Freitag, 31. Mai 2024

Um Klimaziele zu erreichen: Bundesregierung beschließt Co2-Endlager in der Nordsee

Es ist sicher kein Grund zum Jubeln für Klima-Aktivisten, scheint aber aus der Sicht der Klima-Wissenschaftler und des Weltklimarat s unumgänglich zu sein hier, um noch Schlimmeres zu verhindern. 

Allerdings frage ich mich: wie lässt sich das mit der neuen Rechtsprechung des Seegerichtshofes vereinbaren?  hier. Irgendwie scheint eine Anschluss- Klage vorprogrammiert.
Doch was ist zu tun, wenn eine Speicherung an Land abgelehnt wird?  Es bleibt zu hoffen, dass Effektivität und Sparmaßnahmen, Innovation und Fortschritt in der Technik so weit vorankommen, dass der Speicherbedarf maßgeblich reduziert werden kann. 

Einiges wird wohl  auf jeden Fall in diese Richtung arbeiten: Allem voran er notwendige teure und langwierige Leitungsausbau (kennen wir doch inzwischen) und der Preis der Speicherung.


Frankfurter Rundschau  hier  29.05.2024 Von: Bettina Menzel

Ohne Co2-Speicherung in der Nordsee lassen sich die Klimaziele nicht mehr erreichen. Die Technologie birgt Chancen und Risiken – die Ampel gibt nun grünes Licht.

Das Bundeskabinett hat am Mittwoch (29. Mai) das umstrittene Kohlendioxid-Speichergesetz beschlossen. Damit wird die Speicherung von CO₂ unter der Nordsee ermöglicht, um die Klimaziele noch zu erreichen. Dabei gilt die Technologie als teuer und nicht skalierbar und weckt Sorgen von Klimaschützerinnen und Klimaschützern. Aus wissenschaftlicher Sicht ist die CO₂-Speicherung zwar sicher, kann allerdings zu leichten Erdbeben führen.

Co2-Speicherung unter der Nordsee künftig erlaubt: „Heute ist ein wichtiger Tag für die Industrie“

Das CO₂ lässt sich in ehemalige Ölfelder einspeisen und so dauerhaft der Umwelt entziehen. Auch der Meeresboden gilt als geeignetes Lager. Unter die Nordsee sollen künftig laut Bundesregierung vor allem schwer vermeidbare Emissionen eingebracht werden. Dazu zählt CO₂-Ausstoß aus der Kalk- und Zementproduktion sowie der Abfallverbrennung. „Heute ist ein wichtiger Tag für die Industrie in Deutschland“, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Mittwoch.

Mit dem ersten Teil des Industriepakets habe das Bundeskabinett eine wichtige Richtungsentscheidung getroffen, so der Minister weiter. Man werde die Offshore-Speicherung von CO₂ erlauben, wobei Meeresschutzgebiete ausdrücklich ausgenommen sind. Habeck betonte, dass ohne diese Maßnahmen die Klimaschutzziele nicht erreichbar seien. Schon im Februar hatte die Bundesregierung die sogenannte Carbon-Management-Strategie vorgestellt.

Nordsee als Endlager: So gelangt das CO₂ in den Meeresboden

Um Kohlenstoffdioxid im Meeresboden zu speichern, wird es bereits am Entstehungsort – etwa in einer Fabrik – abgetrennt und verflüssigt. Anschließend gelangt es mithilfe von Pipelines oder Schiffen zum Endlager, wie das Geomar-Zentrum in Kiel erklärt. Eine spezielle Anlage injiziert das CO₂ dann in den Meeresboden. Laut Wirtschaftsministerium soll die Speicherung im Meeresgebiet der Nordsee erfolgen, das jenseits des Küstenmeeres liegt und sich etwa 370 Kilometer ab der Küstenlinie erstreckt.

