Samstag, 2. Mai 2026

Update: Wo die Energiewende erfolgreich voran geht: ja, da können wir nur staunen - in den USA

TAZ hier  20.4.2026   Hansjürgen Mai

Erneuerbare Energien unter Trump: Größter Windpark der USA geht heimlich ans Netz

Keine große Feier, sondern eine leise Inbetriebnahme: Die USA haben einen neuen größten Windpark – und das Trump zum Trotz.
Es dauerte mehr als 20 Jahre, aber das größte erneuerbare Energieprojekt in der Geschichte der USA produziert seit Kurzem Strom. Die Inbetriebnahme des SunZia-Windparks im US-Bundesstaat New Mexico wurde jedoch nicht groß gefeiert, sondern geschah still und leise. Ob es daran liegt, dass mit US-Präsident Donald Trump ein erklärter Windkraftgegner im Weißen Haus sitzt, ist ungewiss.

Die Trump-Regierung hat seit ihrem Amtsantritt im Januar 2025 die bundesstaatliche Unterstützung für Windkraft kontinuierlich zurückgefahren. So wurden neue Auflagen für die Genehmigung von Windanlagen erlassen und bisherige Steuerrabatte eliminiert. Die Industrie versucht deshalb große Schlagzeilen zu vermeiden.

Es dürfte daher ein Zeichen der Zeit sein, dass weder die Besitzer des Windparks noch der kalifornische Stromnetzbetreiber, an den der Strom aus den Windturbinen fließt, den Beginn der Stromerzeugung öffentlich gemacht hatte. Das Stromnetz Analyse-Portal GridStatus berichtete als Erstes über den Start der Produktion. Die Analysten des Portals wunderten sich, wie es dem kalifornischen Netzbetreiber Caiso in der vergangenen Woche gelungen war, seinen bisherigen Rekord für Windkraft um fast 500 Megawatt zu überbieten. „Der starke Anstieg legt nahe, dass hier SunZia in Betrieb gegangen ist“, erklärte Abby Lestina, Analystin bei GridStatus.

Der SunZia-Windpark soll sich laut Medienberichten derzeit in der Testphase befinden. Wann genau der kommerzielle Start der insgesamt 916 Turbinen erfolgen soll, ist nicht bekannt, das Nachrichtenportal E&E News berichtet jedoch, dass damit noch in diesem Quartal zu rechnen sei.

Der Windpark hat eine Kapazität von 3,5 Gigawatt und könnte somit Strom für mehr als 1 Million Haushalte erzeugen. Obwohl der Windpark in New Mexico steht, sorgt eine fast 900 Kilometer lange Hochspannungsleitung dafür, dass der Strom bei Kunden in Kalifornien und Arizona aus der Steckdose kommt.

20 Jahre und 10 Milliarden Dollar

Das Projekt wurde ursprünglich bereits 2006 vorgeschlagen. Bürokratische Hürden und mehrere Klagen haben das 10-Milliarden-Dollar-Projekt immer wieder verzögert. „Zwanzig Jahre Planung und endlose Rechtsstreitigkeiten ergeben schließlich keine sonderlich fesselnde Geschichte, doch es sollte nicht Jahrzehnte und Millionen von Dollar an Rechtskosten erfordern – wie im Fall von SunZia –, um große Mengen sauberer Energie ins Netz einzuspeisen“, erklärte Phil Aroneau, ein ehemaliger strategischer Berater im US-Energieministerium, in einem Post.

Aroneau, der mittlerweile bei Climate United, einem New Yorker Investmentfonds für erneuerbare Energieprojekte arbeitet, fügte hinzu, dass die aktuelle geopolitische Lage auf den Ausbau von Solar- oder Windkraft weiter vorantreiben könnte.

„Angesichts steigender Energiekosten, einer Inflation, die in die falsche Richtung läuft, und Familien sowie Unternehmen, die zunehmend unter Druck geraten, scheint selbst das großspurige Getöse der Regierung [bezüglich Windkraft] etwas abgeebbt zu sein“, sagte er.

SunZia ist mit 3,5 Gigawatt mehr als dreimal so groß wie der bisherige Rekordhalter in den USA. Ein ähnlich großes Windprojekt wie SunZia ist für Wyoming geplant. Dieses Projekt soll noch vor dem Ende des Jahrzehnts fertiggestellt werden und ebenfalls kalifornischen Netzkunden zugutekommen.

Moratorium sorgt für Verunsicherung

Ein von der Trump-Regierung erlassenes Moratorium auf geplante und sich bereits im Bau befindliche Windkraftprojekte hatte im vergangenen Jahr für große Verunsicherung in der Branche gesorgt. Doch die Gegenwehr der Regierung scheint etwas abzuflauen. Erst vergangene Woche verzichtete das Justizministerium darauf, nach einem Urteil zugunsten mehrerer Windprojekte Einspruch einzulegen.

Trotz Präsident Trumps „Drill, Baby, Drill“-Agenda, die vor allem den Abbau von fossilen Brennstoffen wie Öl oder Erdgas vorantreiben soll, haben die USA im vergangenen Jahr ihre Kapazität im Bereich der erneuerbaren Energien deutlich gesteigert. Knapp 88 Prozent aller neuen Produktionskapazitäten waren im vergangenen Jahr Solar- oder Windenergie

Auch in diesem Jahr soll der Trend weiter fortgesetzt werden, die offizielle Energieinformationsbehörde (EIA) der USA geht davon aus, dass mehr als zwei Drittel aller neuen Kapazitäten aus sauberen Energien gewonnen werden.

WiWo  hier  Florian Güßgen  30.04.2026

RWE-Hauptversammlung: Geht die Wette auf Windkraft in den USA auf?

Trump reitet einen Angriff nach dem anderen gegen Windräder? Egal. RWE-Chef Krebber setzt weiter auf massive Investitionen in den USA – und stößt auf Zweifel.

Ingo Speich ist eigentlich voll des Lobes für RWE-Chef Markus Krebber. Nach „langer Zeit“ sei 2025 „wieder ein erfreuliches Jahr“ für Aktionäre gewesen, heißt es im vorab verteilten Redemanuskript Speichs für die virtuelle Hauptversammlung des Dax-Konzerns am Donnerstag. Speich ist Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, dem Wertpapierhaus der Sparkassen. In einem Markt voller „geopolitischer Risiken, politischer Unsicherheit und technologischer Umbrüche“ werde der Essener Konzern gar als „Hort der Stabilität“ gesehen.

Krebber sei auf eine „aktionärsfreundliche Strategie“ umgeschwenkt – damit gemeint ist ein Aktienrückkaufprogramm, der „Fokus auf Gewinnqualität“ zahle sich nun aus.

Kein Wunder. Der Kurs der RWE-Aktie hat sich im vergangenen Jahr auf knapp 61 Euro fast verdoppelt. Pro Aktie will Krebber nun eine Dividende von 1,20 Euro auszahlen. Die Mehrheit der Analysten sagt weiter: Kaufen.

RWE-Aktionäre haben Zweifel
Nur bei einem zentralen Punkt setzt Speich ein großes, dickes Fragezeichen: der US-Strategie des Konzerns. „Ihre wachstumsstarken Ambitionen erscheinen aufgrund der derzeitigen Marktlage fragwürdig“, meint Speich. Und auch Thomas Deser, Portfoliomanager von Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, hat laut Redemanuskript zumindest Zweifel: „Der US-Markt ist für RWE mittlerweile der Wachstumsmotor, doch er ist auch Schauplatz der erratischen Politik unter Donald Trump? Diese Ambivalenz zwischen grünem Anspruch und politischer Realität fordert uns heraus.“

Was die Aktionärsvertreter meinen, ist Folgendes: RWE setzt bei seinen Investitionen einen Schwerpunkt auf die USA. Rund 17 Milliarden Euro will Markus Krebber bis 2031 in US-Projekte stecken – in Solar- und Windparks, Batterieparks und neuerdings auch in Gaskraftwerke, Spitzenlastkraftwerke, sogenannte „Peaker“, die dann zum Einsatz kommen, wenn Sonne und Wind als Energiequellen ausfallen. Das ist knapp die Hälfte jener 35 Milliarden Euro, die RWE bis 2031 insgesamt investieren will.

Schon jetzt, so sagt Krebber laut seines vorab veröffentlichten Redemanuskripts, betreibe RWE in den USA Anlagen „von der Ost- bis zur Westküste“ mit einer Leistung von 13 Gigawatt. „In den USA sind wir Nummer drei bei den Erneuerbaren.“ Bis 2031 sollen 9 weitere Gigawatt dazukommen. 2022 hatte RWE für gut sechs Milliarden Euro die Erneuerbaren-Sparte des New Yorker Energiekonzerns Con Edison übernommen und ist seither ein wichtiger Player. Bereits Ende des Jahrzehnts will RWE die ersten Gaskraftwerke in den USA in Betrieb nehmen.

Der KI-Stromhunger der USA soll’s regeln
Schon bei der Bilanzpressekonferenz für das abgelaufene Geschäftsjahr 2025 hatte Krebber sich sehr bullish gegenüber den USA gegeben. Der Grund: Der gigantische Strombedarf in den USA. Der steigende Bedarf, für den allein die Rechenzentren sorgen würden, kommt vom Stromfresser Künstliche Intelligenz. „Die Stromnachfrage springt in den USA so dramatisch an“, sagte Krebber bei der Präsentation der Ergebnisse, „dass alles, was an Erzeugungskapazität gebaut werden kann, gebaut werden muss“.

Und die Risiken: Ja, angesichts der Debatten um Technologien und Zölle seien Investitionen zunächst auf Eis gelegt worden, sagte Krebber im März. Aber: „Seit Sommer 2025 herrscht wieder Klarheit.“ Die werde geschaffen durch die sogenannte One Big Beautiful Bill, das Steuer- und Haushaltsgesetz, sowie durch Safe-Harbor-Regeln, also Schutzklauseln. Bis 2030 gebe es einen festen Vergütungsrahmen für Investitionen. Im Geschäftsbericht heißt es, RWE halte die „Risiken im US-Geschäft für handhabbar“. Offshore-Baurechte hat RWE in den USA ersteigert, vor der Küste des US-Bundesstaates New York, aber auch im Golf von Mexiko.

