hier Meinung von Maria Stich 4. Mai 2026
Katherina Reiche ist das neue Gesicht der Klimabewegung
Die Politik der Wirtschafts- und Energieministerin könnte eine Welle des Protests auslösen – auch außerhalb der Ökobubble und über Parteigrenzen hinweg.
Es vergeht derzeit kaum ein Tag, an dem Bundeswirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU) keine neue Schlagzeile produziert. Sie legt in Sachen Energiewende gerade keine Vollbremsung hin, sondern schaltet vielmehr in den Rückwärtsgang – und steuert mit dem Verbrenner, eine Hand auf der Gasheizung, zurück in eine fossile Zukunft.
Ich glaube: Etwas Besseres hätte der Klimabewegung in Deutschland gerade nicht passieren können! Reiches Politik hat das Potenzial, viele Menschen zu mobilisieren und die immer wieder für tot erklärten Klimaproteste wiederzubeleben.
Aus dem Dornröschenschlaf erwacht
Tot waren die Proteste zwar nie wirklich. Fridays for Future und andere For-Future-Gruppen rufen nach wie vor regelmäßig zu deutschland- und weltweiten Klimastreiks auf; die inzwischen in Neue Generation umbenannte Letzte Generation probiert sich an einem »Parlament der Menschen« vor dem Berliner Reichstagsgebäude; und lokale Gruppierungen setzen sich kontinuierlich für klimafreundliche Stadtplanung in ihren Kommunen ein.
Aber es stimmt: An die großen Demonstrationen von 2019, an denen sich teils über eine Million Menschen beteiligten, oder an die aufmerksamkeitsstarken »Klimakleber« reichten die Aktionen nicht mehr heran. Die Klimabewegung war nicht tot, aber eingeschlafen.
Jetzt scheint sie langsam aufzuwachen. An einem Wochenende Mitte April gingen über 80.000 Menschen in 4 Städten unter dem Motto »Erneuerbare Energien verteidigen« auf die Straße. Auf die Beine gestellt wurde die Aktion von einem breiten Bündnis an Klima- und Umweltschutzorganisationen sowie Sozialverbänden. Nur eine Woche später folgten weitere Demonstrationen in über 60 Städten in ganz Deutschland.
Ende Gelände, eine Bewegung des zivilen Ungehorsams, die maßgeblich den Protest gegen den Abbau von Braunkohle in Deutschland geprägt hat, kündigte für Ende Mai zum ersten Mal seit Jahren Massenaktionen an: gegen die von der Bundesregierung geplanten neuen Gaskraftwerke.
Die fast im täglichen Takt von Katherina Reiche angekündigten (aber großteils längst nicht umgesetzten) Gesetzesänderungen gießen Öl ins Feuer der Bewegung – das zu einem Flächenbrand in der Bevölkerung werden könnte.
Warum sollen neue Gaskraftwerke gebaut werden?
Um künftig die Energieversorgung bei Dunkelflauten – wenn weder Wind weht noch die Sonne scheint – abzusichern und Schwankungen auszugleichen, braucht es Reservekapazitäten. Denkbar sind Batteriespeicher, Techniken wie Power-to-Gas oder Gaskraftwerke. Das Wirtschaftsministerium setzt auf letztere: Neue Anlagen mit einer Leistung von insgesamt 9 Gigawatt (das entspricht etwa 20 großen Erdgaskraftwerken) sind geplant. Bis 2045 müssen sie klimaneutral arbeiten, also beispielsweise mit mittels Ökostrom erzeugtem Wasserstoff. Ob diese Umstellung tatsächlich möglich ist, ist umstritten.
Das Paradox der Mobilisierung
Hat man der Frau mit Haaren so schwarz wie Rohöl bei Amtsantritt vielleicht noch einen Vertrauensvorschuss gewährt – ihre Erfahrungen aus der Energiewirtschaft hätten ja durchaus einen Mehrwert für ihr politisches Amt haben können! –, so scheinen sich inzwischen alle Befürchtungen zu bewahrheiten, dass sie aufgrund ihres vorherigen Jobs (Geschäftsführerin bei Westenergie) befangen ist. Ihre unverhohlene Nähe zur Gaswirtschaft wirkt wie die Karikatur einer lobbyfreundlichen Politikerin.
Sie will auf der einen Seite ein überarbeitetes »Heizungsgesetz« durchsetzen, das weiter neue Gas- und Ölheizungen erlaubt, will die Gasförderung in Deutschland ausweiten und räumt neuen Gaskraftwerken Priorität ein.
Auf der anderen Seite bremst sie den Ausbau der erneuerbaren Energien: keine Förderung mehr für neue, kleine Solaranlagen auf Hausdächern; weniger Geld für Betreiber von Windparks, wenn deren Anlagen abgeregelt werden müssen. Klimaneutralität bis 2050? Auch das stellt sie infrage.
