Deutschland war mal Vorreiter bei der Energiewende
Genau das gerät in Gefahr, je länger WirtschaftsministerinKatharina Reiche die Erneuerbaren runter redet, die Klimakrise ignoriert und dafür sorgt, dass Milliarden Investitionen zurückgestellt werden - weil Unternehmen nicht mehr wissen, welche Energiepolitik eigentlich morgen noch gilt.
Inzwischen besorgt das nicht mehr nur ein paar Klimaaktivisten, sondern auch Teile der deutschen Wirtschaft. Der aktuelle Titel des Manager Magazins („Die Fossile“) beschreibt das überzeugend.
Das erste (der Protest der Klimabewegung)könnte Reiche ja noch egal sein, es hilft ihr in den rechten Teilen der CDU. Letzteres (die Kritik aus der Wirtschaft ) aber ist nicht nur für Sie, sondern auch für ihre Partei gefährlich. Denn Wirtschaftskompetenz gehört ja zu den gefühlten Kernkompetenzen der CDU.
Und jenseits aller politischen Taktik ist es für Deutschland fatal, ausgerechnet in dem Moment, in dem die Energiewende weltweit rasant Anfahrt gewinnt, diese Wirtschaftsministerin zu haben.
Die ganze offensichtlich eines noch nicht verstanden hat: Durch die massiven Innovationen in der Batterietechnik ist zum ersten Mal ein Energiesystem, ganz ohne Back-up durch die fossilen (also durch Gaskraftwerke) nicht nur denkbar, sondern machbar. Kalifornien setzt darauf, Ungarn und immer mehr andere Länder. Und immer mehr Regierungschefs sind sich einig: Nut der Abschied aus der Gas und Öl Abhängigkeit bedeutet mehr Sicherheit und die Unabhängigkeit von Irrlichtern. Präsidenten.
Wenn viele in die eine Richtung fahren und man selbst in die andere, können natürlich die vielen falsch liegen. Es kann auch sein, dass man selbst sich fürchterlich irrt. Ob Katharina Reiche darüber manchmal nachdenkt?
Die Zeit hier Eine Kolumne von Petra Pinzler 27. April 2026
Gegen den Strom
Viele Länder reduzieren die Abhängigkeit von Öl und Gas, doch Katherina Reiche bremst die Energiewende. Das ist klimapolitisch ein Rückschritt und wirtschaftlich riskant.
Katherina Reiche steht der Energiewende ihres Vorgängers Habeck skeptisch gegenüber und misst dem Klimaschutz einen geringeren Stellenwert bei – das ist hinlänglich bekannt.
Bisher konnte die Wirtschaftsministerin damit sogar punkten, jedenfalls in Teilen der CDU und damit bei den für sie relevanten Leuten. Dass die Ministerin in den vergangenen Wochen konsequent zum Wiedererstarken der Klimabewegung beigetragen hat, mag sie dabei als unbeabsichtigten Beleg dafür verstehen, dass diese Regierung eben keine grüne Politik betreibt.
Weniger gefallen dürfte der CDU allerdings, dass längst auch immer mehr Wirtschaftsvertreter die deutsche Energiepolitik für rückwärtsgewandt halten und ein schnelleres Loslösen von Gas und Öl fordern. Das Manager Magazin etwa schreibt: Reiches »Rückwärtsrolle in der Energiewende sorge für massive Verunsicherung« und warnt »Reiche setze Milliardeninvestitionen der Konzerne aufs Spiel«. Auf dem Titel des Magazins sieht man Reiche und darüber steht: »Die Fossile«.
Diesen Titel hat sich die Wirtschaftsministerin in der vergangenen Woche eifrig verdient.
Sie hat Gesetzentwürfe erarbeiten lassen, die die Energiewende mit zahlreichen Hürden ausbremsen würden – vorausgesetzt, Kabinett und Bundestag stimmen zu.
Bemerkenswert ist dabei aber nicht nur der Inhalt, sondern der Zeitpunkt: Denn im Rest der Welt passiert gerade genau das Gegenteil – zumindest in jenen Ländern, die wie Deutschland über keine eigenen Gas- und Ölvorkommen verfügen.
