In England möglich - bei uns völlig undenkbar? An was das wohl liegt? Am Narrativ der "Verbotspartei" oder eher am Parteisponsoring? hier
Johannes Wagner, MdB / Bündnis 90/ Die Grünen / LinkedIn
England zeigt Zähne gegen die Tabaklobby!
Der mdr schreibt:
Im Jahr 2027 startet im Vereinigten Königreich höchstwahrscheinlich ein einzigartiges Experiment: Der Verkauf von Tabak an alle ab 2009 Geborenen wird verboten. Während das Gesetz derzeit im Parlament die letzten Hürden nimmt, haben Forscher berechnet, dass die Raucherquote junger Menschen schon in den 2040er Jahren auf unter fünf Prozent fallen könnte. Bis 2075 soll das Verbot insgesamt rund 88.000 zusätzliche gesunde Lebensjahre bringen.
MDR hier
Der Verkauf von Tabakwaren soll allen Personen verboten werden, die im Jahr 2009 oder später geboren wurden.
Dieses sogenannte Gesetz der "rauchfreien Generation" führt dazu, dass das legale Verkaufsalter jedes Jahr um ein weiteres Jahr ansteigt. Für die Generation ab 2009 soll der Kauf von Zigaretten somit lebenslang illegal bleiben. Forscher der Universität Nottingham haben nun in einer detaillierten Modellierung untersucht, wie sich diese Maßnahme, wenn sie denn wie erwartet beschlossen wird, in den kommenden Jahrzehnten auf die britische Gesellschaft auswirken wird.
Laut den Ergebnissen der Studie, die im Fachjournal Tobacco Control veröffentlicht wurden, könnte die Raucherquote bei den 12- bis 30-Jährigen im Vereinigten Königreich bereits im Jahr 2049 auf unter fünf Prozent fallen. Ohne das neue Gesetz würde sich der Anteil der Raucher in dieser Altersgruppe voraussichtlich bei etwas über elf Prozent einpendeln. Das bedeutet, dass die kritische Marke von fünf Prozent Jahrzehnte früher erreicht wird, als es ohne staatliches Eingreifen der Fall wäre.
Massiver Gewinn für die Volksgesundheit erwartet
Der langfristige Nutzen dieses Gesetzes für die Gesundheit der Bevölkerung soll enorm sein.
Die Forscher berechneten den Gewinn in Form von sogenannten qualitätskorrigierten Lebensjahren. Das ist eine Maßeinheit aus der Gesundheitsökonomie, die nicht nur die reine Lebenszeit, sondern auch die Lebensqualität in völliger Gesundheit misst. Das Modell prognostiziert, dass durch das Verkaufsverbot bis zum Jahr 2075 mindestens 88.000 zusätzliche gesunde, beschwerdefreie Lebensjahre in der Bevölkerung gewonnen werden.
Auf den ersten Blick mag diese Zahl bei Millionen Rauchern gering erscheinen. Dieser Wert wurde jedoch in der Studie gesundheitsökonomisch abgewertet. Ein durch ein Gesetz gerettetes Lebensjahr in naher Zukunft (am besten sofort) wird in solchen Rechenmodellen politischer Entscheidungsträger gern mathematisch schwerer gewichtet als ein gerettetes Lebensjahr in ferner Zukunft. Man geht davon aus, dass die Gesellschaft einen sofortigen gesundheitlichen Nutzen höher bewertet als einen zukünftigen.
Um das greifbar zu machen, ziehen die Forscher für jedes Jahr, das in der Zukunft liegt, einen bestimmten Prozentsatz vom eigentlichen Gewinn ab, in dieser Studie sind es 3,5 Prozent pro Jahr. Ein gesundes Lebensjahr, das erst 2075 gewonnen wird, schrumpft durch diesen jährlichen Abzug in der Bilanz der Ökonomen auf einen Bruchteil zusammen. Die tatsächliche, ungewichtete Zahl der gewonnenen gesunden Lebensjahre bis 2075 beläuft sich in der Hauptberechnung der Studie auf rund 376.000.