Über Reiches Pläne hat mein Kollege Felix Austen bereits in diesem Artikel ausführlich geschrieben:
Heizungsgesetz: Union zeigt Mietern und Klima den Mittelfinger hier
Das klare Bild einer gasfreundlichen, gegenüber erneuerbaren Energien skeptischen Lobbyvertreterin – in seiner Zuspitzung beinahe karikaturhaft – macht sie für Teile der Klimabewegung zur Projektionsfläche. Sie steht exemplarisch für vieles, was in der Klimapolitik kritisiert wird.
So lässt es sich für die Klimabewegung natürlich deutlich besser gegen Katherina Reiche und ihre Politik mobilisieren als gegen den ehemaligen grünen Wirtschaftsminister Robert Habeck. Zwar fiel auch in seine Amtszeit eine Energiekrise. Und auch unter ihm lief die Klimapolitik in Deutschland alles andere als perfekt. Man denke nur an das abgeschwächte Klimaschutzgesetz. Oder den Neubau von Flüssiggasterminals im Eiltempo, die zwar als notwendige Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine galten, aber die Abhängigkeit von fossiler Energie nur weiter zementierten.
Auf der Habeck-Haben-Seite steht gleichzeitig der starke Fokus auf den schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien – und das ist schließlich eine der zentralen Forderungen der Klimabewegung. Dadurch schien es damals wohl einfach nicht dringlich genug, auf die Straße zu gehen. Im Angesicht einer okayen Klimapolitik motiviert man niemanden zu lautstarkem Protest.
Valentin Ihßen spricht in einer Folge des Podcasts »Was tun?« von einer Art Mobilisierungsparadox.Seine These: Soziale Bewegungen sind immer dann besonders stark, wenn der Gegner übermächtig scheint, und besonders schwach, wenn politisch Verbündete in Regierungsmacht sind.
Wie klimaschädlich ist Erdgas im Vergleich zu Kohle?
Bei der Verbrennung von Erdgas wird etwas weniger CO2 in die Atmosphäre freigesetzt als bei der Verbrennung von Kohle. Allerdings entweicht schon vorab, bei der Förderung und beim Transport, jede Menge Methan, aus dem Erdgas hauptsächlich besteht. Methan ist ein starkes Klimagas – es baut sich in der Atmosphäre zwar mit der Zeit ab, wirkt aber über einen Zeitraum von 20 Jahren über 80-mal stärker als das Treibhausgas CO2. In der Gesamtbilanz kann in den USA mittels Fracking gewonnenes, verflüssigtes und per Schiff nach Europa transportiertes Erdgas sogar schlechter abschneiden als Kohle.
Unwahrscheinliche Allianzen
Dass mit Katherina Reiche aktuell
eine mutmaßliche Fossillobbyistin
eine Schlüsselposition in der Regierung innehat –
darin steckt für die Klimabewegung also viel Potenzial.
Aber die aktuelle Energiekrise und wie sie diese handelt,
ist eben nicht nur eine Klimafrage.
Sondern auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit
und wirtschaftlicher Sicherheit.
Damit könnte man auch Bürger:innen außerhalb der Ökoblase auf die Straßen ziehen. Auch Unternehmen und Kommunen könnten Verbündete in dieser Allianz werden.
Groß genug sind der Frust und die Aufbruchsstimmung allemal:
Die Bürger:innen wollen raus aus fossilen Abhängigkeiten!
Laut einer repräsentativen Yougov-Umfrage im Auftrag der Solarbranche von Anfang April empfinden 78% der Befragten die Abhängigkeit Deutschlands von Öl- und Gasimporten als bedrohlich. 68% fordern von der Bundesregierung, die Erneuerbaren und die Speicher auszubauen, um diese Abhängigkeit zu reduzieren.
Mit Beginn des Krieges im Iran nahmen es schon viele – die es sich leisten können – selbst in die Hand:
- Seit März wurden 50.000 neue Balkonkraftwerke installiert, die Zahl der E-Auto-Verkäufe stieg um 66%.
- Unternehmen haben die Nase voll von politischem Hickhack!
Anfang März unterzeichneten 1.700 Unternehmen einen Appell gegen die Energiepolitik der Bundesregierung, insbesondere gegen die Reform des Gebäudemodernisierungsgesetzes.
Durch die Pläne von Reiches Ministerium drohten »massive Einbrüche bei Aufträgen für Handwerk, Bau- und Energiebranche«, die Wärmeplanung von Kommunen würde entwertet werden. - Und auch in einem aktuellen Artikel des Manager Magazins heißt es: Die Rückwärtsrolle in der Energiewende sorge für massive Verunsicherung, Reiche setze damit Milliardeninvestitionen der Konzerne aufs Spiel.