Das Kohlendioxid wird in Tiefen von mindestens 800 Metern bis zu drei Kilometern in Sandsteinformationen eingelagert. Forschende halten die Technologie grundsätzlich für sicher, dennoch bestehen Risiken. Bei der Verpressung in das Gestein könnte erhöhter Druck entstehen und die Gesteine bewegen, was schwache Erdbeben auslösen könnte, erklärte Klaus Wallmann, Leiter der Forschungsabteilung Marine Geosysteme am Geomar-Zentrum, gegenüber ZDFheute. Bei zu hohem Druck könnten zudem die Deckschichten reißen, weshalb der Druckanstieg Grenzwerte nicht überschreiten darf.

Teure Speicherung: Kostenintensive Technologie mit begrenzten Lagerstätten

Das Gestein muss zudem ausreichend dicht sein, denn theoretisch kann CO₂ aufsteigen. Ein Leck könnte Auswirkungen auf das maritime Ökosystem haben und etwa durch eine Versauerung die Artenvielfalt reduzieren. Klimaschützende befürchten zudem, dass Staaten oder Unternehmen die Abkehr von fossilen Energieträgern hinauszögern könnten und dabei auf die Technologie der Co2-Speicherung verweisen.

Als Gegenargument werden auch die hohen Kosten ins Feld geführt. Die Speicherung gilt als teuer und geeignete Lagerstätten sind begrenzt, was die Methode nicht skalierbar macht. Allerdings hat die Bundesregierung den Weltklimarat IPCC auf seiner Seite, der bei der Erreichung der Klimaziele ebenfalls auf diese Brückentechnologie setzt. Noch ist das CO₂-Speicherungsgesetz nicht final beschlossen: Bundestag und Bundesrat müssen noch zustimmen.


Riffreporter  hier von Christian Schwägerl 29.05.2024

Nach Beschluss im Bundeskabinett: Die meisten Bundesländer lehnen CO2-Speicherung an Land ab

CCS für den Klimaschutz: Viele Bundesländer haben kein Interesse an CO2-Speicherung an Land
Das Bundeskabinett hat den Weg dafür freigemacht, CO2 künftig unter dem Meer speichern. Sie will es den 16 Bundesländern zusätzlich aber per Gesetz ermöglichen, in Eigenregie CCS-Projekte an Land zu verwirklich. Doch eine Umfrage zeigt, dass die meisten Länder dies gar nicht wollen.

Das Bundeskabinett hat am Mittwoch den Weg dafür frei gemacht, dass künftig CO₂-Abgase aus deutschen Industrieanlagen und Kraftwerken gesammelt und aufs Meer gebracht werden, um sie tief im Gestein dauerhaft einzulagern. Die Minister stimmten einem entsprechenden Gesetzentwurf des Bundesministers für Wirtschaft und Klimaschutz, Robert Habeck (Grüne) zu.

Die Pläne für das „Carbon Capture and Storage“ (CCS) genannte Verfahren sehen vor, dass in Regie privater Unternehmen ein bundesweites Netz von Pipelines entsteht, die das Gas zum Beispiel aus Zement- und Kalkwerken, Chemiebetrieben, Müllverbrennungsanlagen oder Gaskraftwerken aufnehmen und gen Nordsee transportieren. Eine Einlagerung könnte entweder in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone erfolgen, die sich über 200 Seemeilen jenseits der Küsten erstreckt, oder unter dem Meeresgebiet von Partnerländern wie Norwegen.

Habeck betonte, Vorrang habe es, CO₂-Emissionen zu vermeiden oder zum Beispiel durch Energiegewinnung mit Solar- und Windkraftanlagen zu ersetzen. Es brauche aber eine Lösung für sogenannte „unvermeidbare Emissionen“, die das Wirtschaftsministerium in einer Größenordnung von 50 bis 60 Millionen Tonnen pro Jahr erwartet. Dies entspricht etwa zehn Prozent der heutigen Gesamtemissionen Deutschlands.

