Freitag, 13. März 2026

Atomenergie - sind wir energiepolitisch in einer Endlosschleife gefangen ?

Simone Peter LinkedIn

Die taz bringt es heute auf den Punkt: Am Jahrestag von #Fukushima eine Atomrenaissance in der EU zu feiern, die gleichermaßen ungelöste Entsorgungsfragen, Sicherheitsrisiken und hohe Kosten verursachen würde, ist einigermaßen absurd. 

Sind wir doch froh, dass wir - gerade auch in angespannter geopolitischer Sicherheitslage - mit der #Atomkraft Schluss gemacht haben. Der Rückbau wird noch teuer genug, ein Endlager ist nicht in Sicht und die gute Nachricht: günstige #Erneuerbare Energien sind bereits zu 60 Prozent verfügbar.
Jetzt Erneuerbare weiter entfesseln, das System deren Bedürfnissen anpassen und die Sektorenkopplung, Flexibilisierung und Digitalisierung schnell voranbringen. 


Detlef Neuhaus LinkedIn

Es gibt politische Debatten, bei denen man sich fragt, ob wir aus Erfahrung tatsächlich lernen – 

oder ob wir energiepolitisch in einer Endlosschleife gefangen sind.

Vor kurzem habe ich hier über die erstaunlich begrenzte Lernfähigkeit in Teilen der Energiepolitik geschrieben.

Man hat allerdings manchmal das Gefühl, dass es immer noch eine Stufe unglaublicher geht.

Aktuell wird berichtet, dass Ursula von der Leyen den Ausstieg aus der Kernenergie als „strategischen Fehler“ bezeichnet habe – und gleichzeitig ernsthaft 200 Millionen Euro aus europäischen Mitteln zur Förderung entsprechender Technologien bereitstellen wolle.

Tatsächlich lag der Anteil der Kernenergie am deutschen Strommix um das Jahr 2000 bei rund 30 % – heute liegt er in Deutschland bekanntlich bei 0 %.

In der gleichen Argumentation wird Kernenergie häufig als „zuverlässige und bezahlbare“ CO₂-arme Technologie bezeichnet. Man liest solche Aussagen und fragt sich kurz, ob man eine energiepolitische Analyse – oder eine Zeitkapsel aus den frühen 2000er-Jahren vor sich hat.

Ein Blick auf die Realität aktueller Projekte lohnt sich.

Das britische Kraftwerk Hinkley Point C sollte ursprünglich rund 18 Mrd. £ kosten und 2025 ans Netz gehen. Heute liegen die erwarteten Kosten bei über 46 Mrd. £, die Inbetriebnahme wird frühestens Ende dieses Jahrzehnts erwartet.

Der europäische Reaktor Olkiluoto 3 war mit 3 Mrd. € geplant.
Am Ende kostete er über 11 Mrd. € und ging 14 Jahre später als vorgesehen ans Netz.

Ähnlich das französische Projekt Flamanville 3:Baubeginn 2007, geplante Kosten 3,3 Mrd. €.
Heute liegen die Kosten bei über 13 Mrd. €, mit einer Bauzeit von fast zwei Jahrzehnten.

Und dann ist da noch die Frage der Zuverlässigkeit.

Im Jahr 2022 standen in Frankreich zeitweise mehr als die Hälfte der Reaktoren still – einige planmäßig wegen Wartung, viele jedoch ungeplant, unter anderem wegen Korrosionsproblemen, aber auch wegen zu hoher Flusstemperaturen und Wassermangel, die eine ausreichende Kühlung erschwerten.

Gleichzeitig diskutiert Deutschland noch immer darüber, wo überhaupt ein Endlager entstehen könnte.
Der aktuelle politische Zeitplan sieht eine Standortentscheidung nicht vor den 2030er-Jahren vor – wohlgemerkt: eine Entscheidung, nicht den Bau eines Endlagers.

Allein die langfristigen Kosten für Bau, Rückbau und Endlagerung gehen in hohe zweistellige Milliardenbeträge pro Standort.

Natürlich kann man über die optimale Zusammensetzung eines zukünftigen Energiesystems diskutieren. Das sollte man sogar.
Was mich allerdings zunehmend irritiert: Wir führen energiepolitische Debatten des Jahres 2026, als lebten wir noch im Jahr 2005.
Technologisch, wirtschaftlich und geopolitisch hat sich die Welt in dieser Zeit dramatisch verändert.

Man hat manchmal das Gefühl, dass Europas Energiepolitik seit Jahren eine Achterbahnfahrt ist.
In der jüngeren Vergangenheit fährt sie allerdings rückwärts.


hier Spiegel Markus Becker, Paul-Anton Krüger, Martin Schlak und Christian Teevs, 12.03.2026,

Warum das Kernkraft-Comeback wohl ausfallen wird

Kommt die Atomkraft in Form von Minireaktoren nach Deutschland zurück? EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen hat der Union eine Debatte beschert, die Kanzler Merz beenden will – aus guten Gründen.