US-Stromverbrauch dürfte auf Rekordhoch klettern – auch wegen KI
Nur: Anders als etwa der dänische Offshore-Wind-Weltmarktführer Ørsted hat RWE bei seinen Projekten noch nicht mit dem Bau begonnen. Die Investitionen sind überschaubar. Immer wieder hat Krebber auch gesagt, dass man die Projekte noch nicht abschreibe. Wenn es irgendwann dazu kommen müsse, würde man sicher auch rechtliche Schritte gegen die US-Regierung erwägen, da es beim Kauf der Offshore-Lizenzen ja Zusagen gegeben habe.

Trump lockt mit Geld für fossile Energien
Tatsächlich erleben die Erneuerbaren Energien derzeit trotz aller Trump-Tiraden einen Boom, größtenteils noch befeuert durch die Anreize aus der Ära von Trumps Amtsvorgänger Joe Biden. Vor allem der Zubau von Solaranlagen schreitet rasant voran, auch wenn mit einem Abbremsen der Entwicklung ab 2027 gerechnet wird. Die Trump-Regierung hat zuletzt vor allem damit für Aufsehen gesorgt, dass sie Energiekonzernen Geld als Entschädigung für den Verzicht auf Offshore-Windparks bot, das diese dann in den Ausbau ihrer fossilen Förderung stecken sollen. So soll Total Energies eine Milliarde Dollar erhalten, zwei weitere Unternehmen rund 900 Millionen Dollar.

Als zweiten Schwerpunkt sieht Krebber die „flexible Erzeugung“ in Deutschland. Im Prinzip geht es auch hier um Gaskraftwerke, die RWE bauen will, um den Bedarf zu Spitzenlastzeiten zu decken. Die Bundesregierung will hier noch in diesem Jahr eine Kapazität von zweimal 4,5 Gigawatt ausschreiben. RWE will sich mit Angeboten für wasserstofffähige Gaskraftwerke mit einer Kapazität von 3 Gigawatt beteiligen. Das Investitionsvolumen liege bei etwa 9 Milliarden Euro.

Krebber verteidigt EU-Emissionshandel
In seiner Rede mahnt Krebber laut Manuskript auch eine grundsätzliche Verlässlichkeit der deutschen Energiepolitik an. Wer Milliarden investiere, brauche diese Verlässlichkeit, fordert der RWE-Chef demnach. „Wir brauchen ein gemeinsames Verständnis der Richtung, also des ‚Wohin‘.“ Man kann das als Aufforderung an Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU) deuten.

Die hatte in ihrem in der vergangenen Woche vorgelegten Gesetzentwurf zur Synchronisierung des Ausbaus von Erneuerbaren Energien und Stromnetzen einen sogenannten „Redispatch-Vorbehalt“ vorgeschlagen. Dieser sieht vor, dass Netzbetreiber Gebiete zu „kapazitätslimitierten“ Netzgebieten erklären können, wenn dort im Vorjahr mehr als drei Prozent des erzeugbaren Stroms abgeregelt worden sind. Betreiber von Wind- und Solarparks sollen dann zehn Jahre lang auf eine Entschädigung für den abgeregelten Strom verzichten, wenn sie in dem Gebiet trotzdem bauen und angeschlossen werden wollen.

Die Projektierer von Solar- und Windparks laufen seither Sturm gegen den Vorschlag, weil ihnen damit die Grundlage für Kalkulationen fehle. Krebber hatte ihn schon im März als „absurd“ bezeichnet. Debatten mit dem Reflex „Erneuerbare, ja oder nein?“, sagt er nun laut Manuskript, „bringen uns nicht weiter“. Krebber lehnt auch eine „Abkehr vom europäischen Emissionshandelssystem“ ab. „Es ist ein funktionierendes, starkes, effizientes und vor allem marktbasiertes Instrument“.

Zwar seien „tragfähige Lösungen für die im internationalen Wettbewerb“ stehende energieintensive Industrie nötig. „Aber wer deshalb das EU ETS grundsätzlich infrage stellt, gefährdet den Investitionsstandort Europa.“ Gleichzeitig macht Krebber Vorschläge für eine Lockerung der Vorgaben.

Der Ton des Braunkohleverstromers RWE unterscheidet sich hier deutlich von den Forderungen und Vorschlägen des zweiten deutschen Braunkohleverstromers, der Leag im Lausitzer Revier in Ostdeutschland. Laut einer Leag-Präsentation, die der WirtschaftsWoche vorliegt, lobbyiert die Leag offenbar für eine Aussetzung des EU-Emissionshandels für die Braunkohle. Auch der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer hatte sich in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ für Änderungen bei der CO₂-Besteuerung ausgesprochen.

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