Spiegel hier Von Florian Diekmann und Michael Brächer 11.04.2026,
Hohe Energiepreise:
Diese elf Optionen zur Entlastung liegen nun auf dem Tisch
Die Koalition will am Wochenende darüber beraten, was gegen teuren Sprit und Inflation hilft. Die Vorschläge reichen vom Preisdeckel über die Pendlerpauschale bis zum Tempolimit. Wie teuer das wird, wer profitiert und wo die Haken sind.
Der Bundeskanzler wollte die Erwartungen dämpfen. Schnelle Entlastungen werde es nicht geben, sagte Friedrich Merz (CDU) am Donnerstag.
Der Staat könne Bürger und Unternehmen nicht vor jeder Verwerfung schützen. Die Regierung habe zwar die hohen Spritpreise im Blick, reagieren werde man aber erst dann, wenn sie weiter und dauerhaft steigen würden. Er erwarte, dass Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gemeinsam Vorschläge erarbeiten.
Wirklich funktioniert hat das alles nicht.
Der Druck, rasch zu handeln, ist immens.
Aus den Bundesländern kommen dringende Forderungen sowohl von Unions- als auch SPD-Regierenden, aus Opposition und Sozialverbänden ohnehin. Statt kollegial und vertraulich Lösungen vorzubereiten, attackiert Reiche öffentlich die SPD und den Finanzminister – und wird vom Kanzler zur Ordnung gerufen .
Es gibt also einiges zu klären, wenn die Spitzen der Koalition an diesem Wochenende verhandeln. Immerhin: Ideen gibt es mehr als genug. Der Kanzler hat bereits zwei Vorgaben gemacht:
- Es dürfe keine Markteingriffe geben, die die Versorgung gefährden könnten.
- Und die Entlastungen müssten gezielt ausgestaltet sein und nicht wie mit der Gießkanne ausgeschüttet werden.
Das ist schon deshalb zwingend, weil anders als in der Coronapandemie und zu Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine dem Staat schlicht das Geld für allzu großzügige Pakete fehlt.
Der Steuerexperte Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hält zielgenaue Maßnahmen aus einem weiteren Grund für wichtig: Zu generöse Entlastungen würden die Inflation weiter anheizen, »daher sollten sie auf niedrige und mittlere Einkommen beschränkt bleiben und nicht denjenigen zugutekommen, die sich die höheren Preise leisten können«.
Welche Ideen gibt es also? Was kosten sie? Wer profitiert davon? Und welche Nachteile haben sie? Ein Überblick über die elf wichtigsten Vorschläge.
1. Tankrabatt
Die Idee: Um Bürger zu entlasten, könnte die Bundesregierung die Steuersätze für Benzin und Diesel bis auf die europäischen Mindeststeuersätze senken. Super könnte so um rund 35 Cent günstiger werden, Diesel um 16,7 Cent. Einen solchen Tankrabatt gab es zuletzt 2022 nach der russischen Vollinvasion der Ukraine.
Was kostet uns das?
Viel Geld! 2022 galt der Tankrabatt von Anfang Juni bis Ende August, also für ein Quartal. Dadurch entgingen dem Staat rund 3,15 Milliarden Euro an Steuern. Das macht mehr als zwölf Milliarden Euro pro Jahr.
Wer profitiert davon?
Vom Tankrabatt profitieren diejenigen am meisten, die viel Auto fahren und Sprit verbrauchen. Gerade Menschen mit niedrigem Einkommen haben aber oft gar kein Auto oder fahren weniger. Ökonomen der RWTH Aachen haben berechnet, dass Haushalte im reichsten Zehntel im Schnitt rund 20 Euro im Monat sparen würden, im ärmsten Zehntel nur rund sechs Euro.
Wo ist der Haken?
Ein Tankrabatt ist für den Staat sehr teuer, wirkt nach dem Gießkannenprinzip und setzt Fehlanreize: Benzin und Diesel sind in der aktuellen Krise knapp. Niedrigere Preise verleiten aber dazu, mehr zu verbrauchen, wodurch die Preise noch stärker steigen könnten. Obendrein besteht die Gefahr, dass Mineralölkonzerne einen Teil der Steuersenkungen einstreichen – 2022 kam nur ein Teil der Entlastungen bei den Verbrauchern an.
