Spiegel hier 12.04.2026, Eine Kolumne von Christian Stöcker
Was macht Katherina Reiche eigentlich beruflich?
Die Wirtschaftsministerin hat einen so seltsamen Gastbeitrag über Energiepolitik geschrieben, dass nicht nur der eigene Koalitionspartner ihr öffentlich widerspricht: Sie erntet Widerspruch sogar von sich selbst.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat im Laufe ihrer Karriere diverse Rollen innegehabt. Manchmal hat man das Gefühl, sie kann zwischen diesen Rollen schlecht unterscheiden. Oft scheint sie zudem uneins mit sich selbst.
Christian Stoecker / LinkedIn
Kann mir angesichts dieser Situation - wir sind mit dem Netzausbau knapp 6000 Kilometer im Rückstand, laut Bundesrechnungshof - irgendjemand erklären, warum RWE, Eon und Katherina Reiche finden, man müsse mit dem Netzausbau jetzt mal schön langsam machen?
Zum Autor : Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitionspsychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE.
Zum Beispiel war Reiche von 2009 bis 2013 Staatssekretärin im Umweltministerium, damals auch zuständig für Energiethemen. In ihre Amtszeit fiel der Beschluss zum endgültigen Ausstieg aus der Atomenergie (Juni 2011 ), als Reaktion auf die Reaktorkatastrophe von Fukushima. Dem entsprechenden Gesetz der Regierungsparteien CDU/CSU und FDP stimmte die Bundestagsabgeordnete Katherina Reiche (CDU) namentlich zu .
Reiche 2026 widerspricht Reiche 2011
Diese Woche erschien ein Gastbeitrag der Ministerin, zunächst in der »FAZ«, mittlerweile auch auf der Website des Ministeriums . Darin steht: »Das Problem ist strukturell: Wir haben 20 Gigawatt gesicherte, CO₂-arme Kernkraft abgeschaltet.« Dass sie selbst und ihre Partei das zu verantworten haben, erwähnt sie nicht.
In Reiches Zeit als Staatssekretärin fiel auch ein Plan für den Ausbau des deutschen Stromnetzes. Dessen Umsetzung kritisierte der Bundesrechnungshof im Jahr 2024 ungewöhnlich deutlich: Von ab 2009 geplanten knapp 14.000 Leitungskilometern wurden bis zum dritten Quartal 2023 nur knapp 2700, oder weniger als 20 Prozent, tatsächlich gebaut. Das Netz wuchs viel zu langsam. Heute fällt uns das auf die Füße.
Reiche 2026 widerspricht Reiche 2024
In ihrem »FAZ«-Gastbeitrag bemängelt Ministerin Reiche diesem Befund zum Trotz »massive, politisch getriebene Netzinvestitionen«. Dass diese »politisch getriebenen Netzinvestitionen« von ihrer eigenen Partei angestrebt wurden, erwähnt sie nicht. Und auch nicht, dass CDU-geführte Regierungen den Ausbau dann kolossal vergeigten.
Vor gut zwei Jahren schrieb dieselbe Katherina Reiche ein »Advertorial«, also einen bezahlten, pseudoredaktionellen Text fürs »Handelsblatt Journal Energiewirtschaft«, in ihrer damaligen Rolle als CEO der E.on-Tochter Westenergie. Darin steht: Die Verteilnetze in Deutschland müssten »dringend ausgebaut, modernisiert und digitalisiert werden«, und dazu brauche es »schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren«. Die Überschrift des Beitrags lautete: »Ohne Stromnetz keine Energiewende «.
Nach der Ahrtal-Katastrophe habe man vorübergehend erlebt, was möglich sei, schwärmte die Katherina Reiche von 2024: »Damals konnten wir Mittelspannungsfreileitungen in Rekordzeit in Betrieb nehmen, von der Planung bis zur Realisierung vergingen gerade mal neun Wochen.« Die Katherina Reiche von 2026, nun Energieministerin, klagt: »Während aber Solarparks in zwei bis drei Jahren entstehen, dauert der Netzausbau bis zu zehn Jahre.«
Als Ministerin wäre Reiche nun ja in der optimalen Position, ihre Träume von damals zügig umzusetzen. Ein beschleunigter Netzausbau scheint auf ihrer Agenda trotzdem nicht oben zu stehen, im Gegenteil: In der »FAZ« beklagt die Ministerin, die Netzbetreiber müssten »heute quasi auf Zuruf überall Leitungen verlegen, wo erneuerbare Energien angeschlossen werden wollen«.
