Sonntag, 3. Mai 2026

Oha, eine mutige Prognose noch für dieses Jahr 2026

Wunschtraum oder wirkliche Prognose?
Für Deutschland könnte es doch eigentlich nur noch besser werden.....

David B. / LinkedIn

Daniel Günther wird Friedrich Merz als Bundeskanzler ablösen. Dieses Jahr noch. 


Eine politische Prognose von David Berger, 02.05.2025

Die Vorstellung, dass Daniel Günther zum Nachfolger von Friedrich Merz im Amt des Bundeskanzlers wird, lässt sich als Ergebnis längerfristiger politischer Dynamiken deuten. Bereits im Jahr 2024 existieren entsprechende Überlegungen innerhalb der Union.

Diese Entwicklung ist nicht nur Ausdruck parteiinterner Strategien, sondern auch Folge der schwierigen Mehrheitsverhältnisse im deutschen Parteiensystem.

Friedrich Merz galt lange als Hoffnungsträger eines konservativen Politikwechsels. Doch seine Kanzlerschaft stand von Beginn an unter erheblichen Spannungen, insbesondere im Verhältnis zu Bündnis 90/Die Grünen. 

Die Grünen lehnen eine enge Zusammenarbeit mit Merz wiederholt ab, da grundlegende politische Differenzen etwa in der Klima-, Sozial- und Europapolitik bestehen.
In einem zunehmend fragmentierten Parlament kann Merz jedoch kaum stabile Mehrheiten organisieren. Diese strukturelle Lage führt dazu, dass seine politische Agenda ins Stocken gerät und seine Position geschwächt wird.

Vor diesem Hintergrund erscheint Daniel Günther als alternative Führungsfigur innerhalb der Union. Als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein zeigt er, dass politische Führung unter Bedingungen knapper Mehrheiten vor allem Anpassungsfähigkeit erfordert.
Sein Stil ist weniger ideologisch festgelegt als vielmehr von pragmatischer Abwägung geprägt.
Nicht die Nähe zu bestimmten Parteien steht im Vordergrund, sondern die Fähigkeit, unter gegebenen Umständen handlungsfähig zu bleiben.

Auch Günthers Distanz zur FDP lässt sich unter diesem Blickwinkel verstehen. Sie verweist weniger auf inhaltliche Gegensätze als auf eine strategische Priorisierung: Entscheidend ist, welche Konstellation unter den bestehenden Kräfteverhältnissen tragfähig ist.
Der Opportunismus besteht hier nicht im beliebigen Wechsel von Positionen, sondern in der nüchternen Anpassung an politische Realitäten.

Insgesamt deutet dieses Szenario auf einen Wandel innerhalb der CDU hin. An die Stelle eines stärker konfrontativen Politikstils tritt ein Ansatz, der sich an Handlungsfähigkeit orientiert. Sollte Daniel Günther tatsächlich zum Nachfolger von Friedrich Merz werden, ist dies nicht nur ein personeller Wechsel, sondern Ausdruck eines Politikverständnisses, das weniger von ideologischer Klarheit als von strategischer Flexibilität und pragmatischer Machtwahrung geprägt ist.

Es handelt sich um ein nüchternes politisches Kalkül der CDU. Die traditionelle Wählerbasis – insbesondere ältere Generationen – verliert demografisch an Gewicht. Daraus ergibt sich kein ideologischer Wandel aus Überzeugung, sondern eine strategische Notwendigkeit: die Erschließung neuer, urbaner und jüngerer Wählerschichten.

Die CDU richtet ihren Kurs daher zunehmend auf Milieus aus, die früher nicht zu ihrem Kern gehörten. Programme, Sprache und Koalitionsoptionen werden entsprechend angepasst. 

Gleichzeitig entwickelt sich ein Wettbewerb um diese neuen Wählergruppen. Konservative und linke Parteien konkurrieren um ähnliche urbane, mobile und politisch fluide Milieus. Entscheidend ist dabei nicht ideologische Reinheit, sondern Anschlussfähigkeit: Wer es schafft, unterschiedliche Interessen zu bündeln und mehrheitsfähig zu machen, setzt sich durch.




Aus der ZEIT Nr. 19/2026  3. Mai 2026 Von Stefan Willeke

Daniel Günther:Sein Rezept gegen die AfD: der Danielismus

Daniel Günther ist der Anti-Söder aus Schleswig-Holstein. Ein Grünen-Versteher von der CDU, der die Berliner Bühne meidet. Und die radikale Rechte? Hat es schwer 

...Inzwischen ist Günther 52 Jahre alt, mit seiner Frau hat er zwei Töchter. Seit neun Jahren ist er Ministerpräsident in Schleswig-Holstein. Auch so ein unscheinbares Wunder. Abgesehen von Dietmar Woidke in Brandenburg und dem bald ausscheidenden Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg ist Günther der dienstälteste Ministerpräsident in Deutschland. 

Man muss im Geschichtsbuch weit zurückblättern und auf das Betongesicht Gerhard Stoltenberg stoßen, um jemanden in der CDU zu finden, der in Schleswig-Holstein länger regierte, als es Günther schon heute tut. Dabei wirkt er bei seinen Auftritten meist so unverbraucht, als sei er gerade erst in die Kieler Staatskanzlei eingezogen. Der Christdemokrat ist vor vier Jahren eine Koalition mit den Grünen eingegangen und hat sich gegen ein Bündnis mit der FDP entschieden. Das war keineswegs selbstverständlich. Die FDP war entsetzt.

Nur in einer Landesregierung, im Bremer Senat, ist der Anteil der Frauen höher: Sechs Ministerinnen sind es in Günthers zehnköpfigem Kabinett. Bei der Landtagswahl im Mai 2022 holte seine Partei 43 Prozent der Stimmen, ein beinahe unheimliches Ergebnis. Die CSU brachte es in Bayern zuletzt auf 37 Prozent. Günther benötigte keine deftigen Schützenfestparolen, keinen Schwenk nach rechts, um die Wahl für sich zu entscheiden.

Noch erstaunlicher ist, dass in Schleswig-Holstein nicht ein einziger AfD-Abgeordneter im Parlament sitzt, einmalig in Deutschland. Eine Legislaturperiode lang gab es die AfD auch im Kieler Landtag, dann war sie draußen. Und das in Schleswig-Holstein, einer Region, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine Auffangstation für Altnazis war und bis in die Neunzigerjahre ein Hort stramm rechter Eliten blieb. Laut einer Umfrage vom vergangenen Dezember glauben sogar 85 Prozent der SPD-Wähler in Schleswig-Holstein, ihr Land werde gut regiert.
Irgendetwas muss Daniel Günther richtig machen. Nur was?

Steht man neben der Staatskanzlei in Kiel und blickt auf den quaderförmigen Zweckbau der Regierung, dann sieht man viel dunkelroten Backstein, verteilt über sechs Geschosse. Kein auffälliges Portal, keinerlei Herrschaftssymbolik. Wie eine gewöhnliche Volkshochschule, nur ein paar Stockwerke niedriger.

Läuft man im Gebäude die Treppenstufen hoch, landet man auf einem schwarz-weiß gekachelten Korridor, den man aus schnöden Behörden zu kennen glaubt. Und doch ist eines anders. Überall auf den Fluren begegnen einem lächelnde Menschen, denen offenbar etwas fremd geblieben ist, das in manchen Verwaltungen die wichtigste Einstellungsvoraussetzung zu sein scheint: die Sprich-mich-bloß-nicht-an-Mimik. Nicht einmal der Pförtner ist hier schlecht gelaunt.

"Wir hätten die Hand ausstrecken sollen"

In seinem Büro ist Daniel Günther von Schiffsbildern umgeben. Blickt er nach draußen, sieht er die Kieler Förde. In der Mittagspause geht er manchmal auf der Uferpromenade joggen. Günther erzählt, er freue sich, wenn er Bürger sagen höre: »Der ist ja ganz normal.« Leise spricht er, manchmal lacht er. Ein paarmal im Gespräch sagt er »scheißegal«. Dabei wirkt er so jungenhaft, dass man denken könnte, ein argloser Bursche vom Lande habe sich in die Politik verirrt. Und dennoch hat er seine Junge-Union-Haftigkeit nicht restlos abschütteln können: den unvermeidlichen dunkelblauen Anzug, das Talent zur Unschuldsmiene.