Friedrich Merz gab sich konziliant. Ursula von der Leyen habe ja recht damit, dass der Ausstieg aus der Kernkraft ein »strategischer Fehler« gewesen sei. Doch den Plänen der EU-Kommissionspräsidentin, in Europa neue kleinformatige Atomreaktoren bauen zu lassen, erteilte der Kanzler eine klare Absage – zumindest was Deutschland angeht. Der Beschluss früherer Bundesregierungen zum Atomausstieg sei unumkehrbar. »Ich bedauere das«, sagte Merz, »aber es ist so.«

Die Debatte dürfte damit kaum beendet sein. Zu groß scheint die Sehnsucht in Teilen von CDU und CSU nach einer Rückkehr zur Atomkraft, und mag sie auch noch so unrealistisch erscheinen.
Von der Leyen hat der Sehnsucht neue Nahrung gegeben, als sie am Dienstag eine Strategie zur Einführung sogenannter Small Modular Reactors (SMRs) vorgestellt hat. Dabei handelt es sich um Kernreaktoren, die kleiner sind als herkömmliche Meiler.

»Ursula von der Leyen hat recht – der Ausstieg aus der Kernkraft war ein Fehler«, sagt Gitta Connemann dem SPIEGEL. Sie ist Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), dem Wirtschaftsflügel von CDU und CSU. Es sei »wichtig und richtig, dass die Bundesregierung die Forschung sowohl an kleinen Reaktoren als auch an der Kernfusion unterstützt«. Das sei »eine strategische Weichenstellung für unsere Zukunft«. Damit geht Connemann über den Koalitionsvertrag hinaus, laut dem nur die Forschung an Fusionsreaktoren gefördert werden soll. Von SMRs ist dagegen nirgendwo die Rede.

In der CSU ist man dagegen schon weiter, dort träumt manch einer schon vom Bau der kleinen Reaktoren. »Wir setzen auf Forschung zu Kernenergie der vierten und fünften Generation und halten den Neubau von kleinen Kernreaktoren für sinnvoll«, sagte CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann. SMRs seien »klimaneutral, sicher und kostengünstig – und sie würden unsere Unabhängigkeit in der Energieversorgung stärken«.

Richtig ist: Je mehr Strom aus Solar- und Windkraft kommt, desto mehr Kraftwerke mit regelbarer Leistung braucht Deutschland, um Dunkelflauten auszugleichen. Das sind Zeiten, in denen kaum Wind weht und die Sonne zu wenig scheint. Wirtschaftsministerin Reiche setzt vor allem auf neue Gaskraftwerke. Doch der erneute Krieg im Nahen Osten und die wachsende Abhängigkeit von Flüssigerdgas aus den USA von Donald Trump zeigen, wie riskant diese Strategie ist.

Doch die Hoffnung auf die klimaneutralen, sicheren und billigen SMRs ist bestenfalls vage – vor allem, was die Kosten betrifft.

Teurer Strom aus Mini-AKW

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA versteht unter SMRs Kernreaktoren, die weniger als 300 Megawatt elektrische Leistung produzieren – weniger als ein Drittel herkömmlicher Atomkraftwerke. SMRs sollen zum Teil in Fabriken vorgefertigt werden, sodass sie an der Baustelle nur noch zusammengefügt werden müssen. Dadurch sollen die Baukosten sinken und der Strom günstiger werden.

So weit die Theorie. In der Praxis erlitten Firmen mit ihren Plänen für Mini-Atomkraftwerke immer wieder herbe Rückschläge. So plante das Unternehmen NuScale beispielsweise in den USA sechs kleine Reaktoren, jeweils 77 Megawatt stark. Das US-Energieministerium steckte Hunderte Millionen Dollar in Konzeptstudien und Genehmigungsverfahren. Dann kam ein Gutachten zu dem Schluss, dass der Bau fast doppelt so teuer würde wie geplant. Im November 2023 wurde das Projekt abgesagt.

In Großbritannien soll die Firma Rolls-Royce drei modulare SMRs bauen, derzeit durchläuft das Projekt das Genehmigungsverfahren. In den USA erhielt das Unternehmen TerraPower, gegründet von Microsoft-Gründer Bill Gates, vor wenigen Tagen eine Baugenehmigung für eine erste Anlage im Bundesstaat Wyoming. Auch China investiert massiv in die Technik, südlich von Peking gingen im Dezember 2023 zwei Kleinreaktoren in Betrieb.

Ungewiss ist indes, wie teuer der Strom aus Kleinreaktoren wäre. Hersteller setzen auf Skalierung: Je mehr Anlagen sie herstellen, desto günstiger sollen sie werden. Solche Skaleneffekte würden aber erst erreicht, »wenn mehrere Tausend Anlagen eines Konzepts gebaut werden«, sagt Mareike Rüffer vom Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat ausgerechnet, dass es je nach Konzept umgerechnet zwischen 18 und 50 Cent kosten könnte, eine Kilowattstunde Strom in Leichtwasserkleinreaktoren zu erzeugen. Zum Vergleich: Ein Kilowatt aus Windenergieanlagen kostete 2024 zwischen 5 und 10 Cent.

