klimareporter.de hier ein Gastbeitrag von Eric Hartmann
Klimaschutz und Nachhaltigkeit stehen unter Druck. Die Union wirbt damit, das Heizungsgesetz abzuschaffen, die europäischen CO2-Grenzwerte für Autos werden aufgeweicht, viele Unternehmen werden von den EU-Berichtspflichten zur Nachhaltigkeit ausgenommen.
Damit zeichnen Politik und öffentliche Debatte ein klares Bild: Für Klimaschutz und Nachhaltigkeit haben wir keine Zeit, keine Ressourcen und keine Aufmerksamkeit.
Hat die deutsche Bevölkerung eine ähnliche Perspektive? Oder gibt es Widerspruch gegen diesen Backlash, der aber nicht gehört wird? Um diese Frage zu beantworten, hat ein Team an der Leuphana Universität Lüneburg in einer Studie untersucht, wie die Bevölkerung auf Klimaschutz und nachhaltige Transformation blickt.
Für das "Transformationsbarometer" wurden zwischen Juli und Oktober 2025 über 2.000 repräsentativ ausgewählte Menschen online und telefonisch zu ihren Einstellungen befragt. Im Dezember wurden die Ergebnisse veröffentlicht.
Dabei zeigte sich, dass Klimaschutz für die Bevölkerung zwar nicht an der Spitze der wichtigsten Themen steht. Doch es gibt weiter Unterstützung: Während etwa die Hälfte der Befragten dafür war, Klimaschutz "so schnell wie möglich" durchzuführen, sprachen sich nur rund drei Prozent generell gegen Klimaschutz aus.
Die Ergebnisse der Befragung stehen somit im Gegensatz zu aktuellen Debatten und politischen Initiativen, die auf das Rückabwickeln und Aufweichen von Klimaschutz abzielen.
Wie umgehen mit sozialer Frage und Polarisierung?
In der Studie fragten wir zudem die Zustimmung zu verschiedenen Politikinstrumenten ab, von Kaufprämien für E‑Autos über die Solardachpflicht bis hin zu Vorgaben zur Begrünung von Neubauten.
Eine mehrheitliche Zustimmung der Bevölkerung gab es bei elf von 13 abgefragten Politikinstrumenten. Im Bereich Klimaanpassung ist die Zustimmung besonders deutlich.
Auch in den Sektoren Wärme und Mobilität standen die Befragten den Klimaschutzmaßnahmen mehrheitlich positiv gegenüber, zum Beispiel für effiziente Wärmedämmung, Kaufprämien für E‑Autos oder ein Tempolimit auf Autobahnen.
Eric Hartmann ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Leuphana Universität Lüneburg. Seine Forschung konzentriert sich auf deutsche und europäische Klimapolitik sowie auf gesellschaftliche Transformationsprozesse in Richtung Nachhaltigkeit.
Steuern auf allgemeinen Stromverbrauch und fossile Brennstoffe lehnten hingegen die meisten Leute ab. Ein möglicher Grund: Die Bevölkerung scheut pauschale finanzielle Mehrbelastungen nach Jahren der Inflation und Stagnation. Die sozialen und ökonomischen Folgen der Klimapolitik müssen daher bedacht werden.
Dass grundlegende menschliche Bedürfnisse wie Bildung, Gesundheit, Ernährung und Wohnen gewährleistet werden – und zwar für alle Menschen –, war den Befragten besonders wichtig.
Viele kritisieren die zu starke Belastung von Armen und die zu geringe Verantwortungsübernahme durch reiche Menschen in Deutschland.
Für globale Umverteilung von Wohlstand, um Nachhaltigkeit zu stärken, sprechen sich sogar über 70 Prozent der Befragten aus. Das beträfe etwa die Einführung eines sozial gestaffelten Klimageldes und die Stärkung der internationalen Klimafinanzierung für Länder des globalen Südens.
Doch die Umfrage zeigte auch Polarisierung. Denn für bestimmte Maßnahmen spricht sich ein Teil der Bevölkerung stark aus, ein anderer Teil ist stark dagegen. Dies gilt bei Steuern auf fossile Brennstoffe und ineffiziente Verbrenner, Kaufprämien für E‑Autos sowie für das Tempolimit auf Autobahnen.
Daraus lässt sich ein klarer politischer Gestaltungsauftrag ableiten: Die Sektoren Wärme und Verkehr müssen so weiterentwickelt werden, dass ihre Emissionen wieder dauerhaft sinken – ohne dabei neue Polarisierungen in Politik und Öffentlichkeit auszulösen.
Emotionen müssen stärker berücksichtigt werden
Auch mit der Rolle von Emotionen in Bezug auf Klimawandel und Klimaschutz hat sich die Studie beschäftigt. Es zeigte sich, dass Menschen starke emotionale Reaktionen haben, von Angst vor dem Klimawandel über Sorge vor Veränderungen, Machtlosigkeit und Hilflosigkeit bis hin zu Wut auf Klimaschützer:innen. Doch kaum jemandem ist der Klimawandel egal.
In Bezug auf ihre emotionale Reaktion auf den Klimawandel gliedert sich die Bevölkerung dabei laut der Studie in drei ungefähr gleich große Gruppen: die Distanzierten, die Verunsicherten und die Involvierten.
- Die Distanzierten zeigen sich im Hinblick auf den Klimawandel bewusst entspannt. Da sie selbst wenig Angst vor dem Klimawandel haben, finden sie das Engagement von Klimaschützer:innen oft unangemessen und reagieren teilweise wütend.
- Die Verunsicherten zeichnen sich durch besonders starke emotionale Reaktionen aus, und zwar sowohl auf die Folgen des Klimawandels als auch auf Veränderungen ihres Alltags.
- Die Involvierten teilen zwar mit den Verunsicherten die Gefühle von Angst und Machtlosigkeit, verspüren sie jedoch auf geringerem Level. Stattdessen sind sie unbesorgt, was Veränderungen ihres Alltags angeht. Die Involvierten sind häufiger klimapolitisch engagiert, weisen Ärger über Klimaschützer:innen zurück und achten stärker auf ein klimabewusstes Verhalten.
Die Forschung zeigt zudem, dass jede Form von Veränderung – sowohl durch die Folgen des Klimawandels als auch durch konsequenten Klimaschutz – starke emotionale Reaktionen in Teilen der Bevölkerung hervorruft. Entsprechend braucht es einen neuen Umgang mit diesen Emotionen, um auf Ängste und Sorgen einzugehen und neue Perspektiven zu schaffen, statt nachhaltige Transformationsprozesse zu untergraben.
Da Klimaschutz und Nachhaltigkeit Herausforderungen für die gesamte Gesellschaft sind und alle Beteiligten ihren Beitrag leisten müssen, wurden außerdem Menschen in Deutschland befragt, wie sie das Engagement verschiedener Akteure bewerten.
Hier zeigte sich: Besonders das Engagement in Politik und Wirtschaft wird als zu gering wahrgenommen. So sagten 74 Prozent der Befragten, dass sich die Bundesregierung zu wenig für Nachhaltigkeit einsetzt. Bei Unternehmen äußerten 77 Prozent diese Ansicht.
Das ist ein Plädoyer für mehr Engagement von Politik und Wirtschaft – also von genau denen, die teils mit immer neuen Initiativen Klimaschutz abschwächen wollen.
Da es also weiterhin deutliche Mehrheiten für Klimaschutz und Klimaanpassung in der Bevölkerung gibt
– auch wenn Klimaschutz nicht mehr
das Thema Nummer eins ist –,
ergibt sich aus diesen Erkenntnissen
ein deutlicher Gestaltungsauftrag:
Transformation ist die Kunst,
das Notwendige möglich zu machen.

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