Hört man ihm länger zu, dann spürt man, wie ernst es ihm mit dem Kampf gegen Rechtspopulisten ist. »Ich habe«, sagt Günther, »keinen Kontakt zu einem Politiker von der AfD. Diese Leute wollen das politische System lahmlegen.« Glaubt man dem ZDF-Politbarometer, dann steht die AfD jetzt bundesweit zum ersten Mal vor der CDU. Je stärker die Rechtspopulisten werden, desto mehr kommt es auf Politiker wie Günther an. Es ist ihm wichtig, der Präsenz von AfD-Funktionären im ländlichen Raum etwas entgegenzusetzen: zum Beispiel sich selbst. Sein Kalender ist voller Termine bei Bauernverbänden und auf Grillfesten.

An einem Morgen Anfang Februar nimmt Daniel Günther eine zehnstündige Reise nach Baden-Württemberg auf sich. Zwischendurch muss sein Chauffeur mehrmals an Autobahnraststätten halten und den Akku der schweren Elektro-Limousine aufladen. Dann endlich, um kurz vor sieben am Abend, kommt Günther im Europapark Rust an, am Rande des Schwarzwaldes. Seinem Parteikollegen Manuel Hagel, der mitten im Wahlkampf steckt und den Verfolger Cem Özdemir von den Grünen abzuschütteln versucht, hat Günther versprochen, eine Laudatio auf ihn zu halten. In einem Hotel des Freizeitparks bekommt Hagel gleich die Goldene Narrenschelle der schwäbisch-alemannischen Narrenzünfte verliehen.

Als Daniel Günther das Foyer betritt, klatschen verkleidete Menschen auf allen Etagen des Gebäudes, ein ohrenbetäubendes Spektakel. Cowgirls schunkeln mit Hexen, Lämmer mit Wölfen. Schüchtern schaut sich Günther um, als sei er in den falschen Film geraten. Der Seniorchef des Hauses, der Unternehmer Roland Mack, trägt ein Hütchen, auf dem die Nachbildung eines Katzenschwanzes wackelt. Damit Günther in seinem Anzug nicht ganz so fremdartig wirkt, hat er sich ein rotes Narrentuch geben lassen, das er sich um den Hals bindet. Vor drei Jahren war auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hier zu Gast, Daniel Günthers ständiger Gegenspieler in der Union. Söder trug einen bayerischen Trachtenjanker und amüsierte sich prächtig. Bei ihm sah es so aus, als sei er endlich im Paradies kostümierter Hemmungslosigkeit angekommen.

Er macht sich nichts aus Veränderungen

Gemeinsam mit Hagel bahnt sich Günther einen Weg durch Blitzlichter und ausgestreckte Handyarme. Im Festsaal steht er auf einem Podest, vor ihm Hunderte Narren an Biertischen voller Holzplatten mit Wurst und Käse. Daniel Günther trägt ein Gedicht in Form von Reimen vor. 

Er warnt Manuel Hagel, er sagt: »Willst du ein guter Ministerpräsident sein, halte dich fern von Markus Söder und Boris Rhein.« Mit den Regierungschefs aus Bayern und Hessen hat Manuel Hagel einige Tage zuvor eine Art Pakt besiegelt, die »Drei-Löwen-Allianz« – ein Bündnis der südlichen Bundesländer gegen den Länderfinanzausgleich in seiner bisherigen Form. Söder regt sich seit Langem darüber auf, dass Bayern seiner Ansicht nach viel zu viel in diesen Topf einzahlt, von dem Schleswig-Holstein profitiert. Dass sich der junge Hagel von Söder für diese PR-Aktion einspannen ließ, missfällt Daniel Günther sehr. Er drückt den Ärger auf seine Art aus, in einem Vers.....

....Daniel Günther hasst Wichtigtuerveranstaltungen genauso wie das Durchstechen vertraulicher Informationen, das Misstrauen, die Intrigen, den Zynismus, kurz gesagt: das politische Berlin. Er wird gern unterschätzt, weil er sich nicht um Posten reißt. Aber das spart auch Energie. Als im Februar die Sicherheitskonferenz in München tagte, zu der die politische Prominenz anreiste, traf sich Günther mit Freunden auf der Insel Föhr und nahm an einem Treffen des Friesenrates teil, eines Verbands für die Erhaltung der Friesenkultur.

