Montag, 20. April 2026

Renaissance der Atomkraft in einer Grafik

Dr. Wolfgang Gründinger / LinkedIn  

Zahl der Atomkraftwerke im Bau in der EU: 0   /Stand: Juli 2025

Quelle: https://lnkd.in/dUVhUz7z

Construction abandoned or suspended: Bau abgebrochen oder ausgesetzt
Construction completed: Bau abgeschlossen

under Construction : im Aufbau (Mochovice-4 wird hier noch als "under constructrion" angegeben, ist aber inzwischen finalisiert, auch wenn noch nicht am Netz, nach immerhin 41 Jahren Bauzeit)

ARD hier  20.04.2026   Von Marcel Kolvenbach und Nick Schader, SWR

Experten kritisieren EU-Atomstrategie

Experten des Bundesumweltministeriums kritisieren die Pläne der EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen zum Einsatz kleiner, modularer Kernreaktoren. Das geht aus einem internen Papier des Ministeriums hervor, das dem SWR vorliegt.

Nach den Plänen von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sollen in Zukunft Mini-AKW den europäischen Energiemix ergänzen, um Klimaziele zu erreichen und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. 

Die "Strategie für die Entwicklung und den Einsatz von kleinen, modularen Reaktoren (Small Modular Reactors, SMR) in Europa" hatte von der Leyen im Rahmen des zweiten Nuclear Energy Summits am 10. März 2026 in Paris vorgestellt.

Fachleute widersprechen

Dem SWR liegt exklusiv ein internes Papier aus dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) vom 13. März vor, das zu den SMR-Plänen Stellung nimmt. Das Papier soll die Position der zuständigen Fachabteilung im Ministerium wiedergeben und in die weitere Abstimmung der Bundesregierung zu der Strategie und den Beratungen auf EU-Ebene einfließen.

"Die Fachleute sprechen Tacheles", bewerten Insider des SPD-geführten Ministeriums den Inhalt des Papiers. Es widerspricht in zentralen Punkten den Positionen der EU-Kommission zu den angeblichen Vorteilen der kleinen, modularen Reaktoren.

"Zu teuer, zu unsicher, zu spät"

Kernaussagen des Papiers: Auch für SMR müssten sehr hohe Anforderungen an die nukleare Sicherheit gelten. An den grundlegenden Risiken ändere die kleinere Bauweise nichts. 

Daher hätten "Mini-AKW" gegenüber herkömmlichen AKW auch keinen Kostenvorteil - im Gegenteil. 

Um die Leistung eines großen Reaktors zu erreichen, müssten etwa vier kleine Kernkraftwerke gebaut werden, von denen jedes einzelne die hohen Sicherheitsstandards erfüllen müsse.

Ohne massive staatliche Förderung gäbe es daher für die SMR bisher keinen Markt, denn ein Kostenvorteil durch die "modulare Bauweise", also industrielle Vorfertigung, würde erst bei einer Massenproduktion greifen. Diese sei derzeit nicht in Sicht. Und durch die nötigen staatlichen Subventionen würden Mittel abgeschöpft, die an anderer Stelle für den Klimaschutz benötigt würden. Außerdem käme die noch nicht ausgereifte SMR-Technologie zu spät für die jetzige Energiewende.

SMR: Spaltstoff für die Koalition?

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hat sich immer wieder klar gegen den Wiedereinstieg in die Atomkraft positioniert. 

Bundeskanzler Friedrich Merz dagegen hatte wie von der Leyen den deutschen Atomausstieg als "strategischen Fehler" bezeichnet. 

CSU-Chef Markus Söder möchte in Bayern auf SMR setzen - und müsste dazu mit Unterstützung des Koalitionspartners SPD zunächst das Bundesgesetz ändern. 

Und Unionsfraktionschef Jens Spahn will eine Diskussion zur Wiederinbetriebnahme deutscher Atomkraftwerke.

Das CDU-geführte Bundesministerium für Wirtschaft und Energie räumt zwar ein, dass laut Koalitionsvertrag ein Wiedereinstieg in die Atomenergie nicht anstehe, bezieht auf Anfrage des SWR aber klar Stellung im Richtungsstreit Atomkraft: "Deutschland darf Technologien wie SMR nicht vorzeitig vernachlässigen, auch, um am Ende unsere Resilienz zu stärken", heißt es dazu in einer schriftlichen Antwort des Ministeriums. "Deshalb schauen wir nicht nur auf erneuerbare Energien, Speicherkapazitäten und die Digitalisierung der Netze, sondern auch auf SMR."

