Sonntag, 12. Mai 2024

Was die Verkehrswende kostet - Politisches Zögern hat einen Preis

Süddeutsche Zeitung hier 13. Mai 2024  Von Vivien Timmler, Berlin

Politisches Zögern hat einen Preis, zeigt eine neue Studie. Der bemisst sich entweder in Geld - oder in Treibhausgasen. Wie die Regierung mit den richtigen Maßnahmen beides einsparen könnte.

Es muss nicht teuer werden. Aber es kann. Und zwar dann, wenn im deutschen Verkehrssektor alles einfach so weiterläuft wie bisher. Das ist das Ergebnis einer Studie von Prognos im Auftrag des Thinktanks Agora Verkehrswende. Sie zeigt: Je länger die Politik mit Klimaschutzmaßnahmen zögert, umso teurer wird es. Dabei wäre es durchaus möglich, den Verkehrssektor bis 2045 ohne Mehrkosten oder Mobilitätseinbußen klimaneutral zu machen. 


"Schnelles Handeln zahlt sich aus,
politisches Zögern hat einen Preis",
ist das Fazit der stellvertretenden Direktorin der Agora Verkehrswende, Wiebke Zimmer.


Für die Studie haben die Forscher drei verschiedene Szenarien miteinander verglichen. Das erste Szenario stellt ein klimapolitisches "Weiter so" dar, bei dem sowohl die Klimaziele für 2030 als auch jene für 2045 verfehlt werden - eigentlich keine politische Option. Dennoch: In diesem Szenario würde die Verkehrswende der Studie zufolge bis 2045 insgesamt etwa 9,7 Billionen Euro kosten. Indirekte Kosten für Klimaschäden infolge des weiteren CO₂-Ausstoßes sind da bereits eingerechnet.

Sollte Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) sich hingegen zeitnah dafür entscheiden, zumindest das Ziel für 2045 doch erreichen zu wollen, dann wird das den Forschern zufolge nicht etwa teurer. Im Gegenteil: Würde er ab 2025 ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen ergreifen - welche, ist in der Studie nicht weiter konkretisiert -, könnte die Regierung in den kommenden 20 Jahren insgesamt etwa 60 Milliarden Euro sparen, vor allem aufgrund der geringeren Klimaschäden. Sollte erst Ende des Jahrzehnts ein politisches Umdenken stattfinden, würde es hingegen richtig teuer: Mehr als eine halbe Billion Euro mehr müsste die Bundesregierung dann aufbringen im Vergleich zum Status quo, bei dem die Klimaziele aber eben auch verfehlt werden, so die Studie.


"Würde die Bundesregierung
nach volkswirtschaftlicher Logik handeln,
müsste sie beim Klimaschutz im Verkehr
schnell alle Hebel in Bewegung setzen"
sagt Zimmer. 

Zwar brauche es anfangs tatsächlich höhere Investitionen, um die Verkehrswende in Gang zu setzen, vor allem für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und für die Anschaffung von E-Fahrzeugen. Insgesamt aber koste es nicht mehr, die Klimaziele zu erreichen. 


"Vor allem braucht es mehr politischen Willen"
sagt sie.


Der fehlt im FDP-geführten Bundesverkehrsministerium (BMDV) gar nicht unbedingt. So hat Wissing unlängst etwa für einen Infrastrukturfonds plädiert, um darin die Finanzmittel für Straßen, Schienen, Brücken und Wasserwege zu bündeln und langfristig zu sichern. Es fehlt vielmehr an Quellen, aus denen sich ein solcher Fonds speisen könnte. "Die Bundesregierung spielt eine entscheidende Rolle, um die höheren Anfangsinvestitionen möglich zu machen, sagt Carl-Friedrich Elmer, Projektleiter Verkehrsökonomie bei Agora Verkehrswende. "Sie muss eine Lösung finden, wie die öffentliche Hand schnell, langfristig verlässlich und im erforderlichen Umfang in Klimaschutz investieren kann."

Eine Verkehrsverlagerung ist möglich

Im Gegensatz zu anderen Studien geht das Papier der Agora Verkehrswende in allen drei Szenarien von der gleichen Menge Mobilität aus. Diese verteilt sich nur unterschiedlich auf die einzelnen Verkehrsträger, je nachdem, wann mit konsequentem Klimaschutz begonnen wird. So spielen der ÖPNV, das Fahrrad und auch der Fußverkehr in den Szenarien "Wende 2025" und "Wende 2030" eine größere Rolle als im Status-Quo-Szenario, beide gehen zudem von einem zurückgehenden motorisierten Individualverkehr aus. Die Verkehrsverlagerung würde also gelingen. Im Szenario "Weiter so" hingegen nimmt die Bedeutung des Autoverkehrs bis 2045 sogar zu: Die Zahl der Fahrzeuge würde demnach bis 2045 auf 54 Millionen Pkw steigen, immerhin 83 Prozent davon wären rein elektrisch.

Würde die Politik schärfere Klimaschutzmaßnahmen im Verkehr ergreifen, hätte das unmittelbare Auswirkungen auf den Fahrzeugbestand in Deutschland, zeigt die Studie: Für beide Wende-Szenario rechnen die Forscher nur noch mit 33 Millionen Autos. Sie warnen jedoch: Würde man bis 2030 mit dem Klimaschutz warten, so müssten 2045 praktisch alle Fahrzeuge elektrisch sein, um die Mehremissionen aus den Vorjahren überhaupt kompensieren zu können. Dies sei nur mit einer Stilllegung von noch betriebstüchtigen Verbrennern möglich. Und das dürfte auch in einem Deutschland des Jahres 2045 undenkbar sein. Ein weiteres Argument dagegen, mit dem Klimaschutz bis 2030 zu warten, so die Forscher - und dafür, aus volkswirtschaftlichen Erwägungen heraus eher früher als später damit zu beginnen.