Er tritt nicht charismatisch auf und widerlegt die Behauptung, für eine steile politische Karriere sei Charisma unerlässlich. Er widersetzt sich gängigen Mustern politischer Selbstdarstellung. Das kleine Schleswig-Holstein mit seinen drei Millionen Einwohnern ist ihm genug. Hin und wieder betritt er größere Bühnen der Politik. Aber dann wird es wieder still um ihn.

Man könnte ihm vorhalten, dass er die Politik verlangweilt, statt sie durch spektakuläre Äußerungen aufzumischen. Aber würde ihn das kratzen? Von Daniel Günther geht die Botschaft aus, dass es für ihn nichts Schöneres auf der Welt gibt, als an der Spitze seines Bundeslandes zu stehen. Das betonen fast alle der 30 Menschen, die Günther gut kennen und mit der ZEIT über ihn sprachen.

Die Lust auf geräuschloses Regieren nehmen ihm offenbar viele Bürger ab. Die AfD käme in Schleswig-Holstein zwar im Moment auf 15 Prozent der Stimmen, aber die Mehrheit der Bevölkerung sagt noch immer, sie sei mit der Landesregierung zufrieden – oder sehr zufrieden. Vielleicht gibt es eine Sehnsucht nach einer Politik, die nicht nach Politikern klingt. Vielleicht gibt es auch eine Sehnsucht nach einer Christdemokratie, die nicht nach Friedrich Merz klingt und sich offen zeigt für Themen wie Klimaschutz, für Bündnisse mit den Grünen oder der Linkspartei.

Politiker leiden oft unter einem Glaubwürdigkeitsproblem: Sie meinen nicht, was sie sagen, oder sie sagen nicht, was sie meinen. Sie wollen sich nicht durch unvorsichtige Bemerkungen die Karriere verbauen. Bei Günther kann dieses Problem nicht entstehen. Den Ehrgeiz, sich für höhere Aufgaben in der Hauptstadt zu beweisen, muss er nicht mühsam verstecken. Denn er besitzt diesen Ehrgeiz gar nicht. Könnte sich der Höhlenkäfer von Bad Segeberg so artikulieren, dass Menschen ihn verstünden, ließe er bestimmt nichts auf die Begrenztheit seines Wirkungskreises kommen.

Mit jedem Hieb gegen Rechtspopulisten trifft Günther auch Parteikollegen

Als der Christdemokrat Hendrik Wüst im Jahr 2021 Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wurde und damit ein heimlicher Aspirant aufs Kanzleramt, schoss ihm quasi über Nacht staatsmännisches Pathos in die Glieder. Seine Schritte fielen mit einem Mal gemessen aus, sogar sein Vokabular durchlief einen Versteifungsprozess. So praktizierte Wüst seine eigene Versteinmeierung.

Als Daniel Günther 2017 Ministerpräsident wurde, war das eine Überraschung, auch für ihn selbst. Wenige Monate zuvor war er von seiner Partei eingewechselt worden, nachdem der vorherige Kandidat aufgegeben hatte. »Er hat die Macht nicht gesucht. Die Macht hat ihn gefunden«, meint Günthers ehemaliger Regierungssprecher Peter Höver. Erst im Amt ergründete Günther nach und nach, was er mit der Macht anstellen könnte. Einen Rest dieser Selbstüberrumpelung hat er sich bewahrt.

Im November 2016 bekam Torsten Geerdts einen Anruf aus Kiel. Ein aufgeregter Mann hatte sich von der Sitzung seiner Parteikollegen abgesetzt und sich auf die Toilette der CDU-Landesgeschäftsstelle verzogen, um ungestört mit Geerdts reden zu können, einem langjährigen Wegbegleiter aus der CDU. »Du bist der Zweite, den ich anrufe«, habe Daniel Günther zu seinem Freund gesagt. Die Partei wolle ihn, Günther, als Spitzenkandidaten für die kommende Landtagswahl aufstellen. Was der Freund davon halte? So erzählt es Geerdts, der heute Präsident des Deutschen Roten Kreuzes in Schleswig-Holstein ist.

