Sonntag, 19. April 2026

Diese zwei Wörter sollten Sie hellhörig machen

 

Christian Stoecker / Spiegel Kolumne:

Zwei Wörter sollen oft energiepolitische Expertise signalisieren, sind aber längst zu Kampfbegriffen geworden: „Primärenergie“ und „Systemkosten“. 

Beide werden jetzt oft zur Irreführung eingesetzt, stets im Dienst fossiler Geschäftsmodelle. 


Spiegel hier  19.04.2026
Eine Kolumne von Christian Stöcker

Es gibt zwei scheinbar harmlose Begriffe in deutschen Energiedebatten, die oft auf eine unlautere Motivation hindeuten. Sie klingen neutral, verzerren aber in Wahrheit die Debatte. Man hört sie ständig.

Woran denken Sie, wenn Sie »Primärenergie« hören? Klingt nach einem technischen Fachbegriff, geradezu wissenschaftlich, nicht wahr? Ein Begriff, der irgendwie auszudrücken scheint, wie viel Energie man in eine bestimmte Aufgabe hineinstecken muss, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

Zum Autor: Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitions­psychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE.

»Primärenergie« ist heute aber ein propagandistisch missbrauchter Kampfbegriff

Klingt übertrieben? Ist es aber nicht

»Primärenergie«, das ist die ganze Energie, die in irgendetwas hineingesteckt wird, so weit ist die intuitive Deutung des Begriffs korrekt. Nehmen wir ein Auto mit Dieselmotor: Die »Primärenergie«, die in dieses Auto hineinfließt, um es zu bewegen, steckt im Diesel. Ein Liter Diesel hat dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt zufolge ungefähr 37.400 Kilojoule Brennwert – eine Größe, mit der hierzulande kaum jemand etwas anfangen kann. Schafft Ihr Diesel 100 Kilometer mit zwei Litern?

Einfacher zu verstehen und ins Verhältnis zu setzen ist es so: Ein Liter Diesel entspricht vom Brennwert her etwa zehn Kilowattstunden. Zum Vergleich: Ein modernes, nicht allzu kleines Elektroauto kommt mit 20 Kilowattstunden Strom, abhängig von Temperatur und Fahrweise, auf der Autobahn etwa 100 Kilometer weit. Ein vergleichbar großes und schweres Auto schafft mit der gleichen Menge »Primärenergie« in Form von Diesel nicht die gleiche Strecke. Oder kennen Sie ein Diesel-SUV, das nur zwei Liter auf 100 Kilometer verbraucht? Woran liegt das? An der miserablen Energieausbeute von Verbrennungsmotoren. Alles in allem verpuffen vier Fünftel der eingesetzten »Primärenergie«, vor allem als Wärme. Deshalb kann man, wenn man das möchte, im Motorraum eines Verbrenners während der Fahrt in Alufolie Essen garen. Wenn man also einen Dieselmotor durch einen Elektromotor ersetzt, muss man nicht die Energiemenge des eingesetzten Diesels ersetzen, sondern viel weniger. Verbrennungsprozesse sind Energieverschwendung, und zwar immer. Elektromotoren sind drei- bis viermal so effizient wie Verbrenner. So viel davon könnten wir uns sparen

Wenn in Energiedebatten also darauf hingewiesen wird, dass ja nur ein vermeintlich geringer Prozentsatz unseres »Primärenergieverbrauchs« derzeit mit erneuerbaren Energien abgedeckt werde, dann ist das im Zweifel bewusste Irreführung. Wir müssen ja nur die 20 Prozent ersetzen, die das Auto bewegen, nicht die 100 Prozent, die in den Tank fließen. Trotzdem hört man von Leuten, die Elektrifizierung und Erneuerbaren skeptisch gegenüberstehen, ständig das Wort »Primärenergie«.