Zeit hier  13. Mai 2024, Quelle: ZEIT ONLINE, dpa, ast


Studie: Verzögerte Verkehrswende würde laut Studie deutlich teurer


Eine Studie der Analyseagentur Agora Verkehrswende kommt zu dem Schluss: Die Verkehrswende kostet umso mehr, je länger die Regierung auf strikte Maßnahmen verzichtet.

Je länger die Politik mit Maßnahmen für einen klimaneutralen Verkehr zögert, umso teurer wird die Verkehrswende einer Studie zufolge. "Politisches Zögern hat einen Preis", heißt es in der Analyse der Agora Verkehrswende, einer gemeinnützigen Organisation für wissenschaftliche Politikberatung.
Dieser bemesse sich entweder in Geld oder in Treibhausgasen, mit all den damit verbundenen Risiken. Mit einer zeitnahen ambitionierten Klimapolitik für den Verkehrssektor könnte die Bundesregierung hingegen sogar etwas sparen im Vergleich zu einem verkehrspolitischen "Weiter so".

Aktuelle Maßnahmen verfehlen laut Studie Ziele

In der Studie untersuchte die Organisation drei verschiedene Szenarien mit unterschiedlich weitreichenden Klimaschutzmaßnahmen im Verkehrssektor. Als Referenzszenario diente dabei die aktuelle Politik einschließlich geplanter, aber noch nicht beschlossener Maßnahmen. "In diesem Referenzszenario sinken die Treibhausgasemissionen des Verkehrs bis 2030 auf 111 Millionen Tonnen und bis 2045 auf rund 15 Millionen Tonnen", schreiben die Autoren. Damit werde sowohl das Klimaziel für den Verkehrssektor für 2030 sowie das Nullemissionsziel für 2045 verfehlt.

Zwei weitergehende Szenarien beruhen auf der Annahme, dass ambitioniertere Klimaschutzprogramme ab 2025 beziehungsweise ab 2030 aufgelegt werden. In diesen beiden Varianten würde die Klimaneutralität im Verkehr bis 2045 erreicht. Das 2030-Szenario wäre dabei aber mit deutlich höheren Ausgaben verbunden – auch im Vergleich zum Referenzszenario, in dem alles so bleibt wie aktuell. Schließlich müssten dort in kürzerer Zeit mehr Anstrengungen unternommen werden, um die Klimaneutralität noch zu erreichen.

Szenarien gehen von weniger Autoverkehr aus

Alle drei Szenarien gehen von der gleichen Menge an Mobilität aus. Doch diese verteilt sich je nach Variante unterschiedlich auf die einzelnen Verkehrsträger. Der öffentliche Verkehr – also der Bus-, Bahn-, Fahrrad- und Fußverkehr – spielt in den Szenarien 2025 und 2030 langfristig eine deutlich größere Rolle als beim Referenzszenario. Dort nimmt die Bedeutung des Autoverkehrs bis 2045 sogar zu. Hier steht nicht die Reduzierung des Autoverkehrs im Vordergrund, sondern der Ersatz von Verbrennern durch Elektroantriebe.

Dabei liegt der Elektroanteil beim 2025-Szenario deutlich höher als im Referenzszenario und am höchsten in der Variante 2030. Beide Wege gehen aber von einer deutlichen Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs aus.

Würde die Bundesregierung alles so weiterlaufen lassen wie bisher, müsste sie der Studie zufolge für die Verkehrswende bis 2045 rund 9,7 Billionen Euro ausgeben – indirekte Kosten für Klimaschäden infolge des weiteren CO₂-Ausstoßes mit eingerechnet. Die Klimaziele im Verkehrssektor würde sie trotz dieser enormen Summe verfehlen. Etwas günstiger käme sie weg, wenn sie spätestens ab 2025 Maßnahmen ergreift, mit denen sich das Nullemissionsziel im Verkehr innerhalb der nächsten 20 Jahre noch erreichen ließe. Aufgrund der geringeren Klimaschäden sparte die Regierung in diesem Szenario rund 60 Milliarden Euro.

Spätes Umlenken würde teuer

Deutlich teurer würde demnach ein Umlenken ab 2030. Zwar könnte nach Einschätzung der Verfasser auch dann noch das Klimaziel erreicht werden, allerdings bräuchte es dafür größere und vor allem teurere Anstrengungen: Mehr als eine halbe Billion Euro mehr müsste die Bundesregierung dafür aufbringen im Vergleich zu der Situation, in der sich nichts an der Planung ändert.

"Wenn wir schnell und entschlossen handeln, kann der Verkehrssektor bis 2045 klimaneutral werden", sagte die stellvertretende Direktorin der Agora Verkehrswende, Wiebke Zimmer. "Das gelingt ohne Mehrkosten im Zeitraum bis 2045." Anfangs brauche es höhere Investitionen, in Summe aber nicht mehr Geld. "Vor allem braucht es mehr politischen Willen", sagte Zimmer.

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