»Wen hast du zuerst angerufen?«, wollte Geerdts damals wissen. Anke, habe Daniel Günther erwidert, Anke, seine Frau. Sie habe am Telefon geweint und ihren Mann gefragt: Warum willst du Ministerpräsident werden? Wollen wir wirklich so leben – so fremdbestimmt, stets dem Terminkalender unterworfen, Panzerglas in den Fenstern, ein Schutzzaun rings um den Garten? Warum? »Weil kein anderer mehr da ist«, habe Daniel Günther geantwortet, »alle anderen sind verbraucht.« Er hatte sich schon entschieden, bevor er seine Frau anrief. Zweifel erreichten ihn nicht mehr. Geerdts sagt: »Mag sein, dass Daniel nicht so wirkt, aber ein Polit-Junkie ist auch er.«

Geerdts wundert sich manchmal, wie sein Freund den politischen Alltag aushält. Etwa als Günther in der Talkshow von Markus Lanz das rechtspopulistische Portal Nius angriff: Diese Leute, die auch von CDU-Politikern ernst genommen werden, nannte Günther »Feinde von Demokratie«, die »vollkommen faktenfrei« berichteten. Es folgten wochenlange Auseinandersetzungen mit Anwälten des Portals, Fragenkataloge erreichten die Staatskanzlei, und Geerdts fragte sich: »Kann man so was überhaupt gewinnen?« Man kann. Das Oberverwaltungsgericht in Schleswig wies die Beschwerde von Nius vor wenigen Tagen zurück. Günther hat zumindest die juristische Seite des Kampfes für sich entschieden. Er sagt: »Der Konflikt hat mir nicht geschadet. Weder in Schleswig-Holstein noch bundesweit.«

Bei öffentlichen Auftritten betont er nun öfter, dass er sich von niemandem den Mund verbieten lasse. Mit jedem Hieb gegen Rechtspopulisten trifft Günther auch Parteikollegen, die der AfD nahestehen. Das weiß er, und das beflügelt ihn.

... Aus Günthers Regierung in Kiel dringt wenig nach draußen, weil er die Ministerinnen und Minister der CDU darauf eingeschworen hat, dem grünen Koalitionspartner Erfolge zu gönnen. Das hat er zu einer seiner wichtigsten Leitlinien erhoben: die anderen nicht durch Ego-Shows vergrätzen, sondern sie einbinden. Die Gemeinsamkeiten betonen, nicht die Unterschiede. Kritik intern vorbringen, nicht nach draußen tragen. Für Günther eine entscheidende Voraussetzung, um die AfD klein zu halten, die aus dem Parteienstreit der Demokraten Profit zieht.

....Er weicht von ausgeschilderten Wegen ab. Er gehört dem liberalen Flügel der Union an, eindeutig, er hat sich schon vor Jahren dafür ausgesprochen, den Bann der CDU über die Linkspartei in bestimmten Fällen aufzuheben und Bündnisse auf Landesebene zu erleichtern. Aber er hat auch gefordert, in Kitas und Schulen Schweinefleisch anzubieten und es nicht in vorauseilendem Gehorsam zu untersagen. Günther empfahl seiner Partei, »keine Debatten über das Gendern und andere Nebensächlichkeiten zu führen«. Er sieht sich immer noch als »Law-and-Order-Typ«. Er sagt: »Wir brauchen bei der inneren Sicherheit einen starken Staat.« Neulich hat er es sogar gewagt, Uwe Barschel öffentlich zu loben. Aus einer Schublade, in die man ihn heute steckt, springt er morgen heraus.

Im Jahr 2009, als Günther noch hochschulpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag war, lernte Monika Heinold ihn kennen. Viele Jahre später wurde die Grünen-Politikerin Ministerin und seine Stellvertreterin in der Landesregierung. Sie sitzt in einem Café in Kiel, als sie sagt: »Er war damals ein eher blasser Typ, ich sah in ihm kein großes politisches Talent. Man merkte ihm an, er war in der Jungen Union groß geworden und versuchte nun, mit platter Oppositionsrhetorik Karriere zu machen.« Unangenehm sei er gewesen, wenn er als Oppositionspolitiker persönliche Attacken fuhr, etwa gegen eine parteilose Ministerin, die dann zurücktrat. Auch über den SSW, die Partei der dänischen Minderheit im Land, lästerte Günther öffentlich. Ein Haudrauf. Monika Heinold spricht von »Diffamierungen«.

