NTV hier Das Klima-Labor von ntv 01.03.2026,
Das ist das neue Energiesystem: Digital? Für das deutsche Stromsystem ein Fremdwort.
Nur vier Prozent der Haushalte verfügen bisher über Smartmeter. In Dänemark, Frankreich oder Italien unvorstellbar.
Bei Batteriespeichern ist das Verhältnis umgekehrt: "Wir sind Vorreiter bei der dezentralen und flexiblen Energieversorgung", sagt Jan Rabe von Rabot Energy im "Klima-Labor" von ntv.
Die Krux: Auf sich allein gestellt vollendet weder die eine noch die andere Technologie die Energiewende. Smartmeter UND Batteriespeicher sind die Bausteine für das Stromsystem der Zukunft. Und dynamische Tarife. "Nur damit kann man Flexibilität ins Energiesystem übertragen", sagt Rabe. Und die Macht von Wind- und Solarkraft entfesseln: "Man speichert Strom, wenn er günstig ist - um ihn zu verwenden, wenn er teuer ist." Das spart Geld und Netzausbau. Und Gaskraftwerke. Langfristig jedenfalls. Kurzfristig? Hat Rabe Verständnis dafür, dass die Politik neue baut: "Das Sicherheitsbedürfnis vieler Menschen ist bislang nicht bereit für das neue System."
ntv.de: Sind Batteriespeicher die Schlüsseltechnologie des Jahres 2026?
Jan Rabe: Ja. Wir haben die erneuerbaren Energien in den vergangenen 15 Jahren massiv ausgebaut - von quasi null auf 60 Prozent des Strommixes. Wind und Sonne haben massive Vorteile. Die Kosten für die Stromerzeugung fallen, aber sie erzeugen Strom, wie es die Natur erlaubt: Gerade im Sommer gibt es manchmal zu viel; im Winter oder in einer Dunkelflaute eher zu wenig. Speicher können die Volatilität abfedern und sicherstellen, dass erneuerbarer Strom immer sinnvoll genutzt wird. Das ergibt volkswirtschaftlich großen Sinn: Aktuell wird Solarstrom im Milliardenbereich abgeregelt und eben nicht genutzt.
CEO_Jan_Rabe_Rabot_EnergyJan Rabe ist Co-Gründer und Chef von Rabot Energy.
Das Unternehmen bietet dynamische Tarife an und nutzt künstliche Intelligenz bei der Strombeschaffung: "Unser Algorithmus entscheidet im Viertelstundentakt, ob Strom angekauft oder auf einen besseren Preis gewartet werden soll."
Im Milliardenbereich?
Durch Speicher können Haushalte überschüssigen Solarstrom in Zeiten schieben, in denen sie bisher Strom zukaufen müssen.
Und sparen damit Milliarden?
Als Gesellschaft, ja.
Wo sind die Speicher denn? Warum haben wir die nicht?
Tatsächlich sind in Deutschland bereits mehr als zwei Millionen Speicher installiert. Haushalte mit einer Solaranlage haben sich oft einen dazugekauft. Den Menschen ging es primär um Autarkie: Sie möchten möglichst wenig Strom aus dem Netz beziehen. Die preisoptimierte Speichernutzung wird in der Breite bisher nicht umgesetzt: Jetzt im Winter kann man günstig überschüssigen Windstrom kaufen, speichern und abends verwenden, wenn der Strompreis eher hoch ist.
Dafür braucht man aber einen Smartmeter, oder?
Genau. Damit wird der Strombereich digitalisiert und der finanzielle Vorteil bilanziert. Das Traurige ist: In Frankreich, Italien oder Dänemark sind bereits 95 bis 99 Prozent der Haushalte mit Smartmetern versorgt. Wir stehen bei vier Prozent. 96 Prozent der Haushalte haben also keine Transparenz über ihren Verbrauch und zu den Preisen.
Ist das Verhältnis bei Speichern ähnlich?
Nein. In Deutschland wurde die dezentrale Solaranlage auf dem Dach stark gefördert. Das ist im Ausland unüblich. Dort sind weniger Speicher vorhanden. Wir sind Vorreiter bei der dezentralen und flexiblen Energieversorgung.
Private Verbraucher sind auch bei Speichern die Vorreiter? Was ist mit Unternehmen und anderen großen Stromverbrauchern?
Das stimmt. Die großen Investitionen finden aber bei den Großbatteriespeichern statt. Die werden an Netzknotenpunkten installiert, also auf der Hochspannungsebene, um überschüssigen Strom aus Photovoltaik oder Windkraft aufzunehmen und ihn in anderen Zeiten wieder auszuspeisen. Dadurch stabilisieren sie das Netz und reduzieren die Kosten für den Netzausbau. Auch im industriellen Bereich kommen große Speicher zum Einsatz. Diese Betriebe tun, was private Haushalte tun: Sie speichern Strom, wenn er günstig ist, um ihn zu verwenden, wenn er teuer ist. Sind die Strompreise negativ, erhalten sie sogar Geld, wenn sie den Verbrauch erhöhen und Strom abnehmen.
Damit die Betriebe ihre Produktion nicht einstellen müssen, wenn der Strom teuer wird?
Genau. Die Industrie nutzt dynamische Stromtarife. 99 Prozent der Privathaushalte haben nach wie vor einen fixen Tarif. Sie zahlen immer denselben Preis. Aber: Je volatiler die Preise werden, desto höher wird die Risikoprämie für die Energieversorger, um hohe Strompreise abzufedern - ähnlich wie bei einer Versicherung. Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien werden Fixtarife im Verhältnis zu dynamischen immer teurer.
Die Strompreise steigen durch den Ausbau der erneuerbaren Energien?
Der Strompreis wird durch die Erneuerbaren im Mittel günstiger, allerdings nimmt die Volatilität zu: Die Spanne zwischen den niedrigsten und höchsten Preisen wächst. Energieversorger müssen einen Teil der notwendigen Strommenge aber selbst bei fixen Tarifen jeden Tag neu einkaufen. Bei diesem dynamischen Handel besteht das Risiko, dass sie im falschen Moment zugreifen und teuren Strom kaufen. Deshalb erheben sie einen Risikoaufschlag zum Nachteil ihrer Kunden. Das macht dynamische Preise und Tarife so wichtig: Nur damit kann man Flexibilität ins Energiesystem übertragen.
In Zukunft werden alle Haushalte dynamische Tarife nutzen?
Das ist die spannende Frage: Aus volkswirtschaftlicher Sicht wäre es am sinnvollsten, denn Kunden mit Fixtarifen haben keinen Anreiz, Strom zu verbrauchen, wenn er günstig ist. Kunden mit dynamischen Preisen dagegen schon. Man lädt einfach das E-Auto oder den Speicher auf - ganz automatisch. Darum kümmern sich intelligente Algorithmen. Das reduziert die Kosten für die Energiewende deutlich. Wir benötigen weniger Netzausbau und nicht so viele Gaskraftwerke - langfristig gar keine mehr. Allerdings ist das Sicherheitsbedürfnis vieler Menschen bislang nicht bereit für dieses System. Das wird ein schrittweiser Prozess. In fünf oder zehn Jahren werden wir noch signifikant viele Fixtarife sehen.
Wie soll dieses System denn in Unternehmen funktionieren, die auf den 24-Stunden-Betrieb optimiert sind?
Die müssen sich in gewisser Hinsicht anpassen. Es gab historisch gesehen Anreize, im industriellen Bereich kontinuierlich Strom zu verbrauchen. In dieser Welt leben wir nicht mehr. Unser Strommix ist bereits zu 60 Prozent erneuerbar. Deshalb investieren mittlerweile viele Industrieunternehmen selbst in PV und Wind für die Erzeugung, aber auch in Speichertechnologien für die Flexibilität. Das ist speziell für Industriezweige eine Option, die ihre Produktion nicht flexibilisieren können. Auf dieser Ebene sieht man extreme Investments in große Speicher.
Benötigen alle einen eigenen Speicher oder reicht es, wenn einige wenige einen haben?
Man könnte einen Riesenspeicher bauen. Der würde der dezentralen Netzinfrastruktur aber nicht Rechnung tragen. Letztlich wird es eine Mischung sein: viele große Speicher, aber auch viele kleine. Für die Akzeptanz der Energiewende ist es auch wichtig, dass alle Menschen profitieren und günstigen Strom kaufen können. Es schadet, wenn man Menschen, die in der Stadt in einem Mehrfamilienhaus zur Miete wohnen, ausschließt.
Was macht man denn als Mieterin in der Stadt? Für eine Solaranlage gibt es kein Dach. Einen Heimspeicher kann man sich auch nicht in den Keller stellen.
Flexibilität hinter dem Zählpunkt schaffen - also da, wo der Strom in den Haushalt kommt: in der Wohnung. Man kauft sich einen kleinen Heimbatteriespeicher und speichert überschüssigen Solar- oder Windstrom. Damit kann man die Waschvorgänge von Spül- und Waschmaschine optimieren, wenn man zusätzlich einen dynamischen Tarif und einen Smartmeter hat. Leider kommen Energieversorger und Messstellenbetreiber beim Einbau nicht in Gang.
Es ist ein ziemliches Debakel.
Ja. Wichtig ist: Mittlerweile haben alle Haushalte ein Recht auf einen Smartmeter. Die Versorger sind verpflichtet, ihn innerhalb von vier Monaten einzubauen. Wer einen haben möchte, bekommt einen.
Und wenn alle einen bestellen und ihn mit einem Speicher kombinieren, können wir auf alle Gaskraftwerke verzichten?
Langfristig? Ja.
Das sehen nicht alle so.
Das ist immer so bei neuen Technologien. 60 Prozent Erneuerbare im Strommix hat vor 15 Jahren auch niemand für möglich gehalten. Ich kann die Skepsis der Politik sogar verstehen. Energie ist lebensnotwendig für unsere Gesellschaft. Aus politischer Sicht kann es sinnvoll sein, kurzfristig in Gaskraftwerke zu investieren. Letztlich entscheidet aber die Physik. Die Elektrifizierung von Mobilität und Wärme ist eine Kostenfrage. Eines Tages wird es im deutschen System zehn Millionen dezentral verteilte E-Autos geben. Deren Speicherkapazität allein könnte Gaskraftwerke im zweistelligen Bereich ersetzen. Dazu kommen die Speicher im industriellen und im privaten Bereich. Das wird kein Problem sein - vorausgesetzt, diese Systeme werden smart gesteuert.
Wie gehen wir vor, bis die Menschen und das System so weit sind?
Wind- und Solarenergie müssen möglichst schnell so stark ausgebaut werden, dass wir im Strommix bei 80 oder sogar 90 Prozent landen.
Und wir müssen bei den Smartmetern vorankommen. Die sind quasi die Infrastruktur für die Digitalisierung des Stromsystems. Alle anderen Technologien gibt es bereits. Kleine 2,5-Kilowattstunden-Speicher für Mietwohnungen sind nicht größer als ein handelsübliches Paket. Das ist Plug-and-play. Die kann man einfach in die Steckdose einstecken. Die Preise haben sich in den vergangenen beiden Jahren halbiert. Sie kosten zwischen 400 und 800 Euro. Das kann sich ein normaler Haushalt leisten. In vier bis fünf Jahren hat sich der Speicher refinanziert. Das ist ein gutes Investment.
80 bis 90 Prozent erneuerbare Energien im Strommix reichen aus, um jede Dunkelflaute zu überstehen? Auch, wenn sie sechs oder acht Tage dauert? Womit werden die Speicher in der Zwischenzeit aufgeladen? Die sind doch irgendwann leer.
Dunkelflauten sind kritische Phasen. In denen können uns unsere Nachbarn im Ausland helfen. Wir haben ein europäisches Stromnetz. Es ist auch nicht so, dass in Dunkelflauten gar kein erneuerbarer Strom erzeugt wird und das System jede Stunde unter Druck steht.
Die Dunkelflaute kennt keine Ländergrenzen? Sie kann Norddeutschland und Dänemark betreffen, in Mittel- und Süddeutschland ist alles fein?
Zum Beispiel. Im vergangenen Winter war die Lage speziell. In Süddeutschland ist durch die Kälte Nebel entstanden. Der hat die Solarproduktion blockiert. Gleichzeitig war die Wetterlage sehr stabil, es gab also wenig Wind. Zur selben Zeit wurde aber sehr viel Solarstrom in Spanien und Italien erzeugt. Das europäische Netz ist in der Hinsicht wirklich ein Puffer.
Der Strom soll so weite Strecken zurücklegen?
Die Netzverluste sind minimal. Das ist nicht relevant.
Aber die Kernkritik der Erneuerbaren-Branche in Richtung der Politik ist doch: Konzentriert euch bitte nicht immer auf den Netzausbau. Gerade der macht die Energiewende so teuer! Und jetzt lautet die Lösung für Dunkelflauten, Strom aus Spanien zu beziehen?
Wir brauchen Netzausbau. Der Windstrom aus Skandinavien soll auch zu uns kommen. Die Frage ist: wie viel? Auf politischer Ebene wird in diesen Kalkulationen zu wenig berücksichtigt, welche Auswirkungen die Flexibilisierung auf das Stromsystem hat. Man nimmt an, dass 99 Prozent der Haushalte auch in Zukunft einen fixen Tarif nutzen werden - ohne Anreiz, den Verbrauch zu verschieben. Die Politik ist sehr auf Sicherheit bedacht. Auch in den Medien werden eher die Risiken der Energiewende in den Vordergrund gestellt.
Mit Jan Rabe sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.

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