Donnerstag, 30. April 2026

Wo die Energiewende erfolgreich voran geht: Wie Indonesien, Nigeria und Südkorea Deutschland abhängen

 TAZ hier   30. April 2026 

Außer Deutschland haben es fast alle verstanden

Es ist schlimm, dass es dafür erst einen Krieg und eine Ölkrise braucht. Über den weltweiten Aufschwung der erneuerbaren Energien dürfen wir uns aber trotzdem freuen. 

ich bin Malene Gürgen, Redakteurin im Recherche- und Reportageteam der taz. 

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Im letzten Herbst war ich im Urlaub in Bayern. Je näher wir unserem Ziel kamen, desto kleiner und langsamer wurden die Züge, mit denen wir fuhren, und desto besser ließ sich die vorbeiziehende Landschaft beobachten. Und die Photovoltaikanlagen. Wir fuhren durch kleine Ortschaften, in denen sich traditionelle Häuser mit ausladenden Holzbalkonen aneinander reihten, und auf so gut wie jedem dieser Häuser blitzten die Solarzellen in der Sonne. Hausdach an Hausdach, Dorf hinter Dorf.
Der rückwärtsgewandte energiepolitische Kurs der Bundesregierung in Berlin, er schien plötzlich sehr weit weg. 

In Bayern wird viel CSU gewählt und gegen die Grünen gewettert. In Bayern scheint aber auch viel die Sonne. In keinem anderen Bundesland wird mehr Solarstrom erzeugt als hier, auch bei der Leistung pro Fläche ist Bayern unter den Spitzenreitern – und das liegt zu einem großen Teil an den vielen Anlagen auf privaten Hausdächern. Einer Umfrage zufolge haben schon jetzt mehr als 40 Prozent der Eigenheimbesitzer*innen Solaranlagen auf dem Dach. Weitere 30 Prozent planen, in den nächsten drei Jahren eine solche Anlage zu installieren. Und ob sie die Grünen oder die CSU wählen, spielt dabei der Umfrage zufolge kaum eine Rolle. 

Durchgeführt wurde die Befragung im Herbst vergangenen Jahres. Ich bin mir sicher: Wiederholte man sie jetzt, gäben noch viel mehr Hausbesitzer*innen an, in Zukunft auf Photovoltaik zu setzen. Schließlich erleben wir gerade den größten Aufschwung erneuerbarer Energien, den es je gab. 

Wie Indonesien, Nigeria und Südkorea Deutschland abhängen

Eine Ölkrise, wie sie jetzt durch die Blockade der Straße von Hormus infolge des Krieges zwischen Iran, Israel und den USA ausgelöst wurde, gab es schon mehrmals. Aber jetzt gibt es, anders als früher, eine günstige, einfache und verfügbare Alternative zu fossilen Brennstoffen: Solarenergie. 

Das hat Folgen: Wenn man sich die Kurve anschaut, die den Export von Solarmodulen aus China darstellt, sieht man bereits einen beeindruckenden Anstieg über die letzten Jahre. Aber im März 2026 zieht die Linie auf einmal fast senkrecht nach oben. In diesem Monat wurden doppelt so viele Solarmodule exportiert wie im Vormonat, zusammen kommen sie auf eine Leistung von 68 Gigawatt. 50 Länder importierten im März so viele Solarprodukte wie noch nie zuvor

Und das Beste daran ist: Es geht hier nicht nur um eine kurzfristige Verschiebung der Energiequellen, bis die Krise vorbei ist. Es geht nicht darum, jetzt ein paar Monate lang auf Solarenergie zu setzen, bis das Öl wieder billiger ist. Angesichts der Ölkrise beschließen Regierungen weltweit jetzt gerade energiepolitische Maßnahmen, die tiefgreifende, strukturelle Veränderungen bedeuten und die langfristige Abkehr von fossilen Brennstoffen einläuten oder zementieren. Ein paar Beispiele:

In Indonesien, bisher nicht als Vorreiter der Energiewende bekannt, hat der Präsident angekündigt, den gesamten Verkehr des Landes elektrifizieren zu wollen: „Wir werden alle Motorräder in Elektromotorräder umwandeln. Alle Autos, alle Lastwagen, alle Traktoren müssen ebenfalls elektrisch sein.“ 

