Sonntag, 26. April 2026

Agroforstwirtschaft als wichtige Maßnahme!

Wilhelm Klümper / LinkedIn

Was bedeutet das Klimaschutzprogramm für Landwirtschaft und Landnutzung? Diese Frage durften Christine Chemnitz, Harald Grethe und ich in der Agrarzeitung diskutieren. 

Für uns ist das Programm nicht das Ende, sondern erst der Beginn vieler weiterer Diskussionen zur konkreten Ausgestaltung von Klimaschutzmaßnahmen in der Landwirtschaft in den kommenden Jahren. Lasst uns diese Debatten gemeinsam konstruktiv führen. Als Agora Agrar sind wir gerne dabei. 


Agrarzeitung  hier Christine Chemnitz, Harald Grethe und Wilhelm Klümper   17. April 2026

Thema der Woche: Agora Agrar analysiert Klimaschutzprogramm

Landwirtschaft kann Klimaschutz

Noch zu wenig konkret und umsetzungsorientiert: Bundesumweltminister Carsten Schneider präsentiert das Klimaschutzprogramm 2026 Ende März in Berlin.

Der Berliner Thinktank Agora Agrar kommentiert für die az das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung.


Das Klimaschutzprogramm (KSP) ist ein sektorübergreifendes Arbeitsprogramm der Bundesregierung und muss glaubwürdig darlegen, wie die Vorgaben des Klimaschutzgesetzes (KSG) bis 2040 erfüllt werden sollen.

Für die landwirtschaftlichen Emissionen sind zwei Sektoren zentral: der Berichtssektor Landwirtschaft, der nach dem KSG die Emissionen aus Tierhaltung, Düngung und Energieeinsatz umfasst, und der Sektor LULUCF (Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft), der Emissionen aus Moorböden sowie Senkenleistungen, also die Bindung von CO₂ in Wäldern, Böden, Biomasse und Holzprodukten, abbildet.

Proteine im Fokus

Die heutigen Emissionen im Berichtssektor Landwirtschaft mit insgesamt 61 Mio. t CO2-Äquivalent (CO2e) stammen zu etwa 57 Prozent aus der Tierhaltung, zu rund 24 Prozent aus Böden und zu 12 Prozent aus dem Energieeinsatz. Mit dem KSP möchte die Bundesregierung hier im Jahr 2040 Emissionen von etwa 44 Mio. t CO2e erreichen. Das entspricht einer Minderung von rund 17 Mio. t gegenüber heute. Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung, bleibt aber hinter dem technisch und politisch Möglichen zurück.

In der Tierhaltung lassen sich THG-Emissionen grundsätzlich auf zwei Wegen vermeiden: durch eine Verbesserung der Klimaeffizienz der Tierhaltung und durch einen Rückgang der Tierbestände. Im KSP liegt ein deutlich stärkerer Fokus auf der Emissionsreduktion durch Bestandsabbau.

Den mit Abstand größten Einzelbeitrag zur Reduzierung der THG-Emissionen soll die Maßnahme „Stärkung der Rahmenbedingungen für den heimischen Anbau von Eiweißpflanzen und Förderung alternativer Proteinquellen“ leisten – mit einer angestrebten Einsparung von rund 8 Mio. t CO2e. Das entspricht etwa 20 Prozent der heutigen Emissionen aus der Tierhaltung und ist ein Schritt in die richtige Richtung. Eine Minderung in dieser Größenordnung ist nur dann erreichbar, wenn tierische Produkte in relevantem Umfang durch pflanzliche Alternativen ersetzt werden und die Tierbestände tatsächlich sinken.

Hier bleibt das KSP vage: Weder sind die zugrunde liegenden Annahmen der Emissionsreduktion nachvollziehbar, noch werden die ernährungspolitischen Instrumente genannt, die diese Entwicklung gestalten. Da bereits ab 2031 THG-Einsparungen erreicht werden sollen, müssen die politischen Weichenstellungen in dieser Legislatur erfolgen. Das ist möglich, denn wissenschaftlich fundierte ernährungspolitische Handlungsoptionen liegen vor.

 Für tierhaltende Betriebe und Unternehmen entlang der zugehörigen Wertschöpfungsketten ist ein Bestandsabbau in dieser Größenordnung eine Herausforderung. Umso wichtiger ist es, die angestrebten Veränderungen klar zu benennen und Perspektiven aufzuzeigen, wie Auswirkungen abgefedert werden können – etwa durch die Förderung neuer Einkommensquellen, zum Beispiel über Tierwohlprogramme, die Entlohnung weiterer Gemeinwohlleistungen oder in der Bioökonomie.

Wenig Betrachtung findet im KSP hingegen die Verbesserung der Klimaeffizienz innerhalb der Tierhaltung. Methanhemmende Futter- und Güllezusätze, die bereits verfügbar sind und kurzfristig Einsparungen von mehreren Mio. t CO2e ermöglichen könnten, bleiben weitgehend ungenutzt. Länder wie Dänemark zeigen, dass deren Einsatz schon heute möglich ist. Die geplante Ausweitung der Wirtschaftsdüngervergärung ist ein sinnvoller Hebel zur Minderung der Emissionen aus der Düngerwirtschaft. Um dieses Potenzial auszuschöpfen, braucht es jedoch Maßnahmen für eine systemdienliche und flexiblere Nutzung von Biogas.