Es ist symptomatisch, dass die fossilen Brennstoffen sehr zugeneigte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche in einem Gastbeitrag für die »FAZ« kürzlich erklärte, »der Anteil Erneuerbarer am Gesamtenergieverbrauch lag 2025 aber gerade einmal bei knapp einem Fünftel«. Sie bezog sich auf eine Zahl für den deutschen Primärenergiebedarf, die Verbände nennen , 2900 Terawattstunden für 2025. Reiche selbst vermied den Begriff »Primärenergie«. Sie sprach von »Gesamtenergiebedarf«, meinte aber das Gleiche. Was die Ministerin vergaß oder verschwieg, je nach Lesart: Der von ihr benannte »Gesamtenergiebedarf« des Landes für »Strom, Wärme, Mobilität und Industrieprozesse« ist ein irreführendes Maß für die Zukunftsplanung. Denn in dem Moment, in dem man mit Wärmepumpen statt Gasheizungen heizt, Verbrenner durch E-Autos ersetzt, braucht man auf einen Schlag viel weniger »Primärenergie«, eben weil elektrifizierte Prozesse ungleich effizienter sind. Die zweite Nebelkerze: »Systemkosten«

Was wir täglich verschwenden, müssen wir nicht ersetzen. Wer von »Primärenergie« spricht, will suggerieren, dass wir in alle Ewigkeit mit Verbrennern fahren und mit Gas heizen werden. Das wäre ökonomisch dumm und klimatisch suizidal. Der zweite energiepolitische Nebelkerzenbegriff, den Reiche in ihrem Gastbeitrag aufgreift, heißt »Systemkosten«. »Eine Energiewende, die Systemkosten ignoriert, wird das Land ruinieren, das sie zu retten vorgibt«, behauptete Reiche. »Systemkosten«, schallt es einem immer dann entgegen, wenn man darauf hinweist, dass erneuerbarer Strom längst der billigste Strom ist , weltweit. Deshalb boomt er auch gewaltig. Was ist mit »Systemkosten« also gemeint? Wenn man ein Stromsystem auf überwiegend erneuerbare Energien umstellt, dann muss man investieren. Man braucht Photovoltaikanlagen, Windkraftwerke, Stromnetze, Speicher, Smartmeter und einige Back-up-Kraftwerke für die wenigen Tage und Wochen im Jahr, zu denen es wirklich gar keinen Strom aus Sonne und Wind gibt. Man braucht ein anderes, schlaueres Stromsystem. Das ist vergleichbar mit dem Hausbesitzer, der die kaputte Gasheizung durch eine Wärmepumpe plus Solaranlage und Batterie ersetzt. Das kostet erst mal Geld, spart aber dann laufende Kosten. Dauerhaft. »Energierevolution«, sagt die »Financial Times«

Wir sind beim Strom schon relativ weit: Wir decken mehr als die Hälfte unseres Jahresverbrauchs mit heimischen erneuerbaren Energien. Es könnten schnell noch mehr werden, wenn wir genügend Batteriespeicher im Netz hätten, die mittags bei Sonnenschein oder nachts bei starkem Wind erneuerbaren Strom speichern und ihn dann, wenn der Bedarf hoch, aber die erneuerbare Erzeugung schwächer ist, wieder abgeben. Kalifornien macht das vor . Keine Energietechnologie wächst global so schnell wie Batteriespeicher. Die »Financial Times« spricht von einer »Energierevolution« . Jeder, der einmal selbst in die Sanierung einer Immobilie Geld gesteckt hat, weiß: Das Geld dafür gibt man aus gutem Grund aus. Es handelt sich um Investitionen: Wer sein Haus dämmt, wer eine Photovoltaikanlage und einen Stromspeicher einbaut, der tut das aus eigenem Interesse. Hinterher sinken die Heiz- oder Stromkosten. Richtig ist: Etwa den seit 2009 maßgeblich von unionsgeführten Regierungen verschlampten Netzausbau nachzuholen, kostet erst einmal Geld. Diese Investitionen werden sich jedoch amortisieren. Das Geld fließt nicht in einen Tank und wird dort verbrannt, sondern schafft Infrastruktur, die dauerhaft Ausgaben senkt. Der Unterschied zwischen Kosten und Investitionen