2. Pendlerpauschale erhöhen
Die Idee
Wer arbeitet, erhält für den täglichen Weg zum Job eine steuerliche Vergünstigung. 2026 lag die Entfernungspauschale – meist Pendlerpauschale genannt – bei 38 Cent je Kilometer. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat vorgeschlagen, die Pauschale zu erhöhen. Das komme »zielgenau« jenen zugute, die auf ihr Fahrzeug angewiesen seien.
Was kostet uns das?
Bei einer Anhebung der Pendlerpauschale auf 45 Cent je Entfernungskilometer entgingen dem Fiskus im Jahr rund 1,6 Milliarden Euro, rechnet Ökonom Stefan Bach vor.
Wer profitiert davon?
Wer zur Arbeit pendeln muss, wird mit einer höheren Pauschale gezielt entlastet. Das lohnt sich vor allem bei langen Arbeitswegen. Die Pauschale gilt zwar als unabhängig vom Verkehrsmittel, in der Praxis profitieren aber vor allem Autofahrer: Etwa zwei Drittel der Berufspendlerinnen und -pendler nutzen bislang das Auto. Besonders stark könnten jene von der höheren Pauschale profitieren, die auf Bus oder Bahn umsteigen, weil deren Preise nicht so stark steigen.
Wo ist der Haken?
Kritiker – darunter der Bundesrechnungshof und das Umweltbundesamt – sehen die Pauschale skeptisch, weil sie lange Autofahrten belohnt. Obendrein würde eine höhere Pauschale Pendler nur mit Verzögerung entlasten, weil sie erst mit der nächsten Steuererklärung wirksam wird. Die Finanzämter müssten also vorab Abschläge gewähren, um sie schnell wirksam zu machen, was zusätzlichen Verwaltungsaufwand bedeutet. Dazu kommt eine unerwünschte Verteilungswirkung: Wer ein hohes Einkommen hat, spart mehr, weil sein Steuersatz höher ist.
3. Mobilitätsgeld
Die Idee
Das Mobilitätsgeld ist eine Variante der Pendlerpauschale. Es reduziert aber nicht das zu versteuernde Einkommen, sondern besteht aus einer Steuergutschrift, die für alle gleich hoch ist – egal, wie viel jemand verdient.
Was kostet uns das?
DIW-Ökonom Bach schlägt vor, in der Krise ein zusätzliches Mobilitätsgeld von drei Cent pro Kilometer einzuführen. Die Kosten wären dann in etwa so hoch wie die 1,6 Milliarden Euro, die eine um sieben Cent höhere Pendlerpauschale kosten würde.
Wer profitiert davon?
Wie bei der Pendlerpauschale am stärksten diejenigen, die einen langen Weg zur Arbeit haben. Im Unterschied zur Pendlerpauschale würde aber ein Geringverdiener um genau den gleichen Betrag entlastet werden wie seine Chefin, die genauso weit vom Arbeitsort entfernt wohnt.
Wo ist der Haken?
Wie die Pendlerpauschale belohnt ein Mobilitätsgeld lange Autofahrten und würde Pendler nur verzögert entlasten, sofern Finanzämter nicht schon vorab Abschläge gewähren.
4. Kfz-Steuer senken
Die Idee
Für Autos und andere Fahrzeuge wird eine jährliche Steuer fällig, deren Höhe abhängt von CO₂-Ausstoß, Hubraum und Erstzulassung – je größer und neuer, desto höher ist die Steuer. Unionsfraktionsvize Sepp Müller schlägt vor, die »Kfz-Steuer für kleine und mittlere Einkommen sowie Betriebe« zu senken. Alternativ dazu kursiert laut »Handelsblatt« in der Bundesregierung die Idee, Kfz-Steuerpflichtigen eine Pauschale auszuzahlen. DIW-Ökonom Bach könnte sich eine Höhe von 150 Euro vorstellen, hält das aber für wenig zielgenau, da auch Wenig- und Freizeitfahrer profitieren.
Was kostet uns das?
Die Steuerschätzer erwarten für dieses Jahr Einnahmen von 9,6 Milliarden Euro aus der Kfz-Steuer. So hoch wären also die Kosten, würde sie komplett abgeschafft. Würde sie nur gesenkt oder eine Pauschale ausgezahlt – und das womöglich nur für bestimmte Personengruppen – wären die Kosten entsprechend niedriger.
