Montag, 20. April 2026

Innovative Idee: Die Kläranlage, stadtgrößter Energieverbraucher, soll zu 85% autark betrieben werden

NDR  hier  17.04.2026  von Sabine Hausherr

Dank alter E-Auto-Batterien: Kläranlage soll energieautark werden

Auf dem Gelände der Kläranlage Wolfenbüttel steht seit Kurzem ein Container mit gebrauchten E-Auto-Batterien. Dieser könnte die Anlage langfristig energieautark machen und zum Vorbild für andere Kommunen werden.

Der graue 40-Fuß-Übersee-Container auf dem Gelände der Kläranlage sieht eher unscheinbar aus. Doch was darin steckt, könnte die Energieversorgung der Stadt verändern.
Ausgediente Batterien aus Elektroautos werden hier zu einem großen Stromspeicher für Solarstrom gebündelt. Gemeinsam mit einer Photovoltaikanlage sollen sie künftig den Betrieb der Kläranlage sichern. "Die Kläranlage ist mit etwa 2,5 Millionen Kilowattstunden pro Jahr der größte Energieverbraucher der Stadt", sagt Daniela Langner von den Stadtwerken Wolfenbüttel.
"Durch den neuen Batteriespeicher kann sie zu 85 Prozent autark betrieben werden."

Autobatterien aller Hersteller können genutzt werden

In dem 40-Fuß-Übersee-Container werden die ausrangierten E-Autobatterien modulartig eingebaut.
Das Besondere: In dem flexiblen System im Container können unterschiedliche Batterietypen kombiniert werden. "Genau darin liegt die Innovation", erklärt Daniela Langner. "Die spezielle Architektur erlaubt es, Akkus aller Hersteller einzubinden.“ So entstehe ein leistungsfähiger Speicher, der Strom aus erneuerbaren Quellen aufnehmen und bei Bedarf wieder abgeben kann. "So können wir den gesamten Solarstrom, der ja nur tagsüber erzeugt wird, auch tatsächlich vor Ort verwenden", sagt Langner. Denn die Kläranlage brauche ja rund um die Uhr Strom. Wenn es gelingt, sie unabhängig zu betreiben, könnten Städte ihre Emissionen deutlich senken.

Wolfenbüttel als Pilotkommune ausgewählt

Wolfenbüttel ist neben Ludwigsburg eine von nur zwei Kommunen bundesweit, die für das Batteriespeicher-Projekt "Fluxlicon" ausgewählt wurden. Ziel ist es, Second-Life-Batterien sinnvoll weiterzuverwenden. Denn Batterien aus Elektrofahrzeugen haben oft noch rund 80 Prozent ihrer Kapazität, wenn sie für Autos nicht mehr geeignet sind, heißt es auf der Website von "Fluxlicon". Statt direkt recycelt zu werden, erhalten sie so ein zweites Leben als stationäre Energiespeicher. "Durch die Wiederverwendung von Batterien reduzieren wir außerdem den Elektroschrott und schonen wertvolle Ressourcen", betont Wolfenbüttels Stadtsprecher Thorsten Raedlein.

Solarstrom versorgt den Batteriespeicher

Geladen werden die E-Auto-Batterien im Container mit Solarstrom. Dafür wurde eine Freiflächenphotovoltaikanlage auf dem Gelände der Kläranlage gebaut - mit mehr als 1.500 PV-Modulen. Für Kommunen spielt die Energiewende eine zentrale Rolle. "Bis 2040 sollen die Kommunen in Niedersachsen klimaneutral sein", sagt Raedlein. Vor wenigen Jahren lag der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung in Wolfenbüttel noch bei unter zehn Prozent. "Ein Windpark und jetzt auch noch das Kläranlagen-Projekt sorgen dafür, dass die Stadt mehr als 80 Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen kann", sagt Raedlein.

Lösungen für nachhaltige Nutzung von Batterien dringend gesucht

Das Projekt "Fluxlicon" ist Teil eines größeren Forschungsansatzes, an dem unter anderem Hochschulen und Energieagenturen beteiligt sind. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gefördert. Seit 2021 werden Lösungen für eine nachhaltige Nutzung von Batterien entwickelt. Ziel ist eine funktionierende Kreislaufwirtschaft in der Mobilität. Wolfenbüttel könnte dabei zum Vorbild werden. Gelingt das Modell, könnten viele weitere Kommunen folgen - und alte Autobatterien könnten zu einem wichtigen Baustein der Energiewende werden.

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