Utopia hier Lena Rauschecker 4. April 2026
Dass Autos gesellschaftlich derart tief verankert sind, hat einen bestimmten Grund: Männer betrachten sie als ihren „letzten Schutzraum“.
Das sagt Autor und Männerberater Boris von Heesen. Im Interview erklärt er, warum die Verkehrswende ohne eine Dekonstruktion des Patriarchats kaum gelingen kann und was jede:r Einzelne heute trotzdem schon tun kann.
Das Auto gehört in Deutschland zum Alltag wie kaum etwas anderes. Dazu passt, dass der Verkehrssektor und in erster Linie Autos hierzulande für etwa 20 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Das Problem: Anders als die Gesamtemissionen sinken die Emission im Verkehr nur sehr langsam.
Autor und zertifizierter Männer-, Jungen- und Gewaltberater Boris von Heesen macht hierfür das gesellschaftlich tief verwurzelte Patriarchat verantwortlich. Während der mehrjährigen berufsbegleitenden Weiterbildung zum Männerberater lernte von Heesen, mit Männern zu arbeiten, die in persönliche Krisen geraten sind. Auch Männer, die Verkehrsdelikte begangen haben, kommen in seine Beratung.
Im Gespräch mit Utopia.de beschreibt Boris von Heesen das Männlichkeitsbild hinter der Windschutzscheibe und erklärt, warum vielen der Abschied vom Steuer so schwer fällt. Gleichzeitig zeigt der Publizist auf, was es wirklich braucht, um die Mobilitätswende voranzutreiben.
Boris von Heesen im Utopia.de-Interview: Männer bremsen die Verkehrswende aus
Utopia.de: Sie arbeiten und leben in Darmstadt. Wie bewegen Sie sich dort im Alltag fort?
Boris von Heesen: Ich habe das große Privileg, nah an meiner Arbeit zu wohnen und ich liebe das Fahrradfahren. Ich habe mich aber schon vor einigen Jahren entschieden, zu Fuß zur Arbeit zu gehen, weil es mir mit dem Rad einfach zu schnell ging. Ich möchte morgens und abends den Kopf freibekommen und nutze dafür den Arbeitsweg. Für längere Strecken in der Stadt oder Ausflüge kombiniere ich oft Fahrradfahren mit Zufußgehen oder den Öffentlichen.
Sie fahren kein Auto?
Unser Auto haben wir abgeschafft – aus Überzeugung, aber auch aus pragmatischen Gründen. Es stand manchmal zwei Wochen nur herum. Da Carsharing in und um Darmstadt gut ausgebaut ist, ist das eine tolle Alternative und eine große Entlastung für mich.
Über Boris von Heesen: Der Autor, Wirtschaftswissenschaftler und zertifizierte Männerberater ist geschäftsführender Vorstand eines Jugendhilfeträgers und tritt regelmäßig als Referent und Publizist auf. Boris von Heesen beschäftigt sich unter anderem mit kritischer Männlichkeit und den gesellschaftlichen Folgen traditioneller Rollenbilder. Dabei geht es ihm ausdrücklich nicht um Männerbashing, sondern um Datentransparenz und eine offene Debatte.
Für sehr viele Menschen in Deutschland hat das eigene Auto einen hohen Stellenwert. Worauf führen Sie das zurück?
Das hat mit der deutschen Technik- und Autokultur zu tun, die seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg tief in der Gesellschaft verankert ist und in der Verkehrspolitik beeinflusst, dass hohe Budgets in die Automobilität fließen und im Vergleich dazu geringe Gelder in ÖPNV und Radverkehr.
„Automobil ist eine Art Fortschreibung der patriarchalen Erzählung“
Betrachten Männer Autos grundlegend anders als Frauen?
Das Automobil ist eine Art Fortschreibung der patriarchalen Erzählung. „Sei laut, sei durchsetzungsfähig, nimm Raum ein, geh in Konkurrenz, schotte dich von der Welt ab“: Das ist tief in einem bestimmten Bild von Männlichkeit verankert, das wir sehr früh erlernen – auch ich selbst.
Das Automobil gleicht einer lackierten Ritterrüstung.
Männer betrachten Autos demnach als Schutzausrüstung vor der Außenwelt?
Ich habe außerhalb und innerhalb meiner Männerberatung viele Gespräche mit Männern geführt, in denen sie erzählen, dass das Auto ihr letzter Schutzraum ist. Dort können sie ihre Musik hören, niemand sagt ihnen, was sie tun sollen und sie fühlen sich sicher. Nach meinen Recherchen nutzen Frauen das Automobil viel häufiger einfach, um von A nach B zu kommen, die Kinder abzuholen oder einkaufen zu gehen.
Boris von Heesen: „Viele Männer verstecken ihre Persönlichkeit hinter dem Automobil“
Frauen benutzen Autos also viel mehr als praktisches Verkehrsmittel und Männer stilisieren Autos zu einem letzten Ort der ungestörten Freiheit. Klingt nach Bewahren statt Fortschritt?
Männer schotten sich häufig von ihrer eigenen Gefühlswelt ab und achten nicht darauf, wie es ihnen geht und was ihr Lebenssinn ist. Stattdessen schauen sie sehr stark nach außen und wollen zeigen, wer sie sind. Zur Demonstration Ihres Status dient dann eine teure Uhr oder ein großes Auto. Viele Männer verstecken ihre Persönlichkeit hinter dem Automobil. Sie selbst würden wahrscheinlich sagen, sie können sich dadurch besonders zeigen. Doch das ist ein Trugschluss.
In Ihrem neuen Buch „Mann am Steuer: Wie das Patriarchat die Verkehrswende blockiert“ haben Sie recherchiert, dass autofahrende Männer jedes Jahr 14 Milliarden Euro Mehrkosten verursachen als Frauen. Diese hohen Summen machen sprachlos.
Es ist wichtig, diese Zahlen zu kennen und öffentlich zu machen, denn mit 14 Milliarden Euro könnte man jedes Jahr etwa 10.000 Kilometer Radwege bauen. Ich möchte damit keinen Mann abwerten, sondern zeigen, dass die Prägung, die wir als Männer in dieser Gesellschaft mitbekommen, enorme gesellschaftliche Schäden verursacht, unter denen alle leiden – auch wir selbst.
Patriarchat verhindert eine echte Verkehrswende
Wenn das Patriarchat solche enormen Schäden und Kosten verursacht, warum fällt es der Gesellschaft und vor allem Männern dann so schwer, das Auto hinter sich zu lassen?
Es ist wie ein unendlicher Kreislauf, der sehr schwer zu durchbrechen ist. Wir Männer wachsen mit dieser Prägung auf und gehen irgendwann in die Politik oder Automobilindustrie und nehmen dort – begünstigt durch die patriarchalen Strukturen – machtvolle Rollen ein. Die höchsten Führungsgremien der Autokonzerne sind nur zu etwa 6,5 Prozent von Frauen besetzt. Stattdessen sitzen dort Männer, die überlegen, wie wir den Verbrenner noch erhalten können, statt innovativ in die Zukunft zu denken. Auch beim ADAC, der in Deutschland inzwischen mehr Mitglieder hat als die katholische Kirche, gibt es keine einzige Frau im Führungsgremium.
Diese Denkmuster landen irgendwann im Privaten und junge Männer begeistern sich für große, leistungsfähige Autos und fahren risikoreich durch die Gegend. Das System erneuert sich immer wieder selbst und kaum jemand merkt es, obwohl es absurd ist.
Wie können wir diesen regelrechten Teufelskreis durchbrechen?
Diversere Teams, mehr Frauen und auch Menschen mit Beeinträchtigungen in den Entscheidungsgremien der Autoindustrie würden viel stärker in Richtung ÖPNV-Vernetzung, autonome Kleinbusse und andere innovative Verkehrskonzepte denken.
Die Verkehrswende gelingt nur, wenn wir das Patriarchat aufbrechen?
Die Geschlechterfrage spielt eine große Rolle, denn diejenigen, die mit dem Auto zur Arbeit pendeln, haben das größte Potenzial für die Mobilitätswende. Und es sind vorwiegend Männer, die zu Vollzeitjobs pendeln.
E-Autos sind kein Allheilmittel
Oft werden E-Autos als Lösung für die Verkehrswende genannt. Welche Relevanz messen Sie diesen Fahrzeugen bei?
Nur weil jetzt ein E im Kennzeichen steht, wird nicht alles gut. E-Autos nehmen genauso viel Raum ein, sind aber ein Beitrag, um im Verkehrssektor möglichst schnell CO2 einzusparen und eine wichtige Transformationstechnologie, um Arbeitsplätze in der Autoindustrie zu erhalten. Doch auch E-Autos sind Automobile, die mit einem bestimmten Bild von Männlichkeit verbunden sind.
Müssen wir zuerst die patriarchalen Strukturen abschaffen oder zuerst ÖPNV, Rad und Fußwege massiv ausbauen, um die Verkehrswende hinzubekommen?
Der Ausbau von ÖPNV und Radwegen kann nur dann wirklich gelingen, wenn wir das Patriarchat dekonstruiert haben – weil sonst nicht genügend Menschen in die Positionen kommen werden, um diese Entscheidungen zu treffen. Doch man sollte sofort loslegen, wenn die Möglichkeit besteht, viel für Radverkehr, Fußverkehr und die Mobilität von Menschen mit Beeinträchtigungen zu tun. Das geht schneller und können wir innerhalb von zwei, drei Jahren Veränderungen sehen. Die Dekonstruktion des Patriarchats ist, bei allem Optimismus, ein Generationenthema. Und da rede ich nicht von einer Generation, sondern von mehreren.
Wie die „mobile Befreiung“ aussehen könnte
Welche gesellschaftlichen Schritte braucht es, um die Verkehrswende voranzutreiben?
In meinem Buch plädiere ich für die „mobile Befreiung“, die dem Zufußgehen und Fahrradfahren ihre transformatorische Kraft zurückgeben soll.
Das Fahrrad etwa hat eine enorme Kraft für die Verkehrswende. Heute Morgen habe ich bei Instagram einen Post gesehen, bei dem ein Radfahrer durch die Stadt radelt und schreibt: „Ich weiß gar nicht, wie hoch die Spritpreise aktuell sind.“ Das ist eine Kleinigkeit, aber solche Mikro-Kampagnen, an denen jeder teilhaben kann, zeigen der Welt: Wir können uns ein Stück weit vom Auto befreien. Das können wir relativ kurz- und mittelfristig angehen, indem wir mit gutem Beispiel vorangehen und uns lokal dafür einsetzen, dass dem Fahrrad mehr Priorität eingeräumt wird.
Menschen, die vorangehen, sind unerlässlich. Sie alleine bewirken aber noch keine Transformation.
Längerfristig brauchen wir unbedingt eine staatliche Organisation, die die Verkehrswende voranbringt. Vom Kindergarten bis ins hohe Alter sollte diese Organisation die Menschen begleiten: Kinder lernen früh nachhaltige Mobilität kennen, der Führerschein wird zum Mobilitätsschein, weil Fahrschulen nicht nur Autofahren, sondern auch Radfahren und Verkehrsmittelvernetzung vermitteln.
Wie kann man sich diese Organisation vorstellen?
Ich vergleiche sie mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die ein Budget von rund 120 Millionen Euro hat. Damit könnte man auf 20 Jahre gerechnet unglaublich viel erreichen, wenn in der Organisation Bürgerinnen und Bürger sitzen sowie Verkehrsfachleute von Universitäten statt Vertreter der Automobilindustrie oder deren Zulieferer.
Münster und Tübingen zeigen, wie es geht – München könnte folgen
Der Blick auf den aktuellen Bundeshaushalt zeigt, dass bei Fahrradwegen gekürzt wird, während autozentrierte Vorhaben weiterhin gefördert werden. Was stimmt Sie dennoch optimistisch?
Mich stimmt die solide Basis in der Politik und Zivilgesellschaft positiv, die den Wandel will und langsam erkennt, dass wir nicht in Metallwüsten, sondern in schönen grünen Orten leben wollen. Wenn wir wollen, dass sich etwas verändert, müssen wir aktiv werden. Es braucht Bürgerinnen und Bürger, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, in Parteien gehen, sich lokal in Verbänden engagieren und Mehrheiten schaffen. Und das passiert auch gerade, etwa in München mit der Wahl eines neuen Oberbürgermeisters der Grünen.
Wo steht die Verkehrswende in Deutschland in fünf Jahren?
Davon ausgehend, dass diese Regierung hält, werden wir in den nächsten fünf Jahren keine allzu große Veränderung sehen. Es bräuchte eine Regierungsbeteiligung der Grünen, damit die Verkehrswende eine stärkere Grundlage bekommt, die dann auf kommunaler Ebene besser umgesetzt werden kann. Vielleicht können aber die Kommunen vorangehen und Maßnahmen umsetzen, die sie dank der Novelle der Straßenverkehrsordnung der ehemaligen Ampelkoalition erhalten haben. Münster oder Tübingen beispielsweise zeigen, wie viel Städte in einen sicheren und komfortablen Radverkehr investieren können.
Männer müssen sich von „männlichen“ Stereotypen befreien
Müssen Männer komplett weg vom Steuer?
Nein. Männer müssen sich nur von den Prägungen befreien, die ihnen immer wieder einflüstern, jemand zu sein, der sie gar nicht sein müssen. Sie müssen nicht immer stark sein und sich durchsetzen. In Kooperation kann man viel mehr erreichen als im Einzelkämpferdasein. Wenn wir uns von diesen Stereotypisierungen befreien, werden wir in einer friedlicheren, gewaltfreieren, gesünderen Gesellschaft leben und ganz sicher auch mit einer besseren Mobilität.

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