Dann aber, als Spitzenkandidat im Wahlkampf des Jahres 2017, zeigte er ein anderes Gesicht. Günther trat gegen Torsten Albig an, den mit einem Amtsbonus ausgestatteten SPD-Regierungschef. Der selbstgefällige Albig schadete sich selbst kurz vor der Wahl durch ein peinliches Interview in der Illustrierten Bunte, in dem er sein rückständiges Frauenbild offenbarte.

Der Herausforderer Günther erkannte, was dem Volk missfiel, und passte seine Strategie daran an. Obwohl seine Partei zuvor den gegenteiligen Kurs gefahren war, forderte Günther plötzlich das Ende des sogenannten Turbo-Abiturs: nicht mehr nur acht Jahre Schule bis zum Abschluss, sondern neun. Damit punktete er bei Eltern in Städten. Und er setzte sich für größere Abstände zwischen Windrädern ein. Damit bediente er Menschen auf dem Lande. »Am Ende gewann er eine Wahl, die für die CDU eigentlich nicht zu gewinnen war. Und dann verwandelte er sich über Nacht in einen verantwortungsvollen Landespolitiker«, sagt Monika Heinold. In den Verhandlungen, die zu einer Jamaikakoalition aus CDU, FDP und den Grünen führten, stellte sie bei ihm eine »freundliche Beharrlichkeit« fest – Geduld und die Bereitschaft zum Zuhören. »Ich konnte mich immer auf ihn verlassen.« Der Haudrauf war verschwunden.

In Schleswig-Holstein, in dessen Landeshauptstadt Kiel gerade einmal 250.000 Menschen leben und wo das Thema Europa im Ministerium für Landwirtschaft einsortiert wurde, hat Günther einen Regierungsstil entwickelt, der zur Umgebung passt: die politisch verwertbare Nähe. Wen immer man auf Günther anspricht, Bauern, Staatssekretäre oder Geschäftsleute, fast alle nennen ihn Daniel, so als sei er weiterhin der Junge von nebenan. Er selbst sagt: »Ich fremdele noch heute schnell mit dem Sie.« Günther duzt Moderatorinnen auf Bühnen, seine Fahrer, seine Personenschützer. Und die Angesprochenen wagen es – anders als beim Berufsduzer Helmut Kohl –, Günther zurückzuduzen. So hat sich ein System kleinräumiger Vertrautheit etabliert, das noch nach einer Bezeichnung sucht – Danielismus vielleicht. Der Danielismus zeichnet sich dadurch aus, dass er auf Beobachter niedlich wirkt und zugleich die eigenen Reihen festigt....

Günther hat die Macht in einen anderen Aggregatzustand überführt

Verabredet man sich mit der 39-jährigen Innenministerin Magdalena Finke in ihrem Büro in Kiel, dann sitzt da eine CDU-Politikerin, der von Kritikern gern unterstellt wird, sie sei von Günthers Gnaden berufen worden, um seine Modernität zu dekorieren – als ein Gegenbild zur Merz-CDU. Dabei beschäftigt sie sich seit Jahren intensiv mit Themen der Polizei, kennt sich auf diesem Terrain aus und widerspricht auf Konferenzen auch Routiniers der eigenen Partei. »Das Schöne an meiner Arbeit ist, dass ich mich nicht verstellen muss«, sagt die Ministerin, »Daniel redet ja auch so offen.« Ein paar Stunden später schickt sie noch ein Foto, das ihr in Erinnerung geblieben ist von einer ihrer ersten Begegnungen mit Günther: ein matschbeschmierter Mann bei einem Hindernislauf, dem Dirty Coast Fun Run in Kiel.

So sieht Magdalena Finke ihn: als einen, der nichts dabei findet, sich schmutzig zu machen, sobald andere sich auch schmutzig machen. Wenn das stimmt, dann hat Günther die Macht in einen anderen Aggregatzustand überführt: Die Macht wird unsichtbar. Aber sie verschwindet nicht.

