Sonntag, 22. März 2026

"Ein ständiges Zurückrudern bei Zielen ist äußerst schädlich"

  

Achim Truger‬  ‪@achimtruger.bsky.social‬

"Die permanenten Angriffe auf den EU-Zertifikatehandel müssen aufhören!"
Freue mich riesig über unseren gemeinsamen Beitrag als deutsch-französischer Rat der Wirtschaftsexpert:innen in der @zeit.de

hier Zeit
Ein Gastbeitrag von Monika Schnitzer und Katheline Schubert 14. März 2026,

Eine Gruppe führender deutscher und französischer Ökonomen hat genug: Die permanenten Angriffe auf den EU-Handel mit Verschmutzungsrechten müssten aufhören, fordert sie.
Angesichts der Energie- und Wirtschaftskrise wird die Kritik an der europäischen Klimapolitik immer lauter – insbesondere am Handel mit CO₂-Verschmutzungsrechten. Der Deutsch-Französische Rat der Wirtschaftsexperten spricht sich ausdrücklich für das Instrument aus.

Dem Rat gehören auf deutscher Seite die Ökonomin Ulrike Malmendier sowie die Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer, Martin Werding und Achim Truger an sowie auf französischer Seite die Wirtschaftsfachleute Xavier Ragot, Katheline Schubert, François Fontaine und Fanny Henriet. Um die CO₂-Emissionen schrittweise zu verringern, ist seit rund zwanzig Jahren ein europäischer Markt für handelbare Emissionszertifikate (ETS) in Kraft. Er legt eine Gesamtobergrenze für die Emissionen aus bestimmten Bereichen fest und ermöglicht es Unternehmen, Emissionsrechte zu kaufen oder zu verkaufen. Der ETS wird aktuell mit Argumenten angegriffen, die im Diskurs industrieller Lobbygruppen seit Langem etabliert sind: Der CO₂-Preis sei zu hoch und belaste die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie unverhältnismäßig stark. Hinzu kommt ein neues Argument: Das hohe Preisniveau sei "unnormal", da es nicht auf wirtschaftlichen Fundamentaldaten, sondern auf spekulativen Phänomenen beruhe. Diese Angriffe auf die Klimapolitik müssen im Zusammenhang mit den geänderten Sichtweisen im internationalen Kontext gewertet werden. Eine Preisobergrenze wäre das falsche Signal
Der beobachtete CO₂-Preis ist das Ergebnis von Angebot an Zertifikaten und der Nachfrage der betroffenen Unternehmen und Anlagen. Das Gesamtangebot ist das zentrale Instrument der europäischen Klimapolitik: Je stärker es begrenzt wird, desto strenger sind die Umweltauflagen und desto höher liegt der Preis. Dieses Angebot wurde in den vergangenen Jahren schrittweise reduziert und wird weiter sinken, was den langfristigen Preisanstieg erklärt. Der Einfluss möglicher Spekulationsgeschäfte bleibt im Vergleich zur Wirkung des regulatorischen Pfads marginal. Der Versuch, den Preis beispielsweise durch eine Preisobergrenze zu senken, würde schlicht bedeuten, die europäische Klimaschutzambition nach unten zu korrigieren. Der ETS hat sich tatsächlich bei der Dekarbonisierung der europäischen Wirtschaft als wirksam erwiesen: Die Emissionen der unter die Regelung fallenden Anlagen sind gegenüber dem Jahr 2005 um etwa 50 Prozent gesunken. Der Großteil der Reduktion stammt aus der Stromerzeugung: Da Kraftwerke keinem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind, hat er – anders als die international exponierten Sektoren – keine kostenlosen Zertifikate zugeteilt bekommen. Kostenlose Zuteilungen sind ein ineffizientes Instrument, da sie Subventionen für fossile Energien darstellen. Im Rahmen des Pakets "Fit for 55" plant die Europäische Union, den ETS weiter zu verschärfen, indem
  • erstens kostenlose Zuteilungen schrittweise abgeschafft werden,
  • zweitens gleichzeitig ein CO₂-Grenzausgleichsmechanismus eingeführt sowie
  • drittens der Emissionshandel auf neue Sektoren wie den internationalen Luftverkehr und die Schifffahrt ausgeweitet wird.
  • Zudem ist vorgesehen, 2028 einen zweiten Emissionshandel, das sogenannte ETS2, einzuführen. 
    Das ETS2 soll die Emissionen von Haushalten (Verkehr und Wohnen) sowie von kleinen, bislang nicht vom ETS erfassten Unternehmen abdecken. Würde nun der ETS abgeschwächt, verringert sich die Wahrscheinlichkeit, dass das ETS2 tatsächlich eingeführt wird.