Stärkster Gesundheitseffekt ist noch gar nicht eingerechnet
Hinzu kommt, dass der eigentliche Haupteffekt erst nach 2075 eintritt: Wer im Jahr 2009 geboren wurde und von dem Verkaufsverbot gesundheitlich profitiert, ist im Jahr 2075 erst 66 Jahre alt. Weil die meisten tabakbedingten Todesfälle und schweren Erkrankungen erst im höheren Alter auftreten, entfaltet die Maßnahme ihre massivsten Effekte durch diese lange Vorlaufzeit erst in den Jahrzehnten danach.
Die erwarteten Zugewinne an gesunden Lebensjahren machen das britische Vorgehen jedenfalls zu einem potenziellen Vorbild für andere Nationen, die nach effektiven Wegen suchen, die Belastung ihrer Gesundheitssysteme durch tabakbedingte Krankheiten zu senken.
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Ein beachtliches Ergebnis offenbarte die Studie bei der Betrachtung der sozialen Ungleichheit. Rauchen ist traditionell in sozial benachteiligten Schichten deutlich stärker verbreitet. Die Untersuchung zeigt, dass gerade diese Gruppen stark von dem neuen Gesetz profitieren werden. Etwa 30 Prozent der insgesamt gewonnenen gesunden Lebensjahre entfallen auf das Fünftel der Bevölkerung, das in den ärmsten Nachbarschaften lebt. Wichtig zu erwähnen ist dabei: Die Studie und ihre positiven Prognosen konzentrieren sich ausschließlich auf den Effekt bei klassischen Tabakprodukten, auch wenn das geplante Gesetz zusätzlich neue Regeln für E-Zigaretten beinhaltet.
Trotzdem Gefahr einer wachsenden sozialen Schere
Allerdings gibt es auch einen Haken, den die Forscher deutlich benennen: Obwohl sich die absolute Rauch-Ungleichheit zwischen Arm und Reich durch den allgemeinen Rückgang verringert, könnte die relative Ungleichheit bestehen bleiben. So dauert es in den am stärksten benachteiligten Vierteln voraussichtlich bis zum Jahr 2059, bis die Raucherquote unter fünf Prozent fällt – das sind zehn Jahre länger als im Bevölkerungsdurchschnitt. Auch bei Männern wird dieser Meilenstein wohl erst deutlich später erreicht als bei Frauen.
"Diese Modellierung deutet darauf hin, dass das Gesetz zur rauchfreien Generation dazu beitragen könnte, junge Menschen davon abzuhalten, jemals mit dem Rauchen anzufangen, und den Fortschritt in Richtung einer tabakfreien Zukunft zu beschleunigen. Aber es wird darauf ankommen, wie die Politik umgesetzt wird", sagt Nathan Davies, der Hauptautor der Studie. Die Forscher empfehlen eine gezielte Unterstützung für Risikogruppen. Außerdem seien stärkere Kontrollen und eine verbesserte Aufklärung in Gruppen, in denen Rauchen noch allgegenwärtig ist, entscheidend.
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Konservative Schätzungen und politischer Endspurt
Interessanterweise sind die Berechnungen der Forscher aus Nottingham deutlich vorsichtiger als die offiziellen Prognosen der britischen Regierung. Während die Regierung in ihren Modellen annahm, dass die Zahl der neuen Raucher durch das Gesetz jedes Jahr um stolze 30 Prozent sinkt, legten die Wissenschaftler nur einen jährlichen Rückgang von fünf Prozent zugrunde. Doch selbst mit diesen zurückhaltenden Annahmen zeigt sich der beschriebene durchschlagende Erfolg der Maßnahme.
Hazel Cheeseman von der Organisation Action on Smoking and Health (ASH) sieht darin eine historische Chance: "Wir können noch nicht sicher sein, welche Auswirkungen das Gesetz zur rauchfreien Generation in vollem Umfang haben wird, aber diese Modellierung zeigt, dass es eine einmalige Gelegenheit sein könnte, die Gesundheit der Nation langfristig zu verändern."
Aktuell befindet sich dieses historische Vorhaben auf der politischen Zielgeraden. Die sogenannte "Tobacco and Vapes Bill" hat das britische Unterhaus bereits erfolgreich passiert und wird derzeit (Stand Februar 2026) im Oberhaus, dem House of Lords, final beraten. Obwohl noch über Detailänderungen debattiert wird, gilt die Verabschiedung dank der breiten überparteilichen Unterstützung als so gut wie sicher.
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