Insbesondere die Umstellung auf E-Mopeds und E-Räder ist ein nicht zu unterschätzender Faktor der globalen Energiewende. Schätzungen zufolge sind schon jetzt weltweit etwa 280 Millionen elektrische Zweiräder in Betrieb, wodurch etwa viermal mehr Öl eingespart wird als durch alle E-Autos zusammen. In China sind diese Fahrzeuge längst Standard. Wenn jetzt Länder wie Indonesien nachziehen, bedeutet das einen gewaltigen Schub für die Mobilitätswende und Erneuerbare.

Frankreich will den Einbau von Gasheizungen in allen Neubauten bereits ab 2027 verbieten. Stattdessen soll mit Wärmepumpen geheizt werden, für die ein staatliches Leasingmodell für arme Haushalte eingeführt wird. Die Maßnahme ist Teil einer großen energiepolitischen Offensive in Reaktion auf die aktuelle Energiekrise, die auch die Förderung von Elektroautos für Geringverdiener*innen oder umfangreiche Subventionen für die Elektrifizierung von Industrieprozessen vorsieht. 

In Südkorea, dessen Rohölimporte bisher zu etwa 70 Prozent über die Straße von Hormus kamen, hat der Präsident die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen als „gefährliche Schwäche“ des Landes bezeichnet. Die Regierung hat weitere Mittel für den Netzausbau zur Verfügung gestellt und setzt außerdem auf ihr Solareinkommens-Programm für Dörfer: Mit günstigen Krediten wird die Einrichtung gemeinschaftlich betriebener und genutzter Solaranlagen unterstützt, mit denen die Dorfbewohner*innen nicht nur für den eigenen Bedarf Strom erzeugen, sondern diesen Strom auch verkaufen können, wodurch kommunale Einnahmen generiert werden. 

In Nigeria, wie in vielen anderen afrikanischen Ländern, setzen immer mehr Menschen aufgrund der aktuellen Energiekrise auf eigene Solarsysteme statt auf Dieselgeneratoren, um ihre Stromversorgung auch in ländlichen Regionen oder bei Stromausfällen, die in Nigeria sehr häufig sind, sicherstellen zu können. Die Regierung will die Einrichtung kleiner solarer Stromnetze wie auch die heimische Produktion von Solarmodulen fördern. 

Solarboom auch trotz Förderstopp?

Als Vorbild für eine solche dezentrale Solar-Revolution gilt Pakistan. Weil die staatliche Energieversorgung unberechenbar und teuer ist, erlebte das Land bereits in den letzten Jahren einen gigantischen Boom privater Solaranlagen. Vom aktuellen Preisschock der fossilen Brennstoffe war es weniger schlimm betroffen als andere Länder. Angesichts der aktuellen Krise will Pakistan nun vor allem die Produktion von Batterien vorantreiben, außerdem setzt es, ähnlich wie Indonesien und weitere Länder, auf die Elektrifizierung des Verkehrs.

Und in Deutschland? Auch hier ist die Nachfrage nach Solaranlagen sprunghaft angestiegen. Firmen, die solche Anlagen herstellen, berichten, dass sie seit Beginn der aktuellen Energiekrise rund doppelt so viele Anfragen bekommen wie zuvor. Und fast 80 Prozent der Deutschen fühlen sich durch die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten bedroht, wie eine Umfrage Ende März ergab. 

Dass die Bundesregierung die Förderung von kleinen Solaranlagen ab nächstem Jahr einstellen will, ist natürlich so grotesk wie ihr gesamter energiepolitischer Kurs. Die weltweiten Nachrichten machen mir aber Mut, dass selbst solche Maßnahmen den Boom nicht aufhalten können, nicht in Deutschland und schon gar nicht global. Es klingt absurd, aber mit seinem Angriff auf Iran hat ausgerechnet Donald Trump das Solarzeitalter besiegelt. 

Malene Gürgen ,Redakteurin im Recherche- und Reportageteam der taz


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