Wer profitiert davon?
Würde der Kfz-Steuersatz für alle abgeschafft oder gesenkt, profitieren am stärksten Besitzer hochmotorisierter Spritfresser, deutlich weniger stark Besitzer kleinerer, sparsamerer Autos. Auf E-Autos wird ohnehin keine Kfz-Steuer fällig – allerdings sind sie auch nicht von den hohen Benzin- und Dieselpreisen betroffen. Bei einer ausgezahlten Pauschale würden alle Besitzer von Verbrennerautos gleich stark entlastet.
Wo ist der Haken?
Senkt man einfach den Steuersatz, käme das tendenziell am meisten Gutverdienern zugute, weil diese häufiger Autos mit hohem Verbrauch besitzen. Zudem würde dies nur verzögert entlasten, da die Steuer nur einmal im Jahr fällig wird. Beide Nachteile fielen bei einer Pauschale weg – aber für diese fehlt schlicht noch ein funktionierender Mechanismus, um sie auszuzahlen.
5. Energiepreispauschale
Die Idee
Alle Menschen in Deutschland bekommen eine Pauschale ausgezahlt. Das wäre zumindest das Ziel. Praktisch umgesetzt wurde diese Idee bereits nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Damals erhielten Erwerbstätige und Rentner 300 Euro, Studierende 200 Euro und Kinder 100 Euro. Diese Pauschalen waren allerdings steuerpflichtig, sodass ein Teil von ihnen bei der nächsten Steuererklärung wieder an den Staat zurückfloss. Empfänger von Sozialleistungen bekamen ebenfalls Einmalzahlungen.
Was kostet uns das?
2022 rechnete die Bundesregierung mit Kosten von insgesamt rund 15,7 Milliarden Euro. Weil die Pauschalen der Einkommensteuer unterlagen, wurden Rückflüsse von rund 3,9 Milliarden Euro erwartet. Netto blieben den Berechnungen zufolge Kosten von rund 10,9 Milliarden Euro.
Wer profitiert davon?
Weil die Pauschale versteuert werden muss, bleibt Geringverdienern mehr davon als Gutverdienern mit einem hohen Grenzsteuersatz. DIW-Ökonom Bach plädiert sogar dafür, die Pauschale den Geringverdienern zu lassen und bei überdurchschnittlich Verdienenden mit einem Sondertarif komplett wieder zurückzuholen. Das würde den Verteilungseffekt zugunsten von Niedrigverdienern verstärken und die Kosten für den Staat auf die Hälfte senken. Denkbar wäre auch, die Höhe der Pauschale von vornherein vom Einkommen und der Entfernung zwischen Arbeits- und Wohnort abhängig zu machen – sie also sehr gezielt zu gewähren.
Wo ist der Haken?
Das größte Problem ist ein praktisches: Der Staat kann nach wie vor nicht einfach jedem Menschen in Deutschland Geld überweisen. Im Prinzip gibt es so einen »Direktauszahlungsmechanismus« zwar bereits beim Bundeszentralamt für Steuern – aber nur für 18 Prozent der Bevölkerung soll dort eine Bankverbindung hinterlegt sein. Um die Pauschale also schnell auszahlen zu können, müssten die fehlenden Bankverbindungen schnell nachgepflegt werden. Oder man geht so vor wie im Jahr 2022: Arbeitnehmern würde sie über den Arbeitgeber ausbezahlt, Rentnern über die Rentenversicherung, Kindern über die Familienkassen, Sozialleistungsempfängern über Jobcenter und Sozialamt, Studierenden auf Antrag über Onlineportale.
6. Stromsteuer senken
Die Idee
Wie beim Tankrabatt könnte die Regierung den Steuersatz auf Strom auf das europäische Minimum senken. Konkret wären das zwei Cent pro Kilowattstunde. Eigentlich wollte die schwarz-rote Koalition die Steuer ohnehin für alle senken, angesichts knapper Kassen beschloss sie im vergangenen Sommer aber nur eine Entlastung von Industrieunternehmen.
Was kostet uns das?
DIW-Ökonom Bach beziffert die Steuerausfälle auf bis zu 6,8 Milliarden Euro im Jahr, wobei die Hälfte auf die privaten Haushalte entfällt.
Wer profitiert davon?
