Freitag, 24. April 2026

Einen besseren Zeitpunkt kann es kaum geben

 

Zeit hier  Ein Kommentar von Dr. Stefan Schmitt
Aus der ZEIT Nr. 17/2026 am 24. April 2026, 

Organisierter Entzug

Fünfzig Staaten treffen sich erstmals zu einer Konferenz, bei der es nur um den Ausstieg aus Öl, Kohle und Gas gehen soll. Der Zeitpunkt könnte nicht passender sein.

Achtundzwanzig Jahre hat es gedauert, das Hauptproblem auch nur zu benennen. Erst beim 28. Weltklimagipfel war in der Abschlusserklärung von einem »Übergang weg von fossilen Brennstoffen« die Rede, auf Englisch: »a transitioning away from fossil fuels«.
Das war 2023 in Dubai. 
Nun beraten Ende April rund 50 Staaten über konkrete Wege aus der fossilen Abhängigkeit.

Zur Erinnerung: Rund 90 Prozent aller Kohlendioxid-Emissionen der Menschheit entstehen durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas. Wer diese drei Quellen nicht angeht, verhindert einen auch nur halbwegs glimpflichen Verlauf der Klimakrise. Wer sie aber adressiert, erfährt Gegenwind – so geschehen bei der COP29 in Aserbaidschan und auch bei der COP30 im brasilianischen Belém vergangenes Jahr. Dort verhinderten einige Petrostaaten, dass der Fossilausstieg als zentrale Voraussetzung von Klimaschutz festgeschrieben wurde.


Frustriert kündigten deshalb am Ende von Belém
zwei Länder etwas Neues an. 

Kolumbien und die Niederlande luden alle Willigen
zur ersten Regierungskonferenz, 
in der es um nichts anderes gehen soll als den Ausstieg


Diese Transitioning-away-Konferenz findet nun ab dem 24. April in Santa Marta in Kolumbien statt. Mehr als 40 Staaten haben bereits zugesagt, Beobachter erwarten, dass es am Ende etwa 50 werden. Auch Deutschland, Österreich und die Schweiz sind vertreten.

Was sie dort besprechen wollen, ist in etwa so, als träfe sich eine Gruppe von Junkies, die verzweifelt überlegen, wie sie einen Entzug organisieren können – während überall die Droge lockt
Auf den ersten Blick wäre man geneigt zu sagen: Wird doch eh nichts.

Andererseits: Einen besseren Zeitpunkt kann es kaum geben

Die Energiekrise infolge des amerikanisch-israelischen Angriffs auf den Iran führt aller Welt den Nutzen eines Fossil-Ausstiegs vor Augen. Selbst wenn es gar keine Klimakrise gäbe: Jedes Prozent weniger Öl- und Gas-Anteil am Energiemix eines Landes macht es unempfindlicher gegen Preissteigerungen und unabhängiger gegenüber Erpressungen durch Petrostaaten, seien es nun Russland, die USA oder ein Golfanrainer.

Es sei keine Gegen-COP, so die Gastgeber. Man wolle hier einen »konkreten Prozess« anstoßen, weg von den Fossilen, hin zu »nachhaltigen Gesellschaften und Volkswirtschaften«. 

Zu bedenken ist: Zwar haben inzwischen einige Länder sogenannte Net-zero-Ziele formuliert; wie genau sie aber bis zum Stichtag bei Nullemissionen ankommen wollen, bleibt oft nebulös. 
Ein umfassender, grenzüberschreitender Plan wie der Green Deal der Europäischen Union ist die absolute Ausnahme. Darum sollen beim Ausstiegsgipfel nun Wissen und Technik geteilt, über Regeln und Rahmen für internationale Kooperationen beraten werden.

Neben Regierungen nehmen auch Vertreterinnen und Vertreter von Kommunen, Regionen, der Zivilgesellschaft und indigener Gruppen teil. Stark sind Länder des Globalen Südens vertreten, vor allem aus Lateinamerika und dem Pazifik. Sie fordern, »gerecht« solle der Ausstieg sein.
Das kann bedeuten: Bergleute, deren Kohlemine geschlossen wird, dürfen nicht in Armut geraten. Aber auch: Historische Emissionen verpflichten reiche Länder für die Gegenwart.

Nachvollziehbar klingt das alles und zugleich nach einer überwältigenden Aufgabe. Entzug von der fossilen Droge? Ob Santa Marta ein Erfolg war, wird sich daher nicht am 29. April sagen lassen, wenn die Konferenz endet. Erst rückblickend wird sich zeigen, ob hier viele Länder neuen Schwung für den Klimaschutz bekommen haben.

Wie das gelingen soll?
Etwa so: fossile Subventionen streichen, keine neue Verbrennungsinfrastruktur mehr bauen, Benachteiligung erneuerbarer Energieträger beenden. All das dient nicht nur dem Klimaschutz, sondern auch der volkswirtschaftlichen Selbstverteidigung. 

Und der Einwand, dass moderne Gesellschaften ohne Öl und Gas einfach nicht auskommen können? Das mag für die Gegenwart noch stimmen. Für die Zukunft lässt es sich widerlegen, Schritt für Schritt.

So wie es der Gastgeber Kolumbien tut. Keine neuen Konzessionen für die Förderung von Öl und Gas werden mehr erteilt, der Kohleausstieg ist beschlossen. Symbolträchtig ist auch Santa Marta: Von dort aus wurde früher ein Großteil der kolumbianischen Exportkohle verschifft; nun feiert hier die Ausstiegskonferenz Weltpremiere. 



Zeit hier mit Podcast

Eine Klimakonferenz der Willigen



DW  hier

Neue Initiative: Staaten beraten Ausstieg aus Öl und Gas

.....
Seit Jahre warnen Experten vor zu großer Abhängigkeit von Kohle, Öl und Gas für die Wirtschaft. Beispielsweise wurde mit dem russische Angriff auf die Ukraine in Europa schlagartig das Gas knapp. Die aktuelle Lage zeigt, dass diese Abhängigkeit immer noch hoch ist.

"Die Konferenz wurde sicherlich nicht im Kontext der aktuellen Situation hoher Ölpreise ins Leben gerufen. Aber es ist heute sicherlich ein Schlüsselargument, um ernsthaft den Weg aus weg von fossilen Brennstoffen zu diskutieren," ergänzt Retamal. 

Deutschland schickt keinen Minister
Co-Gastgeber Niederlande wird seine Klimaminister schicken, Kolumbien ebenfalls. Die niederländische Regierung erwartet, dass auch Kolumbiens Präsident Gustavo Petro dabei sein werde. Für Deutschland wird Staatssekretär Jochen Flasbarth vom Umweltministerium anreisen.

"Schade, dass die Bundesregierung hier nicht auf höchster Ebene auftritt," findet Wörner. In der Bundesregierung gebe es derzeit unterschiedliche Auffassungen über die deutsche Klimapolitik, deshalb sei man laut der Beobachterin von Misereor derzeit eher "Mitläufer" als Gestalter. 

Die Konferenz ist nicht als Verhandlung angelegt, sondern als Dialog. In den ersten Tagen wird ein breites Spektrum zivilgesellschaftlicher Gruppen mit Wissenschaftlern und privater Wirtschaft über Lösungen diskutieren. Die politischen Vertreter der Länder kommen dann für die letzten zwei Tage zu den Beratungen dazu. Danach wird klarer sein, was die neue Bewegung wirklich erreichen kann.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen