Zeit hier Ein Kommentar von Mariam Lau 12. März 2026,
CDU in Baden-Württemberg: Die Methode Söder ist gescheitert
In Baden-Württemberg macht die Union die Regierungsbildung schwer. Dabei wäre jetzt der Moment gekommen, sich aus einem strategischen Dilemma zu befreien.
Man fasst sich an den Kopf. Spätestens seit der letzten Bundestagswahl, im Grunde aber schon seit Jahren, lautet die Botschaft der Union, man sei "die letzte Patrone der Demokratie". Wenn es den Parteien der Mitte nicht sehr bald gelänge, die Probleme zu lösen, die auf dem Tisch liegen, dann werde es schnell zappenduster. Die Rede vom Jahr 2033 macht die Runde.
In dieser Lage machen ihnen die Wähler von Baden-Württemberg ein Geschenk; keine Patrone, sondern einen funkelnden Schatz – und die CDU ist beleidigt. Statt sich über knapp 30 Prozent der Stimmen zu freuen – und über satte 60 Prozent für eine mögliche Koalition mit den Grünen –, sinnt die CDU auf Rache für die angebliche grüne Schmutzkampagne mit dem "Rehaugen-Video".
Aus unbändiger Wut über den knappen Sieg der Grünen verlangt sie nun von deren Spitzenkandidaten Cem Özdemir Demutsgesten, die eine Koalition auf Unterwerfung statt auf Vertrauen gründen würde. Angeblich kursieren in Stuttgart jetzt Listen von CDU-Forderungen, die der Grüne ohne Wenn und Aber abnicken und damit den Bruch mit seiner eigenen Partei öffentlich bekunden soll.
Die bizarre Hoffnung: Man verhindert eine Regierungsbildung und bekommt im Herbst Neuwahlen. Wer davon profitieren würde, kann jeder selbst ausrechnen.
Die bizarre Hoffnung: Man verhindert eine Regierungsbildung und bekommt im Herbst Neuwahlen. Wer davon profitieren würde, kann jeder selbst ausrechnen.
Was passiert da gerade? Und was bedeutet es für die Zukunft der Volkspartei CDU? Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen – gerade weil Baden-Württemberg ein Symbol für das deutsche Geschäftsmodell der Nachkriegszeit schlechthin ist. Das Vorzeige-Autoland, in dem die Angst umgeht, schon bald zum Detroit der Bundesrepublik zu werden, läuft nicht etwa in Panik zu den Extremisten. Im Gegenteil: Die AfD mag sich zwar verdoppelt haben. Aber sie spielte in diesem Wahlkampf praktisch keine Rolle.
Die Methode Söder ist gescheitert – und die Merz-CDU sollte sich dessen bewusst werden
Nein, die Baden-Württemberger wollen in großer Mehrheit von zwei Parteien der Mitte regiert werden: von den Grünen und der CDU. Ihnen trauen sie die Zukunft zu, trotz oder gerade wegen China-Schock, Lieferketten-Chaos, Ölpreis-Explosion und Gasmangel. Sie wollen offenkundig sowohl an den Erneuerbaren als auch am Wirtschaftsliberalismus festhalten. Sie wollen nicht das Blaue vom Himmel, sondern Erfahrung, Zuversicht und gern auch ein paar Ideen, wie man aus dem Schlamassel der ungeplanten Deindustrialisierung herauskommt. Cem Özdemir und Manuel Hagel haben sich da ein paar interessante Bälle zugespielt (Sonderwirtschaftszone, kostenloser Meisterlehrgang).
Für die Merz-CDU ist das nicht nur ein Geschenk in schwerer Zeit. Es ist auch die Chance für einen Befreiungsschlag innerhalb der Union. Denn der schwarz-grüne Triumph vom Sonntag hat aller Öffentlichkeit das Scheitern der Methode Söder vor Augen geführt. Der CSU-Chef Markus Söder hatte – gemeinsam mit dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn – versucht, die Grünen aus dem Kreis der demokratischen Parteien zu vertreiben. Damit hat er der Merz-CDU eine Machtoption zerschossen. Das Ergebnis war, dass Merz einer am Boden liegenden SPD Zugeständnisse machen musste, die ihm nun täglich von den eigenen Leuten um die Ohren gehauen werden.
Aber "die Leute" sehen die Sache offenbar anders. Die Grünen sind weniger im Off, als sie selbst geglaubt haben. Obendrein hatte ein eher konservatives Land kein Problem damit, einen Migrantensohn zum Ministerpräsidenten zu machen, der sich in seiner Migrationspolitik auf ein Terrain gewagt hat, das Alexander Dobrindt vermutlich vorsichtig umschleichen würde: die Verbindung von Frauen, Sicherheitsgefühl, Freiheit und irregulärer Migration.
Wenn die CDU auf der Höhe ihres Selbstbewusstseins wäre, hätte sie die Chance mit beiden Händen ergriffen, die sich ihr hier bietet: Befreiung aus dem Söder-Gefängnis, Präsentation als ruhige Hand der Transformation, Fairness, Großmut und das Bewusstsein, in fünf Jahren in Ruhe übernehmen zu können. Stattdessen Tobsuchtsanfall über eine Kampagne um das Rehaugen-Video, die keine war. Bleibt zu hoffen, dass nun alles, was in der BaWü-CDU an Erfahrung und Vernunft im Angebot ist: Annette Schavan, Günther Oettinger, Volker Kauder – dass sie alle ausschwärmen und den politischen Tobsuchtsanfall beenden, den sich die Landespartei gerade genehmigt. Dann könnten sich Türen öffnen, wie sie die Merz-CDU bisher noch nicht gesehen hat.
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