Ingwar Perowanowitsch •
Die Nachrichten der letzten 7 Tage. Man kann es sich nicht ausdenken:
- Mittwoch: Union will Heizungsgesetz abschaffen
- Donnerstag: Neue Öl- und Gasheizungen wieder erlaubt
- Freitag: Reiche will Förderaus für Solaranlagen
- Samstag: USA und Israel greifen Iran an.
- Sonntag: Iran sperrt Straße von Hormus - Ölpreis steigt
- Montag: Deutsche Gasspeicher fast leer
- Dienstag: Gaspreise steigen um 50% - Reiche aktiviert Krisenplan
hier Zeit Ein Kommentar von Dr.Stefan Schmitt 3. März 2026,
Dieser Krieg ist eine Mahnung
Widersprüche bargen die Pläne für das neue Gebäudegesetz genug: technisch, chemisch, physikalisch. Nun zeigt auch noch der Krieg am Golf, welcher Irrweg Öl und Gas sind.
Womöglich fällt es Friedrich Merz und Katherina Reiche ja auf, wenn sie nun die Kriegsnachrichten vom Golf lesen, wie oft darin das Wortpaar "Öl und Gas" auftaucht. Huch, genau das Zeug, das sie die Deutschen noch viel länger verheizen lassen wollen! Und jetzt fürchtet Deutschland einen Preisschock durch den fernen Krieg.
Was für ein Timing:
- Am Dienstag voriger Woche stellte die schwarz-rote Bundesregierung "Eckpunkte" einer Einigung vor über die künftigen Regeln fürs Heizen. Das war am Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine, der 2022 eine Energie(preis)krise ausgelöst hatte.
- 2025, im ersten Jahr seiner Amtszeit, erpresste dann US-Präsident Trump die Europäer, künftig noch viel mehr verflüssigtes Erdgas (liquified natural gas, LNG) aus Amerika zu kaufen.
- Und nun, 2026, begleitet die Kriegsbilder vom Persischen Golf das Wortpaar "Öl und Gas". Unter Älteren dürfte das Erinnerungen wecken an die Ölkrisen der frühen und späten 1970er-Jahre.
Vielleicht sorgt es ja in der Bundesregierung für einen Gesinnungswandel zwischen den Eckpunkten der vergangenen Woche und dem Gesetz, das daraus bis Ostern entstehen soll. Ja, in einer idealen Welt würden jetzt all die Einwände gegen die schwarz-rote Einigung zum "Gebäudemodernisierungsgesetz" bedacht.
Denn die steckte voller Widersprüche, schon vor dem Kriegsbeginn am Golf. Die sind ökologisch, chemisch, technisch, ökonomisch und ganz grundlegend physikalisch – und sie sind so zahlreich, dass man sie am besten im Stakkato aufzählt. Tun wir das also, in fünf Schritten:
- Ökologisch: Mit diesem Gesetz können die Klimaziele kaum eingehalten werden – und das wird teuer
Der sogenannte Gebäudesektor ist in Deutschland für 40 Prozent des Energieverbrauchs und rund 36 Prozent der Emissionen verantwortlich. Heizungen tragen zu beidem den größten Anteil bei. Ändert sich hier nichts, misslingt der Bundesrepublik der Klimaschutz. Das Gebäudeenergiegesetz (das nie offiziell "Heizungsgesetz" hieß) sollte beim Ändern helfen. Die Bundesregierung von CDU/CSU und SPD hat angekündigt, es abzuschaffen und zu ersetzen durch ein "Gebäudemodernisierungsgesetz".
Die Ampel-Regierung hatte vorgesehen, bis zum Jahr 2030 für eine Minderung der CO₂-Emissionen um rund 35 Millionen Tonnen zu sorgen. Zentral dafür war die sogenannte 65-Prozent-Regel, nach der neue Verbrennerheizungen in der Zukunft zu rund zwei Dritteln mit erneuerbaren Brennstoffen betrieben werden sollten. Diese Regel fällt jetzt weg und damit auch der Großteil der Emissionsminderung.
Und nach Berechnungen des Freiburger Öko-Instituts werden allein im Jahr 2030 acht Millionen Tonnen weniger CO₂ eingespart als mit der alten Regelung. Es drohen milliardenschwere Strafzahlungen nach Brüssel, sollte Deutschland seine Klimaziele nicht einhalten.
- Chemisch: Es ist gar nicht genug Biogas und Wasserstoff verfügbar
Statt der 65-Prozent-Regel soll es nun eine Quote geben, die für neue Heizungen gilt. Diese sollen "Grüngas" und "Grünöl" verbrennen, die den fossilen Brennstoffen beigemischt sind.
Bei zehn Prozent soll der Anteil ab Anfang 2029 liegen und stufenweise erhöht werden. Wann um wie viel erhöht wird, ist bislang nicht bekannt. Doch Wasserstoff ist absolute Mangelware in Deutschland und wird es auch auf absehbare Zeit bleiben. Biogas aus Biomasse wird zwar hierzulande vielerorts hergestellt. Unklar aber ist, wie weit sich die Produktion für den Energiesektor steigern lässt. Schon heute betreiben viele Landwirte die charakteristischen kuppelförmigen Gärsilos. Schon heute gibt es praktisch keine Brachflächen mehr, auf die man den Anbau ausweiten könnte. Dass in den schwarz-roten Eckpunkten etwa auf ukrainisches Biogas verwiesen wird, darf man als Indiz für Ratlosigkeit werten.