Alle privaten Haushalte, und zwar je nach ihrem Stromverbrauch. Ein Single mit einem jährlichen Verbrauch von 2000 Kilowattstunden würde 40 Euro sparen, ein Vierpersonenhaushalt mit 6000 Kilowattstunden 120 Euro. Profitieren würde auch die Energiewende, denn Wärmepumpe und E-Auto würden noch attraktiver.
Wo ist der Haken?
Noch vor gut einem Jahrzehnt unterschied sich der Stromverbrauch laut DIW-Berechnungen nur wenig zwischen Gut- und Geringverdienenden. Wäre es heute noch so, würde eine niedrigere Stromsteuer also zumindest alle Einkommensschichten gleich stark entlasten. DIW-Ökonom Bach geht aber davon aus, dass Gutverdienende heute tendenziell mehr Strom verbrauchen, da sie häufiger mit Wärmepumpen heizen und E-Autos fahren. Dann würde die Steuersenkung Reichere stärker entlasten als Ärmere.
7. Mehrwertsteuer senken
Die Idee
Die höheren Energiepreise machen auch Lebensmittel teurer. Für Grundnahrungsmittel wie Fisch, Fleisch, Obst oder Gemüse gilt derzeit der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Vertreter von Union und SPD liebäugeln damit, die Steuer auf null Prozent zu senken.
Was kostet uns das?
Viel Geld. 2017 nahm der Bund laut Berechnungen des Wirtschaftsinstituts DIW bei Waren mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz insgesamt 18 Milliarden Euro an Steuern ein. Auf Nahrungsmittel, Leitungswasser und Milch entfielen rund zwei Drittel davon. Die Kosten hingen von der genauen Ausgestaltung der Steuersenkungen ab.
Wer profitiert davon?
Den DIW-Forschern zufolge würden untere Einkommen von einer Mehrwertsteuersenkung auf Lebensmittel wohl am stärksten profitieren, denn sie tragen den Großteil der Mehrwertsteuerbelastung in Deutschland. Aber: Wer gut verdient und sich ein teures Steak gönnt, würde ebenfalls von einer Steuersenkung profitieren – obwohl er gar nicht darauf angewiesen ist.
Wo ist der Haken?
Die Senkung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel wäre für den Steuerzahler ziemlich teuer – und sie käme auch Besserverdienern zugute, die sich teure Lebensmittel leisten können. Dazu kommt die Gefahr, dass Supermärkte die niedrigeren Steuern nicht 1:1 an Endkunden weitergeben.
8. ÖPNV-Rabatt
Die Idee
Weniger Auto, mehr Bus und Bahn – der Chef der Eisenbahngewerkschaft EVG, Martin Burkert, brachte am Wochenende Bahnrabatte als Entlastung für die hohen Spritpreise ins Gespräch. Das Deutschlandticket und Fernfahrten mit der Bahn könnten günstiger werden.
Was kostet uns das?
Das kommt auf die genaue Ausgestaltung des Rabatts an. Ein Beispiel: In Deutschland nutzen 14 Millionen Menschen das Deutschlandticket, das inzwischen 63 Euro pro Monat kostet. Bei seiner Einführung kostete das Ticket nur 49 Euro. Würden Bund und Länder den Preis wieder auf den ursprünglichen Betrag senken, würde das mit 224 Millionen Euro zu Buche schlagen. Aufs Jahr gerechnet entstünden so Mehrkosten von rund 2,7 Milliarden Euro.
Wer profitiert davon?
Vor allem Pendler, für die ein Umstieg auf Bus und Bahn überhaupt infrage kommt. »So bekommt man manche Pendler oder Städter zum ÖPNV«, glaubt Ökonom Bach. Wer dagegen auf dem Land wohnt, kommt ohne eigenes Auto oft nicht weit – und hätte deshalb auch nichts von einem Rabatt.
Wo ist der Haken?
Von der Entlastung würden auch Besserverdiener profitieren, die gar keine staatliche Hilfe brauchen, und auch diejenigen, die sich ganz unabhängig von den aktuellen Spritpreisen bereits regelmäßig in Bahn und Bus setzen – es drohen also Mitnahmeeffekte. Ökonom Bach schlägt vor, die Vergünstigungen nur für Neukunden zu gewähren, um den Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr schmackhaft zu machen. Die Entlastungswirkung wäre aber nur begrenzt.
9. Übergewinnsteuer
Die Idee
Wenn die Energiepreise steigen, steigen auch die Gewinne von Energieunternehmen. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und andere europäische Finanzminister wollen solche »Windfall«-Gewinne mit einer Übergewinnsteuer abschöpfen.
Was kostet uns das?
Die Übergewinnsteuer hat für den Staat einen klaren Vorteil: Sie kostet nichts, sondern bringt Geld ein, mit dem sich andere Hilfen finanzieren lassen. Dafür gibt es einen Präzedenzfall. In der Energiekrise 2022 erhob der Staat bei Preisen, die 20 Prozent höher waren als der Durchschnittspreis der vorangegangenen zwei Jahre, eine Steuer von 33 Prozent. Die zeitlich begrenzte Maßnahme brachte dem Bund damals mehr als zwei Milliarden Euro ein.
Wer profitiert davon?
Die Steuerzahler.
Wo ist der Haken?
Die Übergewinnsteuer ist populär, sie würde das Grundproblem – die Knappheit von fossilen Rohstoffen – aber nicht lösen. Energieunternehmen könnten sie sogar als Anreiz sehen, weniger in Produktionskapazitäten zu investieren, warnt der Bundesverband der Deutschen Industrie. Dazu kommt ein rechtliches Problem: Ab wann ist ein Gewinn so hoch, dass er als Übergewinn gilt? Ökonom Bach warnt vor möglichen »Abgrenzungsproblemen und Willkür«.
10. Flexibler Preisdeckel
Die Idee
Belgien und Luxemburg machen es vor: Der Staat legt jeden Tag einen Höchstpreis für Benzin und Diesel fest. Ausgangspunkt ist der jeweils aktuelle Rohölpreis auf dem Weltmarkt. Für jeden Teil der weiteren Wertschöpfungskette – Raffinerie, Transport und Vertrieb – wird eine angemessene Marge aufgeschlagen. Auf diese Weise würden Übergewinne von vorneherein verhindert, anstatt sie mit einer Steuer im Nachhinein abzuschöpfen.
Was kostet uns das?
Wie die Übergewinnsteuer kostet ein flexibler Preisdeckel den Staat nichts.
Wer profitiert davon?
Alle, die Benzin oder Diesel tanken – sofern die Mineralölkonzerne bislang tatsächlich überzogene Margen aufschlagen.
Wo ist der Haken?
Verbilligt ein flexibler Preisdeckel wie gewünscht Sprit, könnte das den Verbrauch steigern und Rohöl noch weiter verknappen – was wiederum den Preis treibt. Zudem ist fraglich, ob eine unabhängige Kontrollinstanz schnell genug geschaffen würde und in der Lage wäre, dynamisch zulässige Höchstpreise zu ermitteln. Falls die zugestandenen Margen zu niedrig angesetzt würden, könnten Öltanker statt in deutschen Häfen einfach woanders anlegen – dann droht ein Versorgungsengpass.
11. Tempolimit
Die Idee
Wer schnell fährt, verbraucht viel Benzin oder Diesel. Tempolimits auf Landstraßen und Autobahnen würden helfen, den Spritverbrauch zu senken. So nennt die internationale Energieagentur IEA das Tempolimit als mögliche Sparmaßnahme. Die Ökonomin Veronika Grimm sieht darin ein »kluges Signal«.
Was kostet uns das?
Das Tempolimit hat viele Gegner, doch volkswirtschaftlich wäre es ein gutes Geschäft. Laut Umweltbundesamt ließen sich mit Tempo 120 auf Autobahnen und Tempo 80 auf Landstraßen rund 3,2 Milliarden Liter Benzin und Diesel im Jahr sparen – was allerdings voraussetzt, dass sich die Autofahrerinnen und Autofahrer auch an die neuen Regeln halten. Dazu kommen weitere Vorteile: weniger Lärm, weniger Emissionen, weniger Verkehrsunfälle. Ein schwedisch-deutsches Forscherteam bezifferte die Wohlfahrtsgewinne durch Tempo 130 auf Autobahnen auf rund 950 Millionen Euro pro Jahr.
Wer profitiert davon?