Kluge Verwendung der Einnahmen nötig
Wenn man die industrielle Wettbewerbsfähigkeit schützen möchte, ohne die Klimaziele zu schwächen, wäre ein CO₂-Grenzausgleich, der auf importierte Produkte einen CO₂-Preis anwendet, geeignet. Es gibt weitere Instrumente, um die europäische Industrie zu unterstützen, ohne die Klimaschutzziele zu verringern: So könnten die Einnahmen aus der Versteigerung von Zertifikaten beispielsweise ganz oder teilweise für die Dekarbonisierung der am stärksten gefährdeten Unternehmen verwendet werden. Klimapolitik darf nicht auf eine bloße Verteuerung der Kosten für CO₂-intensive Unternehmen reduziert werden. Neben der Emissionsminderung ermöglicht sie, dass dekarbonisierte Aktivitäten entstehen, die ohne einen CO₂-Preis nicht wettbewerbsfähig wären.

Sie fördert Innovationen von CO₂-armen Technologien und Produkten und erleichtert die notwendige strukturelle Transformation der europäischen Wirtschaft. Schätzungen zufolge liegt der CO₂-Preis, der mittelfristig eine Dekarbonisierung des Industriesektors ermöglichen würde, bei etwa 200 bis 300 Euro pro Tonne CO₂ – deutlich über den durchschnittlich rund 80 Euro der vergangenen Jahre. Entscheidend ist: Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren der Klimapolitik ist ihre Stabilität. Ein ständiges Zurückrudern bei Zielen und Instrumenten ist äußerst schädlich.

Ohne ausreichende Planungssicherheit über die künftige Klimapolitik – wenn also stets mit einer Abschwächung der europäischen Ambitionen gerechnet werden muss – werden Unternehmen die notwendigen Investitionen in CO₂-arme Technologien nicht tätigen.


T-online Amy Walker /Wirtschaftsredakteurin mit Schwerpunkt Energie

Ich finde, Anna Borg bringt es gut auf den Punkt: Den ETS jetzt abzuschaffen ist ungefähr so, wie wenn man die Dämmung eines Hauses auf halber Strecke beendet, weil es teuer ist. 

Ja, der Emissionshandel kostet Geld, das ist der Punkt. Aber dieses Geld verschwindet nicht einfach, sondern kann - zumindest theoretisch - dafür eingesetzt werden, die Transformation zu unterstützen. Und langfristig sparen Europäer Geld, wenn sie nicht mehr zu 100% auf fossile Importe angewiesen sind. 

Gerade ist es für viele Unternehmen und Industrien auch schwer, das muss man anerkennen. Eine Reform des ETS sollte deshalb auch in Angriff genommen werden - um gezielt bestimmte Branchen zu helfen. 

Aber alles über Bord zu werfen würde die Unternehmen ignorieren, die sich seit 20 Jahren auf den Weg machen und Geld in klimafreundliche Technologien investiert haben. Diese Unternehmen machen Europa langfristig unabhängig, und sollten dafür nicht bestraft werden. Die EU sollte auch nicht unterschätzen, was eine Abschaffung des #CO2Preises für ein Signal sendet: Verlässlichkeit gibt es hier nicht.

https://lnkd.in/d3PNQQrx


hier  19.03.2026  Amy Walker

Gipfel am Donnerstag: EU streitet über Abschaffung des CO2-Preises

Am Donnerstag kommen die europäischen Staats- und Regierungschefs zum Gipfel zusammen. Dieser steht im Zeichen der steigenden Energiepreise. Rechtspopulistische Kräfte wittern ihre Chance.

Die europäischen Rechtspopulisten erleben gerade eine Erfolgsserie. Im EU-Parlament ist Recherchen zufolge die Brandmauer gefallen, Rechtsaußen und Mitte-Rechts sprechen sich bei wichtigen Entscheidungen wohl miteinander ab; 

der Migrationskurs verschärft sich, die Energie- und Klimapolitik steht zunehmend unter Druck und einige EU-Staaten fordern schon einen Deal mit Russlands Kremlchef Wladimir Putin.

Mit diesem Selbstbewusstsein gehen die Rechtsaußen-Parteien am Donnerstag in den EU-Gipfel, bei dem die Staats- und Regierungschefs unter anderem über den Iran-Krieg und dessen Folgen sprechen wollen. Auf der Agenda: die Abwicklung der zentralen Säule europäischer Klimapolitik, der Europäische Emissionshandel (EU-ETS).

Europäischer CO2-Preis soll fallen

So haben sich Italien, Belgien und osteuropäische Staaten wie Tschechien, Polen und Griechenland zusammengetan und fordern, den Emissionshandel gänzlich aufzugeben. In einem Brief an die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen heißt es, der ETS habe ihre Länder beschädigt und zur Deindustrialisierung beigetragen. Zugleich habe das System die Energie auch für Privathaushalte teurer gemacht. Die italienische Regierung hat bereits angekündigt, Gaskraftwerksbetreiber für die Kosten des ETS zu entschädigen, was in Europa bereits Unruhe schürt.

Der ETS

Der europäische Emissionshandel versieht seit 2005 den Ausstoß von CO2 mit einem Preis. Dieser CO2-Preis galt erst nur für die Energiewirtschaft, weitete sich nach und nach aber auf immer mehr Bereiche aus, unter anderem Schiffs- und Luftverkehr. Bis 2035 sollen grundsätzlich alle Wirtschaftsbereiche einbezogen werden, ab 2028 werden auch private Haushalte in das System geholt (ETS-2). Die Einnahmen aus dem Emissionshandel gehen an die EU-Mitgliedstaaten, das Geld sollen sie zur Förderung von klimafreundlichen Technologien einsetzen.

Auf der anderen Seite stehen die Skandinavier, die Niederlande und Spanien, die den ETS als zentrales energie- und klimapolitisches Instrument behalten wollen. Sie verweisen darauf, dass durch den ETS in den vergangenen 20 Jahren die Treibhausgasemissionen um mehr als 50 Prozent zurückgegangen sind, vor allem im Energiesektor, der zunehmend auf Wind, Solar, Biomasse und Atomkraft setzt und Öl, Gas und Kohle langsam verdrängt.

Außerdem warnen sie vor den Folgen einer Aushebelung des Emissionshandels: Unternehmen, die sich seit Jahren auf die CO2-Bepreisung eingestellt und Investitionen in die Zukunft getätigt haben, könnten langfristig das Vertrauen in Europa verlieren.

Und wo steht Deutschland? Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat sich in den vergangenen Wochen zwischen den Stühlen platziert. Er fordert eine Reform des ETS, wodurch vor allem energieintensive Industrieunternehmen wie Stahl oder Chemie entlastet werden sollen, die ohnehin unter hohem Wettbewerbsdruck stehen. Grundsätzlich wolle man aber am System festhalten, heißt es vonseiten der Bundesregierung in dieser Woche.

Druck steigt durch den Iran-Krieg

Der Streit soll am Donnerstag beigelegt werden. Ob das gelingt, ist offen. Durch den Iran-Krieg wächst der Druck auf die Regierungen, kurzfristige Maßnahmen zu ergreifen, um die Energiepreise zu senken. Die EU hatte vergangene Woche einen Gaspreisdeckel ins Spiel gebracht und forderte die Mitgliedstaaten auf, Steuern nach Möglichkeit zu senken. Auch in Deutschland werden solche Forderungen laut: Die Aussetzung des CO2-Preises ist im Gespräch.

Die Angst vor einer neuen Energiekrise kommt den Rechtspopulisten gerade recht. Für sie ist ein Ende der derzeitigen Klimapolitik jetzt endlich denkbar.

Im Vorfeld des Gipfels haben sich auch deshalb Unternehmen, Thinktanks und Forschungsinstitute an Entscheidungsträger gewandt, oft mit der Bitte verbunden, den ETS jetzt nicht auszuhebeln. Die Chefin des Energiekonzerns Vattenfall, Anna Borg, wird in einer Mitteilung deutlich: "Hände weg vom ETS". Das Vertrauen zu untergraben, würde die Wettbewerbsfähigkeit Europas langfristig schwächen, sagt sie weiter. "Es ist, als würde man die Dämmung eines Hauses auf halbem Wege aufgeben, weil sie im Moment zu kostspielig erscheint." Nur durch Dekarbonisierung könne die EU in Zukunft wettbewerbsfähig sein, so Borg.

Dem stimmt auch Domien Vangenechten von der Denkfabrik E3G zu: "Investitionssicherheit kommt durch Verlässlichkeit und nicht durch eine Verwässerung des CO2-Preises". Bernd Weber von der Denkfabrik Epico fordert die Europäer auf, die Einnahmen aus dem ETS so zu nutzen, dass die Industrie bei der Transformation unterstützt wird. "Der EU-Emissionshandel bleibt das zentrale Instrument der marktbasierten europäischen Klimapolitik."

ETS-Abschaffung schadet Deutschland

Lukas Hermwille, Co-Leiter des Forschungsbereichs Transformative Industriepolitik am Wuppertal Institut, erklärte bereits im November, als erste Diskussionen um den ETS aufkamen, dass sich die EU selbst schwächen würde, wenn sie den Emissionshandel auflösen würde. Allein die Diskussion um die Abschaffung schade dem Wirtschaftsstandort Deutschland massiv, sagte er.

"Die deutsche Industrie, insbesondere die Grundstoffindustrie, muss in den kommenden zwei Jahren zukunftsweisende Investitionsentscheidungen treffen. Doch wo politische Verlässlichkeit und klare Rahmenbedingungen notwendig wären, herrscht Vakuum." In dieser Zeit würden Konkurrenten wie China massiv in die Zukunft investieren, sagte er weiter.

China will Technologie-Weltmarktführer werden

Apropos China: Erst vergangene Woche hat China seinen Fünfjahresplan für die Jahre 2026 bis 2030 beschlossen. Darin skizziert Peking sein Vorhaben, sich als Marktführer bei neuen Technologien zu etablieren, von KI über Batterien, Halbleiter bis zu grünem Wasserstoff. Ziel ist es auch, von Energieimporten unabhängig zu werden und mehr heimische Energie zu produzieren.



Jan Kronenwerth /LinkedIn Kaum ein klimapolitisches Instrument sorgt für so viel Empörung wie der CO₂-Preis. Für viele ist er Symbol einer Politik, die Heizen, Tanken und Wirtschaft künstlich verteuert. Aber diese Erzählung übersieht einen entscheidenden Punkt: 👉 Der historische Sonderfall war nicht der CO₂-Preis – sondern seine Abwesenheit. Über Jahrzehnte konnten fossile Energien genutzt werden, ohne dass ihre Folgekosten im Preis auftauchten.
Extremwetter, Gesundheitskosten, Infrastruktur-Schäden – all das wurde gesellschaftlich getragen. Ökonomen nennen das Externalisierung von Kosten. Der CO₂-Preis versucht lediglich, etwas Offensichtliches umzusetzen: Wer Emissionen verursacht, zahlt dafür. Das ist kein Verbot und keine moralische Belehrung. Es ist ein Marktmechanismus.


Natürlich entsteht dabei eine zentrale politische Frage: Wer trägt die Kosten des Übergangs? Ohne sozialen Ausgleich kann Klimapolitik schnell als ungerecht wahrgenommen werden. Mit einem fairen Rückverteilungsmechanismus (z. B. Klimageld) kann der CO₂-Preis jedoch genau das Gegenteil erreichen: Effizienz und Fairness. Die eigentliche Frage lautet daher nicht:„Ist der CO₂-Preis zu teuer?“ Sondern: Wer soll die Rechnung bezahlen – heute die Verursacher oder morgen alle anderen?

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