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"„Schizophrenes, männerhassendes Gesindel“, „Aggro Emanze“, „Die ist dich eine Irre und gehört eingesperrt“, „Unbumsbar“, „Ist es Verbitterung, weil man schon so viele Jahre keinen Mann mehr abbekommen hat?“ (dahinter zwei Tränen lachende Emojis), „narzisstische Psychopathin“, „Trulla“, „Unwertes Leben“, „Klosternonne“ – das ist ein Auszug aus Kommentaren des rechten Propaganda-Blogs Nius auf Social Media-Plattformen wie X, YouTube oder Telegram zu Beiträgen von als links markierten Frauen.
Auch an demütigenden Memes mangelt es nicht. Sexistische Beleidigungen und Frauenhass scheinen für NIUS-Leser*innen komplett legitim – und anscheinend auch für die Nius selbst, sonst würden diese Kommentare dort nicht stehen bleiben.
Es ist eine etablierte Technik des rechten Kulturkampfes: reichweitenstarke Akteure wie NIUS und ähnliche Outlets veröffentlichen tendenziöse Artikel über unliebsame Weibsbilder und markieren sie damit als zum Abschuss freigegeben.
Sie sind ein vermeintlich gerechtfertigtes Ziel für all die misogynen Ressentiments, die sich der Normalbürger wegen dieser imaginierten feministischen Gesinnungsdiktatur im Alltag nun verkneifen muss. Aber zum Glück gibt es das Internet und rechte Plattformen, die unberührt geblieben sind von der diktatorischen Anspruchshaltung, Frauen nicht abzuwerten, weil sie Frauen sind!"
Ein Ausschnitt aus dem Gastbeitrag der Autorin Veronika Kracher, die dort skizziert, wie der Hass im Netz auf Plattformen wie NIUS trauriger Alltag ist. Jetzt lesen:
hier Veronika Kracher 20. März 2026
Zum Abschuss freigegeben
Veronika Kracher analysiert, wie antifeministische Netzwerke gezielt Feindbilder aufbauen und Hass mobilisieren. Und was man dagegen tun kann!
„Schizophrenes, männerhassendes Gesindel“, „Aggro Emanze“, „Die ist dich eine Irre und gehört eingesperrt“, „Unbumsbar“, „Ist es Verbitterung, weil man schon so viele Jahre keinen Mann mehr abbekommen hat?“ (dahinter zwei Tränen lachende Emojis), „narzisstische Psychopathin“, „Trulla“, „Unwertes Leben“, „Klosternonne“ – das ist ein Auszug aus Kommentaren des rechten Propaganda-Blogs Nius auf Social Media-Plattformen wie X, YouTube oder Telegram zu Beiträgen von als links markierten Frauen. Auch an demütigenden Memes mangelt es nicht. Sexistische Beleidigungen und Frauenhass scheinen für NIUS-Leser*innen komplett legitim – und anscheinend auch für die Nius selbst, sonst würden diese Kommentare dort nicht stehen bleiben.
Collage von Tweets
Es ist eine etablierte Technik des rechten Kulturkampfes: reichweitenstarke Akteure wie Nius und ähnliche Outlets veröffentlichen tendenziöse Artikel über unliebsame Weibsbilder und markieren sie damit als zum Abschuss freigegeben. Sie sind ein vermeintlich gerechtfertigtes Ziel für all die misogynen Ressentiments, die sich der Normalbürger wegen dieser imaginierten feministischen Gesinnungsdiktatur im Alltag nun verkneifen muss. Aber zum Glück gibt es das Internet und rechte Plattformen, die unberührt geblieben sind von der diktatorischen Anspruchshaltung, Frauen nicht abzuwerten, weil sie Frauen sind!
Der Hass auf alles Nichtmännliche
– Frauen und gendernonkonforme Menschen –
ist integraler Bestandteil des rechten Kulturkampfes.
Dies hat zwei Gründe:
- Erstens ist die Emanzipation von Frauen und Queers eine so reale wie notwendige Bedrohung für die patriarchale Vorherrschaft, die nun einmal auf deren systematischer Ausbeutung und Abwertung basiert.
Diese Unterdrückung erfolgt auf sämtlichen gesellschaftlichen Ebenen. Es sind (in der Regel heterosexuelle und cisgeschlechtliche) Männer, die davon profitieren, da das in patriarchalen Verhältnissen vermittelte „Recht“ auf Diskriminierung von Frauen ihnen immer wieder aufs Neue die eigene Herrschaftsposition vermittelt. - Der zweite Aspekt ist: es scheint verdammt viel Spaß zu machen, andere zu diskriminieren und zu demütigen, vor allem wenn das Feindbild dies vermeintlich verdient hat.
Frauen für Transgressionen im Geschlechterverhältnis zu bestrafen, ist eine seit Jahrtausenden etablierte Praxis im Geschlechterverhältnis – von den Schandsteinen der Antike über den mittelalterlichen Pranger über die Hexenprozesse über die Prangerumzüge im Nationalsozialismus sind einige Beispiele. In den letzten 50 Jahren hat primär die Boulevardpresse den Auftrag übernommen, gerade in der Öffentlichkeit stehende Frauen ausgehend von misogynen Doppelstandards geprägter Bewertung zu sanktionieren und der Lächerlichkeit preis zu geben.
Inzwischen wurde dieser Pranger durch digitale Räume auf schlechteste Weise sanktioniert – jede Person mit einem Social Media-Account ist nun in der Lage, ein ihm unliebsames Weibsbild öffentlich bloßzustellen. Ich durfte diese Erfahrung ebenfalls mehrfach machen als linke Frau, die in der Öffentlichkeit steht – Resultate waren Beleidigungen, Diffamierungen, Vergewaltigungsdrohungen, Aufforderungen meine Veranstaltungen zu stören und ähnliches. Wer auch einmal als Angriffsziel auf dem Radar rechter Kräfte ist, weiß: ich werde weiterhin beobachtet – und sie werden jeden noch so kleinen (vermeintlichen) Fehltritt nutzen, um wieder anzugreifen. Dies führt bei vielen Menschen, gerade Frauen, zu Selbstzensur bis hin zum Rückzug aus dem öffentlichen Raum.
Die Sache ist: Was die zu verurteilende Transgression ist, bestimmt in diesen Fällen öffentlicher Bestrafung weniger die Rechtssprechung, sondern der Mob.
In der Regel ist Grund für misogyne Abwertung, dass sich eine Frau weigert, sich patriarchalen Vorstellungen von Weiblichkeit zu unterwerfen – zum Beispiel, wenn sie feministische Interessen vertritt, Sichtbarkeit und politische Handlungsmacht einfordert. Manchmal reicht es auch einfach, wenn sie dick ist, transgeschlechtlich, einen Onlyfans-Account betreibt oder alleinerziehende Mutter ist – irgendetwas findet sich bestimmt.
Täter*innen müssen die Ausübung ihrer Gewalt meistens vor sich selbst rechtfertigen, aber zum Glück macht es das Patriarchat recht einfach, Frauen als der Strafe würdig zu brandmarken.
Ein weiterer Aspekt digitaler Gewalt ist das kollektive Erlebnis, gerade Gewalt gegen Frauen/Queers hat für heterosexuelle cis Männer auch immer auch immer einen gewissen Bonding-Moment (ein aktuelles Beispiel sind die massenhaft erstellten, sexualisierten Deepfakes von Frauen und Mädchen mittels der KI Grok auf der Plattform X).
Wer als Teil eines Mobs agiert, kann die Selbstverantwortung auf die Masse abgeben, und erfährt gleichzeitig Bestätigung der eigenen Handlungen: wenn ich einer von vielen bin, die auf dieses verkommene Hexe einschlagen, dann wird dies schon seine Richtigkeit haben! Die Struktur sozialer Medien, die stark darauf aufgebaut ist, kollektive Empörung zu schaffen und zu teilen, hat hier auch nochmal einen potenzierenden Effekt.
Als Person, die inzwischen seit einigen Jahren zu digitaler Misogynie und antifeministischen Kulturkämpfen arbeitet, musste ich immer wieder feststellen, dass gerade Shitstorms oder Hasskampagnen gegen (oft progressive) Frauen seltener organisch entstehen, als dass sie gezielt von antidemokratischen Kräften gezielt koordiniert werden. Die Mechanismen sind hierbei häufig die gleichen:
- Eine Person wird (aus in der Regel politischer Motivation) als Feindbild markiert
- Die Initiatior*innen der Angriffskampagne sammeln potentiell belastendes Material über die Betroffene, um sie damit diskreditieren zu können. Dieses Material ist oft aus dem Zusammenhang gerissen, wird bewusst überspitzt und verzerrt, tendenziös, und generell darauf ausgelegt, Empörung zu evozieren und verbreitet zu werden. Negative Gefühle müssen geteilt werden.
