Dienstag, 9. Mai 2023

Kultur der Apokalypse: Kein Aufschrei? Schlaft weiter!

Ich gestehe: ich bin ein großer Fan von Christoph Nix, seitdem er so treffend das ziemlich undemokratische Gemeindewesen in Baden-Württemberg skizziert hat (hier), das nicht zuletzt auch den Regionalverband bestimmt. Ich habe seither nie wieder eine so klare Kritik an diesem System erlebt -  und als Gemeinderätin bleibe ich da hellhörig. 

Nicht nur Konstanz ist betroffen.
Die Linse in  Weingarten ist seit der Schließung des Scala das älteste Kino in Baden-Württemberg.
Im Gemeinderat hat OB Moll bereits die Streichung des Linse Zuschusses zur Disposition gestellt ..... Kultur braucht man nicht so dringend. Luxus….

08.05.2023  hier  im Südkurier 

Kolumne: "Wo das Herz schlägt"  von Christoph Nix

Im August gibt es wieder ein Seenachtfest in Konstanz, mit Feuerwerk: kein Brot stattdessen Böller. Warum sich darüber keiner aufregt, stellt die Frage nach der Kultur der Apokalypse.
Bei der Frage, was Kultur sein könnte, erinnere ich an den Schriftsteller Peter Bichsel, der es so formuliert hat: Kultur komme von Agrikultur und sei lebensnotwendig, denn die Agrikultur sorge für Brot, Früchte, Fleisch und Käse. Die Sozialkultur habe hingegen die Erntedankfeste zu organisieren. Die seien dringend, wenn die Stimmung unter den Menschen schlecht, die Ernte verdorben oder gar die ganze Existenz infrage gestellt sei.

Aus diesem Grunde singen Opernsänger in der Ukraine vor den Trümmern ihres Theaters und tanzen in Burundi die Trommler in den Dörfern mit trockenem Boden. Ihre Botschaft:

 Wir sind nicht verloren, wir wissen zwar nicht,
ob es Gott gibt, aber wir rufen nach ihm
.

Solche Begegnungen mögen in Extremsituationen auf der Straße in Kiew, auf den Feldern von Bujumbura leicht erscheinen, sind es aber nicht, Hunger und Krieg, Ängste sind real. Unsere Empathie im Krieg der anderen lässt nach. Der verwöhnte Mensch gewöhnt sich an viel, und damit die Fähigkeit zum kulturellen Mitleiden nicht verloren geht, gab es früher Kirchen, Moscheen, Dojos und Bilder. Es gab Kreuze und gewebte Teppiche, Räucherstäbchen und Drogen.
Die Kirchenfunktionäre mögen die Sehnsüchte der Menschen benutzt haben, um ihre eigene Lust zu befriedigen, ihren Reichtum zu vermehren, Schuldgefühle zu erzeugen. Irgendwann reicht es dem geduldigsten Volk, sie wenden sich ab, treten aus der Kirche aus.

Was bleibt? Es fehlen geistige Orte, an denen sich Menschen treffen könnten.
Es fehlt das Erntedankfest.

Es ist auffällig, dass in Konstanz und Umgebung viel verloren gegangen ist: das Zeltfestival auf Klein Venedig, das Programmkino Scala, die Hall of Fame, Lesungen in Buchhandlungen, Stadtteiltheater und für alle Zeiten ein Konzerthaus oder ein Museum für moderne Kunst. Kein Ort nirgends, jeder pflegt seinen Hof, der Museumsdirektor sein Café, das K 9 die alt werdende Generation von ehemals Jungen, das Bodenseeforum sich selbst.

Öffentliche Räume wurden zusammengestrichen, Grundstücke an Private verhökert, neue Ideen nicht einmal formuliert. Parteien gibt es nicht mehr in Konstanz, die haben keine Haltung, die sitzen im Gemeinderat und sind müde. Die große Politik geht am Badischen vorbei oder wie ist sonst zu verstehen, dass es noch eine Konrad Adenauer Stiftung gibt, wenn dieser Mann seine Gegner von Nazis bespitzeln ließ. Kein Aufschrei? Schlaft weiter!

Man könnte die Fremden aus Syrien und der Ukraine befragen, die aus Togo oder die zurückgezogenen Schriftsteller und schweigenden Professorinnen, aber die ruft keiner, weil der oberste Kulturpolitiker Angst hat, man könne erkennen, dass da nichts ist; 

keine Idee, keine Utopie, kein Trost, nichts: Nur Leere.

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