Sonntag, 1. März 2026

Wenn Regierungen zu viel Zeit mit der Vergangenheit verbringen statt mit der Bewältigung der Zukunft

Capital hier  Kolumne von Timo Pache  27. Februar 2026 

Politik im „Innovator's Dilemma“


Alte Wahlkampf-Hits, neue Realitäten: Heizungsgesetz, Rente und Bürgergeld zeigen, wie sehr deutsche Parteien in den Kämpfen von gestern gefangen sind

Vielleicht ist Ihnen schon einmal der Begriff des „Innovator’s Dilemma“ begegnet. Etwa im BWL-Studium. Oder vielleicht, weil Sie in der Autoindustrie arbeiten, bei einem der großen Hersteller oder einem Zulieferer. Oder bei einem etablierten Finanzinstitut, oder vielleicht auch in der Medien- und Werbebranche. Es gibt in der Wirtschaft ziemlich viele Branchen und Industrien, die heute mit dem „Innovator’s Dilemma“ zu kämpfen haben.

Im Kern beschreibt der Begriff die oftmals schwierige Situation für erfolgreiche, große und etablierte Unternehmen, die in ihrem Markt plötzlich mit einer Neuerung konfrontiert sind und die den Markt über kurz oder lang fundamental verändern wird. Der Elektroantrieb ist so ein Beispiel. Auch die Blockchain-Technologie und überhaupt die Digitalisierung. Oder auch das Aufkommen sozialer Medien als Ort der Information und des sozialen Austauschs. Alles Innovationen, die junge Unternehmen erfolgreich genutzt haben, um lange bestehende Geschäftsmodelle großer Konzerne mit neuen Produkten herauszufordern oder ganz überflüssig zu machen. 

Das Dilemma für die großen Konzerne besteht nun darin, ihr altes Produkt oder Geschäftsmodell auf die neuen Bedingungen einzustellen. Was oft nicht einfach ist, da die bestehenden Kunden an dem alten Produkt festhalten wollen oder die neue Technologie und die neuen Produkte ganz neue Kompetenzen, Arbeitsweisen und Kostenstrukturen erfordern. Um das hinzubekommen, müssen die Platzhirsche oft beides schaffen: Das alte Geschäft fortführen und zugleich das Neue wagen – was schnell ein ziemlicher Spagat werden kann. 

Partei-Folklore zieht nicht mehr
Interessanterweise gibt es dieses Dilemma aber nicht nur in der Wirtschaft, sondern in leicht abgewandelter Form auch in der Politik. Auch hier betreiben Parteien ihr Geschäft – die Bindung von Wählerstimmen – oftmals mit lang gepflegten Positionen, Vorschlägen und Forderungen, die sie teils über viele Jahre entwickeln, verfeinern und stets vor sich hergetragen haben. Erfolgreiche Wahlkämpfer wissen: Du brauchst einfach ein paar alte Hits, die jeder mitsingen kann und die Du immer wieder auflegen kannst. 

Was aber nicht davor schützt, dass sich Teile des Publikums in der Zwischenzeit verabschieden. Vorne vor der Bühne mag die Stimmung noch gut sein, aber hinten lichten sich die Reihen. Denn die Welt dreht sich weiter, es kommen neue Themen auf, was früher einmal richtig, klug und wichtig war, ist es heute womöglich nicht mehr. Und so wird die Antwort auf die Frage, was nun wirklich ein erfolgreiches Thema war oder ist, mit der Zeit relativ. 

Für die FDP waren zuletzt selbst mit dem Gassenhauer „Keine neue Schulden“ fünf Prozent der Wählerstimmen unerreichbar, für die Sozialdemokraten ist diese Marke mit ihrem Evergreen „Sichere Rente“ in manchen Regionen inzwischen eine sehr reale Drohung. 

Egal, ob bei CDU, CSU, SPD oder Grünen, die Partei-Folklore zieht nicht mehr oder tut dies immer weniger – manchmal schreckt sie sogar ab. Und die neuen Themen, Trends und Herausforderungen lassen sich nur schwer mit den alten Inhalten in Einklang bringen. 

Es ist ein Dilemma, das immer wiederkehrt: Regierungen verbringen zu viel Zeit mit der Bewältigung der Vergangenheit und zu wenig mit der Bewältigung der Zukunft. Man kann das für die gescheiterte Ampel ebenso durchgehen wie für die aktuelle schwarz-rote Koalition: Bürgergeld, Rentenniveau, Heizungsgesetz – alles Themen, die wahlweise Union oder SPD oft über Jahre vor und mit sich herumtrugen und auf deren Aufarbeitung, Korrektur oder Umsetzung sie nun das erste Viertel ihrer Amtszeit verwendet – um nicht zu sagen: verschwendet – haben. 