RWE-Chef Krebber: Investition in SMRs »nicht darstellbar«

Selbst manche Energiekonzerne bezweifeln, dass kleine Atomkraftwerke auf absehbare Zeit wirtschaftlich sein können. »Ob und wann diese Technologie kommerziell ausgereift sein wird, kann heute noch niemand sagen«, sagte Markus Krebber, Chef von Deutschlands größtem Stromerzeuger RWE, dem Nachrichtenportal »Politico«. Es gebe weltweit keinen einzigen Zulieferer, der eine Bauzeit zusagen und zu fest vereinbarten Kosten anbieten würde. Angesichts eines solchen Risikos sei eine Investition für ein privatwirtschaftliches Unternehmen in SMRs »nicht darstellbar«.

Befürworter der Mini-AKW argumentieren, dass diese sicherer sein sollen als bisherige Atomkraftwerke. Manche sprechen gar von »inhärenter Sicherheit«: Wenn es zu einem Zwischenfall kommt, soll sich die Anlage selbst abschalten können und herunterkühlen. Eine Kernschmelze, bei der in der Folge radioaktive Stoffe freigesetzt würden, wäre damit ausgeschlossen.

Noch allerdings müssen die Anlagen das unter Beweis stellen. In Konzepten würde viel versprochen, sagt Rüffer. »Am Ende kommt es darauf an, ob alle Nachweise für die Genehmigungsfähigkeit erbracht werden können und wie die Anlagen tatsächlich ausgelegt sind.«

Zudem fällt auch bei Kleinreaktoren strahlender Müll an – vermutlich sogar noch mehr als bei herkömmlichen Kernkraftwerken. In kleinen Reaktoren könne der Brennstoff nicht so effizient abgebrannt werden wie in großen, sagt Rüffer. »Pro Einheit erzeugter Energie entsteht daher mehr Abfall.«

Die Mär von der globalen Atomkraft-Renaissance

Zwar könnten die Klein-AKW theoretisch die Abhängigkeit Europas von fossilen Energieimporten etwa aus den USA verringern. Der Preis könnte allerdings hoch sein, denn für die Kleinreaktoren müssten in Europa wohl auch neue Anlagen zur Anreicherung von Uran errichtet werden.

Bislang kommen in Kernkraftwerken meist Brennstäbe zum Einsatz, in denen eine spezielle Uranart auf ungefähr fünf Prozent angereichert wurde. Manche SMR-Konzepte sind aber für deutlich höher angereichertes Uran ausgelegt. Laut World Nuclear Association verfügen nur Russland und China bislang über Einrichtungen, um dieses Uran im großen Stil zu produzieren.

Von der Leyen sprach bei dem Atomenergie-Gipfel am Dienstag dennoch von einer »weltweiten Renaissance der Kernenergie«, an der Europa teilhaben sollte. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass von einer solchen Renaissance kaum die Rede sein kann.

Laut dem letzten »World Energy Outlook« der Internationalen Energieagentur (IEA) wird die installierte Kernkraftleistung in einem »Weiter so«-Szenario zwar bis 2050 um rund die Hälfte steigen. Der Anteil von Atomstrom an der weltweiten Produktion würde dennoch von 9 auf 8 Prozent sinken, da die Erzeugung vor allem aus erneuerbaren Quellen noch schneller wächst. Selbst bei einer Verdopplung der Kapazität bis 2050 würden AKW nur zehn Prozent des globalen Stroms produzieren.

Das verwundert kaum angesichts der Geldflüsse: 2025 wurden laut IEA weltweit rund 780 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien investiert, mehr als zehnmal so viel wie in Atomkraft . Die Summen, mit denen die EU-Kommission die kleinen Atomreaktoren fördern will, wirken dagegen nahezu winzig: Man werde »Investitionen in innovative Kerntechnologien mit einer Garantie in Höhe von 200 Millionen Euro unterstützen«, sagte von der Leyen.

Bundesumweltminister Carsten Schneider ist selbst das zu viel. »Es spricht Bände, dass der Kern dieser rückwärtsgewandten Strategie aus neuen Subventionen für Atomkraftwerke besteht«, zürnte der SPD-Politiker. »Diese kleinen Atomkraftwerke werden schon seit Jahrzehnten angekündigt, schaffen aber den Durchbruch nicht und ringen stattdessen um Subventionen.«

Merz, so scheint es, muss in der unionsinternen Debatte nur auf seinen Koalitionspartner SPD verweisen, um zu zeigen, dass es bis auf Weiteres schwierig wird mit dem Atom-Comeback. 



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