Lachgasemissionen aus landwirtschaftlichen Böden – die zweitgrößte Quelle des Berichtssektors Landwirtschaft – werden im KSP nicht mit konkreten Maßnahmen adressiert. Dabei gehört eine effizientere Düngung, die Stickstoffbilanzüberschüsse reduziert, zu den wirksamsten Klimaschutzmaßnahmen im Ackerbau. Die anstehende Novelle des Düngegesetzes bietet hier eine konkrete Chance: Sie könnte Anreize für eine verbesserte gesamtbetriebliche Nährstoffeffizienz setzen – etwa durch eine Honorierung effizient düngender Betriebe und durch eine Bepreisung umweltkritischer Nährstoffbilanzüberschüsse.

Im Bereich erneuerbarer Antriebe für Landmaschinen setzt das KSP in Teilen auf Elektrifizierung, könnte hier aber durchaus ambitionierter sein. Unerwähnt bleibt die sogenannte stationäre Feuerung, etwa für Gewächshäuser und Ställe, obwohl sie vergleichsweise einfach zu elektrifizieren wäre. Angesichts der Tatsache, dass viele landwirtschaftliche Betriebe über eigene PV-Anlagen verfügen, liegt hier ein ungenutztes Potenzial.

Stellschrauben für LULUCF

Im Berichtssektor LULUCF ist der Handlungsdruck noch deutlich größer: Das Klimaschutzgesetz fordert bis 2040 eine Netto-Senkenleistung von minus 35 Mio. t CO2e. Der aktuelle UBA-Projektionsbericht geht hingegen für 2040 noch von Emissionen in Höhe von 29 Mio. t CO2e aus. Die daraus resultierende Lücke von rund 64 Mio. t CO2e soll durch die im KSP diskutierten Maßnahmen geschlossen werden. Für den Weg zur Klimaneutralität ist das von zentraler Bedeutung: Ohne ausreichende Netto-Senkenleistungen können verbleibende Emissionen anderer Sektoren nicht ausgeglichen werden.

Einen wesentlichen Beitrag soll die Wiedervernässung landwirtschaftlich genutzter Moore leisten. Ein Großteil aller landwirtschaftlichen Moorflächen müsste dafür wiedervernässt und potenziell in eine nasse Nutzung überführt werden. Im Unterschied zum Berichtssektor Landwirtschaft wurde hier bereits ein finanzieller Rahmen geschaffen: Vor allem das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz (ANK) finanziert den Start der Umsetzung. Für die Wiedervernässung ist eine verlässliche Förderung entscheidend, um betroffenen Betrieben über viele Jahre eine sichere Wiedervernässungsprämie zu bieten, bis Einkommensalternativen tragfähig sind. Gleichzeitig setzt das KSP auf neue Wertschöpfungsketten, etwa durch die Nutzung von Paludikulturen.

Neben Mooren sieht das KSP auch den erheblichen Ausbau von Agroforstsystemen und Gehölzen auf landwirtschaftlichen Flächen zur CO2-Bindung vor (9 Mio. t CO2e 2040). Grundsätzlich ist diese Maßnahme sinnvoll: Bei entsprechender Ausgestaltung stärkt sie zugleich Biodiversität, Klimaanpassung, Erosions- und Gewässerschutz. Um die angestrebte Größenordnung jedoch nur annähernd zu erreichen – erforderlich wären beispielsweise mehr als 1 Mio. ha schnellwachsender Bäume –, müsste die Politik gezielt Anreize für eine stabile Nachfrage für diese Biomasse setzen, etwa nach biobasierten chemischen Produkten und Baumaterialien. Diese Förderung der Nachfrage fehlt im KSP.

„Produktionsintegrierter Klimaschutz könnte Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit verbinden.“

 Thinktank Agora Agrar


Viele Stellschrauben ungenutzt

Das Klimaschutzprogramm setzt ein richtiges Signal: Landwirtschaft und Landnutzung können einen großen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Das Ziel einer pflanzenbasierteren Ernährung und damit implizit eines Bestandsabbaus in der Tierhaltung ist richtig. Allerdings lässt das KSP weitere Stellschrauben weitgehend ungenutzt – insbesondere im produktionsintegrierten Klimaschutz bei Tierhaltung und Düngung.

Die Grundausrichtung des KSP findet sich in der Ausgestaltung der aktuellen Agrarpolitik, die den Schwerpunkt auf Wettbewerbsfähigkeit und Entlastung legt, nicht wieder. Für die Betriebe gibt es somit unterschiedliche politische Signale und wenig Planungssicherheit.

Ein stärkerer Fokus auf den produktionsintegrierten Klimaschutz hätte das Potenzial, Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit besser zu verbinden. Auch die gezielte Förderung der Bioökonomie würde Einkommensmöglichkeiten eröffnen, die Klimaschutz mit landwirtschaftlicher Wertschöpfung verbinden. Beides könnte noch in dieser Legislatur ausgebaut werden.

 

Ein Gastbeitrag von Christine Chemnitz, Harald Grethe und Wilhelm Klümper, Agora Agrar.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen