Jürgen May / LinkedIn
Ich äußere mich auf LinkedIn nur selten zu politischen Themen.
Nicht, weil mir Politik egal wäre, sondern weil ich dieses Netzwerk in erster Linie beruflich nutze. Aber das, was Katherina Reiche gerade macht, ist keine politische Nuance mehr.
Es ist die schrittweise Demontage klimapolitischer Glaubwürdigkeit.
Reiche ist nicht irgendwer. Sie ist Bundeswirtschaftsministerin.
Und in genau dieser Funktion reist sie zur CERAWeek nach Houston – einer Konferenz, die Reuters als das größte jährliche Treffen globaler Öl- und Gasmanager beschreibt. Wer dort auftritt, steht nicht in einem neutralen Debattenraum. Wer dort auftritt, bewegt sich im Zentrum energieindustrieller Macht- und Lobbyinteressen.
Und genau von dort kommen dann Aussagen wie, bei den Klimazielen müsse man „flexibler“ werden. Reiche hat in ihrer Rede das EU-Ziel der Klimaneutralität bis 2050 infrage gestellt.
Man muss das klar benennen: Das ist kein pragmatischer Realismus.
Das ist die politische Vorbereitung auf die Verwässerung von Klimazielen.
Denn der Mechanismus ist offensichtlich:
Niemand sagt offen, dass Klimaschutz unwichtig sei.
Niemand erklärt frontal, dass man die Ziele kassieren wolle.
Stattdessen werden Ziele sprachlich weiter bejaht und praktisch entkernt – mit Begriffen wie „Flexibilität“, „Technologieoffenheit“ oder „wirtschaftliche Vernunft“.
Genau so wird aus Verbindlichkeit schleichend Beliebigkeit.
Besonders brisant ist das, weil die Bundesregierung parallel ein Klimaschutzprogramm vorlegen muss und bereits erhebliche Zweifel im Raum stehen, ob der Kurs der Regierung überhaupt noch mit den gesetzlichen Klimavorgaben vereinbar ist.
Das Problem ist also nicht,
dass Deutschland zu ambitioniert wäre.
Das Problem ist,
dass zentrale politische Akteure offenkundig daran arbeiten,
die Ambition nach unten zu verschieben.
Und genau hier wird Reiche für mich politisch zum Symbol: nicht für Gestaltung, sondern für Relativierung. Nicht für Transformation, sondern für Anschlussfähigkeit an alte fossile Logiken. Nicht für die Verteidigung klarer Leitplanken, sondern für ihre Aufweichung im Namen vermeintlicher ökonomischer Vernunft.
Das wirkt umso weniger zufällig, wenn man sich anschaut, woher Reiche politisch und beruflich kommt: Vor ihrem Ministeramt war sie unter anderem Hauptgeschäftsführerin des VKU und anschließend an der Spitze von Westenergie.
Gerade deshalb ist es politisch hochsensibel, wenn ausgerechnet sie auf einer der wichtigsten Bühnen der globalen Energiewirtschaft klimapolitische Lockerungssignale sendet.
Für mich ist das keine Randmeldung.
Es ist ein Signal. Und zwar ein verheerendes.
Klimaschutz wird nicht nur von seinen offenen Gegnern zerstört. Sondern auch von denen, die ihn offiziell bejahen und politisch Stück für Stück zurückbauen.
Und genau das ist die eigentliche Demontage.
Harald M. Depta / LinkedIn
Neue Gaskraftwerke sollen Deutschlands Stromversorgung absichern.
Doch eine aktuelle Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft im Auftrag von Green Planet Energy zeigt:
Strom aus diesen Anlagen kann 𝙗𝙞𝙨 𝙯𝙪 𝟨𝟩 𝘾𝙚𝙣𝙩 𝙥𝙧𝙤 𝙠𝙒𝙝 𝙠𝙤𝙨𝙩𝙚𝙣 – wenn man ehrlich rechnet und alle Klima‑ und Krisenrisiken mit einbezieht.
Schauen wir zuerst nur auf die Stromgestehungskosten: Investition, Betrieb, Brennstoff, CO₂-Zertifikate, Rückbau. Die Studie kommt je nach CO₂‑Preis auf rund 23–28 Cent pro kWh für neue Gaskraftwerke, die vor allem als Backup mit wenigen Volllaststunden laufen. Das ist schon deutlich mehr als viele denken – aber noch nicht das ganze Bild.
Denn im Marktpreis tauchen zentrale Kosten nicht auf: Klimaschäden durch CO₂, sicherheitspolitische Risiken importierter fossiler Energien, staatliche Subventionen und Garantien. Bewertet man diese externen Effekte mit gängigen Umweltbundesamt‑Ansätzen und rechnet sie vollständig auf den Strompreis, landet die Studie bei bis zu 67 Cent pro kWh „wahren Kosten“ für Strom aus Erdgas.
Zum Vergleich: Neue Wind‑ und Solaranlagen liegen in Deutschland laut Fraunhofer ISE je nach Technologie und Standort typischerweise im Bereich von etwa 4–14 Cent pro kWh Stromgestehungskosten – ganz ohne fossile Importabhängigkeit.
𝙀𝙧𝙣𝙚𝙪𝙚𝙧𝙗𝙖𝙧𝙚 𝙥𝙡𝙪𝙨 𝙎𝙥𝙚𝙞𝙘𝙝𝙚𝙧
𝙨𝙞𝙣𝙙 𝙖𝙡𝙨𝙤 𝙣𝙞𝙘𝙝𝙩 𝙣𝙪𝙧 𝙆𝙡𝙞𝙢𝙖𝙨𝙘𝙝𝙪𝙩𝙯,
𝙨𝙤𝙣𝙙𝙚𝙧𝙣 𝙯𝙪𝙣𝙚𝙝𝙢𝙚𝙣𝙙 𝙖𝙪𝙘𝙝 𝙚𝙞𝙣 𝙬𝙞𝙧𝙩𝙨𝙘𝙝𝙖𝙛𝙩𝙡𝙞𝙘𝙝𝙚𝙧 𝙎𝙘𝙝𝙪𝙩𝙯 𝙫𝙤𝙧 𝙛𝙤𝙨𝙨𝙞𝙡𝙚𝙣 𝙋𝙧𝙚𝙞𝙨- 𝙪𝙣𝙙 𝙆𝙧𝙞𝙨𝙚𝙣𝙧𝙞𝙨𝙞𝙠𝙚𝙣.
Trotzdem plant die Politik, den Neubau von Gaskraftwerken mit Milliarden zu fördern – als „Brücke“ und „Versicherung“ für die Versorgungssicherheit. Die Frage ist: Versichern wir uns hier wirklich sinnvoll – oder kaufen wir uns eine extrem teure Schein‑Sicherheit auf Basis eines Energieträgers, der uns in den letzten Jahren bereits einmal in die Krise geführt hat?
Wer heute noch über neue fossile Infrastruktur entscheidet,
sollte zumindest transparent sagen:
Gasstrom ist nicht billig – er wirkt nur billig,
solange wir große Teile der wahren Kosten ausblenden.
Wer heute nach mehr Gasstrom ruft, sollte ehrlich dazusagen, dass diese Entscheidung die Stromrechnung der Gesellschaft langfristig verteuert – nicht nur finanziell, sondern auch beim Klima.
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