- Kommunen profitieren finanziell von der Energiewende! Wenn sie die momentanen Ausbauziele für Wind- und Solaranlagen erreichen, könnten Städte und Landkreise in Deutschland ihre Einnahmen mehr als verdoppeln. Vor allem in ländlichen Regionen kann der Ausbau die regionale Wirtschaft ankurbeln und für höhere Steuereinnahmen sorgen. Das ergab eine Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung und des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln Consult.
In Zeiten klammer Kassen in vielen Kommunen seien diese Ergebnisse »Goldstaub« und jede:r Bürgermeister:in in Deutschland sollte diese Studie lesen, meint Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Die Studie wurde übrigens vom Wirtschaftsministerium der Ampelregierung in Auftrag gegeben – das aktuelle Wirtschaftsministerium kommunizierte die Ergebnisse aber nicht und versteckte sie auf einer Unterwebsite der Ministeriumswebsite. Wieso bloß?
Bürger:innen, Unternehmen, kommunale Vertreter:innen, Klimaaktivist:innen – gemeinsam könnten sie eine breite Bewegung gegen die fossile Energiepolitik der Bundesregierung und für mehr Klimaschutz auf die Beine stellen. Sie könnten zeigen: Alle Argumente, mit denen man noch mehr oder weniger nachvollziehbar eine konsequente Energiewende hinauszögern hat können, sind aktuell wie weggefegt.
Wind und Sonne sollen aufgrund der berüchtigten Dunkelflaute zu unsicher sein?
Fossile sind aufgrund der von Trump, Putin und Co. verursachten geopolitischen Dunkelflauten viel unsicherer.
Klimaschutz würde finanziell schlechter gestellte Haushalte teuer zu stehen kommen, solange es keinen Mechanismus zur sozialen Abfederung gebe?
Unberechenbare Benzinpreise und die Gaskostenfalle kommen sie jetzt schon teuer zu stehen – obwohl fossile Energieträger bereits milliardenschwer subventioniert werden.
Deutschland könne nicht im Alleingang die Welt und das Klima retten?
Keine Sorge, andere Länder sind da bereits viel weiter.
Eine Koalition der Willigen
Ein Blick in andere Länder zeigt auch, was alles möglich ist. Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu stellte unlängst einen nationalen Elektrifizierungsplan vor. Derzeit decken fossile Brennstoffe rund 60% des Energiebedarfs unseres Nachbarlandes. Um das zu ändern, wird dort nun unter anderem umgesetzt, was hierzulande durch die von der Bildzeitung inszenierte »Heizhammer«-Kampagne eine Regierungskrise auslöste: Gasheizungen dürfen ab Ende des Jahres nicht mehr in neuen Gebäuden verbaut werden, elektrische Heizungen sollen zum Standard werden.
Auch der Anteil von E-Autos an verkauften Neuwagen soll bis 2030 auf 2/3 steigen. Haushalte mit niedrigem Einkommen erhalten bei der Anschaffung Unterstützung, ebenso wie Menschen in Berufen, die zwingend auf ein Auto angewiesen sind – also beispielsweise Handwerker oder mobile Pflegekräfte.
Aber nicht nur Frankreich ist ein Beispiel dafür, dass Katherina Reiches Weg alles andere als der einzig gangbare ist. Vergangene Woche kam eine Art Koalition der Willigen in der kolumbianischen Küstenstadt Santa Marta zusammen. Vertreter:innen aus über 50 Staaten berieten dort über den weltweiten Ausstieg aus allen fossilen Brennstoffen (ja, auch aus Gas, liebe Frau Reiche).
Es war die erste Konferenz dieser Art – eine Reaktion auf die zähen Verhandlungen auf Weltklimakonferenzen, deren Ergebnisse allzu oft von der Fossilenlobby verwässert werden. Für Deutschland war niemand vom Wirtschaftsministerium vertreten. Aber immerhin Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit.
Der Frust über die eigene Regierung
und der Blick auf andere Länder, die zeigen, was möglich ist:
Das sind die perfekten Bedingungen f
ür eine neu aufblühende, starke Klimabewegung.
Sie wird aber auch dringender gebraucht denn je. Denn das ist kein Selbstläufer: Ohne beharrlichen Druck – von unten, von der Seite und von oben – wird Reiche vor allem denjenigen Interessen folgen, denen sie sich verpflichtet fühlt, nicht denen der Allgemeinheit.
Die Klimakrise ist eine Ressourcenkrise. Wasser, fruchtbarer Boden, bewohnbarer Lebensraum – all das wird immer ungleicher auf der Welt verteilt sein, je stärker sich die Erde erhitzt. Maria fragt sich: Wie können wir Ressourcen künftig klüger und gerechter nutzen? Nicht nur materielle, sondern auch persönliche. Also: Wie können einzelne Menschen etwas in der Welt bewegen?
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