"Im Augenblick kein Kostenvorteil"

Der interne Kurzvermerk aus dem Bundesumweltministerium widerspricht aber gerade den Argumenten für die besondere Wirtschaftlichkeit - der "erschwinglichen Energie" der Mini-AKW. 

Das Papier verweist darauf, dass die Baukosten von SMR zwar vordergründig geringer erscheinen als bei großen AKW. "Skaliert man auf die Leistung, sieht man aber, dass SMR im Augenblick keinen Kostenvorteil gegenüber großen AKW bieten".

Bisher gibt es weltweit kein kommerziell betriebenes SMR-Kernkraftwerk, und das habe einen Grund, so die Experten: Wahrscheinlich seien am Ende "die Kosten pro Megawatt Leistung sogar höher" als bei konventionellen AKW.

Das bisher weltweit einzige SMR-Projekt wird als Referenz herangezogen: "Für das SMR-Projekt (geplant vier SMR) in Darlington in der kanadischen Provinz Ontario (CAN) werden bisher Gesamtkosten von 13,3 Mrd. Euro angegeben", heißt es in dem Papier. Aufgrund der geringeren elektrischen Leistung lägen die spezifischen Kosten pro Megawattstunde bei SMR derzeit über denen großer Atomkraftwerke. 

Fazit: "Die häufig angeführten Kostenvorteile durch Modularität sind bislang nicht empirisch belegt."

Zweifel am preiswerten Atomstrom

Zu ähnlichen Ergebnissen waren auch schon andere Wissenschaftler gekommen. So hatten Experten von der Technischen Universität Berlin und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung berechnet, dass eine Kilowattstunde Strom aus den Mini-AKW je nach Konzept 18 bis 50 Cent kosten würde. 

Zum Vergleich: Eine Kilowattstunde Windstrom kostete zuletzt vier bis neun Cent. Und auch bei den radioaktiven Abfällen bieten SMR offenbar keine Vorteile. Eine Auswertung des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) kam vor Kurzem zu dem Ergebnis, dass SMR bezogen auf die Leistung sogar mehr hochradioaktiven Abfall erzeugen könnten als herkömmliche Kernreaktoren.

Insgesamt kommt das Bundesumweltministerium auf Anfrage des SWR zu dem Ergebnis, dass es "weder zum Durchbruch der SMR-Technologie kommen wird noch eine öffentliche Förderung derartiger Konzepte sinnvoll ist."



TAZ hier  20.4.2026   Reimar Paul

Atomkraft weltwelt: Eine strahlende Vergangenheit

Unionspolitiker und AfD geißeln angeblichen deutschen Sonderweg beim Atomausstieg. Die Zahlen zeigen aber: Einen nuklearen Aufschwung gibt es nicht.

Als „strategischen Fehler“ bezeichnete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) jüngst den deutschen Atomausstieg. Dieselben Worte nutzten auch Kanzler Friedrich Merz (CDU), gleichwohl hält er den Ausstieg für „irreversibel“. Weniger zurückhaltend zeigt sich Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident und CSU-Chef. Er will die zuletzt vom Netz genommenen Meiler wieder anwerfen lassen und unter seiner Regie weiter betreiben. Andere Unionspolitiker sowie die AfD schwadronieren gar von einem AKW-Neubau.

Sie alle verweisen auf eine angeblich weltweite Renaissance der Atomenergie.
Und auf die 31 Staaten, die bei den letzten Weltklimakonferenzen in Dubai, Baku und Belém einem Bündnis beigetreten sind, das die weltweiten Atomkraftkapazitäten verdreifachen will.

Doch wie ist es wirklich bestellt um den vermeintlichen Aufschwung der Atomenergie? Antworten gibt der im vergangenen Herbst vorgestellte „World Nuclear Industry Status Report 2024“ (WNISR 2024). Dieser Bericht wird von einem internationalen Expertenteam um den Energie- und Atompolitikberater Mycle Schneider erarbeitet und liefert seit 2007 jährlich ein Update zum aktuellen Status der weltweiten Nuklearindustrie.