Jeder Autofahrer: Weniger Nachfrage nach Benzin oder Diesel würde niedrigere Preise bedeuten. Zwar warnt die Autolobby vor Zeitverlusten durch die Geschwindigkeitsbegrenzung – wer längere Zeit auf der Autobahn verbringt, kann weniger arbeiten. Die schwedisch-deutsche Forschergruppe kommt in ihrer Kosten-Nutzen-Rechnung aber zum Ergebnis, dass diese individuellen Mehrkosten nahezu vollständig aufgewogen werden, weil die Ausgaben für Treibstoff und Versicherung sinken.
Wo ist der Haken?
Deutschland ist das einzige Land in Europa ohne Tempolimit. Es wäre schnell umsetzbar, wird von vielen Experten empfohlen, und auch die Mehrheit der Deutschen spricht sich dafür aus. Doch das Thema ist hochemotional besetzt, und die politischen Widerstände, vor allem in der Union, sind groß.
Spiegel hier Ein Kommentar von Roland Nelles 10.04.2026
Es reicht!
Die Regierung gibt im Zank über Entlastungen bei den Benzinpreisen ein jämmerliches Bild ab. Wenn nicht bald Ruhe einkehrt, sollte Friedrich Merz Minister auswechseln.
Bekommen Sie noch mit, wer was in dieser schwarz-roten Koalition gerade wieder gefordert hat? Nein? Keine Sorge, Sie sind nicht allein. Das aktuelle Chaos kann wirklich kaum noch jemand überblicken.
Seit die Benzinpreise an den Zapfsäulen infolge des Irankriegs rasant steigen, reagiert die schwarz-rote Koalition in Berlin wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen. Aus Angst vor dem Zorn der Wähler werden Tausende Ideen in die Luft geworfen, mit denen die Deutschen entlastet werden könnten: Übergewinnsteuer, Erhöhung der Pendlerpauschale, Preisdeckel und, und, und. Nur auf eine Sache warten die Bürgerinnen und Bürger vergebens: eine Entscheidung.
Stattdessen ist ein peinlicher Überbietungswettbewerb zu besichtigen.
Auf der einen Seite: Finanzminister Lars Klingbeil, dessen arme SPD fast am Ende ist und der um seine politische Karriere fürchten muss. Klingbeil ist nach den Wahlpleiten des Frühjahrs aufgewacht und wirbelt plötzlich wie verrückt. Er veranstaltet Krisengipfel zu den Energiepreisen, und er fordert höhere Steuern für die Mineralölkonzerne.
Auf der anderen Seite: CDU-Frau Katherina Reiche. Die Jeanne d’Arc des Wirtschaftsliberalismus sagt zu allen Ideen Nein, die aus ihrer Sicht nicht der reinen marktwirtschaftlichen Lehre entsprechen. Vor allem die Übergewinnsteuer-Idee der Genossen lehnt sie scharf ab.
Das alles wirft Fragen auf. Vor allem diese: Sind die Koalitionäre noch bei Sinnen?
Wie kann man in diesen Zeiten so agieren? Das Land steht vor gravierenden Problemen, die Wirtschaft lahmt, die Irankrise und das erratische Agieren von Donald Trump versetzen die globale Ordnung in Aufruhr. Die Lage ist ernst. Das Letzte, was Deutschland jetzt braucht, ist eine Regierung, die vor aller Augen den Kopf verliert.
Es ist Kanzler Friedrich Merz positiv anzurechnen, dass er jetzt versucht, Ruhe in seine Regierung zu bringen. Er verteilt Rüffel, insbesondere in Richtung seiner Parteifreundin Reiche, er mahnt zur Sacharbeit. Gut so. Ob das reicht, muss sich noch zeigen. Wenn nicht, steht auch die Autorität des Kanzlers auf dem Spiel. Damit das nicht passiert, muss er Leute, die immer noch nicht im Team spielen wollen, aussortieren.
Der gesamte Vorgang ist kein gutes Omen: Merz und seine Koalition haben sich für den Sommer viel vorgenommen. Sie wollen bei Steuer, Gesundheit und in anderen Bereichen große Reformen anstoßen. Wenn sie so weitermachen wie jetzt, wird daraus nichts. Es ist an der Zeit, dass sich diese Koalition zusammenreißt und die Profilierungsspielchen aufhören. Entweder Union und SPD gewinnen gemeinsam, oder sie werden gemeinsam verlieren.
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