Denn man sollte nicht glauben, der Danielismus gleiche einem harmonischen Sportfest. Günther führt seinen Laden straff. Mag er noch so salopp auftreten, bei internen Treffen würden Parteileute barsch zurechtgewiesen, wenn sie sich Günthers Linie nicht fügen wollten. Das berichten Menschen, die dabei waren. In manchen Fraktionssitzungen öffne sich bei ihm ein Ventil. Dann falle er über andere her, allerdings ohne laut zu werden. Unmissverständlich mache er klar, wer in Kiel das Sagen hat. »Bissfest« nennt ihn einer seiner Freunde.

...Am Tag der jüngsten Landtagswahl 2022 habe Günther ihm eindeutig signalisiert, dass die CDU mit der FDP koalieren werde, wenn dies politisch möglich sei. Es war möglich, aber es kam anders. Die CDU schnitt bei der Wahl so gut ab, dass sie zum Regieren nicht mehr zwei Koalitionspartner benötigte, einer reichte. Günther entschied sich für die Grünen, die erheblich mehr Stimmen bekommen hatten als die FDP. So gelang es ihm, eine starke Opposition im Parlament zu verhindern. »Bei Absprachen würde ich Daniel nicht über den Weg trauen«, sagt Kubicki, »aber das muss ja in der CDU nichts Schlechtes sein. Bei seinem Aufstieg in der Partei wurden ihm eben auch alle schmutzigen Tricks beigebracht.«...

Wie fest sitzt Merz im Sattel?

Günther begegnet Bundesbildungsministerin Karin Prien, die beiden umarmen sich. Auch politisch liegen sie meist auf einer Linie, Prien war mal in Günthers Kabinett. Wochen später sagt sie über ihn: »Er hat eine erstaunliche innere Unabhängigkeit vom politischen Betrieb, obwohl er Teil dessen ist. Er besitzt die Stärke, sich nicht verbiegen zu lassen.« Was bei ihm authentisch und locker wirkt, ist allerdings nicht immer Spontaneität, sondern oft auch Strategie. Seine Mitarbeiter legen ihm vor Terminen dicke Aktenmappen vor, aus denen er das Wichtigste heraussaugt und vorträgt.

Auf dem Parteitag spricht er vom Versagen des Marktes, von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht bei Kindern. Es geht um die Einführung einer Zuckersteuer. Eine CDU-Funktionärin wirft ihm »grüne Bevormundungspolitik« vor. Schließlich stimmen die Delegierten ab, Antrag abgelehnt. Günthers anderes Thema, das Social-Media-Verbot für Teenager unter 16 Jahren, wird von der Partei abgemildert: Es soll zunächst für Jugendliche unter 14 gelten. Über seinen Vorstoß hat er ein paar Abende zuvor noch mit seiner Frau gesprochen, die als Kinderärztin in einem Kieler Krankenhaus arbeitet. Oft redet er mit ihr über Themen, die er später öffentlich ins Gespräch bringt.

Eine offene Rivalität mit Markus Söder

Kurz vor dem Ende des Parteitags stolziert Markus Söder in die Halle, Beifallsstürme begleiten ihn. Viele CDU-Leute erheben sich, die Delegierten aus Schleswig-Holstein bleiben sitzen. Ihr Anführer hat sich schon kurz zuvor verabschiedet. Günther lässt sich nach München bringen, in der Fußballarena ist er mit Freunden verabredet. Vor Jahren, bei einem Spiel des FC Bayern gegen Borussia Dortmund, überraschte Günther die Zuschauer auf den Nachbarsitzen der Ehrentribüne, als er in den Fangesang im Stadion einstimmte: »BVB, Hurensöhne!« Schon lange ist er ein Fan des FC Bayern. In der Halbzeitpause unterhält er sich mit den Vereinsgrößen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, die er bewunderte, als die beiden noch Fußball spielten. Günther bekommt nichts davon mit, dass Söder auf dem Parteitag in Stuttgart das Publikum aufputscht und ihm zuruft: »Ein Land ohne Hymne hat keine Seele.«

Das Verhältnis der beiden verkantete sich zu Beginn der Coronazeit, als Günther merkte, wie wenig er sich auf den bayerischen Regierungschef verlassen konnte. Söders öffentliche Aussagen widersprachen dem Inhalt seiner SMS-Nachrichten, die er an Kollegen aus anderen Bundesländern vor Krisensitzungen mit der Kanzlerin geschickt hatte. Aus der abgekühlten Beziehung ist eine offene Rivalität geworden, die bis ins Persönliche reicht....


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