- Multiplikator*innen greifen den Empörungs-Content auf, verbreiten und verstärken ihn
Diese Angriffe gehen oftmals mit Aspekten wie memetischer Kriegsführung einher – also der Dehumanisierung und Verhöhnung des Angriffsziel durch Memes, Witze, YouTube-Videos und ähnliches. Gerade bei Frauen ist es populär, Schnipsel aus öffentlichen Auftritten, auf denen das Ziel einen emotionalen oder anderweitig unvorteilhaften Gesichtsausdruck hat, um sie darüber ins lächerliche zu ziehen.
Gerade bei Frauen sind Angriffe oft an das Geschlecht (bei mehrfach marginalisierten Frauen zudem an Religion, Herkunft, Sexualität...) gekoppelt und zeichnen sich Sexualisierung, der negativen Bewertung des Äußeren, Hysterievorwürfen, dem Absprechen von Expertise (oft in Verbindung mit dem Vorwurf des „Hochschlafens“) oder ähnlichem aus.
Donald Trumps ehemaliger Kommunikationsstratege und Vordenker der rechtsextremen Alt Right-Bewegung Steve Bannon prägte den Begriff des „Flooding the Zone with Shit“. Konkret bedeutet dies: das Ziel mit so viel Anklagen und Falschbehauptungen überschwemmen, dass es sich erstens nicht gegen die schiere Masse dieser Diffamierungen wehren kann, und zweitens – irgendwas wird schon hängen bleiben im öffentlichen Diskurs.
Wenn also reichweitenstarke antifeministische Akteur*innen Frauen öffentlich ihren tendenziösen Vorwürfen unterziehen, signalisiert das ihrern Followern: Diese Person ist zum Abschuss freigegeben. Es ist legitim, an diesem Menschen sämtliche (gesellschaftlich ja bereits vermittelten) Ressentiments auszulassen, weil es ist ja eine schlechte Frau. Diese Enthemmung zeigt sich deutlich in den Kommentarspalten von NIUS auf Plattformen wie X, in denen die User*innen aus ihrer Misogynie keinen Hehl machen.
Die Plattform NIUS ist stolze Vertreterin dieser Strategie und übt sie immer und immer wieder aus.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist hier die Kampagne gegen die Juristin Frauke Brosius-Gersdorf, die wegen ihrer Position zu Abtreibungen Opfer antifeministischer Schmierenkampagnen wurde – auf die CDU und CSU bereitwillig aufgesprungen sind. NIUS attestierte Brosius-Gersdorf, bei ihrer Doktorarbeit plagiiert zu haben –was sich als Falschbehauptung erwies – oder eine „radikale“ Position bei Abtreibungen vertreten würde und raunte verschwörungsideologisch von einem „NGO-Komplex“. Diese Feindmarkierung durch NIUS führte letztendlich dazu, dass Brosius-Gersdorf von einer liberalen Juristin im öffentlichen Diskurs zu einer linksextremen Babymörderin stilisiert wurde, die (laut Beatrix von Storch) Abtreibungen bis zum Neunten Schwangerschaftsmonat durchsetzen will.
„Flooding the Zone with Shit“ soll das attackierte Feindbild nicht nur lähmen, sondern hat auch immer die Funktion, davon abzulenken, dass es Kräfte wie AfD und NIUS sind, die großflächig Demokratie und Meinungsfreiheit angreifen – und nicht NGOs und die Zivilgsellschaft!
Diese Strategie nennt sich „DARVO“ – Deny, Attack, Reverse Victim and Offender. Ein Beispiel ist ein NIUS-Artikel vom 15.07.2025, der Brosius-Gersdorf unterstellt, dass ihre (sehr richtige) Aussage, Opfer einer Schmierenkampagne zu sein, ein von linken Kräften gesteuertes Narrativ sei – und somit die Selbstverteidung und Analyse demokratischer Strukturen als das verleumdet, was NIUS und ähnliche Plattformen selbst betreiben.
Wenn wir also unsere Demokratie langfristig verteidigen wollen, ist es unerlässlich, die rhetorischen Techniken und Strategien des rechten Kulturkampfes zu erkennen und nicht immer wieder darauf reinzufallen.
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