Daraus ergibt sich: Die Atomkraft stagniert, während Solarenergie, Windkraft und Speichertechnologien weltweit Rekordzuwächse verzeichnen. Eine weltweite nukleare Renaissance vollzieht sich jedenfalls nicht. Zwar erreichte die weltweite Atomstromproduktion 2024 mit rund 2.677 Terawattstunden den bisher höchsten Stand, doch gleichzeitig sank der Anteil der Atomkraft am globalen Strommix auf 9 Prozent. Das ist kaum mehr als die Hälfte des höchsten Werts (17,5 Prozent) von 1996.

Deutliche Abkehr

Weltweit waren Ende 2024 408 Atomreaktoren in Betrieb, genauso viele wie ein Jahr zuvor und 30 weniger als auf dem Höchststand 2002. Die atomkraftfreundliche Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA) nennt hier geringfügig höhere Zahlen, der Lobbyverband World Nuclear Association (WNA) schreibt sogar von 440 „operablen“, also betriebsbereiten Reaktoren. Die Differenzen erklären sich durch unterschiedliche Definitionen von Langzeit-Stillständen, wie es sie etwa in Japan gibt.

In der EU zeigte sich mit vier Inbetriebnahmen und 35 Schließungen die Abkehr von der Atomkraft deutlich. 101 Reaktoren waren hier 2024 noch am Netz. Ihre Nettobetriebskapazität belief sich mit 98.000 Megawatt auf rund ein Viertel weniger als 2002. Insgesamt nutzen 31 Länder auf der Erde Atomkraft zur Stromproduktion, in Europa (ohne Russland) sind es 14 – darunter 12 EU-Staaten. Mit 94 Reaktoren verfügen die USA über die weltweit größte AKW-Flotte.


Wenn China sein aktuelles Tempo beim
Bau von Solaranlagen bis 2030 fortsetzt,
wird das Land schon am Ende des Jahrzehnts
mit eigenem, preiswertem Solarstrom ganz allein die gesamte globale Atomkraftwerksflotte überholen

IWR-Chef Norbert Allnoch

Rund 60 Atomkraftwerke waren 2024 im Bau, rund ein Drittel davon in China. Sieben Baustellen gab es in Indien, vier in Russland, in Europa waren es insgesamt zehn. Nach Daten des WNISR 2024 und der IAEA verteilen sie sich auf Großbritannien (2), die Ukraine (2), die Türkei (4) sowie Ungarn und die Slowakei (je 1).

Sechs (WNISR 2024) beziehungsweise sieben (WNA) AKW gingen neu ans Netz. Darunter waren zwei oder drei Reaktoren in China sowie je einer in Indien, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch der neue Europäische Druckwasserreaktor Flamanvoille-3 in Frankreich wurde – nach 17 Jahren Bauzeit mit Kosten von rund 13 Milliarden Euro – am 21. Dezember 2024 erstmals mit dem Stromnetz verbunden.

China überstrahlt alles

„In den letzten zwei Jahren ist die Anzahl der Länder, in denen neue Atomkraftwerke gebaut werden, um knapp ein Drittel von 16 auf 11 gesunken“, sagte Mycle Schneider bei der Präsentation von WNISR 2024. 

Die Gründe für das schwache Wachstum bei Atomkraftwerken sehen sowohl Schneider als auch das Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) in den extrem hohen Investitionskosten, den sehr langen Bauzeiten von 10 bis 15 Jahren und den ebenso hohen Finanzierungsrisiken.

Letztere könnten praktisch nur von Staatsunternehmen getragen werden. Zudem sei der Markt auf sehr wenige, meist staatliche Unternehmen angewiesen, die überhaupt in der Lage seien, Atomkraftwerke zu bauen und zu exportieren.

Im Vergleich zur Atomkraft sind die erneuerbaren Energien auf der Überholspur. So installierte allein China im Jahr 2024 Solaranlagen mit einer Rekordleistung von 277 Gigawatt. „Wenn China sein aktuelles Tempo beim Bau von Solaranlagen bis 2030 fortsetzt, wird das Land schon am Ende des Jahrzehnts mit eigenem, preiswertem Solarstrom ganz allein die heutige Stromerzeugung der gesamten globalen Atomkraftwerksflotte überholen“, prognostiziert IWR-Chef Norbert Allnoch. Der Bau neuer Atomkraftwerke werde mit dem hohen Tempo beim Zubau erneuerbarer Energien nicht ansatzweise mithalten können.

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