Nach Berechnungen des Wuppertal-Instituts würde die vorgesehene Grüngas- und Grünölquote die deutschen Emissionen bis 2030 nur um zwei Millionen Tonnen CO₂ reduzieren. Das wären nur rund zwei Prozent des derzeitigen Ausstoßes im Gebäudesektor. Und, zur Erinnerung, dieser muss bis 2045 wie alle anderen Sektoren der deutschen Volkswirtschaft klimaneutral sein. So steht es im Bundesklimaschutzgesetz (KSG), zu dessen Zielen sich auch die aktuelle Regierung bekennt – zumindest nominell.
- Technisch: Kessel statt Wärmepumpen, auch das wird teuer
Auch die "Inverkehrbringer" von fossilen Brennstoffen, also etwa Öllieferanten oder Gaswerke, sollen vom neuen Gesetz verpflichtet werden, künftig "klimafreundliche Gase bzw. klimafreundliches Heizöl" beizumischen, so die Einigung. Für sie ist die Quote zwar viel niedriger (los geht’s mit "bis zu einem Prozent"), aber sie gilt flächendeckend. Und damit tritt das Heizen in Konkurrenz etwa zur Industrie, die diese knappen synthetischen Öle und Gase selbst dringend braucht.
Es gebe nicht genug Biobrennstoffe in Deutschland für die neuen Vorgaben, folglich müsse er importiert werden, hatte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) schon vorab erklärt. Was wiederum die Preise erhöhen wird. Absehbar ist also, dass die Änderungen der Bundesregierung die Preise nach oben drücken dürften. Dem sind vor allem Mieter, die ja nicht die Heizung wechseln können, hilflos ausgeliefert. Und auch Hausbesitzer, die nun ermutigt werden, statt einer Wärmepumpe einen neuen Gas- oder Ölkessel einbauen zu lassen, sind auf Jahrzehnte den kommenden Kostensteigerungen ausgesetzt: einerseits durch den steigenden CO₂-Preis für fossile Brennstoffe, andererseits durch die Beimischung knapper synthetischer oder biobasierter Brennstoffe. Und dann natürlich auch durch alle künftigen Krisen, die – wie heute – die Kosten für Öl und Gas hochtreiben.
Die Regierung lockt Verbraucher geradezu in diese Hochpreiszukunft hinein. Denn sie ebnet in Deutschland den Pfad für einen auf Jahrzehnte höheren Verbrauch von Öl und Gas, als nötig und möglich wäre.
- Ökonomisch: Das Verschleppen der Wärmewende lässt sich bis 2045 nicht mehr aufholen
Welche Folgen das angestrebte "Gebäudemodernisierungsgesetz" haben wird, soll in fünf Jahren überprüft werden, hieß es. "Sollte sich in einer Evaluierung im Jahr 2030 zeigen, dass der Gebäudesektor sein Ziel verfehlt, wird nachgesteuert." Das ist angesichts der offenkundigen Lücken der Regierungspläne ein erstaunlich lässiger Zeitrahmen – Stichwort Klimaneutralität 2045!
Gut möglich, dass dann in wenigen Jahren die Widersprüche Änderungen zwingend nötig machen, und die Abkehr von Öl und Gas zum Heizen umso hektischer umgesetzt wird. Dann aber sind unzählige Haushalte in die Falle der falschen Technik getappt. Da hilft den Hausbesitzern auch die heute von der Regierung großzügig zugestandene Eigenverantwortung wenig. Sie haben dann die Wahl zwischen immer weiter steigenden Brennstoffpreisen – die schon heute absehbar sind – oder einem schnellen und teuren Umbau auf eine fossilfreie Technik.
- Physikalisch: Die Elektrifizierung wird verzögert
Erinnern wir uns ans Prinzipielle. Öl und Gas (ja, und Kohle) sind das Problem. Sie zu verbrennen, erzeugt einen Großteil der Treibhausgase, die Atmosphäre und Weltmeere aufheizen. Die Verbrennung muss aufhören. Überall. Noch macht die Menschheit vor allem da Fortschritte, wo es leichtfällt. Bei der Umwandlung von Wind- oder Sonnenenergie in Elektrizität. In Deutschland machen die Erneuerbaren inzwischen knapp drei Fünftel der Stromproduktion aus.
Mit Strom aus nicht fossilen Quellen Kohlestrom zu ersetzen, ist der erste, der leichteste Schritt der Energiewende. Immer mehr davon herzustellen und damit andere Bereiche mit Strom zu versorgen, die bisher gar nicht mit Strom gearbeitet haben, kommt danach. Sei es der Verkehr (Elektroauto) oder eben Gebäude (Wärmepumpe). Strom ist oft rein physikalisch die bessere Wahl: weniger Umwandlung, weniger Abwärme, weniger Verlust. Dabei sind Fahren und Heizen bei weitem nicht die härtesten Aufgaben. Die lauern etwa in der Schwerindustrie und der Chemiebranche. Weshalb überall dort, wo die Technik vorhanden und einsatzfähig ist, auch elektrifiziert werden muss. Ja, diese Transformation ist langwierig, aber sie verspricht eben neben dem Klimaschutz auch eine zunehmende unabhängige Energieversorgung. Wenn das in diesen Tagen keine Motivation ist, was dann?
Das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz lässt nichts davon erkennen. Man kann das alles natürlich so interpretieren, dass die Regierung das Klima-Problem entweder immer noch nicht verstanden hat, oder schon lange nicht mehr ernst nimmt. Beides wäre tragisch.
Aber selbst dann dürften die Bilder und Nachrichten vom Persischen Golf, völlig unabhängig von jedem ökologischen Gewissen, eine Mahnung sein: Öl und Gas zerstören nicht nur das Klima, sie machen uns abhängig von den Brennpunkten der Welt. Sie sind Treibstoffe für Konflikte und Autokratien, die wir mit kurzsichtigem Festhalten an alter Technik unterstützen.
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