundesnetzagentur, Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft)

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