Der Kampf um Ressourcen hat begonnen
Dort ziehen die Regierungen aus steigenden Preisen, instabilen Lieferketten und der unbequemen Abhängigkeit von einem kriegstreibenden russischen oder einem unberechenbaren amerikanischen Präsidenten eine gänzlich andere Schlussfolgerung als Reiche: Sie wollen raus aus der fossilen Abhängigkeit – und zwar so schnell wie möglich. »Solange wir von Öl und Gas abhängig sind, werden wir den Preis für die Kriege anderer Leute zahlen«, sagte der französische Premierminister Sébastien Lecornu vergangene Woche.
Stellvertretend für viele europäische Regierungen analysierte EU-Ratspräsident António Costa die Lage am Wochenende so: »Langfristig gesehen gibt es für Europa nur eine Option: die Energiewende zu beschleunigen und den Ausbau heimischer, sauberer Energiequellen voranzutreiben.« Nur so könne man Abhängigkeiten abbauen und Energieversorgungssicherheit gewährleisten.
Auch in Kolumbien haben sich am Wochenende auf Einladung der kolumbianischen und der niederländischen Regierung Politiker aus aller Welt versammelt, um über die Transformation ihrer Wirtschaft weg von fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren Energien zu diskutieren. Die Konferenz war zwar lange geplant – doch hätte sie kaum zu einem besseren Zeitpunkt stattfinden können.
Die Welt stecke »in der größten Energiekrise der Geschichte«, hatte Fatih Birol, der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), die Lage erst in der vergangenen Woche in Berlin beschrieben – um dann aber auch hinzuzufügen: Vergleichbare Krisen habe es schon früher gegeben, und genau das mache ihm heute Mut.
Krisen beschleunigten schon oft Innovationen
Schon die Ölkrise der Siebzigerjahre habe einen Innovationsschub ausgelöst, zu effizienteren Technologien geführt und zu »vielen kosteneffizienten Antworten«, die die Abhängigkeit von Öl und Gas verringerten. Was das konkret bedeutet, zeigt der aktuelle Jahresbericht der IEA: Mehr als in jede andere Energiequelle wird heute weltweit in Solaranlagen investiert. Und auch der Absatz von Batteriespeichern boomt – 2025 wuchs er um fast 40 Prozent. Dieser Trend werde sich, so Birol, durch die aktuelle Krise noch einmal beschleunigen. »Wir betreten das Zeitalter der Elektrizität.«
In vielen Ländern geht die Wende heute auch so schnell,
weil die Energiepolitik – anders als in Deutschland –
keine ideologische Frage ist.
Und weil die Öl- und Gaslobby – anders als in Deutschland –
in den Regierungen weniger Einfluss hat.
So kommt Spanien gerade gut durch die Krise, weil es in den letzten Jahren die Windenergie massiv ausgebaut hat. Ungarn hatte schon unter Orbán die Solarindustrie gefördert, sein Nachfolger will das jetzt noch einmal beschleunigen. In Frankreich hat Präsident Macron in der vergangenen Woche publikumswirksam eine Lithium-Gewinnungsanlage eröffnet.
Der Rohstoff wird für die Batterieproduktion benötigt; baut man ihn zu Hause ab, sichert das den Schritt in die Elektromobilität und sorgt für Unabhängigkeit von China, dem bislang weltweit größten Exporteur.
In Deutschland ist Energiepolitik vor allem eine ideologische Frage
Und Deutschland? Hier hat die Wirtschaftsministerin in just derselben Woche nicht nur Gesetzentwürfe präsentiert, die den Ausbau der Erneuerbaren ausbremsen, sondern dabei auch noch ihre eigenen Worte vom Segen des Marktes und dem Nutzen der Technologieoffenheit Lügen gestraft. Noch bei ihrer Antrittsrede im Ministerium hatte Reiche erklärt: »Gerade bei der Transformation ist Technologieoffenheit wichtig.« Jetzt aber macht sie genau das Gegenteil: Sie begünstigt eine einzige Branche – die Gasindustrie.
Um das zu verstehen, muss es kurz etwas technischer werden. Am günstigsten ist heute in der Regel der Strom, der mit Wind oder Sonne erzeugt wird – manchmal kostet er sogar gar nichts mehr. Ein Problem entsteht allerdings dann, wenn wenig Wind weht und wenig Sonne scheint. Damit trotzdem sicher Strom fließt, braucht man sogenannte Backup-Kapazitäten: Speicher oder Kraftwerke, die schnell anspringen. Deren Bau lohnt sich allerdings für Unternehmen oft nicht, schließlich braucht man sie nur für wenige Tage im Jahr. Also braucht es für sie (noch) staatliche Hilfe.
Eine wirklich technologieoffene Wirtschaftspolitik würde Ausschreibungen so gestalten, dass den Zuschlag bekommt, wer die wenigsten Subventionen benötigt. Das können Gaskraftwerke sein – aber auch Batteriespeicher. Das Wirtschaftsministerium hat seinen Gesetzentwurf jedoch so gestaltet, dass Betreiber großer Batteriespeicher kaum zum Zuge kommen; bevorzugt werden Gaskraftwerke.
Man kann das so entscheiden. Man kann ignorieren, dass in Deutschland viele Unternehmen gern Batteriespeicher bauen würden, wenn sie sie ans Netz anschließen dürften – manche sogar ganz ohne Subventionen.
Dann aber sollte man ehrlich dazu sagen: Ausgerechnet den Sektor, der weltweit boomt, will man bewusst kleinhalten. Oder weiß die Ministerin nicht, dass Kalifornien bereits 40 Prozent seines Stroms aus Batterien ins Netz einspeisen kann? Und zwar in Zeiten, in denen der Bedarf hoch ist.
Durch leistungsstarke Batteriespeicher,
das lässt sich gerade weltweit beobachten,
wird die Energiewende vollendet:
Erzeugung, Verteilung und Speicherung von Strom –
alles möglich ohne Öl und Gas.
Das ist der eigentliche Durchbruch für grüne Energiesysteme
Deutschland war bei der Energiewende mal ganz vorn
Und als wäre das nicht genug: Reiche will auch noch den sogenannten Redispatch ändern – jene Regel, die sicherstellt, dass auch Bürgerinnen und Bürger mit Solarpaneelen auf dem Dach ihren Strom sicher abgenommen und vergütet bekommen. Nur so können sie verlässlich kalkulieren. Diese Garantie will Reiche streichen, mit dem Argument, die Stromnetze seien für die wachsenden Mengen grüner Energie nicht ausreichend ausgebaut.
Die naheliegende Frage, die man sich dabei stellt: Warum beschleunigt die Ministerin nicht einfach den Netzausbau durch Bürokratieabbau? Sie selbst hat einmal gefordert: »Wir müssen vereinfachen, straffen, streichen.«
Ja, Deutschland war mal Weltmarktführer bei den erneuerbaren Energien. Heute aber haben wir eine Ministerin, die das Land weiter von Gas- und Öllieferungen abhängig machen will, bis weit in die Zukunft – das hat Katherina Reiche unlängst auch offen angekündigt.
Zwar gehört Unsicherheit heute zum Alltag, die Welt ist nun einmal so. Aber wäre es nicht genau der Job einer Wirtschaftsministerin, diese Unsicherheit zu reduzieren? Einen Plan zu haben, wie sich explodierende Energiepreise künftig vermeiden ließen? Das eigene Land vor den Wirren der Weltpolitik und schwankenden Energiepreisen, wo immer möglich, zu schützen?
Man würde gern wissen, was die Ministerin dazu sagt. Ob Katherina Reiche sich in einer stillen Stunde vielleicht doch fragt: Wer liegt hier eigentlich falsch – all die anderen im Rest der Welt, oder vielleicht doch ich? Wahrscheinlich wird sie das nie beantworten, jedenfalls nicht öffentlich.
Dabei wirkt ihre Energiepolitik jedem weiteren Preissprung an den Zapfsäulen gestriger. Ihr missgelaunter Blick auf die Erneuerbaren bizarrer. Und ihr Versuch, Deutschland durch langfristige Gasverträge an fossile Lieferanten zu ketten, wie das verzweifelte Klammern an eine Epoche, über die die Zeit gerade in Riesenschritten hinwegeilt.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen