Donnerstag, 16. Mai 2024

"China baut Kohlekraftwerke, die es nie brauchen wird"

NTV hier 16.05.2024

Angst vor Kollaps der Provinzen: Smog und schlechte Luft sind ein Grund, warum China massiv auf erneuerbare Energien setzt: Sie sind sauber.

China ist ein Powerhaus für erneuerbare Energien. Die Volksrepublik hat vergangenes Jahr Solaranlagen mit einer Kapazität von 216 Gigawatt installiert und zur Wut westlicher Hersteller so viele weitere gebaut, dass die Preise weltweit um 50 Prozent gefallen sind. Gleichzeitig hat China 2023 Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von fast 50 GW in Betrieb genommen und mit dem Bau von weiteren 70 GW begonnen - 19-mal mehr als der Rest der Welt zusammen! 

Die Erklärung für diesen Widerspruch? "Kein Land denkt Wirtschaft und Klima so gut zusammen wie China", sagt Barbara Pongratz von der Universität Bremen.


Das Prinzip der chinesischen Energiewende sei allerdings Sicherheit, erklärt die Expertin für chinesische Umwelt- und Klimapolitik im "Klima-Labor". "Erst bauen, dann zerstören." Doch es läuft längst nicht alles perfekt: Viele chinesische Provinzen haben die grüne Marschroute von Staatschef Xi Jinping bisher nicht verinnerlicht, fürchten das Ende ihres Wohlstands und wissen, dass sie sich nicht auf ihre Nachbarn verlassen können, wenn Energie knapp wird.

ntv.de: China hat im vergangenen Jahr fast so viele Solaranlagen installiert wie der Rest der Welt zusammen - und investiert gleichzeitig wahnsinnig viel Geld in Kohlekraftwerke. Ist China bei der Energiewende gut oder schlecht für die Welt?


"China prahlt oft damit, dass es in 30 Jahren schafft,
wofür die USA und Europa 60 Jahre brauchen"
sagt Barbara Pongratz.

Barbara Pongratz: Das ist ein gemischtes Bild. China geht bei der Energiewende entschlossen voran, allerdings gibt es den genannten Widerspruch: Es wird sehr viel in erneuerbare Energien investiert und sehr viel Kapazität für Kohle gebaut. Das ist seit jeher die wichtigste Energiequelle in allen möglichen Industriezweigen. Der Anteil der Kohle am Energiemix beträgt 56 Prozent.

Immer noch?

Immer noch. In China befinden sich mehr als die Hälfte der weltweiten Kapazität für Kohlestrom und mehr als die Hälfte der weltweit geplanten neuen Kohlekraftwerke.

Weil man eine Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen ohne Kohle nicht versorgen kann?

Es geht wie in Europa um Energiesicherheit. China kann sich auf die Energiequelle Kohle verlassen und ist nicht vom Ausland abhängig wie wir 2022, als der russische Gashahn abgedreht wurde. Es war schon lange ein Argument der chinesischen Experten: Es gibt weniger Gasvorkommen als Kohle, deswegen müssen wir uns darauf fokussieren.

Wird nur chinesische Kohle verbraucht?

China importiert auch sehr viel. Dafür ist neben dem Streben nach Energiesicherheit auch der interne Energiemarkt verantwortlich, der noch aufgebaut wird, und das politische System: In der Vergangenheit lag die Verantwortung für die Energieversorgung auf der Provinzebene. Gleichzeitig gab es gewisse Bestrebungen im Bereich der Klimaziele. Die werden von der Kommunistischen Partei auf zentraler Ebene gesetzt und dann auf die Provinzen heruntergebrochen.

Die Provinzen kalkulieren ihren Stromverbrauch und in Peking sitzt jemand, der sagt: Dann braucht ihr so und so viele Kohlekraftwerke. So funktioniert das?

Die Energieversorgung war seit 2014 Sache der Provinzen. Vor kurzem hat die Zentralregierung in Peking die Kontrolle wieder übernommen. Denn die Provinzen haben wie in einer Blase gehandelt, weil sie wussten: Wenn Energie knapp ist, kann ich mich nicht auf meine Nachbarn oder andere Provinzen verlassen. Dafür sind die chinesischen Stromnetze zu schlecht ausgebaut, das Energiesystem ist ineffizient. Das war auch der Grund für die Stromausfälle 2022. Die wiederum waren ein Grund, warum China seine Energiestrategie und Ausbauziele wieder geändert hat: Die Verantwortung für Energieversorgung auf die lokale Ebene zu übertragen, hat nicht funktioniert.