Geologen halten sichere Lagerung für machbar
Der Minister will aber festschreiben lassen, dass das Treibhausgas grundsätzlich nur unter dem Meer entsorgt werden darf, nicht an Land. Ausnahmen dafür soll es nur für Forschungsprojekte geben, sowie dann, wenn Bundesländer verlangen, CCS-Projekte in Eigenregie auf ihrem Gebiet zu ermöglichen. Hintergrund für die Festlegung auf das Meer sind Proteste, die es vor rund 15 Jahren gegen die damals ersten Vorhaben zur CO₂-Speicherung gegeben hat. Die damals schwarz-gelbe Bundesregierung sprach auf Druck vor allem der damals unionsgeführten Bundesländer Schleswig-Holstein und Niedersachsen ein Verbot kommerzieller Lagerprojekte aus. Auch Umweltschutzorganisationen sind CCS gegenüber skeptisch bis ablehnend eingestellt. Sie warnen vor dem Risiko von Leckagen und der Gefahr, dass eine Entsorgung unter dem Meer die Anstrengungen verringern könne, Emissionen ganz zu vermeiden.

Bei den geplanten CCS-Verfahren wird Kohlendioxid dort gesammelt, wo es bereits in hohen Konzentrationen in Abgasen vorkommt. Betreiber etwa von Zementwerken investieren dazu derzeit in neue Öfen, die den CO₂-Anteil im Abgas noch weiter steigern. Das Gas wird dann chemisch aufbereitet und gen Meer transportiert, wo es mit hohem Druck in mehreren hundert Metern Tiefe in das Gestein verpresst wird. Geologen versichern, dass es zahlreiche potenzielle Lagerstätten gibt, in denen das Kohlendioxid dauerhaft in Poren und in Salzwasser gespeichert bleibt und sich teilweise in Kalkgestein verwandelt. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe geht davon aus, dass sich unter dem deutschen Meer und Festland insgesamt sechs bis zwölf Milliarden Tonnen CO₂ speichern ließen. Das Gestein unter der Nordsee wird dabei als besonders gut geeigneter Speicher bewertet.

Nach der Verabschiedung durch das Kabinett geht der Gesetzentwurf nun für weitere Beratungen in Bundestag und Bundesrat. Den Ländern kommt eine besondere Bedeutung zu: Zum einen, weil die Pipelines über ihr Territorium verlaufen und dortige Industrieanlagen und Kraftwerke anschließen sollen, zum anderen, weil die Bundesregierung es Ländern gestatten will, auf eigenen Wunsch und in eigener Verantwortung CCS-Projekte auch an Land zu genehmigen.

Eine Umfrage bei den zuständigen Ministerien der Länder hat ergeben, dass die meisten von ihnen von dieser sogenannten Opt-in-Möglichkeit keinen Gebrauch machen wollen, aber sehr wohl darauf dringen, möglichst schnell an das CO₂-Pipeline-Netz angeschlossen zu werden.

Baden-Württemberg will möglichst schnell ans Pipeline-Netz angeschlossen werden
So teilte das Umweltministerium von Baden-Württemberg mit, es unterstütze die Pläne von Wirtschaftsminister Habeck und spreche sich dafür aus, wie von Habeck vorgesehen CO₂ nur unter dem Meer zu speichern. An Land solle man CCS „zunächst außen vor lassen“, um die „gesellschaftliche Akzeptanz sicherzustellen“. Es sei nicht geplant, von einer Möglichkeit für eigene CCS-Projekte Gebrauch zu machen, zumal aktuell eine „fundierte Bewertung der Potenziale der CO₂-Speicherung in Baden-Württemberg nicht vorliegt“. Das Ministerium weist auch auf drohende Nutzungskonkurrenzen im tiefen Untergrund hin. Damit ist vor allem Geothermie gemeint, bei der aus teils tiefen Erdschichten heißes Wasser hochgepumpt wird, um Strom und Heizwärme zu erzeugen.