Die Politik gibt sich selbst der Lächerlichkeit preis
Denn wenn man ehrlich ist, dann war weder die nun angekündigte Korrektur des einst heftig umstrittenen Heizungsgesetzes vom grünen Wirtschaftsminister Robert Habeck immer noch ein absolut vordringliches Problem, noch die kurz vor Weihnachten gegen enorme Widerstände in den eigenen Reihen der Koalition durchgedrückte Sicherung des Rentenniveaus von 48 Prozent. Beide Male ging es um das Einlösen von Wahlkampfversprechen für eine Wählergruppe, die beständig kleiner wird. 

Zugleich aber gerät eine Politik, die ihre Aufgaben und ihre Berechtigung vor allem aus den Kämpfen der Vergangenheit zieht, in immer neue Konflikte mit der Gegenwart und den Zielen in der Zukunft. 
Bei der Rente ist dieser Widerspruch klar und oft beschrieben worden: Die Lasten und Kosten des demografischen Wandels, die ganze Absurdität, zunächst etwas sehr Teures zu beschließen, um dann eine Kommission einzusetzen, die eine Reform ausarbeiten soll, um die Kosten wieder einzufangen – so gibt sich Politik selbst der Lächerlichkeit preis. Ähnlich beim Heizungsgesetz: Ja, der erste Entwurf für das Gesetz war in vieler Hinsicht eine Zumutung, der später gefundene Kompromiss zwischen SPD, FDP und Grünen war es nicht mehr. 

Mag sein, dass in etlichen deutschen Heizungskellern immer noch über die Grünen geschimpft wird. Und es ist auch richtig, dass staatliche Bevormundung nie gut ankommt. Insofern ist es völlig in Ordnung zu sagen: Soll doch jeder – zumindest im Eigenheim – selbst entscheiden, womit er oder sie künftig die Bude warm bekommen will. Für die meisten Menschen wird es eine Frage des Preises und der Verfügbarkeit sein, idealerweise nicht nur heute, sondern auf die Sicht von 15 oder 20 Jahren. 

Wer sich aber eine modernere Öl- oder Gasheizung kaufen wollte, hat dies oft in den vergangenen Jahren getan. 2025 war mit Abstand die Wärmepumpe die am häufigsten verbaute neue Heizungsanlage – in den meisten Gebäuden ist sie auch die sinnvollste und wirtschaftlichste Lösung. Statt nun wieder Öl- und Gasöfen politisch eine Chance zu geben, wäre es sinnvoller gewesen, die staatliche Förderung von Wärmepumpen zu beenden – ganz so, wie es Wirtschaftsministerin Reiche nun auch für Solaranlagen plant. Was wirtschaftlich ist, muss vom Staat auch nicht bezuschusst werden. Aber das Signal zu geben, Öl und Gasthermen könnten auch in 15 oder 20 Jahren noch eine sinnvolle Lösung sein, ist eine merkwürdige Entscheidung, wenn man zugleich an den alten Klimazielen festhält. Und eine teure zumal, denn Öl, Gas und auch alternatives Biogas werden nach allen Prognosen sehr viel teurer werden als der bloße Strom.

Zugegeben, Heizungstechnik zählt selten zu den Kernkompetenzen von Wirtschaftsjournalisten. Daher haben wir bei Capital mit einem erfahrenen Heizungsinstallateur gesprochen, was er von dem neuen Gesetz hält und was er seinen Kunden jetzt rät – das ganze Interview lesen Sie hier.   

Nun kann man einwenden, dass Parteien nun mal für ihre Wahlkampfthemen gewählt werden – und sie nach der Wahl nicht einfach andere Dinge machen dürfen als sie vorher versprochen haben. Ein sehr richtiger Einwand, der den Kern der Demokratie berührt. Aber der Prozess der demokratischen Willensbildung ist eben keine Einbahnstraße, auf der der Wähler einmal seinen Willen artikuliert und dieser anschließend von der Regierung umgesetzt wird. Sondern Parteien wirken selbst an der Willensbildung mit: indem sie Themen setzen, Wut und Verunsicherung aufgreifen, entkräften oder verstärken, und indem sie Vorschläge machen, wie sie sich die Zukunft vorstellen. Die Zukunft wohl gemerkt, und nicht allein die Korrektur der Vergangenheit. 

Sie sollten dies übrigens schon im eigenen Interesse tun. Denn Parteien, die immer nur die alten Kamellen wieder rausholen, die falsche Sicherheiten geben oder eine Welt beschwören, die es so nicht mehr gibt, machen sich irgendwann selbst überflüssig. Die hinteren Reihen lichten sich nicht von ungefähr. 

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