Die größten »Systemkosten« des deutschen Energiesystems haben viel mit der »Primärenergie« zu tun: Die Rede ist von den 70 bis 80 Milliarden Euro , die wir Jahr für Jahr ins Ausland überweisen, ob nach Russland, in die USA oder nach Katar, um dort fossile Brennstoffe einzukaufen. Diese fossilen Brennstoffe werden anschließend verbrannt. Dann sind sie weg. Das sind echte Kosten, keine Investitionen. Auch ein erneuerbares System hat echte, dauerhafte »Systemkosten«, klar: Wartung, Instandhaltung, Steuerung, Kosten für das Vorhalten von Back-up-Kapazität für sonnenarme und windstille Tage und so weiter. Aber die werden mit Investitionen gerade unterschiedslos in einen Topf geworfen. Kein Euro, der für Benzin ausgegeben wird, macht den nächsten Liter billiger. Aber jeder Euro, den wir in unsere Energieinfrastruktur stecken, wird – wenn wir es richtig anstellen – mittelfristig dazu beitragen, dass der Strom in diesem Land billiger wird. Tatsächlich stehen im Moment sogar Milliarden Euro an rein privatem Kapital bereit für diese Investitionen: Zahlreiche Unternehmen wollen Batteriegroßspeicher bauen, die das Netz stabil und resilient machen und außerdem die Strompreise senken helfen könnten. Jede Stunde, in der wir kein Gas zur Stromerzeugung verbrennen müssen, spart bares Geld.

Doch aus irgendwelchen Gründen will Katherina Reiche den Ausbau von Speichern offenbar nicht fördern, sondern behindern. Sie fragt sogar bei Gaslobbyisten nach, wie man denn dafür sorgen könnte, dass Batterien als Strom-Back-up in Deutschland nicht zum Zuge kämen, wie Stefan Schultz diese Woche hier im SPIEGEL berichtete . »Wir brauchen einen technologieoffenen Kapazitätsmarkt«, schrieb Reiche in der »FAZ« – während sie hinter den Kulissen versucht, die modernste Energietechnologie mit Verfahrenstricks aus dem Rennen zu werfen. Reiche will unbedingt viele Gaskraftwerke bauen.

Einen teuren, den Strompreis hebenden Kubikmeter Gas kann man nur einmal verbrennen, dann ist er weg und zugleich mehr CO₂ in der Atmosphäre.
Das sind »Kosten«.

Eine Leitung, die zu einem privat gebauten Batteriespeicher führt, kann viele Jahre lang billigen Strom transportieren.
Das sind Investitionen, die sich lohnen.


Daniel Mautz / LinkedIn

Wer "Primärenergie" sagt, will, dass du die Physik vergisst

Christian Stoecker seziert in DER SPIEGEL zwei Begriffe, die in Energiedebatten als Fachsprache durchgehen, in Wahrheit aber als Nebelkerzen funktionieren. "Primärenergie" und "Systemkosten". Beide klingen neutral. Beide verzerren die Debatte zugunsten fossiler Geschäftsmodelle.

Ein E-Auto braucht für 100 Kilometer etwa 20 Kilowattstunden. Ein vergleichbarer Diesel verschwendet die fünffache Energiemenge, weil vier Fünftel als Wärme verpuffen. Wer sagt, Erneuerbare deckten "nur ein Fünftel des Primärenergiebedarfs", verschweigt, dass wir bei Elektrifizierung den Großteil dieser Energie gar nicht mehr brauchen. Das ist keine Meinung, sondern Thermodynamik.

Wirtschaftsministerin Reiche nutzt genau dieses Framing in einem FAZ-Gastbeitrag. Sie spricht vom "Gesamtenergiebedarf", meint aber Primärenergie. Sie warnt vor "Systemkosten". 

Dabei verschweigt sie, dass Deutschland jedes Jahr 70 bis 80 Milliarden Euro für fossile Brennstoffe ins Ausland überweist, die einmal verbrannt werden und dann weg sind. Das sind echte Kosten. Netze und Speicher hingegen sind Infrastruktur, die sich amortisiert. Wer beides gleichsetzt, verschleiert.

Besonders entlarvend ist, was hinter den Kulissen passiert. Reiche fordert öffentlich "Technologieoffenheit". Gleichzeitig lässt sie bei Gaslobbyisten anfragen, wie man Batteriespeicher verhindern könnte. Private Investor:innen stehen bereit, Milliarden in Großspeicher zu stecken. Reiche will stattdessen Gaskraftwerke.

Wer mit "Primärenergie" argumentiert, normalisiert fossile Abhängigkeit. Wer "Systemkosten" ruft, stellt Investitionen als Belastung hin, während die jährliche Milliardenverschwendung für Importe als gegeben gelten soll. Das ist keine Energiepolitik. 

Das ist Verzögerungstaktik mit Ministeriumsbriefkopf.


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