Sonntag, 1. Februar 2026

Klimaziel in Gefahr - Kraftstoffverkauf steigt wieder

 

ARD hier  29.01.2026 Von Christian Baars und Oda Lambrecht, NDR


Der Verbrauch von Benzin und Diesel ist 2025 nicht wie erhofft gesunken, sondern leicht gestiegen. Der Straßenverkehr verursachte damit offenbar erstmals so viele Treibhausgase wie die gesamte Industrie.

Um die Erderhitzung auszubremsen, muss der Verbrauch klimaschädlicher Kraftstoffe zurückgehen. Doch 2025 ist der Absatz von Benzin und Diesel in Deutschland sogar wieder gestiegen - um etwa ein Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das zeigen vorläufige Daten der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, einer Gruppe aus Wirtschaftsverbänden und Instituten, die den Energieverbrauch in Deutschland auswertet.

Autos, LKW, Busse und Motorräder waren damit im vergangenen Jahr für rund 142 Millionen Tonnen CO2 verantwortlich - etwa genauso viel wie die gesamte Industrie in Deutschland. Es sei dringend eine Trendwende notwendig, damit Deutschland wie vereinbart bis 2045 klimaneutral werden könne, sagt deshalb Wiebke Zimmer, stellvertretende Direktorin der Organisation Agora Verkehrswende.

"Müssen Klimaschutzziele deutlich schneller erreichen"
Auch die Organisation Transport and Environment mahnt, der Kraftstoffverbrauch müsste bis 2030 deutlich zurückgehen, bei Diesel fast um die Hälfte, bei Benzin um etwa ein Drittel.
Denn wenn es so weitergehe wie zuletzt, würden fossile Brennstoffe erst in den 2060er-Jahren vollständig abgeschafft sein.

Der Staatsekretär im SPD-geführten Klimaschutzministerium, Jochen Flasbarth, räumt im Interview mit dem ARD-Magazin Panorama ein: "Wir müssen im Verkehr deutlich schneller werden, was das Erreichen von Klimaschutzzielen angeht." Wenn Kraftstoffverbräuche stiegen, sei das kein gutes Zeichen, so Flasbarth, es sei klar, man müsse weg vom Verbrenner.

Mineralölindustrie spricht von "kleinem Absatzplus"
Das CDU-geführte Bundesverkehrsministerium teilt dem NDR schriftlich mit, es lägen noch "keine abgestimmten Daten zum tatsächlichen Treibhausgasausstoß im Verkehrssektor" vor. "Ein alleiniger Rückschluss auf den Kraftstoffabsatz" erlaube keine verlässliche Aussage über die tatsächliche Emissionsentwicklung.

Und der Verband der Mineralölindustrie, En2X, schreibt, dass "kleine Absatzplus" erkläre sich unter anderem durch ein "Post-Pandemie-Comeback". Langfristig geht der Wirtschaftsverband weiter von einem "sinkenden Kraftstoff-Absatz" aus.

80 Prozent der Neuwagen sind Verbrenner
Der Grund für den aktuell hohen Spritverbrauch: Auf deutschen Straßen fahren nach Daten des Kraftfahrtbundesamts immer noch mehr als 47 Millionen Verbrenner-PKW. Dagegen sind nur rund zwei Millionen E-Autos zugelassen. Dabei hatte die ehemalige Ampel-Regierung aus SPD, Grünen und FDP das Ziel von 15 Millionen Elektroautos bis 2030 ausgegeben. 

Nach einer Prognose des Umweltbundesamtes liegt das Ziel inzwischen aber außer Reichweite, die Behörde rechnet 2030 nur mit 8,7 Millionen E-Wagen.Zwar ist die Zahl der neu zugelassenen E-Autos zuletzt gestiegen, aber noch immer hatten vergangenes Jahr mehr als 80 Prozent der Neuwagen einen Verbrennungsmotor. Außerdem wurden die meisten E-Autos offenbar zusätzlich angeschafft, denn die Zahl der Verbrenner ist nur leicht gesunken.

Tanken war 2025 so günstig wie zuletzt 2021
Auch die vergleichsweise niedrigen Preise für Superbenzin und Diesel im vergangenen Jahr dürften dazu beigetragen haben, dass der Kraftstoffverbrauch leicht gestiegen sei, vermutet die Organisation Agora Energiewende. Tanken war 2025 so günstig wie seit 2021 nicht mehr.

Dabei sollte Autofahren mit fossilen Kraftstoffen eigentlich teurer und damit unattraktiver werden. Das war bereits das erklärte Ziel der früheren schwarz-roten Regierung. Sie hatte 2019 einen CO2-Preis auf Benzin und Diesel auf den Weg gebracht, der ab 2021 Jahr für Jahr steigen sollte. Mittlerweile liegt er bei etwa 15 Cent pro Liter. Doch wegen niedriger Ölpreise ist der CO2-Zuschlag kaum spürbar.

Auch die EU hatte eigentlich darauf gesetzt, Autofahrer durch höhere Sprit-Preise zu einem Umstieg auf E-Wagen zu bewegen. 2027 sollte ein Emissionshandel für den Verkehrs- und Gebäudesektor starten. Der CO2-Preis hätte sich dann nach der Nachfrage gerichtet. Je höher der Spritverbrauch, desto teurer wäre das Tanken geworden. Doch ein Jahr vor dem geplanten Start wurde die Einführung auf 2028 verschoben und zusätzliche Mechanismen eingeführt, um einen zu starken Preisanstieg in den ersten Jahren zu verhindern.

Deutsche Umwelthilfe befürchtet Scheitern bei Klimaziel
Das zweite zentrale Instrument der EU, um die Emissionen im Verkehr zu senken, steht mittlerweile ebenfalls in Frage: das sogenannte Verbrenner-Aus. Die Regel sieht vor, dass Hersteller eine Strafe zahlen müssen, wenn ihre Neuwagen im Schnitt zu hohe Emissionen verursachen. Ab 2035 soll dieser "CO2-Flottenzielwert" bei Null liegen. Die EU-Kommission hat jedoch im Dezember - auch auf Druck der Bundesregierung - vorgeschlagen, dass nach 2035 noch einige Verbrenner neu zugelassen werden dürfen. Darüber wird nun in der EU beraten.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) befürchtet deshalb nun einen massiven Rückschritt. "Mit dieser Entwicklung wären die Klimaziele im Verkehrssektor unmöglich einzuhalten", schreibt die DUH. Die Bundesregierung hatte schon im vergangenen Sommer in ihrem eigenen Klimaschutzbericht geschrieben, dass der Verkehrssektor seine Klimaziele bis 2030 voraussichtlich verfehlen werde.

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