Für das künftige Netz an CO₂-Pipelines, die das Treibhausgas in Richtung Meer transportieren, fordert Baden-Württemberg, dass Süddeutschland von Anfang an einbezogen wird: „Der Aufbau der CO₂-Infrastruktur sollte nicht zeitlich gestaffelt von Nord nach Süd erfolgen, sondern parallel an verschiedenen Punkten ansetzen, damit schnell ein deutschlandweites CO₂-Transportnetz aufgebaut werden kann.“ Dies sei wichtig, da Baden-Württemberg als Transitland insbesondere für CO₂ aus der Schweiz und Österreich fungieren und sich hiermit ein neues Geschäftsfeld eröffnen könnte. Das Pipeline-Netz solle privatwirtschaftlich betrieben werden, eine Förderung durch die Landesregierung sei nicht vorgesehen.

Auch Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, das Saarland, Sachsen und Sachsen-Anhalt teilten mit, die Pläne Habecks grundsätzlich zu unterstützen und keine Einlagerung auf dem eigenen Territorium verfolgen zu wollen. Das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz von Brandenburg erklärte, es gebe in dem Bundesland zwar ein Projekt zur Kohlendioxid-Abscheidung eines Zementherstellers, bei dem aber das CO₂ nicht unterirdisch gespeichert werden, sondern zur Herstellung synthetischer Kohlenwasserstoffe verwendet werden solle. Für das eigene Gebiet habe sich „Brandenburg bisher gegen die unterirdische CO₂-Verpressung ausgesprochen, dies wird auch so bleiben“, heißt es weiter. Dies ist auch deshalb bemerkenswert, weil im brandenburgischen Ketzin bisher das einzige CO₂-Lagerprojekt Deutschlands durch das Geoforschungszentrum Potsdam verwirklicht wurde und als Erfolg gilt.

Auch das Industrieland Nordrhein-Westfalen will auf CO₂-Lagerung auf dem eigenen Territorium verzichten. Mona Neubaur, Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie, ließ mitteilen, ihr Ministerium unterstütze den Ausschluss der Onshore-Speicherung von abgeschiedenem CO₂. „Debatten in der Vergangenheit haben gezeigt, dass die CO₂-Speicherung an Land wenig Rückhalt in der Bevölkerung findet“, so die Grünen-Politikerin. Ein Ausschluss trägt dementsprechend dazu bei, die öffentliche Akzeptanz für CCS zu sichern. Mit einer Speicherung in den Gebieten der ausschließlichen Wirtschaftszone und des deutschen Festlandsockels könne Deutschland aber einen Beitrag leisten, die Speicherkapazitäten in Europa zu erhöhen. „Die Landesregierung rechnet für Nordrhein-Westfalen im Jahr 2045 noch mit bis zu 17 Millionen Tonnen unvermeidbarer CO₂-Mengen pro Jahr, für die ein Umgang gefunden werden muss, um das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen“, erklärte die Ministerin. Für Prozessemissionen, die nicht durch den Einsatz von erneuerbaren Energien oder alternativen Verfahren vermieden werden könnten, sei CCS und die sogenannte CCU, also die stoffliche Verwertung von Kohlendioxid in chemischen Prozessen, die einzige Lösung. Dies betrifft insbesondere die Zement- und Kalkindustrie sowie die Abfallwirtschaft. An erster Stelle sollen aber grundsätzlich aber immer die Dekarbonisierung und Defossilisierung stehen.

Der Grünen-Politiker Tobias Goldschmidt, Minister für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur des Landes Schleswig-Holstein, erklärte: „Wir werden CCS brauchen, um klimaneutral zu werden und ab den 2040 er Jahren sogar alte Emissionen wieder aus der Atmosphäre zu holen.“ Er halte es deshalb für richtig, dass die Bundesregierung sich für diese Technologie öffnet: „Wir werden CCS brauchen, um klimaneutral zu werden und ab den 2040 er Jahren sogar alte Emissionen wieder aus der Atmosphäre zu holen“. CCS könnte angesichts der Umweltrisiken und erwartbar hohen Kosten aber nur eine Technologie für die letzte Meile auf dem Weg zur Klimaneutralität sein. Es dürfe „auf keinen Fall eine lebensverlängernde Maßnahme für fossile Technologien werden“. Der Einsatz von CCS müsse auf langfristig unvermeidbare Emissionen, etwa von der Zementindustrie oder von Müllverbrennungsanlagen, begrenzt bleiben. Niemand solle glauben, dass er sich beim Klimaschutz aufgrund der CCS-Technologie zurücklehnen könne.

Schleswig-Holstein gegen CSS-Anschluss für Gaskraftwerke
In einem wichtigen Punkt stellt Goldschmidt sich deshalb gegen seinen Parteifreund Habeck. Dieser will nur Kohlekraftwerke von der Nutzung der CCS-Infrastruktur ausschließen, nicht aber Gaskraftwerke. „Was CCS bei Gaskraftwerken anbelangt, haben wir uns in Schleswig-Holstein klar dagegen positioniert“, hält Goldschmidt dagegen. Man begrüße, dass der Bund hierfür keine Förderung vorsieht. Das entscheidende und günstigste Mittel im Kampf gegen die Klimakrise sei und bleibe, „die CO₂-Emissionen zu senken – und zwar schnell und drastisch“. Gleichwohl lässt der Minister für CCS-Projekte an Land für Schleswig-Holstein zumindest ein Türchen offen: „Ob die CCS-Technologie auch an Land zur Anwendung kommen wird, sollte aufgrund eines streng fachlichen Standortvergleichs entschieden werden“, erklärte er. Schleswig-Holstein sehe derzeit keinen Grund, am Verbotsgesetz zu rütteln. Kein anderes Bundesland leiste aktuell einen derart großen Beitrag zur Erreichung der bundesweiten Klimaziele.

Einen anderen Kurs verfolgen dagegen die Bundesländer Bayern, Bremen und Rheinland-Pfalz, die es derzeit noch offenlassen, ob sie CCS-Projekte auf dem eigenen Territorium verwirklichen wollen. Vor allem Bayern zeigte sich offen dafür. „Es sollten alle zur Verfügung stehenden Speicheroptionen für Kohlenstoffdioxid ergebnissoffen wissenschaftlich untersucht und hinsichtlich ihrer technologischen und ökologischen Eignung sowie ihrer wirtschaftlichen Bedeutung bewertet werden“, erklärte das Bayerische Wirtschaftsministerium. Auch die Nutzung des „Opt-In“ sollte auf Basis von wissenschaftlichen Fakten, wie etwa der nötigen Größe potenzieller Speicher und dem Schutz vor Leckagen, entschieden werden. Diese gelte es „hinsichtlich ihrer technologischen, ökologischen und ökonomischen Dimension zu bewerten“. Bayern rege daher an, dass in einem ersten Schritt derartige Analysen des Untergrunds zeitnah und bundeseinheitlich durchgeführt würden.

Nabu kritisiert zu starke Nutzung des Meeres, BDI begrüßt Kabinettsbeschluss
Während Hessen und Niedersachsen nicht auf die Anfrage antworteten, erklärten Hamburg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern, dass sich die Landesregierungen noch in der inhaltlichen Abstimmung befänden.

Kritik am Kurs der Bundesregierung kam am Mittwoch vom Vorsitzenden des Umweltverbands Nabu, Jörg-Andreas Krüger. Man erkenne zwar an, dass technische Lösungen beim Umgang mit unvermeidbaren Restemissionen eine Rolle spielten, warnt jedoch zugleich vor den ökologischen Folgen. Die Bundesregierung versäume es, „sich mit dem schon heute schlechten ökologischen Zustand unserer Meere und die mit dem Ausbau der CCS-Infrastruktur einhergehenden Risiken für die marine Biodiversität auseinanderzusetzen“, kritisiert der Nabu-Präsident. Es drohe ein „Industriepark Nordsee“.