Netzausbau scheint ihr plötzlich eher lästig zu sein.
Ministerin widerspricht Ministerium
Reiche 2026 will von den Vorschlägen von Reiche 2024 augenscheinlich nichts mehr wissen. Stattdessen will sie nun den Ausbau der billigsten Form der Stromerzeugung bewusst verzögern, noch dazu mit fadenscheinigen Argumenten: So behauptet die Ministerin in der »FAZ« ein weiteres Mal, in Deutschland würden drei Milliarden Euro pro Jahr dafür ausgegeben, »dass Windräder und Solaranlagen abgeregelt werden, weil die Netze den Strom nicht aufnehmen können«.
Das ist falsch , und das weiß Reiche spätestens seit Ende März. Damals beantwortete ihr eigenes Ministerium nämlich eine Anfrage des Linkenabgeordneten Dietmar Bartsch. Dieser Antwort zufolge flossen als Entschädigung für abgeregelte Solar- und Windkraftwerke im Jahr 2025 nicht drei Milliarden, sondern 435 Millionen Euro, und damit 120 Millionen weniger als im Vorjahr. Der Rest der sogenannten Redispatch-Kosten, die Reiche nun erneut, aber fälschlich, ausschließlich »abgeregelten Anlagen« zuordnet, geht an die Betreiber fossiler Kraftwerke .
Reiches Kollegin Nina Scheer (SPD) ging in einem weiteren Gastbeitrag in der »FAZ«, zwei Tage später, hart mit Reiche ins Gericht. Scheer ist energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. Sie kennt sich aus mit der Materie, und das merkt man ihrem durchaus erbost wirkenden Text auch an. Die Ministerin tue nicht, was man abgesprochen habe: »Frau Reiche unterlässt Gesetzesvorlagen zu verständigten Maßnahmen für eine effizientere Auslastung des Netzes, für ›Nutzen statt Abregeln‹, für einen beschleunigten Smart-Meter-Ausbau«, schreibt Scheer. Das stimmt: Von Beschleunigung ist bislang nichts zu sehen.
Reiche 2026 widerspricht den Fakten
Zudem, so Scheer, argumentiere Reiche »faktenfremd«. So laste sie »explodierende« Strompreise dem Klimaschutz an. Tatsächlich explodieren die deutschen Strompreise keineswegs, im Gegenteil: Sie fallen. Neukunden bezahlten Vergleichsportalen zufolge diese Woche unter 28 Cent pro Kilowattstunde Strom. In Reiches Text ist von 37 Cent die Rede. »Alle reden von steigenden Energiepreisen – aber Strom wird billiger«, titelte das Redaktionsnetzwerk Deutschland kürzlich. Woran das liegt? Am billigen erneuerbaren Strom. Aber Katherina Reiche hat offenbar weiterhin massive Vorbehalte gegen erneuerbare Energie, auch wenn sie stets das Gegenteil beteuert.
In Wahrheit liegt Deutschland europaweit im Mittelfeld , was die Strompreise angeht, nur sind unsere Steuern und Abgaben besonders hoch. Je häufiger wir kein Gas brauchen, desto billiger wird es.
Im Idealfall nutzt man den konkurrenzlos billigen erneuerbaren Strom, wenn er vorhanden ist, und speichert möglichst viel von diesem billigen Strom in Batterien, wenn man zu viel davon hat. Bonus: Dann muss man auch keine Windkraftwerke oder Solarparks mehr abregeln. Dazu braucht es aber schnelle Genehmigungsverfahren, gut ausgebaute Netze, Digitalisierung, Lastmanagement und so weiter. Das ist aufwendig, aber lohnend. Eigentlich wurde Reiche ja ins Amt berufen, weil sie »vom Fach« ist.
Realität widerspricht Ministerin
Im Grunde müsste der priorisierte Ausbau von Batteriespeichern auf ihrer Agenda ganz oben stehen, denn Batteriespeicher machen den Strom billiger. Zudem stabilisieren sie das Netz. Es stehen auch schon riesige Mengen privaten Kapitals dafür bereit, ohne jede Subvention: Für Batteriespeicher liegen Anschlussbegehren für mehr als 500 Gigawatt Leistung allein für Deutschland vor. Die werden nicht alle gebaut, aber die Größenordnung ist trotzdem ein Indikator für einen Markt, der weltweit gerade in atemberaubendem Tempo wächst.
Doch Reiche hat für einen der Marktteilnehmer gearbeitet, dem Netzausbau und Digitalisierung Mühe machen: Westnetz, siehe oben. Nun bremst sie den Ausbau von Speichern, auf expliziten Wunsch der Netzbetreiber.
In Kalifornien ist man viel weiter. Dort sind Batteriespeicher mittlerweile so gut ausgebaut, dass sie in den Abendstunden manchmal mehr als 40 Prozent der gesamten Last im Stromnetz abdecken. Batterien verdrängen dort den teuren Gasstrom aus dem Markt. Die Ministerin, die nichts für den Speicherausbau tut, klagt hierzulande unterdessen: Der deutsche Strom sei zu teuer, »unsere Industrie blutet aus«.
Symptomatisch: Die Begriffe »Batterie« oder »Batteriespeicher« tauchen in Reiches »FAZ«-Gastbeitrag kein einziges Mal auf. Zweimal kommt dagegen das Wort »Fusionskraftwerk« vor. Dabei gibt es die noch gar nicht.
Rico Grimm @ricogrimm.de
Eine Technologie ist in 30 Jahren 99 % billiger geworden. Nicht Computerchips – Batterien.
Das verändert gerade die Welt.
Rico Grimm @ricogrimm.de
Kalifornien hat in drei Jahren seine Batteriespeicher verfünffacht.
Ergebnis: Negative Strompreise und Preisspitzen fast weg. Das Netz läuft stabiler.
Aber die Speicherbetreiber verdienen nur noch halb so viel.
Batterien funktionieren so gut, dass sie sich selbst die Gewinne killen.
Golem hier 10. April 2026 / Mario Petzold
Batteriespeicher: Stromspeicher glätten Börsenstrompreis teils zu sehr
Akkumulatoren im Stromnetz senken die Differenz zwischen höchstem und niedrigstem Strompreis. Das beeinflusst die Rentabilität der Zwischenspeicher.
Eine Marktanalyse von Aurora Energy Research, einer Beratungsfirma mit Schwerpunkt Energiemärkte, zeigt die Veränderung der Strompreise durch die wachsende Bedeutung von Batteriespeichern in einem Stromnetz auf. Verglichen wurden die Börsenpreise am 20. März 2022 und 2025 im kalifornischen Stromnetz. In diesen drei Jahren verfünffachte sich die verfügbare Leistung der Stromspeicher in dem US-Bundesstaat.
Erkennbar ist, dass sowohl die negativen Ausschläge beim Strompreis in der Tagesmitte als auch die Preisspitzen in den Abendstunden deutlich kleiner wurden. Negative Strompreise in den Mittagsstunden waren 2025 fast verschwunden, und während 2022 abends regelmäßig mehr als 7 Cent je Kilowattstunde (kWh) gezahlt werden musste, wurde dieser Wert 2025 kaum noch erreicht.
Das bedeutet, dass der Strom aus Batteriespeichern 2022 noch mit einem Gewinn von 1,3 Cent verkauft wurde. Mittlerweile hat sich der Gewinn laut ersten Prognosen mindestens halbiert.
Solar und Batterien gleichmäßig ausbauen
Die Entwicklung zeigt, dass Batteriespeicher im Grunde genau das erreichen, wofür sie gebraucht werden. Negative Preise werden zumindest kleiner und hohe Preisspitzen, in den meisten Fällen durch das Einspringen teurer Reservekraftwerke verursacht, werden deutlich minimiert.
Gleichzeitig sinkt dadurch der potenzielle Gewinn, der durch den Bau von Stromspeichern zu erzielen ist. Hier sieht die Beratungsfirma das Problem vor allem im unkoordinierten Zubau. Steigt die Leistung von Batterien schneller als jene aus Solaranlagen, könnten die Strompreisunterschiede zwischen Mittag und Abend noch weiter sinken und Akkumulatoren unrentabel machen.
Hinzu kommt, dass es für Solaranlagen auch in Kalifornien feste Abnahmepreise gibt. Somit spielen die Börsenpreise für deren Betreiber keine Rolle, für die Betreiber von Batteriespeichern aber schon.
Müssten die Solaranlagenbetreiber ebenfalls am Stromhandel teilnehmen, könnte es sich hingegen lohnen, Batterien und Solaranlagen direkt zu koppeln. Dann wiederum wären ausgeglichenere Preise vermutlich das Beste, was den Anlagenbetreibern und den Stromkunden passieren könnte.
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