Es gibt keinen Strommarkt wie in Europa, wo Strom von Nachbarn importiert wird, wenn er knapp ist, oder exportiert, wenn man mehr erzeugt, als benötigt wird?

Richtig. Beim Strommarkt gibt es starke Mängel. Er kann weder effizient noch flächendeckend agieren. Viele Provinzen haben sehr konservativ geplant und viele Kohlekraftwerke neu gebaut und zugelassen, weil man sich im Extremfall nicht auf die Nachbarn verlassen kann.

Kann man davon ausgehen, dass der Kohle-Anteil von fast 60 Prozent am chinesischen Energiemix in den nächsten Jahren weniger wird?

Die Medaille hat zwei Seiten: Die erneuerbaren Kapazitäten werden stark ausgebaut, aber auch Kohle extrem. Eigentlich werden gerade zwei Energiesysteme aufgebaut, weil das Netz und der Energiemarkt nicht funktionieren. Bis 2030 will China aber die Spitze beim CO2-Ausstoß erreichen und 2060 CO2-Neutralität. Bis dahin wird der Energiemix nicht frei von Kohle sein. Das hat der neue Klimabeauftragte Liu Zhenmin erst vor Kurzem beim Boao-Forum im chinesischen Hainan, dem asiatischen Davos, gesagt: China möchte sich noch länger auf fossile Energiequellen verlassen.

Aber ab 2030 wird der Energiemix ein bisschen sauberer?

Danach sollen auf jeden Fall die Emissionen sinken. Das ist das Prinzip, das Staatschef Xi Jinping vor ein paar Jahren bei seinen Erläuterungen zur chinesischen Energiewende vorgestellt hat: Erst bauen, dann zerstören.

Das Gegenteil von Deutschland.

Ja, und auf Versorgungssicherheit bedacht.

Auch anders als in Deutschland …

Ganz genau. Erst wenn das Erneuerbare-Energie-System gebaut ist, wird das Alte zerstört. Ab 2030 soll also weniger Kohle verbraucht werden. Die Frage ist, ob die Emissionen sofort zurückgehen oder ob sich ein Plateau bildet. CO2-Neutralität will man nur 30 Jahre später erreichen. Das ist der Unterschied zu Europa und den USA, mit dem China immer prahlt: Wir sind viel schneller.


Schneller?

Die EU und die USA haben den Höhepunkt bereits in den 90er Jahren erreicht, seitdem fallen die CO2-Emissionen. Klimaneutral will man aber erst 2050 sein, also 60 Jahre später. China entwickelt sich erst seit den 80er und 90er Jahren rasant, hat erst seitdem steigende Emissionen und die Spitze bisher nicht erreicht. Das soll vor 2030 passieren. Und China prahlt oft damit, dass es danach in 30 Jahren schafft, wofür die USA und Europa 60 Jahre brauchen.

Das oft vorgebrachte Argument: Wir sind ja eigentlich noch ein Entwicklungsland und müssen erst hinkommen, wo Deutschland und die USA schon seit Jahrzehnten sind. Deswegen müssen wir noch keine Emissionen senken.

Ja. 1992 wurde im Vertrag zur UN-Klimarahmenkonvention festgehalten, dass es Entwicklungsländer und Industriestaaten gibt. Wenn man sich aber das nur verhältnismäßig geringe Pro-Kopf-Einkommen und die enormen Ressourcen anschaut, über die China verfügt, stimmt das nicht mehr. Deswegen sollte China als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt heutzutage mit anderen Berechnungen kommen.

Ist damit zu rechnen, dass China seine Ziele erreicht und die Emissionen ab 2030 wirklich sinken, wenn nach wie vor so massiv Kohle zugebaut wird?

Davon kann man ausgehen, denn die Art und Weise, wie China Ziele setzt, ist ebenfalls anders, als wir es in Europa und den USA machen: China setzt sich grundsätzlich eher konservative Ziele und übertrifft diese üblicherweise. Da geht es auch um das Vertrauen in Xi Jinping. Als Staatschef und Generalsekretär der Kommunistischen Partei steht er persönlich für die Einhaltung der Langzeitziele: Ganz oben steht in der Regel, dass die Legitimität der Kommunistischen Partei bewahrt wird. Dann natürlich, dass man wirtschaftliche und technologische Stärken aufbaut. Klimaschutz ist auch ein Ziel, das man erreichen muss - und wird. China will zum Beispiel bis 2030 enorme 1200 Gigawatt an Kapazität für erneuerbare Energien aufbauen. Dieses Ziel erreicht man wahrscheinlich schon dieses Jahr.

Und wie genau läuft das ab? In Deutschland wird ja viel über Dinge wie den Netzausbau und Flächen diskutiert. Das ist in einem Land wie China vermutlich anders?

Es gibt weltweit kein Land,
wo die wirtschaftliche Entwicklung
so eng mit Klimaschutz verbunden ist.


Elektroautos, Batterien und Solar wurden als die drei neuen Industrien festgelegt. Im vergangenen Jahr waren sie bereits für 40 Prozent des Zuwachses beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) verantwortlich.

Alles, was Europa und den USA derzeit Kopfschmerzen bereitet.

Ja. Das hat man gerade auch noch einmal beim Nationalen Volkskongress gesehen, der jedes Jahr im März stattfindet: China denkt Wirtschaft und Klima gemeinsam und macht es so gut wie kein anderes Land. Ein Nebeneffekt sind die großen Überkapazitäten: In einer Phase von niedriger heimischer Nachfrage produziert die chinesische Wirtschaft übermäßig viele Kapazitäten für den externen Markt. Das hat Auswirkungen auf die globalen Preise.

Wie gesagt, erst einmal geht es darum, einen einheitlichen und effizienten Energiemarkt zu kreieren. Das läuft bisher nicht so gut, die Reformen verzögern sich extrem. Denn die Provinzen, deren Wirtschaft und auch Arbeitsplätze sind enorm von der Kohleindustrie abhängig. China baut Kapazitäten, die es nie brauchen wird.

Die Kohlekraftwerke werden später gar nicht benutzt?

Es gibt einen Unterschied zwischen Kapazitäten und Verbrauch. Viele Kohlekraftwerke werden nur in Spitzenzeiten eingesetzt, wenn der Stromverbrauch besonders hoch ist. Im Sommer zum Beispiel, wenn die Menschen ihre Klimaanlagen einschalten. Deswegen sind die Reformen für den einheitlichen Energiemarkt so wichtig. Dieser Plan ist aber auf 15 Jahre angesetzt - vergleichsweise lang, wenn man sieht, wie schnell andere Dinge in China geschafft werden. Die neuen Kapazitäten sind eigentlich ein Beleg für ein systemisches Problem: Die Provinzen würden sich ins eigene Bein schießen und ihre heimische Wirtschaft zerstören, wenn sie aus der Kohle aussteigen. In einigen Industriezweigen wären viele Arbeitsplätze weg.

Ähnlich wie in Deutschland, wo Kohle die prägende Industrie der Lausitz oder des Ruhrgebiets war und sich mit dem Ausstieg ganze Regionen neue Arbeitsplätze schaffen und Leute umschulen mussten.

Ja, das geht auf die 80er und 90er Jahre zurück. Seitdem hat die wirtschaftliche Entwicklung oberste Priorität in den Provinzen. In den Köpfen der Parteifunktionäre und Beamten ist bis heute verankert: Wirtschaftliches Wachstum zu erreichen, steht an oberster Stelle. Das ist oft mit einer starken Kohleindustrie verbunden. Dass nachhaltige Ziele ebenfalls wichtig sind, fließt erst seit 2013 mit ein, als Xi Jinping neuer Staatschef wurde. Seitdem werden sie wichtiger. Aber deswegen gibt es diese Probleme. An dieser Stellschraube der Zielsetzung für die lokalen Beamten wird man erkennen, ob China es mit der Energiewende wirklich ernst meint und wie schnell es vorangeht.


Mit Barbara Pongratz sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Klima-Labor" hier anhören.

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