NTV hier  Ein Kommentar von Volker Petersen  29.05.2024,

CO2 unter den Meeresboden? Ja bitte!


Meeresschutzgebiete bleiben für die CO2-Speicherung außen vor - und dort, wo es gemacht wird, ist das eine sichere Sache, sagen Experten.

Klimaschädliche Gase nicht in die Luft zu blasen und stattdessen weit unter der Erde zu speichern - das ist das Versprechen von CCS. Ausgerechnet zwei Umweltverbände sind dagegen. Doch die Ampel tut das Richtige, wenn sie genau das jetzt erlaubt.

Was die Bundesregierung heute beschlossen hat, klingt nach Höllenmaschine: Sie will es ermöglichen, gewaltige Mengen CO2 unter den Meeresgrund zu pumpen. Das Klimagas soll beispielsweise unter der Nordsee verschwinden. Umweltverbände wie die Deutsche Umwelthilfe und Greenpeace sind auf den Barrikaden. Die Nordsee solle nicht zur Klima-Mülldeponie werden, warnen sie. Kehrt man damit das Problem nicht einfach unter den Meeres-Teppich? Die kurze Antwort: mitnichten. Es ist richtig, CCS und CCU zu ermöglichen.

Regierung ermöglicht CO2-Speicher unter der Nordsee
CCS, das steht für Carbon Capture and Storage, also das Abfangen von CO2 und dessen Einlagerung. Carbon Capture and Utilization (CCU) meint das Gleiche mit einem Unterschied: Statt das klimaschädliche Gas einzulagern, soll es in der Industrie Verwendung finden. Etwa für die Produktion synthetischer Kraftstoffe. Das klingt vielversprechend, hat aber Grenzen. So sind die Einlagerungsmöglichkeiten naturgemäß nicht unendlich und für das Einlagern selbst wird auch wieder viel Energie benötigt.

Doch der Weltklimarat IPCC hat festgestellt: Ohne CCS und CCU können die Klimaziele nicht erreicht werden. Allein das sollte Grund genug sein, das bislang bestehende Verbot dieser beiden Techniken in Deutschland aufzuheben. Die Argumente von Greenpeace und DUH halten auch einer näheren Überprüfung kaum stand. Es sei unklar, ob das Gas überhaupt im Boden bleibt und nicht wieder in großen Mengen entweicht, behaupten sie. Doch das stimmt so nicht.

Naturschützer fordern CO2-Speicherung im Boden
Laut dem Helmholtz-Institut Geomar in Kiel ist das Risiko undichter unterirdischer Speicher sehr begrenzt. Von einer Million eingelagerten Tonnen CO2 würden nur zehn Tonnen wieder entweichen, heißt es dort. CO2-Abscheidung und geologische Speicherung bieten mehr Chancen als Risiken, argumentieren Christoph Hilgers und Frank Schilling vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Die Speicherung von CO2 im geologischen Untergrund sei möglich, schreiben sie in einem Beitrag für die Helmholtz-Klimainitiative. Kommerziell erfolgreiche Projekte in Norwegen hätten das bewiesen.

Keine großen Hoffnungen machen
Diese Fakten überzeugen nicht nur FDP und Robert Habeck - ausgerechnet die Umweltverbände NABU und WWF sind in dieser Frage mit dem Bund der Industrie (BDI) auf einer Linie. CCS und CCU sollten ein Baustein für den Klimaschutz sein, heißt es in einem gemeinsamen Thesenpapier. Insbesondere dort, wo auf absehbare Zeit ohne Kohle oder Gas nicht produziert werden kann. Beispiele dafür sind die Herstellung von Zement oder Rohstahl. Auch Ottmar Edenhofer vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung hält die CO2-Entnahme aus der Luft für unabdingbar zur Erreichung der Klimaziele.

Die falsche Panik vor dem "Klimamüll"
Das Kieler Geomar-Institut zeigt aber auch die Grenzen der Technik auf: Mindestens zehn Jahre dauere es, bis ein Standort ausreichend auf seine Eignung als CO2-Lager überprüft worden sei. Weitere fünf Jahre würden benötigt, um eine spezifische Anlage zu bewerten und die nötigen Genehmigungen zu bekommen. Das würde bedeuten: Selbst wenn man sofort loslegt, könnte frühestens 2039 CO2 in der deutschen Nordsee eingelagert werden. Auch wenn es womöglich schneller geht - CCS und CCU sind Langzeitprojekte mit begrenzter Wirkung.

Insofern ist ein Argument der Kritiker trotz durchaus stichhaltig: CCS und CCU dürfen nicht zur Ausrede werden, den Klimaschutz auf die lange Bank zu schieben. Nach dem Motto: Wir fangen das CO2 ein und machen weiter wie bisher. Auch da sind sich alle Experten einig. Der beste Weg ist und bleibt die Vermeidung von Kohlenstoffdioxid. Aber das allein reicht einfach nicht.


TAZ hier

Zu viel „Pragmatismus“

Die Ampel-Koalition will die CO2-Speicherung für fossile Kraftwerke erlauben. Statt Greenwashing zu ermöglichen, sollten Emissionen vermieden werden.

Technologieoffenheit auch für Blödsinnstechnologien, anders scheint es nicht zu gehen bei der Ampel. Am Mittwoch hat das Bundeskabinett ein CO2-Speichergesetz beschlossen. Es geht darum, dass das Treibhausgas Kohlendioxid unterirdisch gespeichert werden darf, wo es dann nicht mehr die Atmosphäre aufheizen kann. Vor allem geht es um Lager unter der Nordsee. Dafür muss das Gas erstmal gesammelt werden. Das heißt: Entweder man filtert es mühsam aus der Luft, oder man scheidet es direkt bei der Entstehung in fossilen Kraftwerken und Industrieanlagen ab.

Das Problem ist: Die Technologien sind noch in frühen Entwicklungsstadien. Der Erfolg bisheriger Projekte lässt zu wünschen übrig. Ein großer Teil des Gases entweicht dabei immer noch in die Luft. Die Bundesregierung will dennoch auch den Einsatz in Gaskraftwerken zulassen. Das ist keine gute Idee. Stattdessen sollte es darum gehen, die Gewinnung von Strom und Wärme möglichst schnell erneuerbar zu machen.

Außerdem ist das unterirdische CO2-Speichern nicht komplett risikofrei. Lecks wären ein Problem für Tiere und Pflanzen in der Nordsee, der positive Klimaeffekt wäre natürlich auch dahin. Sowieso gibt es nicht unendlich viele Lagerkapazitäten. Das alles spricht dafür, die CO2-Abscheidung nur dort zum Einsatz zu bringen, wo Treib­hausgase bisher praktisch unvermeidlich sind, wie in manchen Industrieprozessen – und die Emissionen in allen anderen Fällen gleich gänzlich zu vermeiden.

Natürlich zwingt niemand Energiekonzerne, auf die CO2-Abscheidung zu setzen. Sie werden es in vielen Fällen auch tunlichst vermeiden, denn das Ganze wird auf absehbare Zeit teuer bleiben. Sie können aber auf einen möglichen Einsatz verweisen, um jetzt ihr fossiles Geschäftsfeld zu legitimieren. Unschön.

Von „Klimapragmatismus“ hat Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Mittwoch gesprochen. Jedoch, bei zu viel „Pragmatismus“ droht der Klimaschutz auf der Strecke zu bleiben. Die Abgeordneten des Bundestags sollten versuchen, wieder ein bisschen reine Lehre ins Gesetz zu bekommen – um Risikotechnologien nicht mehr als unbedingt nötig zu nutzen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen